Kleingartenkolonie auf dem Westkreuzpark (Quelle: dpa/Kitty Kleist-Heinrich TSP)
Audio: Inforadio | 31.07.2019 | Interview mit Arne Piepgras | Bild: dpa/Kitty Kleist-Heinrich TSP

Interview | Immobilienentwickler Arne Piepgras - "60.000 Kleingärtner behindern Millionen - das kann nicht sein"

Freie Flächen für neuen bezahlbaren Wohnraum sind rar in Berlin. Projektentwickler Arne Piepgras bringt erneut Kleingartenflächen ins Spiel. Dort könnten "Gartenstädte" entstehen - nach seinen Plänen hieße das: bezahlbarer Wohnraum plus Garten in kommunaler Hand.

rbb|24: Herr Piepgras, Sie sagen: "Weg mit den Kleingärten! Gartenstädte statt Gartenzwerge." Was meinen Sie damit?

Arne Piepgras: Ich glaube einfach, dass alle Ansätze in Berlin, das Wohnungsproblem zu lösen, viel zu klein gedacht sind. Wir haben in Berlin 30 Millionen Quadratmeter Kleingartenflächen und die müssten in einen Masterplan mitaufgenommen werden. Er muss die Interessen der Kleingärtner von vornherein berücksichtigen und festlegen, was wir an Wohnungen, Kitas und neuen Schulen brauchen.

Nach meiner Einschätzung brauchen wir zirka 500.000 neue Wohnungen, 150 neue Kitas und mindestens 50 neue Schulen. Das ist nur zu erreichen, wenn wir diese Flächen mitplanen.

Wie soll der Masterplan denn aussehen?

Die Interessen der Kleingärtner sollen berücksichtigt werden. Es ist ja denkbar, Gartenstädte im Stil der 20er und 30er Jahre zu bauen und den Kleingärtnern, die ihre Gärten verlieren, dort Wohnungen mit vorgelagerten Gärten zu bevorzugten Mieten, beispielsweise sechs, sieben Euro pro Quadratmeter anzubieten.

Das sind dann nicht mehr 400 Quadratmeter, sondern vielleicht noch 100 Quadratmeter Fläche, aber das reicht aus, um Pflanzungen vorzunehmen, eine Hollywoodschaukel aufzustellen und einen Grill zu haben. In der Lebensqualität der Kleingärtner würde sich also gar nichts verändern, ganz im Gegenteil. Wir hätten dann auch noch günstigen Wohnraum.

Alle meine Gespräche mit Kleingärtnern, die ich bisher hatte, zeigten, dass sie aufgeschlossener sind als man denkt. Es ist einfach ein Tabuthema, das niemand anfassen will. Und zwar aus Angst, da könnte eine Bombe hochgehen. Die wird aber gar nicht hochgehen, wenn man es mal vernünftig gemeinsam plant.

Wird in Berlin neu gebaut, dann gleich in einem gehobenen Segment - so lautet ein Argument. Sie streben aber gar nicht den großen Profit an. Was planen Sie?

Es war von vornherein ein großes Missverständnis. Ich bin der Meinung: Die Flächen, die sich jetzt schon in Landeseigentum befinden, gehören nicht in private Hand. Das soll alles Landeseigentum bleiben, mit der Folge, dass wir dann Wiener Verhältnisse bekämen. Wir hätten dann nämlich mehr als 50 Prozent der Wohnungen in Berlin in kommunalem Eigentum und in Wien ist es ja so, dass dadurch die Mieten in der ganzen Stadt komplett erträglich sind.

Aber wenn wir nicht groß ansetzen, dann wird das alles nicht gelingen. Enteignen oder die Ausübung von Vorkaufsrechten sind alles in allem keine Lösung. Das kostet den Steuerzahler Millionen und bringt am Ende nicht eine einzige neue Wohnung.

Gibt es denn Reaktionen auf Ihre Pläne?

Alle Parteien zucken zurück, weil sie Angst vor der Wahlmacht der Kleingärtner haben. Einzige Ausnahme ist ansatzweise die FDP, weil sie wohl vermuten, dass Kleingärtner keine FDP-Wähler sind - ich weiß es nicht. Aber ansonsten ist es einfach zum Heulen.

Es kann ja nicht sein, dass 60.000 Kleingärtner die Entwicklung einer Millionenstadt wie Berlin behindern. All meine Gespräche mit den Kleingärtnern waren außerordentlich positiv. Man muss sie nur mal richtig ansprechen und nicht sagen: "Wir schreddern jetzt eure Gärten weg und Ihr kriegt hier ein paar Hundert Euro Abfindung und dann könnt Ihr gehen."

Man muss ein Gesamtkonzept entwickeln. Man darf nicht vergessen: Die Kleingärtner sind ja nicht hauptberuflich Kleingärtner. Die haben auch Familie, die an bezahlbarem Wohnraum interessiert sein sollte und auch deswegen ist es viel offener als man denkt. Es würden auch öffentliche Parks, Kitas, Schulen entstehen - alles Sachen, die wir dringend brauchen. Daran sind auch die Kleingärtner interessiert.

