Video: Abendschau | 31.07.2019 | Heike Schüler | Bild: imago/Christian Thiel

Personal- und Raummangel - GEW kritisiert Gratis-Mittagessen für Grundschüler

Kostenloses Mittagessen für alle Berliner Grundschüler soll mit Beginn des neuen Schuljahres Realität werden. Doch können die Schulen das bewältigen? Nein, viele seien darauf nicht vorbereitet, sagt die Gewerkschaft GEW. Schulsenatorin Scheeres widerspricht.

Kurz vor dem Start des kostenlosen Mittagessens für alle Berliner Grundschüler warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor erheblichen Problemen bei der Umsetzung. Viele Schulen seien auf das neue Angebot und die erwartbare Zunahme der Essensteilnehmer nicht vorbereitet, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doreen Siebernik der Deutschen Presse-Agentur. Die räumlichen und personellen Voraussetzungen seien nicht an allen Schulen vorhanden.

Nach Einschätzung von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sind die meisten Berliner Schulen "gut vorbereitet" auf die Neuerung. "Aber es gibt auch einzelne Schulen, wo wir wirklich baulich etwas verändern müssen. Da wird es Übergangslösungen geben. Da wird es vielleicht kein warmes Essen an einer Schule geben, sondern im Übergang ein anderes Essensangebot", sagte sie dem Radiosender B2.

Berlins SPD-Fraktionschef Raed Saleh räumte im rbb Anfangsschwierigkeiten bei der Versorgung der Schulkinder mit kostenlosem Mittagessen ein. In der Abendschau dankte Saleh am Mittwoch zugleich allen Schulen für die Energie, die sie aufgebracht hätten, um die "Vision einer bezahlbaren Stadt" umzusetzen. Er sei stolz darauf, dass Berlin beim Thema kostenfreie Bildung bundesweit eine Vorreiterrolle einnehme.

Viele Schüler müssen in ihren Klassenräumen essen

GEW-Landeschefin Siebernik befürchtet nach eigenen Angaben Mängel beim Essensangebot. "An diversen Schulstandorten wird es beim Essen nicht um mehr Qualität gehen, sondern um das Motto 'satt und sauber'", sagte Siebernik. In manchen Schulen werde es zwischen 11.00 und 14.00 Uhr sechs Essensdurchgänge geben. Für die Schüler werde es heißen: "Schnell essen und aufstehen, weil die nächsten schon warten." Das habe nichts mehr mit einer vernünftigen Mittagspause zu tun.

Manche Schulen hätten platzsparende Möbel angeschafft, weil die Zahl der Schüler beim Mittagessen stark steige - womöglich sich verdoppele. In einer Schule etwa stünden in der Mensa jetzt Hocker statt Stühle, um gleichzeitig 120 statt bisher 80 Schüler verköstigen zu können, berichtete Siebernik weiter.

Andere müssten in ihren Klassenräumen zu Mittag essen. "Da stellt sich die Frage der Hygiene: Wer macht dort anschließend sauber, bevor der Unterricht weitergeht?", so die GEW-Chefin. Normalerweise würden die Schulen nur nachts oder am frühen Morgen gereinigt.

Fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt

Natürlich würden mehr Kinder in der Schule am Mittagessen teilnehmen, so Scheeres. "Genau das wollen wir." Es gebe Schulen ohne Probleme, weil sie gebundene Ganztagsschulen seien oder ohnehin einen großen Anteil von Kindern hätten, die am Mittagessen teilnehmen. Daneben gebe es auch Schulen, in denen Veränderungen nötig gewesen seien.

"Da wurden Räume umgewidmet oder auch zusätzlich Materialien angeschafft." Das Land habe dafür fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt. "Was ich sehr, sehr gut finde ist, dass die Schulen und Bezirke wirklich das Interesse haben, hier Lösungen zu finden", sagte Scheeres.

Grundsätzlich begrüße die GEW das kostenlose Essensangebot, aber die Vorbereitungszeit sei zu kurz gewesen. Nötig sei mehr Personal. Denn mit der ebenfalls neuen kostenlosen Hortbetreuung für die ersten beiden Jahrgänge hätten die Schulen weitere Herausforderungen zu bewältigen.

Gratisessen betrifft rund 200.000 Grundschüler, laut Verwaltung

Das Abgeordnetenhaus hatte das Gratis-Mittagessen für die ersten bis sechsten Klassen Anfang April mit den Stimmen der rot-rot-grünen Koalition beschlossen. So sollen auch Kinder aus Familien mit wenig Geld die Chance auf eine warme Mahlzeit haben. Gleichzeitig soll die Qualität der Speisen besser werden.

Laut Bildungsverwaltung betrifft das Angebot, das ab dem ersten Schultag am 5. August gilt, bis zu 198.000 Grundschüler. Nehmen es tatsächlich alle in Anspruch, kostet das 129 Millionen Euro jährlich. Berlin ist mit dem kostenlosen Mittagessen bundesweiter Vorreiter.

