11.07.2019, Berlin: Egon Krenz, letzter Staatsratsvorsitzender der DDR, hält im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur bei der Vorstellung seines Buches «Wir und die Russen» ein Exemplar in den Händen. (Bild: dpa/Soeren Stache)
Bild: dpa/Soeren Stache

Egon Krenz stellt neues Buch vor - Neues aus der Vergangenheit

Egon Krenz liebt noch immer die große Bühne. Mit der Wende kam für den DDR-Staatschef der tiefe Fall. Inzwischen ist Krenz aufs Bücherschreiben umgeschwenkt und meldet sich mit einem neuen Werk zu Wort. Annette Miersch war bei der Buchpremiere.

Egon Krenz ist gut in Schuss. Der 82-Jährige hat Energie und Kraft. Sein Händedruck ist warm, die Stimme fest. Zur Buchpremiere im "Russischen Haus" an der Berliner Friedrichstraße powert er vier Stunden lang durch.

Los geht es mit Interviews fürs Radio und Fernsehen. Dort erklärt er selbstbewusst: "Ich versuche auch mit diesem Buch zu beweisen, dass die Geschichte, die zwischen der UdSSR und der DDR gelaufen ist, heute zum Teil entstellt wird."

Mehrere hundert wollen ihn sehen

Im großen Juri-Gagarin-Saal nehmen mehrere hundert Gäste Platz. Frauen und Männer, die meisten sind 65 plus, haben die DDR miterlebt. Darunter normale Bürger, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, aber auch viele Alt-Genossen, frühere Funktionäre, Wegbegleiter, Fans. Am Büchertisch stehen derweil andere Schlange nach den druckfrischen Exemplaren von "Wir und die Russen".

"Mich interessiert die ganze Zeit 1989, wie das wirklich gewesen ist", sagt ein Besucher. "Im Vorfeld wurde ja beschrieben, dass in dem Buch einige Dokumente drin sind, die man bislang noch nicht gehört hat."

Ein anderer ehemaliger Bürger der DDR sagt, dass er als Philosoph offen für alle Informationen sei. Bewerten würde er sie später selber: "Ob sie nun vernünftig sind oder nicht."

Egon Krenz signiert sein Buch nach der Lesung am 11.07.2019 (Quelle: rbb/ Miersch)
Egon Krenz signiert Bücher nach seiner Lesung | Bild: rbb/ Miersch

"Egon schieß los!"

Zu DDR-Zeiten galt der SED-Spitzenfunktionär Egon Krenz als Kronprinz von Staatschef Honecker. Im Wende-Herbst 1989 übernahm der rund 25 Jahre jüngere schließlich selbst das Ruder. Als erster Mann im Arbeiter- und Bauernstaat hat er die Ereignisse rund um den Mauerfall als politischer Entscheider mitbestimmt und zu verantworten.

30 Jahre später nimmt sich der Staatschef a.D. viel Zeit fürs Bad in der Menge. Immer wieder schüttelt er herzlich Hände in die Sitzreihen hinein, demonstrative Wiedersehensfreude - auch für die Kameras.

Auf der Bühne angekommen, liest Krenz dann eine Stunde lang aus seinem neuen Buch. Es ist bereits das 6. Krenz-Buch, dass der Ostberliner Verleger Frank Schumann veröffentlicht. Man kenne sich schon seit 50 Jahren.

"Egon, schieß los!", sagt Schumann von der Bühne – Provokation oder Gedankenlosigkeit? Feststeht, dass sein Autor in den Mauerschützenprozessen 1997 wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Für die einleitenden Worte benutzt Egon Krenz dann das alte "Wir" aus dem DDR-Sprachgebrauch, setzt also die Schicksals-Gemeinschaft mit dem Publikum voraus. Krenz betont, dass er mit seinem Buch keine Abrechnung liefere, auch nicht mit Gorbatschow, so wie es im Vorfeld von Zeitungen geschrieben wurde. "Ich nenne Fakten, keine Vermutungen", sagt er dem Publikum. Er überlasse das Urteil oft den Lesern.

Krenz: "Die DDR war nicht die Spalterin!"

Mucksmäuschenstill ist es im Saal, das Publikum hört gespannt zu, was Krenz zu sagen hat. Es geht um seine Sicht der Dinge, wie er die Beziehungen zwischen Moskau und Ostberlin erlebte. Immerhin war er einst politischer Insider. Heute tritt er als exklusiver Zeitzeuge auf, als einer der letzten aus der DDR-Führungsriege, die noch auskunftsfähig sind.

Um die Ereignisse im Herbst 1989 zu erklären, geht Krenz zurück in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg: Moskaus Ziel sei nie ein Separatstaat gewesen, sagt er. Sondern eine parlamentarische, demokratische Republik, der nicht das Sowjetsystem aufgezwungen werden sollte. Die Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 sei eine Reaktion gewesen auf die Bildung der BRD zuvor - am 23. Mai des gleichen Jahres. "Die DDR war nicht die Spalterin!", ruft Krenz in den Saal. Das ist ihm wichtig.

