Ein Kundgebungsteilnehmer mit einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, steht am Sonntag (02.09.2012) am Grazer Platz in Berlin. (Quelle: dpa/Schuh)
Audio: Abendschau | 21.08.2019 | Tom Garus | Bild: dpa/Schuh

"Berlin-Monitor 2019" - Diese politischen Einstellungen sind in Berlin verbreitet

Eine neue Studie liefert einen Einblick in die Köpfe der Berliner: So denkt mehr als jeder Vierte, dass sich Hartz-IV-Empfänger auf Kosten anderer ein schönes Leben machen und jeder sechste meint, Menschen jüdischen Glaubens hätten zu viel Einfluss.

Drei Viertel der Berliner sind mit der Demokratie grundsätzlich zufrieden. Etwa neun von zehn sehen eine Diktatur nicht als bessere Staatsform an. Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Berlin-Monitor 2019 hervor. Damit liegt erstmals eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu politischer Kultur und Partizipation in der Hauptstadt vor.

Die Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Leipzig und der Hochschule Magdeburg-Stendal kommt jedoch außerdem zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Berlin kein Vertrauen in Politiker haben. Daneben stimmten 16 Prozent der Befragten dem Satz ganz oder teilweise zu: "Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert."

Nach Angaben des Leipziger Professors Gert Pickel, einem der Studienautoren, steht Berlin mit diesen Werten im Vergleich mit anderen Bundesländern insgesamt gut da. Bemerkenswert seien die große Bereitschaft und die Erfahrungen der Berliner dabei, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren und einzumischen. So gaben 18 Prozent an, schon einmal in einer Bürgerinitiative mitgearbeitet zu haben, 58 Prozent würden das machen. 42 Prozent nahmen schon an genehmigten Demos teil, weitere 39 Prozent zeigten sich dazu bereit.

Die Mehrheit spricht von Diskriminierungserlebnissen

Ein großes Thema in Berlin ist der Studie zufolge Diskriminierung. 57 Prozent der Befragten gaben an, schon selbst aus unterschiedlichen Gründen diskriminiert worden zu sein. Geschieht dies wegen des Geschlechts, sind meist Frauen die Opfer, passiert es aus religiösen Gründen,  zumeist Muslime.

Sogenannte gruppenbezogene Vorurteile pflegt der Studie zufolge nur eine Minderheit der Berliner. 29 Prozent stimmen der These zu: "Die Anzahl der Muslime in Deutschland ist zu hoch." Umgekehrt sind 77 Prozent der Meinung, Flüchtlinge müssten in Deutschland immer willkommen sein. Es gibt auch soziale Vorurteile: 27 Prozent glauben, Hartz IV-Empfänger machten sich auf Kosten anderer ein schönes Leben.

Antisemitismus nicht so verbreitet

In der Untersuchung gingen die Wissenschaftler außerdem der Frage nach, wie weit Antisemitismus verbreitet ist. Ergebnis: Weniger als in anderen Teilen Deutschlands und umso stärker, je weiter rechts sich die Befragten im politischen Spektrum verorten. Immerhin 16 Prozent stimmen ganz oder teilweise der These zu: "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß."

Eine weitere Form des Judenhasses, nämlich der israelfeindliche Antisemitismus, ist laut Studie häufiger unter muslimischen Berlinern und solchen mit Migrationshintergrund anzutreffen. Die Behauptung etwa, Israels Umgang mit den Palästinensern sei genauso schlimm wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg, teilen 55 Prozent der Berliner ohne deutschen Pass ganz oder teilweise. Auch 42 Prozent der Berliner mit ausländischen Wurzeln und 35 Prozent der Berliner ohne Migrationshintergrund stimmt dem "manifest" oder "latent" zu.

Behrendt: "Bekämpfung gruppenbezogener Vorurteile"

Nach Einschätzung des für das Thema Antidiskriminierung zuständigen Senators Dirk Behrendt (Grüne) zeigen die Ergebnisse der Befragung "Licht und Schatten". Nach den jüngsten antisemitischen Übergriffen in der Hauptstadt bestätigten die Ergebnisse der Befragung den Senat, im Kampf gegen Antisemitismus nicht nachzulassen. "Gleichzeitig zeigen auch die islamfeindlichen Einstellungen und die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, dass wir uns der Bekämpfung von gruppenbezogenen Vorurteilen weiter zuwenden müssen."

Auf der anderen Seite zeige das hohe Maß an zivilgesellschaftlichem und politischem Engagement, dass die Berliner mehrheitlich bereit seien, die Demokratie zu verteidigen. Auch wenn es unbestreitbar Probleme gebe, sei das Selbstbild Berlins einer toleranten und weltoffenen Stadt also "nicht ganz so falsch".