Das Interview führte Heiner Martin für das rbb-Inforadio.

Es handelt sich um eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie hören, wenn Sie oben im Artikelbild auf den Playbutton klicken.

Sendung: Inforadio, 31.07.2019, 9:05 Uhr

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60 Kommentare

  1. 60.

    Erst A100 zurückbauen, Parkplätze weg. Autobahnen als Bauland widmen, eingeschossige shopping malls bebauen. Jede stadt braucht versickerungsflächen, abkühlungsflächen. Kein quadratmeter grün mehr opfern um planungsunfähigkeit und mangellnde detailarbeit bei bauplatzsuche zu kaschieren.

  2. 59.

    Die Kolonien müssen bleiben. Ich gönne jedem Laubenpieper sein kleines Idyll. Zumal diese grünen Fleckchen nicht nur für sie, sondern für Berlin, für uns alle erhalten bleiben müssen. Unsere Stadt wird immer gruseliger. Nur noch Autos, Malls, Gentrifizierung. Alles was Berlins Charme ausmachte wird verhökert oder ist gefährdet. Schluß damit.

  3. 58.

    60.000 Kleingärtner behindern Millionen, tja 60.000 Bürger, die ihr Erspartes und hart Erarbeitetes Gut, nämlich ihren Kleingarten für eine Art DDR 4.0 opfern sollen. Sowas ist staatlich, kommunistische Zwangsenteignung, schlimmer als in der alten Sowjetunion. Was ist der Bürger in diesem Staat noch wert? Ich habe das schon etliche male beschrieben, um Wohnraum zu schaffen, gibt es bereits genügend leerstehende Häuser in der Stadt, die zur Vermietung zur Verfügung stehen. Nur es muß von der Politik ein Wille da sein und das Problem mal angepackt werden. Neubau ist zu teuer und eher Zweitrangig. Und schon gar keine Opferung von Kleingärten.

  4. 57.

    Berlin ist voll. Zuzugsstopp ! Die noch vorhandenen Leerflächen und Leerstehenden Häuser werden benötigt um den Mietmarkt der bereits hier lebenden zu entspannen. Die Freizügigkeit kann laut GG eingeschränkt werden.

    Meine S-Bahn und Bus sind jeden Morgen total überfüllt und zum Feierabend und am Wochenende ebenso. Genug ist genug. Diese "Heuschreckenplage" muss endlich aufhören.

  5. 56.

    "Berlin hatte vor 80 Jahren 800 000 Einwohner mehr als heute" Vor 80 Jahren war der Flächenverbrauch je Bürger auch nur die Hälfte.

  6. 55.

    Wenn Sie für Ihr Heim jahrelang hart gearbeitet haben, ist dich alles gut. Wenn Sie allerdings für einen schmalen Taler private Erbauung in Ihrer Laube suchen, dürfen Sie auch nicht über steigende Mieten beklagen.

  7. 54.

    Also erst einmal: NIEMAND soll oder muss wegziehen. Es ist eine Option die mittlerweile viele in Anspruch nehmen. Berlin soll sich ausdehnen? Wie, wohin? Drum herum ist Brandenburg. Ist in HH nicht anders. Darum ziehen viele Menschen dort nach Schl. Holstein. Und für jede Familie, die aus Berlin herauszieht, wird Platz für jemand anderen.

  8. 53.

    Ich habe den Eindruck das hier wohl jemand "Berliner Grün" schreddern möchte um anschließend als Vermögensverwalter der späteren ' Vermieter' seinen eigenen Schnitt zu machen ?

  9. 52.

    "Ein Angebot an die Kleingärtner" ist dies mit nichten. Abrisszeit und Neubauzeit heisst, dass die älteren Parzellennutzer, kaum in den Genuss eines Gartenstadtangebotes kommen werden. Ausserdem heisst Porzellennutzer sein, nicht automatisch, dass man Interesse an einer neuen, sicher teureren Wohnung haben muss.
    Das ist ein Scheinangebot. Besser man entschädigt die Menschen grosszügig, bzw. überdenkt die Standorte nochmal, müssen ja nicht gleich wieder alle Parzellen weg. Gartenstadtangebot ist ein schönes Modell, aber nicht um diesen Preis. Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch.

  10. 51.

    Für noch relativ "junge", ungebundene Leute mit finanziellem Spielraum mag das so stimmen. Es gibt aber zuhauf Menschen, die sich einen Wegzug nicht leisten, oder erlauben können. Das hat auch wenig mit dem Thema zu tun. Es geht darum Berlin davor zu bewahren, dass es völlig kaputt gemacht wird. Und das sollte in unser aller Interesse liegen. Wenn unsere Stadt zur Zombie-Betonwüste wird, ist keinem damit gedient.

  11. 50.

