Schüler demonstrieren am 19.07.2019 in Berlin bei der Fridays for Future-Demonstration (Bild: imago images/Emmanuele Contini)
Bild: Audio: Inforadio | 05.08.2019 | Interview mit Sabrina Zajak

Interview | Fridays for Future - "Ihr kreatives Potenzial macht diese Bewegung so besonders"

Fünf Tage lang haben Unterstützer von Fridays for Future in Dortmund ihren ersten Kongress abgehalten. Wo steht die Bewegung im Moment und wo will sie hin? Ein Gespräch mit Sabrina Zajak vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung.

rbb: Frau Zajak, unbestritten haben die Klimaproteste der jungen Generation viel Aufmerksamkeit erfahren und die Politik unter Zugzwang gesetzt. Nun stellt sich die Frage, wie es mit so einer basisdemokratischen und informellen Bewegung weitergehen kann. Wieviel hat Fridays for Future die Standortbestimmung in Dortmund gebracht?

Sabrina Zajak: Es war sehr wichtig für die Bewegung, die Sommerpause zu nutzen, um sich zu sammeln, gemeinsam zu reflektieren und zu diskutieren: Welche Strategien wählen wir, welche Taktiken, welche Ziele verfolgen wir, und wie wollen wir sie umsetzen? Also nicht nur in den Demonstrationen Forderungen stellen, sondern auch zu besprechen: Was machen wir auf lokaler und auf städtischer Ebene, in den Familien, in den Gemeinden, wer sind unsere Adressaten? Aber auch: Wer sind unsere Bündnispartner, welche Themen müssen wir aufgreifen? Ich denke, an dem Punkt ist die Bewegung jetzt angekommen. Das war sehr wichtig.

Fridays for Future ist längst keine reine Schülerbewegung mehr. Ist es ein Erfolg, so breit aufgestellt zu sein? Oder ist es ein Problem, wenn die Bewegung gewissermaßen glatt geschliffen werden könnte?

Sie müssen zwei Aspekte betrachten: Die Bewegung selbst, beziehungsweise ihre Aktivisten und Akteurinnen, möchten sich nicht von anderen beeinflussen oder okkupieren lassen. Das ist verständlich. Andererseits ist es natürlich ein Erfolgsfaktor, wenn andere ihre Themen aufgreifen und übernehmen. Es geht auch darum, dass Brücken zwischen Themen geschlagen werden. Also: Was ist die Beziehung zwischen Klima und Umweltschutz, sozialer Gerechtigkeit, sozialer Ungleichheit, der Migration, Integration, Diskriminierung? Wo sind Anknüpfungspunkte dieser ganzen Themen, wo sind vielleicht auch keine? Das muss man besprechen und ausdiskutieren.

Von allen Parteien freuen sich Die Grünen, gerade die Grüne Jugend, wahrscheinlich am meisten über Fridays for Future. Wie groß ist das Risiko für Fridays for Future, von sehr professionell organisierten Strukturen absorbiert zu werden?

Das Risiko absorbiert zu werden, ist nicht wirklich hoch. Die Bewegung ist sehr groß, die jungen Leute sind hochmotiviert, etwas zu tun. Es ist klar, dass sie von Organisationen unterstützt werden, die ebenfalls interessiert sind, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Das muss aber nicht negativ für die Bewegung sein. Die Frage ist: Wie gehe ich mit größeren Organisationen um, wie mit Parteien, wie positionieren wir uns dazu? Das war auf dem Kongress immer wieder Thema. Sie gehen sehr reflektiert damit um.

Aufmerksamkeit hat Fridays for Future längst bekommen. Jetzt will man Konkretes bewegen. Wie stellt man das jetzt an: mit radikalen Aktionen? Wie konsensfähig wäre das?

Wie man das anstellt, ist immer die Gretchenfrage von Bewegungen und Aktivisten. Es gibt nicht nur eine effektive Taktik. Auch hängt die Frage, welche Taktik ich wähle, nicht unbedingt davon ab, ob ich sie als effektiv einschätze. Es gibt unterschiedliche Positionen. Manche Gruppen werden sagen: Wir müssen etwas radikaler werden. Andere Gruppen werden es ganz anders machen wollen. Denn gerade ihr kreatives schöpferisches Potenzial macht diese Bewegung so besonders, auch so attraktiv. Man fängt bei der Politik im Kleinen an, bei sich selbst. Das beginnt bei der Änderung des eigenen Lebensstils, des eigenen Konsumstils. Aber auch des eigenen Umfeldes, in der Arbeit, in der Schule, in Verbänden, in Vereinen. Also ich versuche, meine eigene Lebenswelt besser zu gestalten.

