Teilnehmer stehen während einer Großkundgebung der Gewerkschaft IG Metall für einen sozialverträglichen Umbau der Industrie und die arbeitsplatzsichernde Energie- und Verkehrswende vor einer Bühne am Brandenburger Tor. (Quelle: dpa/Gregor Fischer)
Video: Abendschau | 29.06.2019 | Christian Titze | Bild: dpa/Gregor Fischer

IG-Metall-Demo in Berlin - Zehntausende fordern sozialen Umbau der Industrie

Zukunftssichere Arbeitsplätze, aber nicht auf Kosten der Umwelt: Das haben die Teilnehmer der IG-Metall-Demonstration am Samstag in Berlin gefordert. Politik und Arbeitgeber müssten massiv in Zukunftsprodukte investieren, hieß es.

Zehntausende sind am Samstag zu einer von der IG Metall veranstalteten Kundgebung in Berlin gekommen. Die Gewerkschaft fordert, den digitalen und ökologischen Wandel zu nutzen und die Industrie so umzubauen, dass auch die Beschäftigten davon profitieren. Keinesfalls, so eine zentrale Forderung, dürfe der Umbau der Unternehmen auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen. mAn der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor nahmen laut IG Metall insgesamt 50.000 Menschen teil.

Massive Investitionen in Zukunftsprodukte gefordert

Unter dem Motto "Fairwandel" forderte die IG Metall von Politik und Arbeitgebern angesichts des Strukturwandels in der Branche massive Investitionen in Zukunftsprodukte und in die Qualifizierung von Mitarbeitern. Viele Gewerkschaftler trugen rote T-Shirts und Mützen mit Slogans wie "Stillstand hat noch nie etwas bewegt" oder "Ohne Plan? Ohne uns!".

Die Digitalisierung und der Klimawandel seien große Herausforderungen für die Firmen und die Zukunft der Arbeitsplätze, sagte der Chef der Gewerkschaft IG Metall, Jörg Hofmann. "Die Teilnehmer erwarten von Politik und Arbeitgebern, dass der digitale und ökologische Wandel den Beschäftigten Chancen auf gute Arbeit gibt", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in seiner Rede. Mit einer Politik der schwarzen Null sei die Verkehrs- und Energiewende nicht zu schaffen. Jeder zweite Arbeitgeber habe "heute keine Idee, wie er seinen Betrieb auf die Zukunft vorbereitet." Die IG Metall fordert von den Arbeitgebern "Qualifizieren statt Entlassen".

Auch Umweltschützer spricht bei der Kundgebung

Konkret dringt die IG Metall auf massive Investitionen etwa in Ladestationen für Elektroautos, in Stromnetze und öffentlichen Nahverkehr. Außerdem pocht sie auf eine verlässliche soziale Absicherung. Zum anderen müssten Beschäftigte bei den Veränderungen in der Arbeitswelt viel stärker eingebunden werden, um Arbeitsplätze langfristig zu sichern.

Der Präsident der Umweltschutzorganisation Nabu, Olaf Tschimpke, mahnte bei der Kundgebung, der Klimaschutz dürfe nicht "gegen die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen oder die Frage nach der Arbeitsplatzsicherheit in der Automobilindustrie ausgespielt werden". Er forderte die Bundesregierung auf, die Weichen für eine umfassende Mobilitätswende zu stellen.

Bereits am Vormittag war ein Demonstrationszug der IG Metall-Jugend vom Roten Rathaus in Richtung Brandenburger Tor gezogen. Am Boulevard Unter den Linden wurde eine symbolische Mauer eingerissen, für den Wunsch nach einem Durchbruch bei der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Nach Polizeiangaben verliefen die Veranstaltungen friedlich.

Diakonie: Kein Arbeitsplatzabbau durch Digitalisierung

Auch Verbände wie der Naturschutzbund Deutschland, der Sozialverband VdK und der Evangelische Bundesverband Diakonie beteiligten sich an der Demonstration. "Wir kämpfen gemeinsam für eine Grundrente für alle", sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele. Die sozialpolitische Sprecherin der SPD, Kerstin Tack, forderte "einen starken Sozialstaat, der Schutz und Chancen im Wandel ermöglicht". Diakonie-Präsident Ulrich Lilie sagte, die Digitalisierung dürfe nicht zu einem Arbeitsplatzabbau führen. Wenn Menschen "auf der Strecke bleiben", drohe eine Spaltung der Gesellschaft.

Sendung: Inforadio, 29.06.2019, 8 Uhr

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ich kann die Diskussion um Umwelt-Kompatibilität von Wirtschaftsaktivitäten nicht verstehen. Entweder Wirtschaft lernt, Umweltaspekte einzubeziehen oder sie wird künftig so nicht mehr erfolgreich sein. Strukturwandel bieten immer große Chancen. Schön, wenn deutsche Unternehmen dahinter kämen. In 30 Jahren bspw. wird sich die Anzahl von Fahrzeugen auf 1/3 des heutigen Bestandes reduziert haben. Die meisten Kisten stehen heute nur sinnlos am Straßengraben. Von 24 h werden die meisten unter 2 h /Tag benötigt. Mit Selbstfahrtechnologie werden Fahrzeuge dorthin geordert, wo sie gebraucht werden. Dann lässt man sie einfach zurück für den nächsten Einsatz.
    Und ein zweites: Bisher kommen Rationalisierung, Effizienzsteigerungen nur Unternehmen zugute. Weder Arbeitnehmer, Rentenvers., Sozialstaat haben etwas davon außer max. über Unternehmenssteuern. Gewerkschaften die + 6 oder 8% Gehaltsplus fordern werden für wahnsinnig gehalten. Aber + 30% für Manager sind o.k.?

