Mann trägt eine Kippa auf dem Kopf (Quelle: dpa/Gembarini).
Audio: Kulturradio | 31.05.2019 | Carsten Dippel | Bild: dpa/Federico Gambarini

"Fachstelle Antisemitismus" in Potsdam - "Vertrauen in jüdische Organisationen schaffen"

Antisemitische Vorfälle nehmen Studien zufolge europaweit zu. Um dagegen vorzugehen, hat die Politik auf Bundesebene die Stelle des Beauftragten für jüdisches Leben geschaffen. Nun gibt es auch in Brandenburg eine "Fachstelle Antisemitismus". Von Carsten Dippel

Am Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien hat im Mai die "Fachstelle Antisemitismus" ihre Arbeit aufgenommen. Ihr Leiter ist der 67-jährige Rechtsanwalt Peter Schüler. Es gehe zunächst darum, antisemitische Vorfälle zu registrieren, Betroffene zu beraten und Hilfe anzubieten, sagt er über seine ersten Aufgaben.

Die eigentlich größere Herausforderung sieht Schüler jedoch in einem anderen Punkt: "Ich glaube, dass es eine relativ breite Unkenntnis darüber gibt, wie sich Antisemitismus artikuliert, und nicht wahrgenommen wird, wenn sich solche Dinge ereignen. Ich glaube auch, dass man bei Behörden und Einrichtungen, die relativ oft mit solchen Dingen konfrontiert sind, bei Lehrern etwa, Erziehern und Polizisten, die Sensibilität für dieses Problem verstärken muss, damit die in die Lage versetzt sind, früher zu reagieren."

Antisemitismus beim Fußball

Im Flächenland Brandenburg äußert sich Judenfeindschaft anders als in einer Großstadt mit einschlägigen Problemvierteln, wenngleich es auch hier deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt. Antisemitismus ist in Brandenburg nach wie vor ein Problem des Rechtsextremismus, der allerdings in breitere gesellschaftliche Schichten vordringt. Die Zahl antisemitischer Straftaten ist zwar nicht signifikant gestiegen. Es gibt jedoch häufig Vorfälle, die unterhalb einer strafrechtlich relevanten Schwelle liegen.

Vorurteile greifen längst auch dort, wo es keine jüdische Präsenz gibt. Das zeigt ein Beispiel aus dem Fußball: Wiederholt kam es bei Begegnungen zwischen dem SV Babelsberg 03 und FC Energie Cottbus zu antisemitischen Ausfällen seitens der Cottbus-Anhänger. Da waren Parolen zu lesen wie "Juden 03" oder "Babelsberg vergasen" - die Fanszene von Babelsberg ist bekannt dafür, sich gegen Rassismus und Antisemitismus zu engagieren. "Ich glaube, dass die Gewöhnung an antisemitische Äußerungen um sich greift und die Gesellschaft nicht mehr so empfindlich auf solche Vorfälle reagiert", sagt Schüler.

Juden spielen antisemitische Vorfälle herunter

Das Land Brandenburg hat gut 1.300 jüdische Gemeindemitglieder. Jüdisches Leben beschränkt sich vorwiegend auf Städte wie Potsdam, Cottbus oder Brandenburg. Die Gemeinden sind klein und finanziell schwach ausgestattet, eine starke Position haben sie nirgends. Peter Schüler kennt die schwierige Situation. Er ist selbst aktiv in der Potsdamer jüdischen Gemeinde. "Wie die jüdischen Gemeinden mit dem Problem umgehen, macht ein Teil des Problems aus, weil sie, glaube ich, einen Vorbehalt haben, sich mit Antisemitismus offensiv auseinanderzusetzen", analysiert Schüler die Situation. Es gebe das Bedürfnis, nicht allzu deutlich zu machen, dass es das gibt, und dem Konflikt eher auszuweichen.

Gerade der älteren Generation der Zuwanderer aus der Sowjetunion gehe es vor allem darum, ein soziales Umfeld zu finden und nicht aufzufallen, sagt Schüler, selbst Sohn deutscher Juden, die sich im englischen Exil kennengelernt hatten und in bewusster Entscheidung für das "bessere Deutschland" nach dem Krieg in die DDR gingen. Von Berlin siedelten sie später in die thüringische Provinz über, wo Peter Schüler aufwuchs. Er kennt die Ängste der Zuwanderer. "Das führt dazu, dass sie, wenn es antisemitische Vorfälle gibt, dann eher sagen, das ist nicht so wichtig, man möchte die Bedeutung herunterspielen. Ich kann das sehr gut verstehen, finde es nachvollziehbar, halte es aber nicht für richtig", sagt Schüler.

Hinschauen statt wegschauen

Es gibt im Land Brandenburg bereits ein ganzes Netz an Einrichtungen, die sich dem Kampf gegen  Rassismus widmen. Was Antisemitismus angeht, habe bislang jedoch der unmittelbare Kontakt zu den Betroffenen in den jüdischen Gemeinden gefehlt, so der Politologe Gideon Botsch. Dass die neue Fachstelle Antisemitismus nun an das Moses Mendelssohn Zentrum mit seiner Expertise und seinen Netzwerken angebunden ist, sieht Botsch als Chance.

Ein Schwerpunkt der Arbeit an der neuen Fachstelle wird daher das von Dorina Feldmann verantwortete Monitoring sein. Antisemitische Vorfälle im Land sollen genau registriert und ausgewertet werden. Der Kontakt zu den Betroffenen sei sehr wichtig, so Feldmann. "Ich hoffe, dass die Fachstelle auch ein Vertrauen schaffen kann, gerade in jüdischen Organisationen und dass vor allem auch den Betroffenen geholfen wird, dass ihre Perspektive sichtbar gemacht werden kann."

Beitrag von Carsten Dippel

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    und ein offener Diskurs, sollten einem wahrhaftigen Standpunkt genügen. @Kai Was verstehen Sie bitte unter "bekämpfen"?

    Zur näheren Erläuterung:

    be·kämp·fen
    schwaches Verb

    gegen jemanden kämpfen [und ihn zu vernichten suchen]
    "die Feinde bekämpfen"

  2. 2.

    Ich wünsche der fachstelle Antisemitismus für ihre Arbeit alles Gute und viel Erfolg. Hoffentlich trägt die Arbeit Früchte.

    Und hoffentlich wird jegliche Art des Antisemitismus benannt und bekämpft. Nicht nur der bereits bekannte von der Rechten Seite.
    In Berlin wird ja bereits seit Jahren klein geredet, bzw. negiert das es irgendeine Art von linkem Antisemitismus gibt, bzw. eine Judenfeindlichkeit, die von Flüchtlingen mitgebracht wurde. An vielen Stellen wird immer noch nach der Direktive verfahren "Es kann nicht sein, was nicht sein darf".

    Lassen wir uns überraschen.

  3. 1.

    Vielleicht erstmal mit P=NP anfangen, so zum warm werden.

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