Zoi Müller und Robert Schönnagen, Grüne Stadtverordnete in Brandenburg/Havel (Quelle: rbb/Johanna Siegemund)
Bild: rbb/Johanna Siegemund

Junge Politik in Brandenburg/Havel - "Ich will immer wieder auf die Füße treten"

Zu ihrem Wahlkampf verteilten sie Basilikumsamen. Jetzt sitzen Robert Schönnagel und Zoi Müller von der Grünen Jugend in der SVV in Brandenburg an der Havel - als Jüngste. Ihr Ziel: die alteingesessenen Parlamente ordentlich durchzuwirbeln. Von Johanna Siegemund

Sie fallen auf. In dem altehrwürdigen Rolandsaal mit dem dunklen Holzfußboden und den wuchtigen, aber modernen Kronleuchtern erkennt man Zoi Müller und Robert Schönnagel zwischen den restlichen 44 Stadtpolitikern vor allem an ihrer Kleidung. Die meisten schwitzen zur ersten Sitzung der neuen Stadtverordnetenversammlung im Anzug oder Kostüm. Die Jüngsten im Parlament kommen mit geblümter Shorts, Top, Jeans und lockersitzendem Poloshirt.

Jung, grün und jetzt auch kommunalpolitisch

Müller und Schönnagel gehören zu den 23 jungen Grünen, die zur vergangenen Kommunalwahl Ende Mai gewählt worden sind. In 13 von 18 Landkreisen und kreisfreien Städten sitzen seit dieser Wahl 18- bis 28-Jährige, die die Parlamente aufwirbeln wollen. Nichts anderes hat auch die 20-jährige Zoi Müller vor. "Ich will immer wieder auf die Füße treten, wenn es andere nicht tun". Noch mehr Impulse will sie setzen. Bereits seit anderthalb Jahren engagiert sie sich bei der Grünen Jugend, hat Foodsharing in der Stadt etabliert, Kleidertauschpartys organisiert und immer wieder über faire Kleidung und Müllproduktion aufgeklärt.

Auf die Frage, ob sie sich für die Wahl aufstellen lassen wolle, habe sie direkt 'ja' gesagt: "Da hast du noch eine Chance direkt mehr zu machen, wieso sollte ich da 'nein' sagen?" Besonders im Hinblick auf dem Klimaschutz müsse mehr in der Stadt gemacht werden. Seit zwei Jahren gibt es ein ausgearbeitetes Klimaschutzkonzept, bislang habe sich aber wenig bis gar nichts getan. Der Plan, das Fahrradnetz auszubauen, scheitere gerade an der Umsetzung. "Die Alten laufen in ihren alten Mustern weiter, und wir müssen sie einfach mal wieder auf den richtigen Pfad bringen", sagt Müller.

Der bundesweite Erfolg der Grünen zeigt sich auch in Brandenburg/Havel

Auch der 21-jährige Schönnagel engagiert sich schon länger politisch. Er wollte sich nicht irgendwann vorwerfen lassen, nichts getan zu haben. Die Demokratie an sich sei in Gefahr, wenn sich keine Menschen mehr dafür einsetzen. Trotzdem habe er nicht damit gerechnet, Stadtverordneter zu werden. Er ist sich sicher, dass der Bundestrend auch auf Brandenburg/Havel abgefärbt hat.

Die Grünen haben hier im Vergleich zur Kommunalwahl 2014 ihre Anzahl der Sitze verdoppelt und sind neben der Linken nun die viertstärkste Partei in der Stadtverordnetenversammlung. Das sei einerseits ein tolles Gefühl, sagt Schönnagel, Andererseits habe er aber auch großen Respekt davor, weil man erstmal Zeit brauche, um sich in die Vorgänge hineinzufinden. Dabei ist er aber nicht allein: Bei den insgesamt 46 Stadtverordneten gibt es 20 neue Gesichter. Der Oberbürgermeister Steffen Scheller begrüßte die neue Stadtverordnetenversammlung mit den Worten: "Eine ausgewogene Mischung aus Erfahrung und Neugier".