Man hört jetzt aus manchen regionalen Gruppen, dass dort immer mehr die sogenannten linksradikalen Protestprofis das Sagen hätten, und die anderen dadurch verdrängen. Wie groß ist die Gefahr einer Radikalisierung?

Ich denke nicht, dass man in diesen Gruppen jetzt sozusagen einen "friendly oder hostile takeover" sehen wird. Die Aktivisten sind sich sehr bewusst, sie reflektieren darüber. Aber es gibt natürlich auch bestehende Gruppen, die andere Taktiken wählen, und man diskutiert etwa die Frage nach zivilem Ungehorsam. Diese Debatten, und wie sie beantwortet werden – das wird sicherlich von Ortsgruppe zu Ortsgruppe sehr unterschiedlich ausfallen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Sabrina Zajek sprach Alexander Schmidt-Hirschfelder, Inforadio. Das vollständige Gespräch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.  

Sendung: Inforadio, 05.08.2019, 07:29

 

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

21 Kommentare

  1. 21.

    Auf den Zusammenhang bitte achten:
    Zitat
    Und Gewerkschaftschef Bsirske fällt nichts Besseres ein, als mit schulschwänzenden Schülern gegen den Klimawandel zu streiken.

  2. 20.

    "Siemens, Bosch, Ford, Deutsche Bank, Deutsche Post, Karstadt-Kaufhof – überall droht ein massiver Stellenabbau."

    Und der droht wegen der Forderungen von FfF oder aufgrund von Gewinnmaximierungen?

  3. 19.

    Über den Tellerrand geschaut. Als Unternehmen wird es schon interessant wie die Energiekosten sind. Niederlande 8 Cent Deutschland 30 Cent und steigend. Die Forderungen von Fridays for Future sind unrealistisch. Der Kommentar hat eben sehr wohl mit dem Interview zu tun. Ein weitere Zusammenhang ist mit dem "Kommentar" von Dr. Kawasaki. Aber auch das haben Sie nicht bemerkt.

  4. 17.

    Gegenfrage: wie wäre denn der Umwelt geholfen wenn der Hype nicht existieren würde? Meiner Meinung nach wäre das Thema dann überhaupt nicht in der Diskussion und niemand, wirklich niemand käme auf die Idee politisch zu handeln.

  5. 16.

    Inwieweit hat Ihr Kommentar etwas mit dem Interview zu tun? In der Schule würde es heißen: "Thema verfehlt, sechs setzen!"

  6. 15.

    Siemens, Bosch, Ford, Deutsche Bank, Deutsche Post, Karstadt-Kaufhof – überall droht ein massiver Stellenabbau. Tausende Arbeitsplätze werden in den nächsten Monaten verloren gehen. Und Gewerkschaftschef Bsirske fällt nichts Besseres ein, als mit schulschwänzenden Schülern gegen den Klimawandel zu streiken.

  7. 14.

    Dieser Sommerkongress hatte unglaublich gut durchdachte Workshops. Ich stimme der Einschätzung absolut zu, dass dieses Treffen extrem wichtig war! Ebenso richtig ist (eigene Erfahrung), dass die Bewegung so kreativ ist! Ich mache gerne Freitags mit, weil das nicht nur starke Bilder gibt, sondern auch ein unglaublich großes Zusammengehörigkeitsgefühl! Dass FFF eine breite gesellschaftliche Unterstützung erfährt und gut Bündnisse schmiedet, sieht man auch am Protestaufruf der Gewerkschaft ver.di zum 20. September!

    Leider fragt der Interviewer nur nach angeblich linksextremen Unterwanderungsversuchen, obwohl das nachweislich bisher nur in 1 von über 500 Ortsgruppen versucht wurde - und misslang! Nicht erwähnt wurde der Versuch von rechten Gruppen, der Bewegung zu schaden. Und das ist leider kein Einzelfall, sondern hat System.

    Quelle für beide Behauptungen: https://de.wikipedia.org/wiki/Fridays_for_Future#Instrumentalisierung_und_Missbrauch

  8. 13.

    Blabla. Es geht Ihnen doch nur ums Recht haben, Umwelt- und Klimaschutz sind Ihnen egal. "Nach uns die Sinnflut." Wählen Sie Ihre AfD und dann ist gut!

  9. 11.

    Ich kann das schöpferische kreative Potenzial der Demos und einzelner Propagandisten wirklich nicht erkennen. Stattdessen werden Lobby-Feinbilder übernommen unnd Plattitüden nachgeäfft, z.B. Politik-Bashing, die nichts gemacht habe, oder der böse SUV-Fahrer, egal ob das Ding rumsteht oder nicht, oder die Mär, dass E-Antriebe alles retten würden, ohne dabei die Primärenergie zu beachten, oder ...

