1. Klasse einer Schule in Potsdam (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa/Jens Kalaene

Kritik an Bildungspolitik in Brandenburg - GEW: Jeder zweite neue Lehrer ist Seiteneinsteiger

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Brandenburg schlägt Alarm: Der Anteil der Seiteneinsteiger unter den neuen Lehrkräften liege mit knapp 50 Prozent deutlich höher als offiziell vom Ministerium angegeben. Die Grundversorgung sei in Gefahr. Von Lisa Steger

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert die Bildungspolitik der Landesregierung scharf. "Das ist ein Politikversagen, die Grundversorgung ist in Gefahr", sagte der Landesvorsitzende Günther Fuchs am Donnerstag. Es gebe zu viele Seiteneinsteiger im Schuldienst, es drohe eine "Entprofessionalisierung" des Berufes, erklärte Fuchs.

Anfang August hatte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) mitgeteilt, jede dritte neue festangestellte Lehrkraft sei ein Seiteneinsteiger oder eine Seiteneinsteigerin. Er oder sie habe also keine universitäre pädagogische Ausbildung. Konkret: 456 von 1.474 Lehrkräften.

"Mehr als 45 Prozent sind Seiteneinsteiger"

Diese Zahl sei nur ein Teil der Wahrheit, sagt dagegen GEW-Vorsitzender Günther Fuchs. Man dürfe nicht nur die Festangestellten betrachten. Er hält dagegen, von den 650 Menschen, die jetzt neue Zeitverträge erhalten hätten, seien allein 422 Seiteneinsteiger. Zudem rechnet er Studienabbrecher und Lehramtsabsolventen mit Bachelor-Abschluss zu den Seiteneinsteigern, aber auch Lehrer, die zum Beispiel für das Gymnasium studiert haben und jetzt an einer Grundschule arbeiten. Seine Bilanz: "Mehr als 45 Prozent sind Seiteneinsteiger."

Günther Fuchs zufolge haben die meisten Seiteneinsteiger ihre Arbeitsverträge erst kurz vor Schuljahresbeginn erhalten; sie hätten die eigentlich für sie vorgesehenen Vorbereitungskurse nicht besucht und müssten sich jetzt berufsbegleitend fortbilden.

GEW: Engpässe auch in Grundschulen

Dem Gewerkschafter zufolge gibt es im berlinfernen Raum die meisten Seiteneinsteiger: "Betroffen sind die Regionen entlang der Oder - alle Regionen im Grunde außerhalb der Städte und Ballungsräume, die Region Richtung Schwedt und nördlich von Frankfurt (Oder), aber auch Teile der Region um den Landkreis Oder-Spree herum", so Fuchs.

Die Situation sei besonders dramatisch in den Grundschulen, Oberschulen und in der sonderpädagogischen Förderung, berichtet der GEW-Mann. "Wir hatten noch zu keinem Zeitpunkt mehr Seiteneinsteiger im System. Das wird auch in den nächsten Jahren noch schlimmer werden." In den Grundschulen würden die Weichen gestellt, so Fuchs. "Wenn die Kinder nicht mehr richtig lesen, schreiben und rechnen lernen, müssen wir uns über andere Dinge nicht unterhalten."

Runder Tisch gefordert

Die Landesregierung habe den Prozess zehn Jahre lang verschlafen, zeigte sich der Gewerkschafter überzeugt. Er forderte von der zukünftigen Landesregierung einen "Runden Tisch" für Bildungsfragen. Sein Anliegen: Mehr Studienplätze in den Lehramtsstudiengängen und mehr Lehrerstellen, auch wegen der steigenden Geburtenraten und wegen des Zuzugs.

Lehramtsstudenten müssten zudem besser betreut werden, damit weniger von ihnen das Studium abbrechen. Zudem müsse die Studienberatung verbessert werden: "Viele studieren mit der Fächerkombination Deutsch und Geschichte, doch wir brauchen vor allem Leute mit Grundschulausbildung und für die MINT-Fächer."

Bildungsministerium nennt andere Zahlen

Das Bildungsministerium teilt auf Anfrage mit, die Zahlen, die Bildungsministerin Ernst Anfang August vorgestellt habe, seien weiterhin gültig. Der damaligen Pressemitteilung zufolge gibt es an Brandenburger Schulen im Schuljahr 2019/2020 rund 2.500 unbefristet und befristet arbeitende Seiteneinsteiger. Dies entspreche einem Anteil von 12,3 Prozent.

