Sofas auf einer besetzten Braufläche in Berlin Neukölln
Bild: rbb/Annika Klügel

Geräumtes Grundstück - Anwohner protestieren gegen "Mikro-Apartments" in Neukölln

Seit Mai hielten Anwohner eine Baubrache in Berlin-Neukölln besetzt. Mit ihrem symbolischen Protest wollten sie den Bau von teuren Kleinapartments verhindern. Jetzt wurde das Gelände geräumt. Doch der Konflikt bleibt. Von Annika Klügel und Vanessa Klüber

Ein heißer Juni-Tag in Neukölln. Die Polizei trägt einen Teil der Besetzer-Gruppe "DaWoEdekaMaWa" weg. Es ist ein vergleichsweise kleiner Räumungseinsatz. Nur eine Handvoll Leute hat sich an diesem Dienstag als Sitzblockade vor einen Lkw mit Container-Anhänger gesetzt. Sie wollen verhindern, dass der Fahrer die Pflanzenkübel, Sofas und Holzgestelle mit der Baggerschaufel räumt - was er allerdings tut, nachdem die Polizei die Besetzer weggetragen hat. Damit endet die illegale Besetzung des Geländes, mit der Anwohner seit Mai gegen den geplanten Bau von "Mikro-Apartments" auf dem Grundstück protestiert hatten.  

Ein Bagger entfernt improvisierte Bauten, die illegal auf einem Baugrundstück in Berlin Neukölln errichtet worden waren
Bild: privat

Rückblick: Besetzung der Brache

Lange Zeit stand auf der Brache an der Ecke Niemetzstraße/Braunschweigerstraße ein Edeka-Supermarkt, an dem sich halb Rixdorf zum Einkaufen traf. In Erinnerung an diesen Supermarkt nennt sich die Besetzer-Gruppe "DaWoEdekaMaWa".

Seit dem Abriss des Supermarktes liegt die rund 2.650 Quadratmeter große Fläche brach. Nur ein paar abgewetzte Sofas und Sessel standen im Halbkreis um einen selbstgebastelten Fahnenmast herum. "Besetzt" stand auf einem weißen Laken.

"Bezahlbarer Wohnraum" steht auf einer selbstgebauten Holzkonstruktion
Bild: rbb/Annika Klügel

Der Sitzkreis, ein paar Blumenbeete, eine improvisierte Kompostanlage und ein Gartenhaus sollten zeigen, was auf diesem Gelände alles möglich wäre. Und was in den Augen von Anwohnern unbedingt notwendig ist: "Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum", steht in grünen und roten Buchstaben auf einer aus losen Brettern zusammengezimmerten Holzkonstruktion.

"Eine Kita, ein Schwimmbad, ein tropischer Garten - all das wäre sinnvoller", sagt Artur Albrecht, einer der Anwohner, der sich an der symbolischen Besetzung beteiligt hat. Er meint damit: Aus seiner Sicht sinnvoller als die 149 exklusiven "Microapartments als Kapitalanlage. Ideal für Privatanleger", welche die Nagel Grundinvest, eine GmbH für Baulandentwicklung mit Sitz in Zossen, auf dem Grundstück errichten möchte.

In den letzten Jahren seien in Neukölln viele Eigentumswohnungen gebaut worden, die Mikroapartments stellten eine weitere Verschärfung dieses Trends dar, findet Albrecht. Viele in Rixdorf fragten sich, ob es das sei, was hier gebraucht werde: "Es leben hier viele Familien mit jungen Kindern, die verzweifelt nach größeren Wohnungen suchen und einfach nichts mehr finden, was bezahlbar wäre."   

Was geplant ist

Bis zu 149 Wohnungen mit einer Größe von 28 bis 68 Quadratmetern, nach Wunsch ausgestattet mit edlem Interieur sollen auf der Brache gebaut werden. Das ist den Exposés zu den geplanten Apartments zu entnehmen. Der Preis für eine Wohnung liegt bei mehr als 6.000 Euro pro Quadratmeter. Ein Apartment mit 28 Quadratmetern Wohnfläche soll zwischen 173.000 und 194.000 Euro kosten, eine 3-Zimmer-Wohnung um die 450.000 Euro. Die Nagel Grundinvest GmbH war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen, das Exposé ist mittlerweile von der Webseite verschwunden. Warum ist unklar.

Dem Bezirk Neukölln liegen Baupläne für 138 Wohneinheiten, davon 74 1-Zimmerwohnungen, 58 2-Zimmerwohnungen und 6 3-Zimmerwohnungen vor. Die Wohnflächen variieren zwischen 24 und 100 m². Auch eine Gewerbefläche ist wohl auf dem Gelände geplant.

Holzverkleidung auf einer besetzten Brache in Neukölln (Foto: Annika Klügel/rbb|24)
Bild: Annika Klügel/rbb|24

Auch andere Makleragenturen boten die Wohnungen zwischenzeitlich als lukrative Investition mit hohem Renditeversprechen in bester Lage auf ihren Internetplattformen an. Freitagmittag findet sich das Angebot online noch auf der Seite der Sanus AG, einer Immobilienfirma, die sich unter dem Motto "Berlin transformieren" auf den Bau exklusiver Wohnprojekte in attraktiven Wohnlagen spezialisiert hat.