Für die Erhebung wurden nach Angabe der Wissenschaftler zwischen Anfang März und Ende April 2.005 Berlinerinnen und Berliner im Alter ab 16 Jahren befragt, in allen Berliner Bezirken [berlin-monitor.de, Seite 8]. Der standardisierte Fragebogen enthielt neben Angaben zu Geschlecht, Alter, Schulbildung, Einkommen, Religiosität und Migrationshintergrund auch Messinstrumente zur Erfassung von politischen und weltanschaulichen Einstellungen, der Verbreitung von Vorurteilen und von Erfahrungen von Diskriminierung, heißt es in dem Bericht. Ausgewählt wurden die Befragten durch ein mehrstufiges, in anderen Befragungen bewährtes Verfahren, einschließlich Zufallsstichprobe.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, drei Viertel der befragten Berliner seien mit der Demokratie unzufrieden. Das ist falsch - der Berlin-Monitor ergab, dass rund drei Viertel mit der Demokratie grundsätzlich zufrieden seien, das Dokument ist oben verlinkt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Sendung: Abendschau, 21.08.2019, 19:30 Uhr

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18 Kommentare

  1. 18.

    Die USA hierbei als Vorbild zu sehen, finde ich schon sehr merkwürdig.

  2. 17.

    Leider hat auch diese Studie teils fundamentale Mängel. Die Studienerstellenden sind nicht einmal in der Lage, zwischen qualitativer und quantitativer (ihrer) Arbeit zu unterscheiden, wenn sie die Befragenden "Interviewer*innen" nennen.

    Studien zu demokratiefernen Haltungen neigen zu mehrdeutigen Fragen/ Aussagen - so auch hier.

    Die stochastische Aussagekraft über Muslim*innen anhand von rund 60 bekennenden auszumachen, ist, gelinde gesagt, abenteuerlich, gerade weil man bzgl. iraelbezogenem Antisemitismus so sehr auf diese Religionszugehörigkeit hinweist.

    Ferner ist das Festhalten am Mikrozensus-Duktus von "Migrationshintergrund" genau die identitäre, "Leitkultur"-Idee, die viele der AfD-Wählerschaft anzieht. Das sind hierarchisierende und biologisierende Aspekte von Othering und damit Rassismus.

    Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten werden zu "Vorurteilen" verharmlost.

    Lange Literaturliste mit wenigen renommierten Expert*innen.

    Sehr enttäuschend.

  3. 16.

    "Berliner im Sinne dieser Studie sind natürlich alle Menschen, die in Berlin leben, da es hier nicht um Herkunft, sondern um den Wohnort geht! Das ist doch wohl eindeutig!"

    *Ironieon* Und ich habe mich schon gefragt wie weit mein Ariernachw... ähhh, Familienstammbaum reichen muß um als Berliner zu gelten. *Ironieoff*

    Wie wäre nur eine Welt ohne Rassisten, Fremdenfeindlichkeit und Kleingeistern? *schnipp* Mist, wieder aufgewacht. ;-)

    Ich danke Ihnen, manchmal komme ich mir vor als stünde man auf verlorenen Posten.

  4. 15.

    Daniel W., Berlin, Donnerstag, 22.08.2019 | 09:11 Uhr:
    "Ich frage mich gerade wer alles zu "Berliner" zählt. Weil so viele gibt es ja in Berlin nicht mehr. Nur weil man hier wohnt ist man ja kein "Berliner"."

    Was soll die Frage?
    Berliner im Sinne dieser Studie sind natürlich alle Menschen, die in Berlin leben, da es hier nicht um Herkunft, sondern um den Wohnort geht! Das ist doch wohl eindeutig!

  5. 14.

    becker, Berlin, Donnerstag, 22.08.2019 | 12:36 Uhr:
    "wir haben rot-rot-grün an der Macht"

    Ist doch schon mal ein Fortschritt im Vergleich zu früher!

    becker, Berlin, Donnerstag, 22.08.2019 | 12:36 Uhr:
    "... aber als alter Kreuzberger kommt mir die Galle hoch bei dieser Entwicklung, es geht Bergab, die ganze Zeit."

    … besonders mit becker!

    becker, Berlin, Donnerstag, 22.08.2019 | 12:36 Uhr:
    "Vor 30 Jahren, war es hier schöner."

    Ja, ja, früher war alles besser mit Christiane F. am Zoo, VoPos, Mauer und Schießbefehl, …

  6. 13.

    Was für ein rechtspopulistischer Unsinn! Berlin war schon immer Schmelztiegel.

    Ohne die Zugezogenen hätte es Berlin nie gegeben. Hugenotten, Böhmen, Holländer und eben später Türken und Schwaben, die Gastarbeiter der dritten Generation. ;-)

  7. 12.

    "...ich wünschte es würde eine Art USA-Denken eintreten, dass man ungeachtet der Herkunft einfach ein vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft ist sobald man da ist."

