Symbolbild: In dem Gebäude in der Kreuzberger Urbanstraße befinden sich Einrichtungen des Bezirksamtes, u.a. eine Abteilung des Gesundheitsamtes und des Sozialpsychiatrischen Dienstes. Curt Bejach Gesundheitshaus. (Quelle: imago/Martin Hoefer)
Audio: rbb 88.8 | 05.07.2019 | Ricardo Westphal | Bild: imago/Martin Hoefer

Personalmangel im Gesundheitsamt - Neukölln stellt sozialpsychiatrischen Notdienst ein

Neukölln schlägt Alarm: Der psychiatrische Notdienst des Gesundheitsamtes kann derzeit nicht besetzt werden. Der Grund: akuter Personalmangel. In Notfällen, etwa bei Polizeieinsätzen gegen psychisch kranke Menschen, steht kein Facharzt zur Verfügung. 

Der Bezirk Neukölln hat seinen sozialpsychiatrischen Notdienst auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Das teilte der zuständige Stadtrat Falko Liecke (CDU) auf Twitter mit. Grund sei akuter Personalmangel, sagte Liecke auf Nachfrage von rbb|24. "Wir sind in einem dauerhaften Krisenmodus."

Der sozialpsychiatrische Notdienst wird unter anderem von Einsatzkräften der Polizei oder Feuerwehr gerufen, wenn psychisch kranke Personen eine Gefahr für sich selbst oder andere Menschen darstellen. In Neukölln war das zuletzt am 18. Juni der Fall, als ein offenbar psychisch gestörter Mann Polizeibeamte angriff und zwölf von ihnen mit einem Feuerlöscher verletzte.  

Das Gesundheitsamt findet keinen Leiter

Der Bezirk konnte wegen Personalmangels allerdings keinen Facharzt aus dem sozialpsychiatrischen Dienst zur Unterstützung schicken. Denn in der Abteilung sind laut Liecke krankheits- und urlaubsbedingt nur zwei von vier Ärzten im Dienst, die durch ihre Arbeit in den Krankenhäusern des Bezirks und als Gutachter voll ausgelastet seien. Unterstützung aus anderen Abteilungen des Gesundheitsamtes sei nicht möglich, so Liecke, weil dafür eine Zusatzausbildung notwendig ist, um zum Beispiel betroffene Personen in eine Spezialklinik einweisen zu dürfen.

Zudem ist in Neukölln gerade der leitende Amtsarzt in den Ruhestand gegangen, einen Nachfolger gibt es nicht. Und auch keinen Stellvertreter: Die Neubesetzung der beiden Stellen sei immer wieder am zu niedrigen Gehalt gescheitert, sagt Liecke. Allein drei Ausschreibungen habe es für die Stelle des leitenden Amtsarztes gegeben.

"Ich habe derzeit keine Chance, jemanden zu finden", stellte Liecke fest. So habe ein Bewerber, der schon zugesagt habe, wegen des Gehaltsunterschiedes von mehr als 1.000 Euro wieder abgesagt. Ab September werde die Stelle des Amtsarztes interimsmäßig von einem Kinderarzt geführt, so Liecke – der allerdings nicht über die nötige Zusatzqualifikation verfüge, um etwa Überweisungen in eine Psychiatrie anzuordnen.

"Wir stehen mit dem Rücken an der Wand"

Liecke wirft dem Senat "politisches Totalversagen" vor: "Das jahrelange Sparen in Berlin hat den öffentlichen Gesundheitsdienst in die Handlungsunfähigkeit geführt."

Zwar sehe der Tarifvertrag der Länder (TV-L) vor, dass in bestimmten Fällen Sonderzahlungen von bis zu 20 Prozent möglich sind, um Fachkräfte zu gewinnen, so Liecke. Doch eine Anweisung des Finanzsenators Matthias Kollatz (SPD) deckele diese Sonderzahlung aktuell bei sieben Prozent. Das Papier liegt rbb|24 vor. Zudem blockiere der Hauptpersonalrat Sonderregelungen bei der Bezahlung von Medizinern. Er sei nun " drauf und dran, es trotzdem zu tun", sagte Liecke dem rbb. "Wir stehen mit dem Rücken an der Wand."

Senat will Ärzte nur außertariflich besser bezahlen

Eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Finanzen erklärte, man sei weiter bemüht, die Bezahlung der Ärzte in dem Bereich neu aufzustellen. Gewerkschaften und Personalvertretung hatten im vergangenen Jahr das Vorhaben des Senats abgelehnt, diese Ärzte im Einzelfall besser zu bezahlen. Denn durch eine außertarifliche Entgelterhöhungen würde eine einzelne Berufsgruppe innerhalb der Landesbediensteten bevorzugt, hieß es.