Sogenannte "Mikroapartments", also Wohnungen mit sehr wenig Wohnfläche, gelten in Großstädten als eine Möglichkeit, den steigenden Bevölkerungszahlen zu begegnen. Von Immobilienfirmen werden sie gerne an zahlungskräftige Kunden als renditeträchtige Kapitalanlage vermarktet. 

Bezirk: "Die Hände gebunden"

Der Bezirk Neukölln hat die Bebauung bereits Ende November 2017 genehmigt, ein Baubeginn wurde bisher noch nicht angezeigt. Doch glaubt man dem Exposé, könnten die ersten Wohnungen 2020 bezugsfertig sein. Laut Baugenehmigung darf fast die Hälfte des 2.650 Quadratmeter großen Areals bebaut werden. Einzige Auflage: ein Spielplatz und Abstellplätze für Fahrräder.

Es handele sich aufgrund der Größe der geplanten Apartments zwar nicht um klassische Mikroapartments, so Bezirksstadtrat Jochen Biedermann (Grüne). Trotzdem geht die Planung aus seiner Sicht am dringenden Bedarf in Neukölln vorbei.

Doch dem Bezirk seien die Hände gebunden: "Dass es für diese Art von Projekten keine Möglichkeiten für eine verpflichtende Sozialbindung gibt, ist aus meiner Sicht riesengroßer Mist", schreibt Biedermann.

Bei den Nachverdichtungen und Lückenschlüssen im Neuköllner Norden, so wie in der Braunschweiger Straße 21, gelte Baurecht. "Daher haben wir leider keine Möglichkeit, eine Baugenehmigung an, zum Beispiel, einen Anteil von preiswertem Wohnen zu knüpfen", so Biedermann. Dies sei aus seiner Sicht aber dringend notwendig, damit Anwohner weitere Nachverdichtungen akzeptierten. 

Artur Albrecht, Betreiber eines Puppentheaters in Berlin Neuköll
Artur Albrecht | Bild: rbb/Annika Klügel

Wie geht es weiter?

Die Besetzer wissen, dass die Besetzung der Baubrache illegal und die Räumung des Privatgrundstücks rechtlich in Ordnung war. Trotzdem sind sie optimistisch: Die Aktion habe das Zusammenrücken im Kiez gestärkt. Sie hoffen, dass auch die Bauherren durch die Besetzung wachgerüttelt werden und noch einmal überdenken, was sie hier bauen. Auch ein privater Investor trage eine gesellschaftliche Verantwortung. "Ich weiß nicht, ob die Investoren überhaupt eine Ahnung haben, wie es hier im Kiez aussieht", sagt Artur Albrecht, der ein paar Ecken weiter am Böhmischen Platz ein Puppentheater betreibt.

Dass die Planung an den Bedürfnissen der Kiezbewohner vorbeigeht, findet auch Christian Schaaf, der schräg gegenüber der Brache für einen sozialen Träger Mieter mit Wohnungsproblemen berät. Auch er ist gegen einen Wandel im Kiez, wenn er auf Kosten der bisherigen Anwohnerschaft geht.

Der Sozialarbeiter kann der Neubebauung aber auch etwas Positives abgewinnen: "Prinzipiell bin ich für Durchmischung. Und wenn hier plötzlich eine Klientel mit ganz anderen Ansprüchen einzieht, dann werden hier vielleicht auch endlich mal ein paar Dauerprobleme, wie zum Beispiel die Löcher im Asphalt, angegangen." Seinen eigenen Kunden rät er inzwischen immer öfter, sich nach Brandenburg zu orientieren: "Die meisten der Menschen, die ich berate, haben, wenn sie jetzt ihre Wohnung verlieren, keine Chance mehr, in Berlin eine bezahlbare Wohnung zu finden."

Die Besetzergruppe allerdings will sich nicht damit abfinden, dass Menschen die jahrelang im Kiez leben, hier keine bezahlbare Wohnung mehr finden. Sie wollen ihren Protest fortsetzen. Auf Twitter laden sie bereits zu einem weiteren Treffen der Anwohner ein. Vor der Brache.

Beitrag von Annika Klügel und Vanessa Klüber

Kommentar

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Antwort auf [nhw] vom 28.06.2019 um 17:20
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3 Kommentare

  1. 2.

    Warum werden immer nur Wohnungen für Superreiche gebaut bzw. genehmigt? Das Bauamt weiss doch, wer da baut. Es werden vorher immer Pläne eingereicht. Statt immer nur nach Geld zu gieren, muss dann halt solange abgelehnt werden, bis das Passende gefunden wird!
    Genau diese Reichen zerstören das Umfeld, wo alle hin wollen.

  2. 1.

    Schon blöd, dass das Volk die Nöte der Neuköllner ignoriert und und deshalb auf der Freifläche in der Nähe der Hermannstraße den Bau städtischer und genossenschaftlichen Wohnungen komplett verboten hatte.

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