Die GEW schätzt, dass bis zu 30 Prozent der Grundschulkinder bisher nicht an der Ganztagsbetreuung teilnehmen und deshalb in der Regel auch kein Mittagessen in der Schule erhalten. Zuletzt hieß es bei Bildungsfachleuten, dass von einer zusätzlichen Nachfrage von rund 9.000 Schülern auszugehen sei. Ob diese Annahme noch zutrifft, ist unklar.

Sendung: Abendschau, 31.07.2019, 19:30 Uhr

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30 Kommentare

  1. 30.

    Ich habe eher den Eindruck dass die Verzögerungen und schlechten Umsetzungen an Behördenmitarbeitern wie ihnen liegen, die alles blockieren um dem Senat seinem Arbeitgeber eins auszuwischen.

    Wer von "...infantile Planlosigkeit par excellence, ideologische Nebelkerzen und verbale Schönfärberei wider besseren Wissens." und "Rechtsanwälte im SGBII-Dunstkreis" fabuliert, lässt vermuten dass hier eine Arbeitsverweigerung aufgrund seiner ideologischen Einstellung vorliegt.

    Solche Behördenmitarbeiter sollte man umgehend entlassen. Die Politik gibt vor, sie haben das umzusetzen. Wer das nicht kann oder will sollte gehen.

  2. 29.

    Dieses substanzlose Gestammel nennen sie "Grundlegendes"? Na, das sagt ja eine Menge über sie aus.

    Aber auch sie bekommen michts anderes zustande wie solche nichtssagenden Sätze wie "Der Senat bekommt nicht wirklich was hin.. außer Geld ausgeben."

    Das ist noch nicht einmal Kindergartenniveau.

  3. 28.

    Sie werfen mir also "Floskeln" vor und bekommen nichts anderes wie zusammenhangloses Gestammel gegen RRG zusammen?

    "Und jetzt haben wir den Salat und alle nölen nur rum. Aber an dem Schlamassel sind nicht nur die Senate der letzten 20 Jahre schuld, sondern auch das Desinteresse und die Trägheit der Mehrzahl der Eltern."

    DAS ist Kritik mit Substanz, damit kann man was anfangen. Von ihnen kommt nur substanzloses Gekeife wie "Vor allem will der Senat verhindern, dass es auch einfacher geht."

    Wie will der "Senat verhindern, dass es auch einfacher geht."? Oder anderes gefragt wie soll es der Senat erleichtern dass WAS leichter geht?

    Sie können einen schon fast leid tun mit ihrem Gestammel. "Bin ich froh dass ich beide Staaten als Referenz zum Thema Schulessen kennengelernt habe."

    Ja, das merkt man dass sie noch Nachilfe in Sachen Demokratie und Bürgerbeteiligung brauchen.

  4. 27.

    Die neuesten statistischen Angaben, die wir dazu finden konnten, lesen Sie hier:
    https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Bildungsfinanzen-Ausbildungsfoerderung/Publikationen/Downloads-Bildungsfinanzen/bildungsfinanzbericht-1023206187004.pdf?__blob=publicationFile

    Laut der Statistik auf S. 33 ist Berlin nach Hamburg das Bundesland, das in Relation zur Bevölkerung am meisten in Bildung investiert.

  5. 26.

    Ja, es wurden definitiv zu viele Schulen geschlossen ohne neue Zeitgemäße zu bauen. Die Überschrift ist irreführend, da die GEW nicht das angebotene Mittagessen für die Kinder kritisiert sondern auf Probleme bei der Umsetzung hinweist! Allerdings kritisiert die GEW seit Jahrzehnten die mangelhafte Ausstattung der Schulen, den Verfall der Gebäude, stinkende verrottete Toiletten, massenhaft Unterrichtsausfall ....
    Die Umsetzungsprobleme sind also "nur" Symptome, die Probleme sind vielfältig und können mit dem nötigen politischen Mut gelöst werden. Dafür braucht es noch mehr Investitionen in die Bildung.
    @rbb Wie nah ist Berlin dem 7% (vom BIP) Ziel für die Bildungsausgaben (ohne Forschung!) ???

  6. 25.

    Da bin ich absolut bei Ihnen.

    Ich als Behördenmitarbeiter erlebe gerade wie die behördeninterne Umsetzung der Essensregelung, der Starke-Familien-Gesetzes und des SGE (solidarischen Grundeinkommen) vonstatten geht. Das ist infantile Planlosigkeit par excellence, ideologische Nebelkerzen und verbale Schönfärberei wider besseren Wissens.
    Von den angeblich 1700 gemeldeten Stellen für das SGE haben wir noch nichts gehört und auch keine Stellenanforderungen bekommen. Die kommunale Umsetzung des Starke-Fam.Gesetz. hinterlässt mehr Fragen als Antworten und ein Schlaraffenland für die Rechtsanwälte im SGBII-Dunstkreis. Alles muss manuell beschieden werden, technisch ist nichts vorbereitet. Manche Leistungen müssen gar nicht mehr beantragt werden, für andere muss ein Antrag eingereicht und wieder andere müssen sogar nachgewiesen werden. R2G hat die Beantragung für bedürftige Familien erheblich verkompliziert.