Auf rund 300 Seiten berichtet Krenz vom Machtgerangel zwischen Ost und West, Warschauer Pakt und NATO, zwischen Ostberlin, Moskau und Bonn. Von Treffen zwischen Gorbatschow, Honecker und Kohl. Von Freundschaft und am Ende von Verrat. Er beschreibt politisches Chaos hinter den Kulissen ab 1984, also lange bevor die Mauer fiel.

Frieden in Europa braucht Frieden zwischen Deutschen und Russen

Mit angeblichen Unwahrheiten über die DDR-Vergangenheit aufzuräumen, ist aus seiner Sicht das eine. Der Blick in die Zukunft sei ihm aber genauso wichtig, sagt Krenz. Er fordert mit seinem Buch die Bundesregierung auf: Schluss mit der Russopohobie! "Die russische Föderation ist zu großen Teilen ein europäischer Staat. Und wenn Frieden in Europa sein soll, dann muss auch Frieden zwischen Deutschen und Russen sein!" Genau das ist auch vielen im Publikum ein echtes Anliegen. Krenz spricht ihnen damit aus den Herzen.

Sendung: Inforadio, 12.07.2019, 08.30 Uhr

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55 Kommentare

  1. 55.

    Die Urteile gegen unsere Grenzschützer waren Unrecht und typisch für die bundesdeutsche Klassenjustiz. 100 Prozent der DDR-Beschuldigten würde verurteilt und zum Vergleich nur rund 5 Prozent NS-Verbrecher.

  2. 54.

    Da Sie nicht auf die von mir vorgetragenen Fakten eingehen, darf ich wohl annehmen, daß Sie jetzt endlich verstanden haben, wer für die Deutsche Teilung verantwortlich ist. Na wenigstens ein Fortschritt.

  3. 53.

    Ach daher die auffallend antirussische Einstellung. Kein Wunder. Wer derart indoktriniert wird. Durchgängige Tradition seit 1941. https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/ueberkommene-feindbilder-der-krieg-gegen-die-sowjetunion.html
    Die Bundeswehr ist schließlich mit 40.000 *) Offizieren und Unteroffizieren der Wehrmacht und Waffen-SS gebildet worden.

    *) Frank Pauli: Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr – Das kriegsgediente Offizierskorps der Bundeswehr und die Innere Führung 1955 bis 1970. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010,

  4. 52.

    Bleiben wir beim Thema ==> "Unter Führung der Partei der Arbeiterklasse haben die Grenzsoldaten ihren Auftrag ehrenvoll erfüllt. Von den Delegierten herzlich begrüßt Egon Krenz, Mitglied des Politbüro und Sekretär ZK der SED." aus https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/diktaturen/vor_dem_urteil_der.html

  5. 50.

    Krenz hat recht nicht die DDR hat Deutschland gespalten, der Westen war es.

  6. 49.

    Sie stellen den von ihnen angesprochen Fall , welcher gar nicht bewiesen ist, mit den von 2 Millionen Toten der US-Aggression in Asien gleich? Was hat Krenz mit Vereinigungs- und Regierungskriminalität ("freedom" vom Montag, 15.07.2019 | 20:07 Uhr) bitte zu tun.?

  7. 48.

    Vielleicht verstehe ich mehr von "praktischen Konkordanz" als ihnen recht sein wird. Erklären Sie doch bitte warum "praktischen Konkordanz" anwendbar sein soll bei diesem Thema.

  8. 47.

    Nachtrag: Wenn Sie sich unter den Zahlen nichts vorstellen können, vielleicht klappts ja mit Bildern besser:

    https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Menschenverluste.pdf

  9. 46.

    Würde es Ihnen etwas ausmachen, beim Thema zu bleiben? Es geht um die Ursachen und Verantwortlichen der Teilung (siehe obige Zwischenüberschrift). Und die sind nicht in der DDR sondern bei den Westmächten und deren Vasallen zu finden. Das habe ich anhand gesicherter historischer Fakten hier in den Kommentaren #22ff. dargelegt. Nur weil Sie dem nichts entgegenzusetzen haben, heißt doch das noch lange nicht, daß sie wild von einem Thema zum nächsten hüpfen sollen. Was ist denn das für eine Art und Weise?

    Im Übrigen kommt hier Niemand auf die Idee, die Person Krenz zu verteidigen. Auch diese Bemerkung von Ihnen geht also völlig fehl. Da brauchen wir noch nicht mal die Glaubwürdigkeit des Stern (Bertelsmann!) oder die tragende Rolle westdeutscher Konzerne und Politiker bei der Vereinigungskriminalität zu thematisieren.