Eine Sprecherin der Gesundheitsverwaltung teilte mit: "Alle Bezirksämter müssen in der Zwischenzeit mit der schwierigen Situation umgehen." Sie verwies auf eine Zunahme der besetzten Stellen in den Gesundheitsämtern seit Ende Juni 2018 um gut 50 auf rund 1540. "Es stimmt also gerade angesichts zahlreicher Pensionierungen nicht generell, dass niemand in den Berliner Gesundheitsämtern arbeiten möchte." Angaben zur Situation nur bei Arztstellen machte sie nicht.

Kommentar

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28 Kommentare

  1. 28.

    Besserung ist möglich!
    Es geht um etwa 1 % der Bevölkerung! Demenzen, schwere Psychosen und schwere Süchte und die Versorgung von Menschen mit geistigen Behinderungen. Darum geht es! Ist es uns das wert?
    Es geht darum, Zwang bei schweren Krisen, wo immer möglich, zu verhindern. Das ist bei den meisten Fällen möglich. Damit Kranke nicht in Handschellen abtransportiert werden! Auch darum geht es. Dafür braucht es Professionelle: Klinisch versierte Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen und vor allem Psychiater*innen. Es ist natürlich ein Dilemma, wenn sich innerhalb des öffentlichen Dienstes Sondergruppen herausbilden. Aber um des lieben Tarifvertrages willen Fremdgefährdungen, Wohnungsverluste und Suizide hinnehmen? Ich finde deren Vermeidung sind es die jetzt schon möglichen 20 % Zulage wert für Ärzte, die dann ja nur gleich wie in den Kliniken bezahlt werden. An das Gehalt von Niedergelassenen kommen sie noch lange nicht ran. Wach auf Berlin!

  2. 27.

    "zwei von vier Ärzten im Dienst, seien durch ihre Arbeit in den Krankenhäusern des Bezirks und als Gutachter voll ausgelastet" - Zur Erhellung der Situation siehe https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/104431/Hilfe-fuer-psychisch-Kranke-in-Neukoelln-wegen-Personalmangels-eingeschraenkt

  3. 26.

    "zwei von vier Ärzten im Dienst, seien durch ihre Arbeit in den Krankenhäusern des Bezirks und als Gutachter voll ausgelastet" - Zur Erhellung der Situation siehe https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/104431/Hilfe-fuer-psychisch-Kranke-in-Neukoelln-wegen-Personalmangels-eingeschraenkt

  4. 24.

    Gewiss gibt es Menschen, die Cannabis nicht vertragen und immer mehr Jugendliche, die zuviel kiffen. Keine Frage, unterschätzen sollte man diese Problematik nicht. Aber ganz bestimmt ist Cannabis kein primärer Grund für die Überlastung eines SPD. Das Augenmerk und Tätigkeitsfeld betrifft hauptsächlich psychische und psychosoziale Erkrankungen und Probleme der Bürger. Diese gehen einher mit familiären Problemen und der Unterstützung Angehöriger uvm. Kiffen ist da eher ein geringeres Problem. Sollte man aber die Drogenprobleme, die viele Menschen zerstören und lebensuntauglich machen, ansprechen wollen, belegt die Droge Alkohol immer noch mit größtem Abstand Platz 1. Und das bundesweit. Ich habe zudem noch nie gehört, dass Alkohol (außer zum Desinfizieren von Wunden und zum Kochen^^) irgendeine positive Wirkung auf Menschen hätte. Anders verhält es sich bei Cannabis. Also Ihre ungeheure Ablehnung von C in Ehren, aber bitte nicht so einseitig und unreflektiert, verzerrt das Bild und bringt nicht weiter.

  5. 23.

    Du lieber Himmel, was schreiben Sie denn da? Völlig überzogener, oberflächlicher Nonsens. Cannabiskonsum ist das größte Problem und schuld an der Überlastung dieser Einrichtung? Lieber Mensch, nutzen Sie Ihr Smartphone zur Recherche über dieses Thema, dann finden Sie schnell heraus, was für einen Murks Sie da schreiben. Armut, Einsamkeit, Alkoholismus und Mißbrauch von Medikamenten und harten Drogen...DAS sind die Ursachen für die größten gesellschaftlichen und gesundheitlichen Probleme. Das Thema Cannabis ist garantiert höchstens ein kleineres Symptom.

  6. 22.

    "Das pathologisch anmutende Einsparen beim Öffentlichen Dienst" ist ein Indikator dafür, dass im beschriebenen Falle ein gewisser Geldmangel bei der Versorgung von Kranken herrscht.

    "Geld nicht da" heißt immer "Geld nicht da für sowas" sondern für "anderes".
    Beispielsweise beim Kindergeld. Der deutsche Staat – also der Steuerzahler – hat 2018 rund 536 Millionen Euro Kindergeld für Kinder im Ausland gezahlt. 200 Millionen mehr als 2015 (ein Plus von 60 Prozent).

  7. 21.