Erste Stadtverordnetenversammlung in Brandenburg/Havel im Juni 2019 (Quelle: rbb/Johanna Siegemund)Erste SVV nach der Kommunalwahl, Schönnagel und Müller sitzen am Tisch links

Mehr Angebote für die Jugend

Die Jüngsten im Parlament wollen jene vertreten, die oft in der Stadt zu kurz kommen: Die Jugend. In der Stadtverordnetenversammlung seien Müller und Schönnagel jetzt das Symbol der Zukunft. Sie wollen sich für Jugendliche einsetzen, weil sie selbst deren Probleme kennen. Müller ist gebürtige Berlinerin und aufgewachsen in Brandenburg/Havel. Mit 14 Jahren habe sie zusammen mit anderen Jugendlichen nur im Park rumgehangen und nichts zu tun gehabt. Es fehlt an Treffpunkten. Das habe sich in den sechs Jahren nicht verändert.

Sie will dafür sorgen, dass es andere Begegnungsräume für Jugendliche gibt, zum Beispiel ein Haus. Auch für die von Jugendlichen eingeforderte Skatehalle will sie sich einsetzen. Bislang sei lediglich der Skateparks erweitert worden. Für ihre Anliegen hat sie seit die SVV am Mittwochabend erstmals zusammen trat, eine gute Plattform gefunden. Sie vertritt die Grünen in der neuen Legislaturperiode im Ausschuss für Kultur, Bildung und Sport.

In der Grünen-Zentrale in Brandenburg/Havel (Quelle: rbb/Johanna Siegemund)In der Grünen-Zentrale in Brandenburg/Havel

Stadtpolitik passt nicht zu jugendlichen Lebensläufen

Auch Robert Schönnagel will sich für die Jugend einsetzen – vor allem, um sie überhaupt in die Stadtpolitik zu bekommen. Der 21-jährige Ingenieursstudent ist bereits im sechsten Semester und weiß nicht, was auf ihn in den nächsten fünf Jahren zukommt. So lange müsste er eigentlich in Brandenburg/Havel bleiben, um als Stadtverordneter zu agieren. Für junge Menschen sei es eine Hürde, sich in die Politik wählen zu lassen. Es müsse ein anderes System geben, damit sich "junge Leute mehr engagieren und das Parlament repräsentativer wird".

Aber dieses Thema muss noch warten – auch auf der Stadtverordnetenversammlung. Oberbürgermeister Steffen Scheller nennt die Herausforderungen, die er für die nächsten fünf Jahre sieht: Themen wie Digitalisierung, den Ausbau von sozialen und kulturellen Angeboten sowie die Schaffung von Wohnraum für die Berliner, denen die Hauptstadt langsam zu voll wird. Die Worte Klima oder Jugend fallen in der ersten Stunde nicht ein einziges Mal.

Sendung: Antenne Brandenburg, 19.06.2019, 18 Uhr

Beitrag von Johanna Siegemund

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15 Kommentare

  1. 15.

    Ich verstehe den Zusammenhang immer noch nicht. Wieso sollte denn der Einstieg in die Kommunalpoltitik eine bspw. 10jährige Berufserfahrung voraussetzen? Wozu benötige ich die? Ganz im Gegenteil, es ist meiner Meinung nach vorteilhaft, wenn endlich mal jemand unvoreingenommen die politischen Entscheidungen / Handlungen in Angriff nimmt. Außerdem hat die gute Frau eine Menge Projekte als Referenz, das hat so mancher Kommunalpolitiker nicht.

  2. 14.

    Hinsichtlich Lebenserfahrung, die gelegentlich auch einem Politiker hilft, denke ich mal, es spielt durchaus eine Rolle, was jemand bisher in eigener Sache zielstrebig unternommen hat.

    Die junge Dame hat wohl bisher eine Schule besucht, sie hat an einem Gymnasium "studiert" schreibt sie.

  3. 13.

    "Was hat denn die 20-jährige Zoi Müller sonst so gemacht, ich meine berufs- und ausbildungsmäßig?" - Das steht hier doch gar nicht zu Debatte. Und so wie es aussieht, schlägt die Fr. Müller den Lebenslauf einer Poltikerin ein. Ich persönlich finde den Schritt sehr gewagt und mutig. Mein Respekt und viel Erfolg. Kommunalpolitik ist ein hartes Pflaster.

  4. 12.