    Die Chance der jungen Generation, etwas anders zu machen ist groß - tun sie aber nicht. Sie könnten auf Streaming von Musik und Videos verzichten, denn auch der Verzicht auf digitalen Konsum würde viel bringen. Schulen verantwortungsvoller zu heizen - und zwar aus eigenem Tun heraus, wäre ein Riesenhebel, machen die Jugendlichen aber in kaum einer Schue. Potenzial ca. 70-80% des Wärmeverbrauchs. Das wissen wir aus mehreren gemessenen und Energie optimierten Schulen.

    Rumgetönt hat jede Generation. Was ich bisher sehe, überzeugt mich nicht, dass diese auch sich selbst ändert.

  10. 10.

    Das es der Umwelt nicht gut geht ist klar und sollte beachtet werden. Aber dieser Hype um den Klimawandel schadet mehr der Sache als das es hilft.
    Die Schüler werden taktisch gut motiviert, die Politik erfindet eine Steuer und jeder (Organisationen usw) springt auf diesen Zug auf.
    Jedoch der Umwelt hilft niemand wirklich.

  11. 9.

    @RBB: Stimmt, aber die Leser können sich selbst ein Bild, mit welchen missverständlichen u. eine Pflichtteilnahme suggerierenden Formulierungen die Schule, die Eltern "informiert":
    "im Rahmen des Kunstunterrichts wollen sich viele ... Schüler für...den ... Klimaschutz einsetzen. Um ihr Engagement zu unterstützen, werden <Namen der Lehrkräfte> gemeinsam mit den ... Schülern der 9A und 9C am Freitag, den 14.06.2019 an der Schülerdemonstration FRIDAYSFORFUTURE in Köln teilnehmen."
    "Beachten Sie bitte, dass eine schulische Exkursion für die teilnehmenden Schüler verpflichtend ist und ein Fernblieben entschuldigt werden muss"
    (Quelle: https://www.facebook.com/NRWstehtauf/posts/2813641478652673/)

    "die Schüler" doppeldeutig, ob bezogen auf die Schüler, die sich für den Klimaschutz einsetzen wollen od. die gesamten Schüler der Klassen 9A und 9 C (zudem 3 begleitende Lehrkräfte),
    "teilnehmend" doppeldeutig, ob eine Bedingung (Teilnahme) nennend od. nur beschreibend.

  12. 8.

    Zum Interview selbst haben Sie auch noch was zu sagen? Oder wollten Sie einfach nur mal sachfremd vor sich hin blubbern?

  13. 7.

    "freiwillige Exkursionen" und "freiwillige" Mitgliedschaften in FDJ und den Pionieren gab es auch in den DDR Schulen genau so! Eine Schule hat sich aus politischen Motivierungen strikt rauszuhalten!

  14. 5.

    unglaublich, -Demo-Pflicht für Schüler, das ist DDR Schulzeit pur! Das sollte (muss) ein Nachspiel haben!

  15. 4.

    Ich kann meine Kinder und Enkel verstehen.
    Ich bin nun nicht gerade ein Vorbild für meine Nachkommen,aber ma sehen was auch ich unternehmen kann.
    Aber eins ist jetzt schon Fakt,ich werde keine Partei wählen ,die unsere Kinder für ihren Protest bestrafen wollen.

  16. 3.

    Stimmt so nicht. Es ging in Kürten um zwei Klassen und eine freiwillige Exkursion zu "Fridays for Future". Das Interview unserer WDR-Kollegen mit dem Schulleiter können Sie hier nachlesen:
    https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/fridays-for-future-kuerten-schule-exkursion-100.html

  17. 2.

    Dass Luisa Neubauer und Jakob Blasel bei den Grünen bzw. der Grünen Jugend sind, weiß nun mittlerweile jeder,

    Von wegen "basisdemokratische und informelle Bewegung" (RBB), "Von allen Parteien freuen sich Die Grünen, gerade die Grüne Jugend, wahrscheinlich am meisten über Fridays for Future." (RBB), "Die Bewegung selbst, beziehungsweise ihre Aktivisten und Akteurinnen, möchten sich nicht von anderen beeinflussen oder okkupieren lassen" (Prof. Zajak)"Das Risiko absorbiert zu werden, ist nicht wirklich hoch." (Prof. Zajak).

    Für Schulpflichtige Personen verpflichtende Teilnahme an den Demos(Gesamtschule Kürten, also staatliche verordnete Demopflicht, sind auch publik geworden.

    Worum es wirklich geht, sieht der Bürger an den Steuerüberlegungen der Regierungs- und sonstigen Altparteien, Stichwort: CO2-Steuer.

Das könnte Sie auch interessieren