Eine schier endlose Schlange von DDR-Fahrzeugen hat sich am 05.11.1989 vor dem Grenzübergang bei Schirnding (Bayern) an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze gebildet. (Quelle: dpa/Claus Felix)
Bild: dpa/Claus Felix

Wenige Wochen vor Mauerfall - Forscher: 18 DDR-Flüchtlinge starben 1989 an Ostblock-Grenzen

Mindestens 18 DDR-Bürger wurden getötet, als sie 1989 versuchten, über Länder wie Ungarn in den Westen zu flüchten. Das geht aus einer Studie des "Forschungsverbundes SED-Staat" hervor. Einige der Menschen ertranken, andere wurden erschossen.

Im Sommer und Herbst 1989 kamen mehrere DDR-Bürger ums Leben, als sie versuchten, über die früheren Ostblock-Staaten in den Westen zu fliehen. Wenige Wochen vor dem Mauerfall am 9. November starben auf diese Weise mindestens 18 Menschen - das geht aus der jüngsten Untersuchung des "Forschungsverbundes SED-Staat" der Freien Universität Berlin hervor. Wie die Hochschule am Sonntag mitteilte, waren 14 Männer, drei Frauen und ein Kind unter den Toten.

Flucht über "sozialistische Bruderländer"

Hintergrund war die Flucht mehrerer Tausend Menschen, die versucht hatten, die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze zu umgehen. Stattdessen wählten sie den Weg über die sogenannten sozialistischen Bruderländer, wie zum Beispiel Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Polen und Jugoslawien, um in den Westen zu gelangen. Bis Anfang Oktober 1989 war dies mehr als 50.000 Bürgerinnen und Bürgern der damaligen DDR gelungen. Zahlreiche Menschen wurden aber auch festgenommen oder kamen auf der Flucht ums Leben.

An der Grenze zu Österreich erschossen

Zu den Opfern zählte laut Forschungsverbund auch Kurt-Werner Schulz aus Weimar. Der 36-Jährige sei bei einem Handgemenge mit einem ungarischen Grenzposten im August 1989 erschossen worden, als er sich bereits auf österreichischem Gebiet befunden habe. Als weiteres Beispiel nennen die Wissenschaftler den 21-jähriger Berliner Ralf Peter Saurien, der im April 1989 tödlich verunglückte, als er versuchte, die Grenze zur damaligen Tschechoslowakei (ČSSR) mit dem Auto zu durchbrechen. Mehrere Menschen seien zudem ertrunken, als sie Grenzflüsse zu den Ostblockstaaten durchqueren wollten.

Eine unbekannte Zahl von DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürgern sei zudem wegen der Vorbereitung oder Ausführung von Fluchtversuchen vom SED-Regime zu Haftstrafen verurteilt worden.

Zahl der Grenztoten ist umstritten

Wie die FU am Sonntag mitteilte, will die Hochschule zusammen mit den Universitäten in Greifswald und Potsdam bis 2022 die Schicksale von Menschen erforschen, die den gefährlichen Weg aus der SED-Diktatur in die Freiheit wagten und dafür ihr Leben oder langjährige Haftstrafen riskierten.

Frühere Erkenntnisse des "Forschungsverbundes SED-Staat" sind seit einiger Zeit umstritten. So hatten Recherchen des rbb im Herbst 2018 ergeben, dass die Zahl der Grenztoten (327 an der innerdeutschen Grenze, 179 an der Berliner Mauer) so nicht stimmen kann. Demnach handelt es sich bei etlichen der genannten Todesfälle zum Beispiel um Grenzsoldaten, die nicht als Opfer, sondern als Täter des DDR-Grenzregimes gelten müssen.

Die Zahlen beruhten auf einer von Kultursstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und den Ländern Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen geförderten Studie.  Sie war 2017 veröffentlicht worden. Die derzeitige Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat sich von der Studie distanziert. Für Berlin könne man aber - nach Herausnahme der strittigen Fälle - von mindestens 140 Toten ausgehen, sagte die CDU-Politikerin im April dieses Jahres. Dies habe eine Überprüfung durch ihr Haus und andere Wissenschaftler ergeben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Studie in Auftrag gegeben habe. Dies ist nicht der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. 

Sendung: Abendschau, 11.08.2019, 19.30 Uhr

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9 Kommentare

  1. 9.

    Ja, unter den "Patrioten" verstecken sich heute vielfach Rechtsextremististen und Neonazis. Das ist richtig.
    Übrigens: der eiserne Vorhang samt Schießbefehl wurde von sogenannten "Sozialisten" errichtet.

  2. 6.

    Also so drastisch benachteiligt hätte ich Sie jetzt gar nicht eingeschätzt. Aber wenn Sie meinen - Sie müssen es ja wissen.

  3. 5.

    Nichts da, wer nicht blind, taub und oder dumm ist, und zwischen den Zeilen lesen kann, weiß was die "Patrioten" wollen, und das nicht nur in Sachen Migranten und Flüchtlinge.

  4. 4.

    Wer kann garantieren, dass proklamierte "sichere Grenzen" nicht doch wieder zum Mauerbau führen, wie es der us-amerikanische Präsident in Richtung Mexiko betreibt?

  5. 3.

    Mal wieder Äpfel und Blumenkohl. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Der Unterschied sind die Fachkräfte - die richtigen und die vermeintlichen. Aber insgeheim wissen Sie das ja alles.

  6. 2.

    Sichere Grenzen heißt jedoch nicht unüberwindbare Grenzen mit Erschießungskommandos im Parteiauftrag. Bemerken Sie den Unterschied? Sondern: Identität peisgeben, selbige prüfen und Schlagbaum hoch und "Freie Fahrt". Und weil Sie die Historie anführen: 10% aller Wahlberechtigen in Deutschland würden schon nach 30 Jahren die SED-Nachfolgepartei wählen und auch zur Wahrheit gehörend: fast 20% der Wahlberechtigten wählen in Berlin (dort wo die Mauer tagtäglich präsent war) die SED-Nachfolger sogar in Regierungsverantwortung (Berliner Senat). Also mißbrauchen Sie dieses Thema nicht, dafür ist es zu ernst. Immer schön bei den Fakten bleiben. :-)

  7. 1.

    Wahnsinn, und heute würden 24% der Ostdeutschen eine Partei wählen, die unter anderem "sichere" Grenzen fordert, dass kann man sich nicht ausdenken, sowas gibt es wirklich. :-(



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