  2. 7.

    ver.di hat bei uns im Haus genau das dieses Jahr erfolgreich mit dem Arbeitgeber verhandelt: einen Sockel, von dem insbesondere untere Einkommensgruppen profitieren. Und warum? Weil aus der Belegschaft (insbesondere auch von den besser Verdienenden) diese Forderung eingebracht wurde. Gewerkschaften können nur erfolgreich durchsetzen, was Belegschaften auch stützen. Denn nicht die Hauptamtlichen müssen/können den Druck auf die Straße bringen, das muss die Belegschaft tun!

    Gewerkschaften sind kein Supermarkt oder Versandhandel, so nach dem Motto: ich hab gezahlt nun mach halt! Das gilt übrigens auch für Parteien. Diese falsche Konsumhaltung produziert dann soviel Enttäuschung. Demokratie kann man nicht konsumieren - die lebt vom mitmachen!

  3. 6.

    "Gewerkschaften" sind doch schuld am Lohndumping und an einer Spaltung der Einkommensschere, um nicht zu sagen, Prozent-Erhöhungen sind ein Schlag ins Gesicht für die untersten Lohngruppen. Wann arbeitet man endlich mit Sockelbeträgen?
    Mittlere und höheren Einkommen wie Sesselpuper bekommen bei Tarifverhandlungen prozentual ein vielfaches an Lohnerhöhungen, als die die tatsächlich Leistung zeigen müssen.
    Sie können sich ihr Kampfgehabe sparen. Das einzige was sie erreichen ist nicht Gerechtigkeit, sondern höhere Mitgliedsbeiträge von Gewerkschaftsmitgliedern. Deswegen treten viele aus.

  4. 4.

    Sollen doch die Gewerkschaften wieder mit Hilfe von Staatsgeldern neue große zukunftskompatible Firmen gründen, wie das die SPD in Bremen vor etlichen Jahren bei der Neuen Heimat organisiert hat.

    Zusätzlich könnten Annalena und Robert mit ihrem Knowhow richtungsweisend eingreifen und die Zukunft gestalten.

  5. 3.

    Die Meldung zeigt den typischen Spagat der Gewerkschaften zwischen linker Ideologie und unternehmerischen Notwendigkeiten, der trotz der (extra angefahrenen) Demonstranten nicht wirklich gelingen will: Soll der (elektrische) Individualverkehr nun gefördert werden, ja oder nein? Oder doch nur ÖPNV?
    Die geforderte "umfassende Mobilitätswende" wird jedenfalls zigtausende Arbeitsplätze in den klassischen Industrien kosten, ob es den Gewerkschaften nun gefällt, oder auch nicht.
    Früher hätte es einfach nur Demos gegen Job-Abbau gegeben.
    Geschwurbelte Öko-Träume haben hingegen noch keiner Industrie geholfen, und damit auch keinem der dort arbeitenden Beschäftigten.
    Die "Allen-wohl-und-keinem-weh"-Politik ist hingegen Blödsinn, der niemals funktionieren wird.
    Die Gewerkschaften sollten sich auf EIN Thema konzentrieren, und das ist dasjenige, für das sie gebraucht werden: Den sozialen Gegenpart des Arbeitgebers.
    Öko-Quatsch sollten den Kindern vorbehalten bleiben.

  6. 2.

    Sehr geehrte Damen und Herren von rbb24, hiermit erkläre ich Ihnen Meine Gedanken zu dem Willen der IG Metall. Ich denke, dass ich mit der Elektro - Mobilität etwas kritischer denke. Man sollte sehr sorgsam mit unserer Umwelt und Bodenschätzen umgehen. Die Elektomobilität sollte vorerst in Zukunft mit den Lokalen Unternehmen weitergeführt werden. Es auch noch auf die Private Bevölkerung auszuweiten wäre der größte Unsinn. Es gibt auf der Erde nicht genügend Bodenschätze, um Alle mit Elektromotoren auszurüsten, denke Ich. In vielen Ländern gibt es unterschiedliche Meinungen Dazu, viel zu widersprüchlich. Aber man könnte für die Privaten Nutzer Autos mit Wasserstoff-Verbrennungsmotoren ausstatten. Es ist viel umweltfreundlicher als der Benziner oder Elektromotor! Privat ist ein Elektromotor nicht Alltagstauglich.

  7. 1.

    Die Gewerkschaften - selbst ohne den geringsten digitalen Dunst - machen sich das Leben sehr einfach, dabei wird es Zeit für Realität und vor allem Ehrlichkeit in der Kommunikation.

    Dazu gehört auch, offen zu sagen, was an Jobs in 20-30 Jahren nicht mehr existieren wird. Dazu gehören vor allem Fahrer in allen Formen (LKW, Busse, Taxis, ÖPNV, Zusteller) und vor allem einfachere wiederholene Angestelltenjobs. Wenn man etwas ambitioniert denkt, ist eine Krankenkasse in 20 Jahren nur noch ein etwas komplexerer Algorithmus. Den Unterschied werden Konzepter und Programmierer machen. Menschen betreuende Berufe werden nur dann noch von Menschen ausgeführt, wenn es nicht anders geht oder durch Wohlhabendere bezahlt wird. Supermärkte werden fast komplett ohne Menschen vor Ort betrieben werden. In preiswerten Restaurants werden Roboter viele der Jobs machen, heute schon in Asien realisiert.

    Der Ausweg ist eigene Weiterbildung und frühzeitig den Weg auf die andere Seite zu finden.

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