Ein Mann kreuzt mit einem E-Tretroller einen Fahrradfahrer © dpa/Christoph Soeder
Ein Mann kreuzt mit einem E-Tretroller einen Fahrradfahrer | Bild: dpa/Christoph Soeder

Interview | Alexander Jung, Agora Verkehrswende - So könnte Berlin den E-Scooter-Wildwuchs besser steuern

In Berlin-Mitte gibt es nach Ansicht der Kritiker viel zu viele E-Scooter, am Stadtrand kaum welche. Berlin könnte und sollte das viel besser steuern. Wie genau, erklärt E-Scooter-Experte Alexander Jung im rbb-Interview.

Man liebt sie – oder man hasst sie. Dazwischen gibt es wenig. Nun will Alexander Jung vom Thinktank Agora Verkehrswende die Debatte über E-Scooter versachlichen – mit konkreten Verbesserungsvorschlägen an die Politik. Im Auftrag des Deutsche Städtetages und des Deutschen Städte- und Gemeindebundes analysierte der Diplom-Raumplaner monatelang internationale Erfahrungen mit E-Scootern, sprach mit Verkehrsplanern vieler deutscher Städte und mit den Anbietern. Er fand heraus, welchen Beitrag Leih-E-Scooter für die Verkehrswende leisten können – und was Städte und Kommunen tun können, um dieses Potential zur vollen Entfaltung zu bringen. Das Ergebnis:" Handlungsempfehlungen für E-Tretroller im Stadtverkehr", sie wurde am Donnerstagvormittag in Berlin vorgestellt.

rbb|24 lag die Publikation exklusiv vorab vor. Auf der Seite von Agora Energiewende steht sie nun zum Download bereit [externer Link].

rbb|24: Herr Jung, Sie arbeiten in der Nähe des Hackeschen Marktes. Wie oft und bei welchen Gelegenheiten nutzen Sie selbst einen E-Scooter?

Alexander Jung: Ich nutze einen E-Scooter insbesondere, wenn ich eine kurze Einwegfahrt machen muss, das sind zum Beispiel auch regelmäßige Dienstwege, Außentermine, dafür nutze ich doch ab und zu mal einen Elektro-Scooter.

In Berlin wird  viel gestritten über den Nutzen der E-Scooter: Ein Funmobil für Touristen und Hipster nennen ihn die Gegner, einen Mosaikstein für die Verkehrswende die Befürworter.Wie lautet Ihr Urteil: Können die E-Scooter dazu beitragen, Großstädte wie Berlin autofreier zu machen?

Aus eigener Kraft werden es die Leihroller schwer haben, tatsächlich einen verkehrlichen Nutzen zu bringen. Allerdings können sie insbesondere für kürzere Einweg-Fahrten und in Verbindung mit dem ÖPNV durchaus eine sinnvolle Ergänzung des städtischen Verkehrsangebots sein. Es geht also darum, die Leihroller nicht als isoliertes Angebot, sondern als einen von vielen Bausteinen im städtischen Verkehr zu betrachten.

Ob die neuen Angebote dann letztendlich auch einen verkehrlichen Nutzen bringen, hängt vor allem von den verkehrspolitischen Rahmenbedingungen in den Städten ab. Je weniger attraktiv es ist, ein eigenes Auto zu besitzen und zu nutzen, desto eher haben neue Mobilitäts-Dienstleistungen wie die Leihroller auch eine Chance, einen positiven Beitrag zur Verkehrswende zu leisten.

In den US-Städten Portland und San Francisco - so ist es nachzulesen in Ihrer Handreichung für die Kommunen - gab etwa ein Drittel der Nutzer an: Hätten sie nicht den E-Scooter genommen, wären sie per Carsharing, Taxi oder Uber zum Ziel genommen. Erwarten Sie denn solche Effekte auch in Berlin?

Kurzfristig kann ich mir gerade in den Großstädten wie Berlin durchaus vorstellen, dass Anteile aus dem Freefloatin-Carsharing auch auf die Leihroller verlagert werden können. Das wäre aus verkehrspolitischer Sicht durchaus ein Effekt, den man begrüßen könnte.

Ziel der Städteplaner ist es, Autopendler dazu zu bewegen, auf den ÖPNV umzusteigen, damit weniger Autos in die Innenstädte einfahren. Was können Kommunen denn hier tun, um das Potential der Leihroller stärker zu nutzen?

Für das tagtägliche Pendeln eignen sich die E-Scooter unter den aktuellen Rahmenbedingungen noch nicht, dafür sind die Tarife in der Regel zu teuer. Ein gutes Pilotprojekt gibt es aus meiner Sicht in Hamburg. Die Hamburger Hochbahn testet mit dem Anbieter VOI in zwei Stadtteilen, ob und wie sich die Roller für die erste und letzte Meile eignen. Dafür werden die Roller jeden Morgen in den Wohngebieten von zwei Stadtteilen aufgestellt. Es gibt an den S- und U-Bahn-Haltestellen gesonderte Parkflächen für Roller und zugleich - und das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Aspekte - entfällt für die Anwohner in den Pilotgebieten die Aktivierungsgebühr in Höhe von einem Euro, die für jede Fahrt zu entrichten ist. Pilot-Teilnehmer mit ÖPNV-Abo erhalten zudem auch ein gewisses Kontingent an Freiminuten.