    "Noch mehr Impulse will sie setzen. Bereits seit anderthalb Jahren engagiert sie sich bei der Grünen Jugend, hat Foodsharing in der Stadt etabliert, Kleidertauschpartys organisiert und immer wieder über faire Kleidung und Müllproduktion aufgeklärt."

    Was hat denn die 20-jährige Zoi Müller sonst so gemacht, ich meine berufs- und ausbildungsmäßig?

  5. 11.

    "Die meisten schwitzen zur ersten Sitzung der neuen Stadtverordnetenversammlung im Anzug oder Kostüm." Der Satz passt nun nicht zum Bild. Ich sehe die meisten in Hemden, sogar in kurzärmligen. War das Klischeedenken beim Schreiben?

  6. 9.

    Der Unterschied ist das Union/SPD jahrelang Zeit hatten aus ihren Fehlern zu lernen, aber es nicht getan haben, die Grünen schon. Lebenserfahrung ist sicher wichtig aber was hilft sie , bei Union/SPD jedenfalls nichts.
    Und... ALLES was die Grünen machen gefällt mir auch nicht, aber bei den anderen gefällt mir gar nichts.

  7. 8.

    Kriegseinsätze sind immer verwerflich, doch leider manchmal notwendig um zu schützen. Was Sie hier mit ex Jugoslawien einwerfen ist unglaublich.
    Milosovic hat über 8000 Menschen umbringen lassen und Sie finden da hätte Europa zusehen sollen?
    Die Schublade in der Sie stecken haben Sie sich jetzt aber selbst ausgesucht.

  8. 7.

    Ich finde etwas mehr Lebenserfahrung generell nützlich, wenn nicht unabdingbar für politische Ämter.
    Und wenn man anderen Parteien Fehler vorwirft, ist es blamierend dies bei seiner eigenen Favoritenpartei nicht zuzulassen. Gelle Peter

  9. 6.

    Sie gestatten bitte eine Ergänzung: Gruene und SPD machten den Weg fuer Auslandseinsätze der Bundeswehr einschliesslixh Kriegseinsatz in ExJugoslawien frei. Das sollte man bitte nie vergessen.

  10. 5.

    Durch Basilikumsamen wird man die Welt nicht retten können. Und Kommunalpolitik ist etwas komplizierter als wie es von außen aussieht. Man hat viele Wünsche, aber bei der Verteilung der Steuermittel sind die Kommunen das letzte Glied in der Kette. Viel zu verteilen gibt es da nicht. Vielleicht hätten sie lieber in der Gemeinde Schönefeld antreten sollen, da kann man noch etwas gestalten, ansonsten sieht es dunster aus. Da hilft es auch nicht, grün zu wählen, wenn es nichts zu verteilen gibt auf kommunaler Ebene.

  11. 4.

    Was soll das Lamentieren über Dinge die 20 Jahre alt sind?
    Wichtig ist das ohne die Grünen kaum eine Regierung zu Stande kommt, heißt mit dem Kohleausstieg wird es endlich deutlich schneller voran gehen.
    Wer damit ein Problem hat kann sich bei Union/SPD beschweren die gerade für ihr jahrelanges nichts tun abgestraft werden.
    Nachdem die Allgemeinheit die Folgekosten des "billigen" Kohlestroms trägt wäre es jetzt z.B. eine Frechheit die Bergleute auch noch mit Steuergeldern in Frührente zu schicken. Und das bei dem Fachkräftemangel.
    Ich hoffe die Grünen verhindern das.

  12. 3.

    Wissen die beiden Jung-Politiker von den Grünen überhaupt, daß die Grünen schon mal den Bundesumweltminister gestellt haben?
    Hat er was gemacht? Mir fällt nämlich nichts viel ein!

  13. 2.

    Haben Sie mitbekommen wie viel Jahre das her ist ???
    Viel schlimmer finde ich das sich Woidke mit Altkanzler Schröder trifft und dem auch noch huldigt.
    Der Mann hat wirklich gar nichts begriffen.

  14. 1.

    Sorry aber zu den alteingesessenen Parteien gehören die Grünen schon lange, waren ja sogar mal in der Bundesregierung und haben da außer Dosenpfand, Hartz 4 & Steuererhöhungen nichts gebracht.

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