Symbolbild: Ein Mann mit einer Kippa läuft durch Berlin (Quelle: Imago Images/ Spiekermann-Klaas)
Audio: radioeins | 14.08.2019 | Peter Klinke | Bild: Imago Images/ Spiekermann-Klaas

Staatsschutz ermittelt - Vorstandsmitglied jüdischer Organisation zu Boden gestoßen

Erneut ist es zu einem mutmaßlich antisemitischen Angriff gekommen: Dabei soll der Vorstand einer jüdischen Organisation in Berlin-Charlottenburg zu Boden gestoßen worden sein. Laut Innensenator soll die Polizei nun einen Antisemitismus-Beauftragten bekommen.

Ein Jude soll am Dienstag in der Nähe des Stuttgarter Platzes in Berlin-Charlottenburg angegriffen und zu Boden gestoßen worden sein. Wie ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur dpa sagte, geht die Polizei von einem antisemitischen Hintergrund aus. Der für politische Straftaten zuständige Staatsschutz ermittele wegen Hasskriminalität.

Laut Polizei sagte der 55-Jährige, zwei Männer seien hinter ihm hergelaufen, wovon ihn einer plötzlich zu Boden gestoßen habe. Anschließend seien die zwei geflüchtet. In ersten Medienberichten hatte es geheißen, er sei von beiden gestoßen worden. Wegen Schmerzen am Kopf und in einem Bein habe er später von zu Hause aus den Rettungsdienst gerufen, sagte der Mann.

Lala Süsskind: "Es reicht"

Die Informationen der Polizei decken sich mit einer Mitteilung des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Wie die JFDA-Vorsitzende Lala Süsskind sagte, ist der Mann Vorstandsmitglied der Organisation. An seinen offen getragenen Zizijot (Schaufäden) und seinem Hut sei er als Jude erkennbar gewesen. Augenzeugen seien ihm nach seinem Sturz nicht zu Hilfe gekommen, hieß es am Mittwoch auf der JFDA-Website.

Politik, Polizei und Justiz forderte Süsskind auf, endlich Konsequenzen zu ziehen und entschlossen vorzugehen: "Es reicht." Die frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sagte, antisemitische Übergriffe nähmen immer mehr überhand.

Ende Juli war der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlins, Yehuda Teichtal, Opfer einer antisemitischen Attacke geworden. Zwei Männer beschimpften und bespuckten Teichtal, der in Begleitung eines seiner Kinder war.  

Polizei bekommt Antisemitismus-Beauftragten

Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte unterdessen an, dass die Berliner Polizei einen Antisemitismus-Beauftragten bekommen soll. Geisel sagte der "Berliner Zeitung", der Beauftragte solle "Polizisten noch stärker schulen, antisemitische Vorfälle zu erkennen, entsprechend einzugreifen und diese Thematik offen anzusprechen". Zudem werde Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD) einen Runden Tisch gegen Antisemitismus einberufen.

Weiter kündigte Geisel an, bei den Motiven der Täter antisemitischer Straftaten künftig stärker zu differenzieren. "Alle ungeklärten Fälle dem Rechtsextremismus zuzuordnen, wird der tatsächlichen Motivlage ganz offensichtlich nicht gerecht." Allerdings sei dies kein alleiniges Berliner Phänomen. Die Polizeien würden länderübergreifend daran arbeiten.

Geisel betonte, es sei sehr schwer, "die Straftaten in diesem Bereich zahlenmäßig auseinanderzuhalten". Es gebe einen deutschen Antisemitismus, "von dem wir leider feststellen müssen, dass er nie weg war". Und es gebe in Berlin "Menschen aus 180 Nationen, die zu einem gewissen Teil auch mit Antisemitismus sozialisiert wurden und ihn nicht einfach ablegen."

Sendung: Inforadio, 14.08.2019, 9 Uhr

Kommentar

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Antwort auf [harald wunder] vom 14.08.2019 um 23:22
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57 Kommentare

  1. 56.

    Warum nicht "Jude", sondern diese verklemmte Umschreibung ?
    Sagen wir nicht auch unbeschwert Christ, Moslem oder Buddhist ?

    Kann es sein, dass hier immer noch das diffamierend entmenschlichte Diktat aus unserer unsäglichen Vergangenheit mitschwingt ? Sollten wir uns davon nicht endlich befreien und somit dieser Dummheit keinen Raum mehr bieten?

    Der Begriff "schwul" ist doch auch kein Schimpfwort mehr - und wer heute versucht darüber zu beleidigen oder entwerten läuft ins Leere.

  2. 55.

    „Das deutsche Volk ist generell nicht antisemitisch“?
    Ja genau, in den letzten 30 Jahren gab es ja überhaupt keine Übergriffe auf Synagogen, Rabbiner, Intellektuelle etc.
    Und der Verweis, dass man die Herkunft der Täter klären soll, zeigt ja mal wieder dass sie schon ne Wunschvorstellung haben. Am liebsten wären Ihnen wahrscheinlich Täter aus arabischen Ländern, oder?
    Damit sie sich in Ihren Vorurteilen bestätigt fühlen.

