Anti-Terror-Sperren vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. (Quelle: imago)
Video: Abendschau | 19.06.2019 | Rainer Unruh | Bild: imago/Hettrich

Sicherheit in Berlin - Die Poller am Breitscheidplatz bleiben vorerst stehen

Wie eine Festung wirkt der Breitscheidtplatz in Berlin. Das wird wohl auch erst einmal so bleiben, heißt es aus dem Senat. Denn es wird zwar nach einem unauffälligen Ersatz für die Sicherheitspoller gesucht - noch ist aber keiner gefunden. Von Holger Hansen

Brusthohe, mit Sand gefüllte Draht-Käfige sperren den Platz zur Budapester Straße und zum Kurfürstendamm ab, Zugänge für Fußgänger sind mit dicken rot-weiß gestreiften Stahlpollern gesichert. Seit Ostern wirkt der Breitscheidplatz wieder wie ein wirklich gefährlicher Ort – denn seitdem wurden die Poller und Drahtkörbe nicht wie sonst wieder abgebaut. Das  erinnert an den Anschlag vor zweieinhalb Jahren. 

Ein beklemmender Anblick sei das, finden viele hier – grausig und befremdlich. Aber Sicherheit gebe es schon, denn da komme kein Lkw durch, sagt einer. Berliner und Touristen nehmen die Absperrungen wohl oder übel in Kauf.

Passanten gehen am 27.04.2019 über Sicherheitsbarrieren am Breitscheidplatz. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Der Pfarrer der Gedächtniskirche, Martin Germer, begrüßt die Absicht, den Platz zu sichern, aber er wünscht sich dafür weniger auffällige Mittel. Jetzt wirkten die Absperrungen wie eine Festung, meint er, und das sei gar nicht nötig: "Die müssen nicht so martialisch sein, die müssen auch nicht rot-weiß markiert sein", sagt Germer. "Da könnte man nochmal richtig Fantasie und hoffentlich auch Geld reinstecken, um das attraktiver zu machen."

Geld und Fantasie sind gefragt

Geld und Fantasie reinstecken - genau das ist seit langem geplant. Denn seit dem Terror-Anschlag 2016 diskutieren Senat, Bezirke und Polizei darüber, wie öffentliche Räume in Berlin besser geschützt werden können - zumindest gegen Anschläge mit Kraftfahrzeugen.

Seit März 2018 beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe bei der Senatsverwaltung für Inneres mit dem Thema. Beteiligt sind außerdem die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und für Verkehr, die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte sowie die Polizei. Diese Arbeitsgruppe hat gerade ihren Abschlussbericht abgegeben und bereitet eine europaweite Ausschreibung für die Installation von Sicherheitsmöbeln auf Straßen und Plätzen vor. Möglichkeiten gebe es da viele, sagt der Sprecher der Innenverwaltung, Martin Pallgen: "Von Stahl- und Betonpollern bis hin zu speziellen Betonbänken oder Beton-Blumenkübeln.“

Zwei Menschen sitzen auf einer Betonbank in London. (Quelle: dpa/Peter Noyce)
Beispiel London: Betonbänke sollen unauffällig Plätze absichern Bild: dpa/Peter Noyce

In London haben sie schon Sicherheitsmöbel

Wie solche Sicherheitsmöbel für den öffentlichen Raum in Berlin letztlich aussehen werden, steht noch nicht fest. Nur eins sei klar, sagt Pallgen: Sie müssen unterirdisch und gegebenenfalls auch oberirdisch verankert sein, um der Wucht des Aufpralls eines Fahrzeuges standzuhalten.

Andere europäische Großstädte haben es bereits vorgemacht: Der Sicherheitsexperte der Berliner Grünen, Benedikt Lux, hat in London gesehen, was möglich ist. Da hätten sie Überfahr-Sperren und Barrieren, die gar nicht auffielen, sagt Lux, und das wäre auch in Berlin möglich: "Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es größere Fahrrad-Ständer sein können oder bunt bemalte Poller, die sich in den Platz einpassen."

Bestenfalls, so Lux, könnten auf diese Weise Plätze gesichert werden, die ohnehin renoviert werden müssten. Diese Arbeiten könne man dann gleich zur Umgestaltung nutzen.

Kosten: Bisher vollkommen unklar

Was eine solche neue Gestaltung des öffentlichen Raums kosten würde, ist vollkommen offen - die Summe würde vermutlich das Budget der Senatsinnenverwaltung übersteigen. Dann müsste sich noch das Abgeordnetenhaus damit befassen.

Eine einheitliche Lösung für alle großen Plätze werde es nicht geben, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei: "Es gibt bestehende Plätze wie den Breitscheidtplatz, den Alexanderplatz und den Pariser Platz am Brandenburger Tor, wo man mit einem Auto auf Geschwindigkeit kommen kann. Dort muss man dafür sorgen, dass das verhindert wird." Wo man ohnehin städtebaulich etwas Neues plane, könne man von Anfang an auch Zufahrtswege erschweren.

Es wird also noch einige Zeit dauern, bis die unschönen Poller und Drahtkisten rund um den Breitscheidtplatz wieder verschwinden. Die sollen dort nämlich so lange stehen bleiben, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist.

Beitrag von Holger Hansen

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8 Kommentare

  1. 8.