Allerdings geht aus dem Schreiben auch hervor, dass bei den neuen Lehrkräften der Anteil der Seiteneinsteiger seit Jahren steigt: Von 21,2 Prozent im Jahr 2017 über 26,4 Prozent im vergangenen Jahr zu 33,3 Prozent in diesem Jahr.

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Beitrag von Lisa Steger

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6 Kommentare

  1. 6.

    Das muss ich leider bestätigen. Auch in der Klasse meines Kindes (Mittelstufe) ist kaum zu glauben, was Störer, Schwänzer und Leistungsverweigerer eigentlich noch für recht passable Zeugnisse bekommen. Die Botschaft an die Anderen: benimm Dich schlecht, sei faul und frech, trotzdem klappt‘s locker mit der Versetzung. Dass diese Schüler nach einem MSA dann aber Defizite aufweisen und kaum weiter ausbildbar sind, ist zu vernachlässigen. Hauptsache die Schulpflicht ist erfüllt und der Gesetzgeber ist raus aus der Verantwortung. Das eigene Kind trotz allem bei der Stange zu halten ist manchmal-verständlicherweise-mühselig. Das ist Berlin.

  2. 5.

    Manipulierte Zeugnisse sind Gang und Gäbe. Damit Schüler durch die Schulpflicht gezottelt werden können, werden Ihnen Fehlverhalten, Leistungsverweigerung und unterdurchschnittliche Leistungen mit mindestens einer 4 oder sogar 3 belohnt. Wogegen sich andere Schüler, die sich verbindlich Mühe geben und das Schlamassel tagtäglich ertragen bis zur Decke strecken müssen, um Zweien bekommen zu können. Es werden Schüler im Gymnasium aufgenommen, die meilenweit entfernt von einer gymnasialen Empfehlung und Tauglichkeit dafür sind, genauso wie Schüler, die psychische Probleme haben und den Rahmen sprengen. Und das für Jahre. Inklusion.ist gescheitert und es müssen umgehend die Vorschule und 13. Klasse wieder eingeführt werden. Das Berliner Bildungssystem ist beschämend und eine Sauerei. Reicht das?

  3. 4.

    Lehrer müssen für ihre Mindestbesoldung klagen. Tarifanpassung bis jetzt immer noch nicht gezahlt!! Die 2. Fremdsprache darf abgewählt werden. Durchschnittsstatistiken für die Verwaltung (Exceltabellen?) füllen. Letzte Plätze in allen Rankings. Schlechte Chancen, weil brb. Abschlüsse belächelt, Zeugnisse "manipuliert" werden(keine Fehltage, Sozialverhalten nie unter 4). Wertschätzung altgedienter Lehrer - Fehlanzeige. Noch Fragen? (Keine Zeit mehr zum Aufzählen - kann ein Anderer hier weitermachen?)

  4. 3.

    Nun ist Berlin schon, was Schulbildung anbelangt auf dem letzten oder vorletzten Platz gelandet.
    Jetzt geht es noch mehr bergab, befürchte ich.
    Die armen Kinder.

  5. 2.

    "Es gebe zu viele Seiteneinsteiger im Schuldienst, es drohe eine "Entprofessionalisierung" des Berufes, erklärte Fuchs."
    Wie lautete noch neulich die Haltung eines Kommentierenden in der Abendschau? "Von mir aus können es auch 100% Quereinsteiger*innen geben." - bildungsferner Ausdruck eines tradierten und manifesten Geringschätzens des Lehrer*innenberufs und der Pädagogik insgesamt.

    Es geht nicht darum, niemanden in den Beruf zu lassen, sondern darum, eine gesamtgesellschaftliche Atmosphäre zu schaffen, in der soziale Berufe allgemein Spitzenberufe sind, um die sich gerissen wird. Bei den volkswirtschaftlichen Möglichkeiten Deutschlands ist das ein Armutszeugnis eigener Bildungspolitiken. Es gibt bereits jetzt "Bildungsferne" und diese ist konstruiert, vom selektiven Bildungssystem, wie wir es haben. Das kommt davon, wenn "Leistung", "Begabung", Anpassung und Selbstoptimierung die einzigen Narrative sind, auf die man setzt - grotesker, gesellschaftszersetzender Neoliberalismus.

  6. 1.

    "Die Landesregierung habe den Prozess zehn Jahre lang verschlafen, zeigte sich der Gewerkschafter überzeugt."

    Warum sollten dann in der Zeit vor 2015 Schulen, insbesondere Grundschulen geschlossen werden?

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