    „Das deutsche Volk“ - sollte keine Vorurteile (mehr) haben, weil genau diese es ins Verderben gestürzt hat!

    Nie wieder Faschismus!

  3. 54.

    Ihr Gefühl teile ich. Es wird wohl grad zum Sturm geblasen. Das Niveau sinkt merklich. Getreu der Partei, die propagiert wird.

  4. 53.

    "Schreiben Sie doch bitte nicht "ein Jude", sondern ein jüdischer Mitbürger."

    Soweit gehe ich mit ihrer Aussage d’accord. Ich präferiere sogar den Ausdruck Mitbürger jüdischen Glaubens, ich sage ja auch nicht Katholik, Evangelist o.ä. Im Grunde genommen ist es mir auch völlig wurscht welchen Glauben mein Mitmensch hat.

    "Das deutsche Volk ist generell nicht antisemitisch."

    Erstens, was ist in ihrem Sinne das "deutsche Volk"? Zweitens halte ich die Aussage "generell" für mutig, wenn nicht sogar für falsch. Ich könnte ihnen jetzt Beispiele aus der Geschichte des "deutschen Volks", auch aus der jüngeren, bringen aber ich fasse mich kurz:

    Ihr Kommentar mit ihrem Einwand am Anfang war ja im Ansatz nicht verkehrt aber dann völlig ... danebengemeiert.

    Nice try

  5. 52.

    Ein sehr interrssanter Artikel. Leider wird nicht erwähnt warum die Polizei von einem antisemitischem Hintergrund ausgeht. Des weiteren frage uch mich weshalb erwähnt wird das Augenzeugen ihm nicht zur Hilfe gekommen sind. Dadurch wird diesen natürlich auch antisemitismus attestiert. Aus kuriosität hoffe ich die Hintergründe dieses Falles zu ergahren da diese auch sehr viel über den verfasser des Artikels aussagen.

  6. 51.

    "Das ist hier keine Narzissten-Plattform à la D. Trump, sondern jeder sollte seine Meinung äußern dürfen, ohne so aggressiv-beleidigend runter geputzt zu werden."

    Ich weiß nicht ob der Wahlkamp damit zusammenhängt aber ich habe das bestimmte Gefühl dass hier die AfD "Aktivisten" zum "Sturm blasen".

    Habe nur ich das Gefühl dass die Hetze hier gerade zunimmt?

  7. 50.

    Antisemitismus ist zu verurteilen und muss bestraft werden.
    Allerdings ist ein Bekannter von mir vor ca einem halben Jahr auch von zwei arabisch sprechenden Jugendlichen schwer angerempelt worden. Da hat sich aber kein Staatsschutz eingeschaltet. Ist das, wenn es ohne antisemitischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund geschieht, also weniger verwerflich?

  8. 48.

    Falsch. Es sind keine "Organisationen" die auf andere Schlüsse kommen, sondern es wird sich auf die Kriminalstatistik bezogen, die einserseits eine Hellfeld-Statistik ist - also nur zur Anzeige gebrachte Straftaten - und damit nur einen kleinen Teil der Straftaten beinhaltet, und bei der insofern manipuliert wird, als daß alle nicht aufgeklärten Straftaten automatisch der politischen Kriminalität rechts zugeordet werden. D.h. auch Angriffe von Linken und von Muslimen, werden zur politischen Kriminalität rechts gerechnet.

    Die Kriminalstatistik ist also das Papier nicht wert, das sie verbraucht.

    Im Gegensatz dazu beruft sich der Expertenkreis Antisemitismus des Bundestages auf wissenschaftliche Studien, die auch das Dunkelfeld abdecken.

    Allein der Fakt, daß Sie die Feststellungen des EXPERTENKREISES ANTISEMITISMUS DES BUNDESTAGES diskreditieren müssen, beweist, wie sehr Sie mit Ihrer Argumenten am Ende sind, noch bevor Sie angefangen haben. Und Sie erzählen was von Einordnung?

  9. 47.

    Ja genau. Bitte weinen Sie zwei gemeinsam. Das hilft sicherlich. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und nicht vergessen: Wer Ihre Meinung nicht teilt, ist Nahdsi. Bitte nicht vergessen, das jedes Mal zu erwähnen. Und lassen Sie sich bitte nicht beirren: Fakten oder Argumente sind verzichtbar. Ausschließlich Diffamierungen sind das Wahre und Schöne. Damit werden Ihnen die Herzen zufliegen. Ich drücke Ihnen jedenfalls die Daumen.

  10. 46.

    Hauptsache, Sie suchen sich eine(!) Quelle heraus, die zu Ihrer Haltung passt. Einordnung? Fehlanzeige. Die pure Wahl der Quelle ist die gesamte Seriosität Ihrer "Einordnung". Seltsam, dass sämtliche soziale Organisationen auf andere als Ihre Schlüsse kommen und dass Ihre Behauptungen durch keinerlei Empirie belegt werden können. Das passiert, wenn man ein ganzes Problem, Antisemitismus, auf wenige seiner Fallzahlen an strafbaren Handlungen reduziert. Sie wollen sich damit Deutungshoheit verschaffen, vernebeln aber nur die Tatsachen, von denen Sie so unentwegt reden wollen.