    Wobei ein Rechtspopulist wie Drump da ja gerade kräftig daran schraubt, das rückgängig zu machen. Eigentlich war das schon immer Wunschdenken. In den USA ist man erst ein vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft solange man Geld und Einfluss hat.

    Ich wünsche mir dass die Menschen überall auf der Welt erkennen was ihnen Ausgrenzung, Hass und Rattenfänger bringen. Dass sie erkennen was ihnen die Salvinis, die Orbans, die Kaczynskis, die Johnsons vormachen.

    Ich weiß, das wird ein frommer Wunsch bleiben...

  8. 10.

    Stimme dem vollkommen zu.

    alles kam nach Berlin, die Dealer werden mehr und wir haben rot-rot-grün an der Macht... Noch fragen ? Weiß nicht wer, wie und wo erzogen wurde, aber als alter Kreuzberger kommt mir die Galle hoch bei dieser Entwicklung, es geht Bergab, die ganze Zeit.
    Da die Steuereinnahmen allerdings das Maß aller Dinge zu scheinen sein, ist Berlin ganz toll... wie Blind kann man eigentlich sein ? Vor 30 Jahren, war es hier schöner. Erst fiel die Mauer, dann kamen die Abgeordneten, zum Rest äußere ich mich jetzt lieber nicht.

  9. 9.

    Sind Sie als Spandauer eigentlich Berliner? ;-)) Scherz! Spandau und Grünau (wo ich wohne) wurden beide 1920 eingegliedert.

  10. 8.

    Ist das ernst gemeint?

    Berliner sind die gegenwärtig rund 3,7 Mio Einwohner, ob schon immer hiergewesen oder erst seit 5 Min. Die aktuellen Bewohner einer Stadt kreieren diese auch und nicht irgendwelche Geburtsorte.

    Dieses volksstämmige Herkunftsdenken in Deutschland finde ich so rückständig; ich wünschte es würde eine Art USA-Denken eintreten, dass man ungeachtet der Herkunft einfach ein vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft ist sobald man da ist.

  11. 7.

    "Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, mit Ausnahme all der anderen."
    Winston Churchill

  12. 6.

    Sie sehen doch hier wie oft, ganz besondern was Hartz IV Bezieher angeht, das hier von bestimmten Personengruppen immer wieder thematisiert wird.
    Alleine von den letzten 4 Wochen könnte ich Ihnen mehrere Beispiele nennen. Und das ist bestimmt nur die Spitze des Eisbergs, die die Nettiquette passiert haben.

  13. 5.

    Diese Studie ist wahrscheinlich genau so einzuschätzen, wie angebliche Studien zu Kosmetik.

    10 Nutzer testen, 9 sind zufrieden. Macht 90 % Zufriedenheit. Und das wird der Kundin dann als seriöse Studie verkauft.
    Diesen Quatsch, Menschen jüdischen Glaubens hätten zuviel Einfluss, habe ich noch nie gehört und für mich gehört das in eine ganz bestimmte Ecke unserer Mitmenschen.

  14. 4.

    Da sieht man mal anhand der Ergebnisse zu Hartz-IV-Empfängern, dass die Meinungsmache durchs (private) Fernsehen damals super funktioniert hat. Stichwort: Arno Dübel. Der Vorzeige-Faulenzer, der von den Medien durch die Talkshows gereicht wurde, um sich als schlechtes Beispiel in die Köpfe der Zuschauer zu brennen.

  15. 3.

    Ich frage mich gerade wer alles zu "Berliner" zählt. Weil so viele gibt es ja in Berlin nicht mehr. Nur weil man hier wohnt ist man ja kein "Berliner".

  16. 2.

    Irgendwie habicks jeahnt! Danke für die Bestätigung!

  17. 1.

    Was soll ich jetzt als Spandauer von "Andersartigen" denken?
    Ich denke an die Bayern und die Schwaben. Ok - auch an die Berliner ;-) - die sind schon irgendwie andersartig.
    Meine Nachbarn sind Ägypter, Türken, Polen, Rumämen, Russen - und weiss ich noch was - schiet - dit klappt.
    "Low-Level-Multikulti" oder einfach nur "Leben und Leben lassen"?
    >Drei Viertel der Berliner sind mit der Demokratie unzufrieden. Etwa neun von zehn sehen eine Diktatur aber nicht als bessere Staatsform. <
    Könnte mir mal jemand dieses Verhältnis erklären. Könnte spannend werden.
    >und jeder sechste meint, Menschen jüdischen Glaubens hätten zu viel Einfluss<
    Ich habe in meinem Umfeld Muslime, Christen (auch "Hardcorechristen"), Veganer, sogar einen Buddhisten - na und, werden eben zwei, drei Grill aufgestellt. Wo ist das Problem. Einen jüdischen Bekannten habe ich leider nicht. Wäre echt 'ne Bereicherung für alle Seiten.
    1000 Zeichen reichen nicht aus!

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