  10. 45.

    Auch hier haben Sie ihren eigenen Link nicht gelesen. Die Alliierten verloren im Atlantikkrieg 36.000 Mann und 5.000 Schiffe. Sie SU verlor 1.710 Städte, 70.000 Dörfer, 32.000 Industriebetriebe, 65.000 km Eisenbahnstrecke und hatten 27 Millionen Tote. Allein die Verluste an Menschenleben stehen hier im Verhältnis 1:750. Jedes kleine Scharmützelchen an der Ostfront forderte mehr Tote als der gesamte Atlantikkrieg. Wie gesagt: die deutschen Verbände hatten 90,4% ihrer Verluste an der Ostfront. Der Rest verteilte sich über die übrigen Fronten einschließlich Afrika, Balkan, Skandinavien, Italien usw. Ich "schiebe" hier nichts in den Vordergrund, sondern ich benenne gesichterte Fakten. Dazu muß man lediglich geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen lesen können. Da nützt mir weder eine maritime Ausbildung noch helfen mir da meine 3 Jahre Dienstzeit bei der Panzerwaffe weiter. Haben Sie überhaupt gedient? Als Westberliner wohl kaum.

  11. 44.

    Ich finde die Verbrechen unter Leitung der US-Regierung ebenso verabscheuungswürdig wie die unter der Leitung der russischen Regierung. https://de.euronews.com/2019/07/16/wer-hat-natalja-estemirowa-vor-10-jahren-getotet - Hier stehen aber Buchinhalt und -Autor zur Diskussion.

  12. 43.
    Antwort auf [Dissident] vom 15.07.2019 um 23:34

    Offenbar ist Ihnen die Begrifflichkeit der "praktischen Konkordanz" nicht geläufig, denn der Grenzschutz der DDR war kein Freibrief zur Ignoranz von Menschenrechten der Flüchtlinge.

  13. 42.

    "Der 2. WK spielte sich im Wesentlichen in der SU ab." - Jede Wette, Sie waren noch nie auf in einem U-Boot oder auf einem Kriegsschiff auf dem Atlantik, geschweige denn, haben eine maritime militärische Ausbildung genossen. https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantikschlacht Ansonsten würden Sie die angerichteten Zerstörungen in der damaligen Sowjetunion nicht so vehement versuchen, in den Vordergrund zu schieben.

  14. 40.

    Zitat Peter M.
    Was Sie Rußland heute vorwerfen ist Kindergeburtstag im vergleich zu den Kriegsschäden und im Vergleich zu dem, was die USA auf dem Kerbholz haben.

    freedom was sagen sie zu den Verbrechen der Amis in Vietnam oder Mittelamerika?

  15. 39.
    Antwort auf [Erwin Lehmann] vom 15.07.2019 um 19:43

    Wachs und der viele Alkohol, das wäre aber auch eine explosive Mischung! :-D

  16. 38.

    Der ehemalige Generalstaatsanwalt der DDR war im Dienstgebäude (heute) Luisenstraße ansässig. Dieses Gebäude wurde nach der Wende vom Generalstaatsanwalt bei dem Kammergericht vorübergehend zur Aufarbeitung der Vereinigungs- und Regierungskriminalität verwendet. Ich wage kühn zu behaupten, dass bei weitgehender Veröffentlichung von Inhalten der dort verwendeten Akten, Herr Krenz sicherlich nicht soviele Buchleser verbuchen würde. Zur Erinnerung ==> https://www.stern.de/politik/deutschland/egon-krenz-die--verfolgte-unschuld--3512110.html

  17. 37.

    Wer will denn Egon Kremz noch sehen,geschweige denn noch hören.Nicht einmal ein Wachsfigurenkabinett möchte ihn ausstellen, sonst würde er bereits dort stehen. Er ist so uninteressant, wie ein durchlaufender Posten in der Geschichte.

  18. 36.

    Da der DDR heute im Unterricht zwei bis fünf Stunden zugesprochen wird, ist es vollkommen Jacke was die DDR war, wollte oder was aus ihr geworden wäre. Die Jugend weiß nicht einmal von ihrer Geschichte.
    Die SED war nun mal ein Drecksverein, der die Menschen von vorm bis hinten unterdrückt hat. Was nützt es, wenn alles sozial subventioniert wurde, aber im Gegenzug die Meinung zum System bespitzelt wurde und Menschen dafür ihre Freiheiten opfern mussten.
    Da die Russen nun mal Sieger über die Ostzone waren, braucht man hier nichts zum 26. Mal erklären und Geld verdienen, und schon gar nicht von Parteibonzen.
    Und 30 Jahre nach dem Mauerfall noch in Erinnerungen zu schwelgen, kennt man aus dem MDR... aber das ist Technologischer Stand der 60er, da ging auch Westware nicht so schnell kaputt.

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