    Sie versuchen, Antisemitismus zum Einen selbstentlastend, zum Anderen als Trittbrett für antimuslimischen Rassismus zu nutzen. Die "bürgerliche Mitte", Rechtsextreme, Teile der Linksextremen sowie Teile islamischer Communitys tragen Antisemitismus mit sich. Die meisten Vorfälle entstammen der "Mehrheitsgesellschaft", Studien(!) belegen antisemitische Haltungen in großen Teilen der Gesellschaft (+60%).

  11. 45.

    Was ist los mit unserer Gesellschaft? Wir, jeder und alle, sollten wachsam sein, und uns aktiv jeder Antisemitismus-Attacke entgegenstellen! Es müssen Taten folgen! Laut rufen "Polizei!", Öffentlichkeit herstellen, per Handy die Polizei rufen, einander ergänzen, sich zusammentun, jeder kann etwas tun!
    Ja, schändlich und feige! Warum ist den Tätern niemand hinterher gerannt?? Warum ist dem Opfer niemand zu Hilfe gekommen??
    Der Holocaust ist geschehen. Wir müssen uns immer daran erinnern, damit so etwas Grauenhaftes nie, nie wieder passiert!
    Wachsam sein und handeln, gemeinsam!

  12. 44.

    Schreiben Sie doch bitte nicht "ein Jude", sondern ein jüdischer Mitbürger. Hört sich irgendwie harmonischer an. Und recherchieren Sie, wer dahintersteckt. Das deutsche Volk ist generell nicht antisemitisch.

  13. 43.

    Das was hier z.t. geäußert wird, ist erschütternd. Ein User hat sich ganz offensichtlich vorgenommen, hier alle platt zu machen, die nicht seiner Meinung sind. Und das in einer Art und Weise, die sehr verstörend ist. Das ist hier keine Narzissten-Plattform à la D. Trump, sondern jeder sollte seine Meinung äußern dürfen, ohne so aggressiv-beleidigend runter geputzt zu werden. Das ist beschämend. Das Thema ist eigentlich, dass es womöglich einen weiteren antisemitischen Übergriff gab. Ist doch klar, dass der Verdacht besteht, weil dieser Mann eindeutig als Jude zu erkennen war und es immer häufiger antisemitische Vorfälle gab in der letzten Zeit. Der Rest wird ermittelt, im Vorfeld wilde Vermutungen zu äußern ist m. E. populistisch und dient nur der Hetze.

  14. 42.

    Mein Mitgefühl gilt dem Opfer dieser schändlichen und feigen antisemitischen Attacke aus dem Hinterhalt.

    Seltsam ist nur, dass keine Täterbeschreibung veröffentlicht wird. Dies könnte ganz gewiss hilfreich sein, der beiden Kriminellen habhaft zu werden.

    Traurig, dass sich gerade und ausgerechnet in Berlin solche Vorfälle häufen.

    Bemerkenswert ist das, was der bekannte deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn schon am 03.12.2018 in der angesehenen "Neuen Zürcher Zeitung" geschrieben hat:

    "Der muslimische Antisemitismus ist der gefährlichste":
    https://www.nzz.ch/international/der-gefaehrlichste-antisemitismus-ist-der-muslimische-ld.1439950

    Wehret den Anfängen!

    Gleichwohl: Klare Kante durch die Politik? Fehlanzeige, wie auch der Berliner Kolumnist Gunnar Schupelius konstatiert:

    "Berliner Juden fühlen sich wie Flüchtlinge im eigenen Land":
    https://www.bz-berlin.de/berlin/kolumne/berliner-juden-fuehlen-sich-wie-fluechtlinge-im-eigenen-land

    Aufwachen!

  15. 41.


    Im Falle des Herrn Teichtal waren es Arabische Personen! Bitte präzise recherchieren und vor allem Berichten!
    Es darf NIE WIEDER Rassismus oder ähnliches geschehen,ABER die Presse hat eine sehr große Verantwortung wie und was berichtet wird.
    Hier könnte man wieder vermuten dass des ein deutscher oder rechtsradikaler war.

  16. 40.

    Die Einschätzung, dass der Stoß "anti-semitisch" (eigentlch: anti-jüdisch) war, beruht anscheinend einzig darauf, dass das Opfer ein Jude war. Demnach sollte man auch alle Angriffe auf Muslime als anti-islamisch, Angriffe auf Christen als anti-christlich usw. bezeichnen.

  17. 39.

    Ist ja eine tolle Diskussion hier. Die Polizei geht - wie auch viele andere - davon aus, dass der Mann attackiert wurde, weil er Jude ist. Das ist nunmal Antisemitismus. Warum hier so mancher versucht, diesen begründeten Verdacht zu entkräften und durch Verweise auf andere Straftaten zu verharmlosen, der hat nichts verstanden. Es ist ja auch schwer zu verstehen, dass jemand angegriffen wird, nur weil er Jude ist.

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