Das könnte die BVG ja durchaus auch machen. Für viel Streit hat in Berlin gesorgt, dass sich die meisten E-Scooter laut unserer rbb-Datenanalyse in der Innenstadt ballen, während in den Außenbezirken, wo eben viele Pendler wohnen, kaum ein E-Scooter steht. Was könnte Berlin tun, um hier steuernd einzugreifen?

Um die Leih-Scooter tatsächlich auch in die Außenbezirke zu bringen, ist aus meiner Sicht die Zusammenarbeit zwischen Städten und Anbieter notwendig. Denkbar wäre zum Beispiel das Konzept einer Ausschreibung. Man hat das ja auch gemacht im Bereich Bike Sharing in Berlin, da bekam der Anbieter Nextbike der Zuschlag für ein stationsgebundenes System.

Auch für die stationslose E-Scooter könnte man über eine Dienstleistungs-Konzession festlegen, wo die Anbieter ihre Roller aufstellen. Man könnte sie dafür auch finanziell unterstützen. Man könnte auch andere Privilegien in der Ausschreibung festlegen zur Abgrenzung von anderen Anbietern.

Der Berliner Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese steht auf dem Standpunkt: Eine Ausschreibung oder eine Obergrenze für E-Scooter festzulegen, ist gegenwärtig nicht möglich. Was müsste gesetzlich geändert werden, damit das geht?

Da gibt es eigentlich zwei Wege, die denkbar sind: Das wäre der Weg über Bundesrecht - zum Beispiel durch die Anpassung der Straßenverkehrsordnung. Dort gibt es einen Paragrafen, der die übermäßige Straßenbenutzung regelt, und dort könnte man zum Beispiel auch Leihsysteme aufnehmen. Alternativ wäre auch der Weg denkbar, dass die Bundesländer in ihren Landesstraßengesetzen eine Sondernutzung für stationslose Systeme klarstellen. Sobald das erfolgt, könnten dann die Städte wiederum ihre Sondernutzungs-Satzung entsprechend anpassen.

Das heißt, Berlin müsste gar nicht auf den Bund warten - sondern könnte selber ein Landesgesetz ändern und anschließend per Ausschreibung festlegen, dass die Anbieter ihre Leihroller gleichmäßiger in der Stadt verteilen müssen?

Genau. Berlin könnte E-Scooter selber regulieren – und ist nach meinen Informationen durchaus auch auf dem Weg in Richtung Sondernutzung. Wir werden sehen, wie rechtsverbindlich dieser Weg in Zukunft ausgestaltet werden kann.

München und Hamburg haben schon vor dem Start freiwillige Selbstverpflichtungen mit den Anbietern abgeschlossen. Darin verpflichten sich die Anbieter, nicht mehr als 1.000 E-Scooter in der Innenstadt aufzustellen. Ist das auch ein Weg, den Berlin alternativ beschreiten könnte?

Die Selbstverpflichtungen, die es gibt, haben keinen rechtsverbindlichen oder vertraglichen Charakter. Trotzdem können sie ein erster guter Schritt sein, um Regeln für Elektroroller aufzustellen und diese auch wirklich ganz klar zu kommunizieren. Inzwischen lässt sich auch erkennen, dass die Anbieter durchaus bereit sind, mit den Städten auf dieser Grundlage zusammenzuarbeiten. Eine Garantie hat man aber am Ende des Tages auf Grundlage dieser Selbstverpflichtung nicht. Dafür bräuchte es dann tatsächlich eine Nachschärfung in der Gesetzgebung.

rbb|24: Herr Jung, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Robin Avram

Falls Sie diesen Artikel mobil aufrufen, klicken Sie bitte hier, um im Folgenden alle Grafiken angezeigt zu bekommen.

Animation: Verteilung der E-Scooter im Tagesverlauf

Beitrag von Robin Avram

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10 Kommentare

  1. 10.