  7. 24.

    da sagen Sie etwas Grundlegendes. Der Senat bekommt nicht wirklich was hin.. außer Geld ausgeben.

  8. 23.

    Genau: Bashing! Wo sind Ihre Bankenkrisen/CDU/FDP/AfD-Floskeln?
    Vor allem will der Senat verhindern, dass es auch einfacher geht.
    Bin ich froh dass ich beide Staaten als Referenz zum Thema Schulessen kennengelernt habe.

  9. 22.

    Der Frust ist nachvollziehbar. Was mich aber an dem "Rumgemeckere" (sorry...nicht persönlich gemeint) nervt ist, dass im Fall der Fälle keiner bereit ist auch nur einen Finger zu rühren. Schon vor 15 Jahren wurden an Schulen Unterschriften gesammelt, Demos angedacht und Volksbegehren. Ich war jahrelang Elternvertreter und in mehreren Gremien. Es war nicht mögllich, auch nur annähernd genug Eltern zu motivieren, gegen Sparmaßnahmen, JÜL oder Inklusion aktiv zu werden. Es wurde sich weggeduckt, jeder dachte nur an sein Kind und nicht an die Folgen, die das alles für das ganze Bildungssystem in Berlin haben würde. Und jetzt haben wir den Salat und alle nölen nur rum. Aber an dem Schlamassel sind nicht nur die Senate der letzten 20 Jahre schuld, sondern auch das Desinteresse und die Trägheit der Mehrzahl der Eltern.

  10. 20.

    Sollte nicht jedes Kind Mittagessen? Verstehe die Diskussion nicht. Bei meiner Tochter in der 4ten Klasse gehen alle Kinder zum Mittagessen. Wahrscheinlich liegt das Problem ehr daran, dass die allgemeine Kapazität der Schulen einfach ignoriert wird. Aus einer zweizügigen Schule wird einfach eine dreizügige gemacht. Ob dann der Essensraum groß genug ist, ist egal.

  11. 19.

    Wenn man den Senat "machen" lässt kommt doch nichts bei heraus. Schon die ganze Schulinfrastruktur ist heute planlos und für den A...

  12. 18.

    Die reichen in Ganztagsschulen nicht. Es gibt natürlich für vormittags Pausenbrote und Obst (leider bei manchen auch nur Chips, BiFi und Streuselschnecke vom Bäcker :-() und mittags eine warme Mahlzeit. Das muss dann, je nach Schule, bis 16/17h reichen. Ich war in den 70-ern auf einer Ganztagsschule und wir bekamen in der Aula das Essen. Zum Glück, wir hatten immer einen Bärenhunger um 14h. Genug ausreichend große Räume haben viele Schulen aber nicht, genauso wenig wie die Meisten genug Personal haben, um das Essen hin und her in die Klassenräume zu schleppen. In der Schule meines Enkels versuchen sich daher grad Eltern zur Unterstützung zu organisieren, bis es einen besseren.Plan gibt.

  13. 17.

    Gute Idee, scheitert nur an „plötzlich“ auftretenden Probleme wie Personalmangel, Raummangel. Eine saubere Vorbereitung hatte diese Probleme rechtzeitig erkennbar gemacht und Lösungen ermöglicht.

  14. 16.

    Ein kostenloses Mittagessen habe ich nie selbst erlebt, nicht in Vor-, Grund-, Ober- und Berufsschule. Was ist aus dem selbst gemachten Pausenbrot geworden? Ausgestorben?

  15. 15.

    Ich (aus Westdeutschland) Jg. 1967 habe als Schülerin auch kostenloses Mittagessen erhalten an meiner Ganztagsschule (in Schleswig-Holstein). Dies wurde in drei Mittags-Schichten ausgegeben in der Schuleigenen Mensa. Klappte hervorragend, Kinder sind lernfähig.... da meine Mutter alleinerziehende arbeitende Studentin war, war dies die ideale Lösung. Schön, dass es Jahrzehnte später wieder eingeführt wird als super Familienunterstützung!

  16. 13.

    Typisch RRG Senat, irgendwelche Dinge beschließen und nicht auf die reale Machbarkeit überprüfen. Wenn man soetwas beschließt, was sicherlich gut ist muss man auch die zeitliche Umsetzbarkeit mit einkalkulieren, das erinnert mich irgendwie an den BER, Radfahrgesetz, Mietpreisbremse und Parkletts, hat RRG überhaupt was funktionierendes auf die Beine gebracht?

  17. 12.

    Zum Glück gilt nach wie vor: Den Sozialismus in seinem Lauf ...

  18. 11.

    Lieber Berliner,
    Generell spricht nichts gegen Mittagessen im Klassenraum. Jedoch ist es teilweise schwierig das Essen in den Raum zu bekommen. Als alleinige Lehrkraft mit 25 Erstklässlern das Essen unbeschadet über den Hof und durch das Treppenhaus zu bekommen ist schon problematisch. Zumal es ja oft noch eine Nachspeise und etwas zu trinken gibt.

    Um das Essen einfach im Raum zu servieren, fehlt wiederum das Personal.

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