    Schön, wie der RBB immer wieder dem Irrsinn medialen Raum gibt. Hier: Sollte Herrn Piepgras die Lust mit der der Forderung nach der Bebauung der Kleingartenflächen ausgehen, hier noch einige Vorschläge: Tiergarten Bäume weg und vollbauen, Tegeler Forst gibt es auch zum bebauen, oder rund um den Müggelsee auf den Müggelbergen wäre doch auch Platz, und so weiter. Und immer ganz dolle davon berichten, wenn der Herr Piepgras mal wieder einem läßt.

  12. 49.

    „Wem Berlin nicht gefällt, kann doch ins Umland ziehen...“, bedeutet was genau? Berlin ist dann zum Abschuss frei gegeben? Sie meinen es bestimmt nicht böse, aber haben einen Tunnelblick. Freut mich, dass es Ihnen in BB gut geht, es gibt aber viele Menschen, die an Berlin gebunden sind. Die z.b. ihre Kinder als Großeltern unterstützen, damit diese Vollzeit arbeiten gehen können. Alternde Menschen, die in der Nähe der Kinder bleiben müssen, falls sie Unterstützung brauchen. Die fernab völlig vereinsamt auf verlorenem Posten wären. Senioren, die kurze Wege zu Läden und Ärzten brauchen, die kein Auto und keine Hilfe haben. Gibt nicht nur schwarz-weiß. Was für den Einen gut ist, passt für Andere nicht. Berlin muss auch vor dem völligen Ausverkauf bewahrt werden. Der Spruch: „Zieht doch einfach weg“ impliziert immer auch: „duckt Euch weg und laßt alles laufen!“. Keine Option.

  13. 48.

    Nein, das wäre verkehrte Welt. Wenn uns alteingesessenen Berlinern die Stadt nicht mehr gefällt, sollen wir wegziehen? Warum? Diejenigen, die hierher ziehen möchten, müssen erst zusehen, dass sie Wohnraum finden. Dann ist die Frage, ob die Stadt überhaupt noch mehr Zuzug verkraftet. Ich soll jetzt mein Heim aufgeben, weil Zugezogene sich hier immer breiter machen? Mein Heim, für das ich jahrzehntelang hart gearbeitet habe? Mit dem ich verwurzelt bin, woran ich hänge? Unfug. Ob Länderfusion oder nicht, wie in anderen Millionenmetropolen wird sich Berlin immer weiter am Rand ausdehnen müssen. Und wir Echt-Berliner sollten langsam anfangen zusammenzuhalren und uns gegen den Ausverkauf unserer Stadt zu wehren. Laubenkolonien gehören zu Berlin, es reicht jetzt.

  14. 47.

    In Lichtenberg gibt es seit Jahren noch so einige leerstehende , baufällige Wohnhäuser (Herzberstrasse)und große Brachflächen (Landsberger Allee Höhe Höffner). Außerdem tut sich auf dem riesigen Gelände an der Ecke Hohenschönhauser Straße/Weißenseer Weg mit dem abrissreifen Gebäude auch seit Jahren nichts. Warum werden nicht erstmal diese Leerflächen bebaut anstatt Kleingärtnern ihre zweite Heimat plattzumachen und gesundheitsfördernde Grünflächen zuzubetonieren ?

  15. 46.

    Ich wundere mich auch, warum in Berlin in vielen Gebieten bei 6 Stockwerken Schluss ist. Ich denke auch, dass höher zu bauen mit Augenmaß (z. B. nur in breiteren Straßen, wo noch genügend Licht auf die Straße kommt) könnte helfen, weniger versiegeln zu müssen. Auf jeden Fall Finger weg von den Kleingärten!

  16. 44.

    Wenn die Chance auf eine Länderfusion bestehen würde hätte es die Politik, so wie bereits 1996, schon wieder versucht. Wem Berlin nicht gefällt kann doch ins Umland ziehen. Niemand wird daran gehindert. Wir haben es auch getan und keinen einzigen Tag bereut.

  17. 43.

    Wie bereits schon an anderer Stelle erwähnt:
    Das wurde 1996 schon einmal versucht und ist zum Glück kläglich gescheitert. Wer in Berlin unzufrieden ist kann doch jederzeit dort wegziehen. Machen übrigens viele Menschen die sich in Brandenburg eine neue Zukunft aufbauen. https://www.berliner-zeitung.de/berlin/ab-nach-brandenburg-mehr-menschen-ziehen-aus-berlin-weg-als-hin-32872660

  18. 42.

    Warum nicht mit der etliche Millionen m² großen faktisch ungenutzten Wüstenei des ehemaligen Flughafens Tempelhof in bester Stadtlage anfangen, ehe man den Laubenpiepern ihren Garten wegnimmt?

  19. 41.

    Genau so ist das, die verbliebenen Grünflächen sorgen für unseren Sauerstoff, wir brauchen diese dringend. Dann kann halt keiner mehr nach Berlin ziehen, na und. Stadt ist voll und fertig !

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