    Bei allem möglichen Nutzen halte ich stationslose Verleihsysteme für problematisch, wenn es dafür keine gesetzliche Regelung gibt! Zu viele sind sich selbst der Nächste und lassen z.B. das Fahrzeug dort liegen oder stehen, wo es ihnen gerade passt. Wien hat z.B. eine Verordnung: Das Rad muss nicht neu erfunden werden! Bitte den Link unten öffnen und lesen.
    Die aktuelle Situation ist jedenfalls unbefriedigend! Allein heute morgen habe ich z.B. mehrere E-Roller und Mieträder in Schöneberg gesehen: mitten auf dem Gehweg liegend, sodass man drübersteigen musste (was wäre wenn ein sehbehinderter alter Mensch darüberfallen würde?), auf schmalem Gehweg, sodass man kaum vorbeigehen kann, gestapelt auf einer Wiese im Park usw. Nebenbei: das eigene Fahrzeug würde man so auch nicht behandeln.
    https://www.radlobby.at/sites/default/files/atoms/files/20180628_verordnung-der-stadt-wien-zu-stationslosen-mietraedern.pdf

  2. 9.

    Lithion Ionen Akkus explodieren übrigens, wenn sie längere Zeit ab Minus 5 Grad und mehr ausgesetzt sind, und können dann in Brand geraten.
    Aber auch bei milderen winterlichen Temperaturen sieht es mit der Umweltbilanz mau aus, da sich dann die LI Akkus deutlich schneller entladen.

  3. 8.

    Was ist denn ein E-Roller Experte? Wie wird diese "Stufe definiert und erreicht?

  4. 7.

    Ob die E-Scooter(nicht Elektroroller, Herr Jung [s. letzte Antwort]) mehr als nur ein "Spaßmobil" sind, wird sich ja dann im Herbst und Winter zeigen - bin ja mal auf die Nutzerzahlen gespannt, wenn die Temperaturen nach unten gehen und es regnet und schneit.

  5. 6.

    Wie lang sind die einzelnen Wege, die Herr Jung mit dem E-Tretroller zurücklegt? Fußläufig oder länger als ein typischer Radfahrerweg?

    Steht alles explizit im Text. Auch heute gilt: Erst lesen, dann meckern.

  6. 5.

    Ein bisschen eitel, das Interview: Zwei Experten werfen sich die Bälle zu. Bis zu der Antwort über das Pilotprojekt in Hamburg ist man problemlos dabei, aber bei der Antwort auf die Fragen zu Streeses Einschätzung und dem möglichen Landesgesetz kommt dann die Floskel "ist nach meinen Informationen durchaus auch auf dem Weg in Richtung Sondernutzung". Was soll das heißen? Ich verstehe es nicht. Was ist "eine Sondernutzung für stationslose Systeme"? - Sollen als solche System dann Autos gelten, deren "Sondernutzung" verboten oder eingeschränkt wird? Oder sind das die E-Roller? Die nächste Frage dann scheint Aufklärung zu bringen, aber dann kommt wieder die Floskel "auf dem Weg in Richtung Sondernutzung". Was soll das heißen, erklärt es bitte! Oder mit den Worten des Interviewpartners: "Dafür bräuchte es dann tatsächlich eine Nachschärfung!"

  7. 4.

    Es wäre doch ratsam gewesen vor der Freigabe auf die, zum Teil gravierenden, Erfahrungen in Wien, Barcelona oder Paris zurückzugreifen und bereits zum Start der Erlaubnis entsprechende detaillierte Richtlinien zu erlassen.
    Damit hätte der Wildwuchs und das Chaos verhindert werden können!

  8. 3.

    Und jetzt noch mehr von den.überflüssigen Teilen auf den Stadtrand verteilen. Das wird die Probleme lösen. Wo es hier fast gar keine OA- oder Polizeipräsenz mehr gibt. Und wer soll denn ernsthaft die Dinger benutzen? Eine Erhebung im Vorfeld wäre interessant^^. Lächerlich. Dann können ja die Spinner, die sich hier nachts Rennen liefern, mit dem Scooter heim fahren, wenn die Autos geschrottet sind.

  9. 2.

    Da es zum (nicht zu Unrecht umstrittenen) Konzept der E-Roller-Anbieter gehört, die Dinger über Nacht mit Auto-Transportern einzusammeln, um sie zu warten und zu laden, ist es nur logisch, dass sie die Dinger nicht so weit verteilen (wollen). Im Zentrum gibt es ja auch schließlich viel mehr Geld zu holen (Touristen+Hipster). Es ist ein Märchen, dass diese Teile das Pendeln erleichtern (sollen). Sie diesen nicht denjenigen, die schlechte Takte oder weite Anfahrtswege überbrücken müssen, sondern sind vor allem ein: teure, reine Spaßmobile. Weder umweltfreundlich (Akku-Schrott, kurze "Lebensdauer") noch gesund (verdrehte Stehposition, es wird noch weniger gelaufen).

  10. 1.

    Gegen die übermäßige Nutzkng der Gehwege gibt es heute bereits ein Werkzeug: StVO.

    Nur besteht offensichtlich seitens der Bezirke kein Interesse, dieses Werkzeug zu nutzen.

    Wie lang sind die einzelnen Wege, die Herr Jung mit dem E-Tretroller zurücklegt? Fußläufig oder länger als ein typischer Radfahrerweg?

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