    Schon klar. Auf solch sinnfreien Kommentar kann ich nur entgegenhalten, danach müßte sich fast die halbe Bevölkerung Berlins dringend in Behandlung begeben. Wegen Psychosen, Angststörungen und besonders wegen Hallizunationen. Das Gegenteil sollte hier der Fall sein. Legalisierung, plus staatlich kontrollierter Anbau von Cannabis würde den illegalen oftmals zurecht sehr zweifelhaften Weg dieser Pflanze komplett zum Erliegen bringen. Sie haben völlig den Zusammenhang Cannabis mit chemischen Substanzen dabei vergessen. Diese Mischung ist wahrhaftig eine tickende Zeitbombe. Besonders bei Heranwachsende Personen. Extasy wird schon wie Bonbons eingenommen.

  8. 20.

    Der seit mittlerweile schon langer Zeit völig verharmloste CANNABIS-Konsum ist Mit-Schuld an der Überlastung des SPD und anderer Organisationen und Hilfseinrichtungen. Denn er verursacht bei nicht wenigen Menschen bleibende Geistes-Krankheiten wie z.B. Psychosen, Angststörungen und Halluzinationen. Das Zeug war immer und bleibt für immer einfach gefährlich ... Im wahrsten Sinne des Wortes.

  9. 19.

    „bisher ist seit der letzten Bundestagswahl in Deutschland kein Ärzte- u. Fachpersonalmagel gelöst worden“

    Das ist allerdings skandalös. So eine Facharztausbildung dauert nur ein paar Wochen, und seit der Bundestagswahl sind schon fast zwei Jahre vergangen!

    Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten.

  10. 18.

    „Liecke wirft dem Senat "politisches Totalversagen" vor: "Das jahrelange Sparen in Berlin hat den öffentlichen Gesundheitsdienst in die Handlungsunfähigkeit geführt."“

    Was sagt wohl sein Parteifreund Mario Czaja dazu?

  11. 17.

    Der Senat seiner Haushaltsplanung. In den Koalitionsverhandlungen wurde Geld für jeglichen Luxus (Fußgängerboulevard auf U-d-Linden) gefordert. Darum ging es wochenlang, nicht um die medizinische Versorgung von Problemfällen.

  12. 16.

    Buschkowsky kann man auch unter großen Bemühungen nicht "rechts" verorten. Der redet, wie die Praxis läuft. Grotesker Fehlpost. Den noch als angeblich als undemokratisch hinzustellen, ist dann schon gewollte Verleumdung. Dann sind Wagenknecht und Gysi neuerdings auch noch alle rechts.
    "Andererseits arbeiten in dem Dienst tendenzell entweder Unter- oder Überqualifizierte. " Reine Behauptung, hat auch wieder nichts mit der Praxis zu tun.

  13. 15.

    Was hat ein der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht zugetragener Buschkowsky in dieser Debatte verloren? Was haben generell die vielen rechtspopulistischen Narrative, 'die da oben seien generell unfähig und unser Feind von innen', konkret mit der Sache hier zu tun? Gar nichts. Ob Buschkowskys oder andere Rechte, sie delegitmieren sich mit jedem Satz selbst.

    Das pathologisch anmutende Einsparen beim Öffentlichen Dienst, "werte" Rechtspopulist*innen, ist ebensowenig dem aktuellen Senat allein anzulasten wie viele andere Missstände auch.

    Der soziapsychiatrische Dienst ist mitunter lebensrettend. Zu oft hat die Polizei ihnen unverständlich handelnde, psychisch erkrankte Personen erschossen. Andererseits arbeiten in dem Dienst tendenzell entweder Unter- oder Überqualifizierte. Psychologie, Soziale Arbeit? Fehlanzeige. Da geht es nur ums Sedieren und Wegsperren. Es ist ein unattraktives Berufsfeld aufgrund der Arbeitsbdeingungen, nicht allein aufgrund der Bezahlung.

  14. 14.

    2011 hatte der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky Alarm geschlagen.

    Er sieht Teile von Berlin-Neukölln auf dem Weg zum „Gegenstaat“. „Mit traditionellen Lösungen ist dem nicht abzuhelfen“, sagt er und attackiert die bisher von der Politik geförderten Maßnahmen der Integration und Sozialpolitik von Sozialarbeit bis Bildungsangebot.

    Man kann den Euro nur einmal ausgeben.

  15. 13.

    Wer hat dieses Sozialpolitische Desaster (SPD) zu verantworten?

  16. 12.

    Ja Herr "Depp" (Entschuldigung aber Sie nennen Sich ja selbst so) - glauben Sie denn dass eine "rechtere" Regierung mehr Geld für Gesundheit und Soziales ausgeben würde als Rot-Rot-Grün? Na dann träumen Sie mal schön weiter!

  17. 11.

    Die Verhinderung seitens des Hauptpersonalrats ist so nicht richtig dar gestellt, hierzu weitere Informationen finden Sie hier https://www.berlin.de/hpr/aktuelles/hpr-notizen/hpr-notizen-2018/

  18. 9.

    Im Gesundheitshaus Curt Bejach sitzt allerdings das Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg und nicht das Neuköllner.

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