    Die auffällige Markierung der Poller ist wohl nicht für Autofahrer oder LKW-Attentäter sondern schlicht für Fußgänger( vor allem wohl Smombis ;-)) gedacht, damit die nicht dagegen rennen.
    Natürlich ist es eine Symbolmaßnahme. Was hindert Selbstmordattentäter daran, ebenso aus Symbolik sich mit wie auch immer getarnten Sprengstoff im dichtesten Gedränge genau dort zwischen die Poller zustellen, das höchste transzendente Wesen seiner von ihm völlig missverstandenen Religion zu preisen und zu zünden ...
    Richtig ist, dass "auffällig" auch anders geht, als immer nur "Ketchup und Majo".
    Bäume müssten aber ziemlich dick und tief verwurzelt sein und viel zu eng stehen, um einen Truck zu bremsen. Zudem wird dort vermutlich nicht genug Platz bzw. Erdreich für viel Wurzelwerg sein, abgesehen davon, dass die Bäume weit genug weg von der Straße sein müssten, damit sie nicht regelmäßig wegen Doppeldeckerbussen & LKW in einer die Baumgesundheit schädigenden Weise beschnitten werden müssen.

  2. 7.

    Im Prinzip bin ich 100%ig bei Ihnen. Diese, eigentlich auf der Hand liegende Lösung, ist aber mit R2G nicht zu machen. Es gibt aus dem Lager der Linken und der Grünen das ganz klare Statement, dass auch Straftäter und Gefährder nicht abgeschoben werden sollen.
    Im Gegenteil, derzeit wird die Bunderegierung von willfährigen Anwälten unter Druck gesetzt, deutsche IS-Kämpfer zurückzuholen, die im Ausland verurteilt wurden.

  3. 6.

    *seufz*
    Muss ich echt noch darauf hinweisen, dass ich GRENZschlagbäume meine?
    Und genau darum ging es mir ja:
    Wenn sich Autofahrer eh nicht auf diesen Platz verirren, wozu dann die übertrieben deutliche Kennzeichnung/Farbgebung dieser Poller?
    Und ja, ich habe dieses Wort schon mal gehört.
    Sie auch das Wort "Schlussfolgerung"?

  4. 5.

    "Begreifen Autofahrer sonst nicht, dass sie dort nicht durch fahren dürfen? " - Sie glauben, dass ohne "Schlagbäume" "Autofahrer" irgendwie versehentlich auf dem Breitscheidtplatz herumirren würden? Haben Sie schon mal das Wort StVO gehört?

  5. 4.

    Die Dinger kann man sich schenken, da fährt kein Mensch mehr mit einem LKW in Menschen rein. Es gibt zigtausend andere mögliche Ziele. Man sollte aber bei künftigen Bauprojekten berücksichtigen, da einfach Schwellen u. ä. ins Konzept zu integrieren. War ja wohl auch Thema bei der East Side Mall, dass verlangt wurde, dass eine Barrikade zur Warschauer Straße gewährleistet sein muss, bevor die Fußgängerüberführung eröffnet wird, damit dort keiner reinrauschen kann.
    Die Fußgängerüberführung scheint aber erst mal ewig mit Bauzäunen abgeriegelt zu bleiben, was gut ins Berliner Stadtbild passt und weshalb sich die Stadt auch nicht darum kümmert, dass das endlich mal beseitig werden müsste.

  6. 3.

    Ich finde die Poller und auch die Drahtkäfige weder beklemmend noch befremdlich. Wenn die Gehwege voll sind fallen sie auch kaum auf. Die Fußgängerströme teilen sich an ihnen und danach gehen sie wieder zusammen. Wenn der Platz und die Fußgängerzone dadurch sicherer wird, finde ich das vollkommen OK. Sicherheit geht vor. Und es mag Sicherheitsmöbel geben, aber in London an der Westminster Bridge stehen auch heute noch riesengroße schwarzen Blöcke - und an die hat man sich auch schon längst gewöhnt.

  7. 2.

    Ersatzmöglichkeiten gäbe es zwar (z. B. Grenzzäune und Schlagbäume), nur sind diese z. Zt. leider unmodisch.
    Aber warum müssen die leider vorhandenen Poller eigentlich so auffällig sein?
    Begreifen Autofahrer sonst nicht, dass sie dort nicht durch fahren dürfen?
    Oder gilt es, Leib und Leben von Terroristen um jeden Preis zu schützen?
    Die schönsten "Poller" wären meiner Meinung nach übrigens Bäume.

  8. 1.

    Ich finde es nach wie vor nicht normal, dass Weihnachtsmärkte und andere Veranstaltungen auf öffentlichen Plätzen so dermaßen stark gesichert werden müssen. Das ist doch nichts weiter als ein Herumdoktern an den Symptomen. Wäre es nicht besser, die Ursachen zu bekämpfen? Also jegliche Gefährder aus der Gesellschaft zu entfernen und durch bessere Kontrollen dafür zu sorgen, dass sie nicht wieder einreisen? Mit den Pollern wird doch nur eine von vielen möglichen Tatbegehungsvarianten ausgeschaltet. Und das auch nur an entsprechend ausgerüsteten Orten. Letztendlich kann jeder Gefährder an jedem Ort zu jeder Zeit einen Anschlag begehen. Wir müssen einfach genauer hinschauen, wer sich bei uns bewegt. Neulich bin ich nach Paris geflogen. Da musste bei der Einreise jeder seinen Ausweis zeigen, der dann mit einer Datei abgeglichen wurde. Auf dem Rückweg in Tegel: Keinerlei Kontrolle. Bei uns kommt jeder rein.

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