Andreas Kalbitz nimmt am Wahlkampfauftakt der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (Quelle: dpa/Patrick Pleul).
Video: Brandenburg Aktuell | 29.08.2019 | S. Friedrich/ K.Kooroshy | Bild: dpa/Patrick Pleul

Rechtsextreme Gruppe "Heimattreue deutsche Jugend" - Rechtsextreme Camps: Sagt Brandenburger AfD-Chef Kalbitz die Wahrheit?

Brandenburgs AfD-Chef Kalbitz hat offenbar in den Neunzigern an einem Camp der rechtsextremen Vereinigung "Die Heimattreue Jugend" teilgenommen. Kalbitz hatte unlängst erklärt, er habe nur 2007 an einem Lager der "Heimattreue deutsche Jugend" teilgenommen.  Das ist allerdings derselbe Verein, der sich umbenannt hatte. Von Sebastian Friedrich, Georg Heil und Kaveh Kooroshy

Der AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Andreas Kalbitz hat offenbar im Juli 1993 an einem sogenannten Sommerlager des rechtsextremen Vereins "Die Heimattreue Jugend e.V." in der Nähe des thüringischen Ortes Mittelsömmern teilgenommen - dies ergeben gemeinsame Recherchen des ARD-Politikmagazins "Kontraste" und der rbb-Sendung "Brandenburg aktuell".

Der Vorgang ist brisant, denn unlängst hatte Kalbitz noch erklärt, er habe außer im Jahr 2007 an keinem anderen Lager des Vereins "Heimattreue deutsche Jugend" teilgenommen. Formal ist das korrekt. Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch um denselben Verein. "Die Heimattreue Jugend" hatte sich später in "Heimattreue deutsche Jugend" (HDJ) umbenannt. 2009 wurde sie durch das Bundesinnenministerium wegen Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verboten.

Kalbitz wurde von der Polizei als Teilnehmer erfasst

Das Sommerlager der Rechtsextremen im Jahr 1993 ist von der Polizei zunächst observiert und dann durchsucht worden. Aus einer Verfassungsschutzakte geht hervor, dass die Thüringer Polizei bei einer Kontrolle von Personalien einen "Kalbfitz, Andreas, geb. 17.11.1972 in München" wohnhaft in München als Teilnehmer des Sommerlagers notiert hat. Geburtstag und -ort sind identisch mit den Daten von Andreas Kalbitz - die falsche Schreibweise seines Nachnamens beruht offenbar auf einem Tippfehler. Diese Akte liegt "Kontraste" und "Brandenburg aktuell" in Auszügen vor.

Teilnehmer fiel Kalbitz als "Scharfmacher" auf

"Kontraste" und "Brandenburg aktuell" haben zudem einen Teilnehmer des rechtsextremen Lagers ausfindig gemacht, der sich an Kalbitz während des Sommerlagers erinnert. Dietwald Claus, der inzwischen aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen ist, gibt an, Kalbitz sei ihm dort als "Scharfmacher" aufgefallen. "Er war ein bisschen härter drauf als die meisten", so Claus.

Nach der Durchsuchung des Lagers durch die Polizei schrieb Claus auch 1995 im "Thule-Netz", einem rechtsextremen Online-Forum über das Lager und Kalbitz. Entsprechende Protokolle liegen "Kontraste" und "Brandenburg aktuell" vor. Claus, der seit rund 20 Jahren in Nordamerika lebt, erfuhr nach eigenen Angaben erst durch die Anfrage der Medien von Kalbitz' Funktionen innerhalb der AfD.

Kalbitz will sich nicht zu Teilnahme äußern

Als ein Reporter von "Brandenburg aktuell" Kalbitz am Montag nach seiner Teilnahme an dem Camp, die bislang nicht öffentlich bekannt war, fragt, erklärte er: "Ich habe mich dazu schon vollumfänglich geäußert. Ich denke, das ist ein alter Hut und ich halte das für Wahlkampfgetöse, dass das jetzt aufgewärmt wird." Auf eine schriftliche Nachfrage antwortete der AfD-Politiker nicht im Detail.  Er erklärte sinngemäß, die Fragen seien unsinnig und kündigte an, seinen Rechtsanwalt einzuschalten. Ein wörtliches Zitieren seiner Antwort untersagte Kalbitz.

Interessant ist die Teilnahme des damals 20-jährigen Kalbitz an dem rechtsextremen Lager in Thüringen insbesondere im Kontext von weiteren Presseveröffentlichungen. Bereits im vergangenen Jahr hatte "Kontraste" berichtet, dass Kalbitz 2007 an einem Pfingstlager des Neonazi-Vereins, der sich zwischenzeitlich in "Heimattreue deutsche Jugend" umbenannt hatte, teilgenommen hat. "Ich war als Gast dort, mutmaßlich, um mir das mal anzuschauen. Ich sehe da kein Problem", so Kalbitz 2018 gegenüber "Kontraste".

Welche Verbindung besteht zur HDJ?

Vergangene Woche berichtete dann das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über eine E-Mail, die Kalbitz und sechs weitere Personen im Mai 2009 von Sebastian Räbiger, dem letzten "Bundesführer" der HDJ zugesandt wurde. In der Mail weist Räbiger auf ein Interview hin, das er anlässlich des sechs Wochen zuvor erfolgten Verbots der HDJ durch das Bundesinnenministerium gegeben hatte.

Die Teilnahme an dem Lager 2007 und nun offenbar auch im Jahr 1993 sowie der Erhalt der E-Mail des HDJ-"Bundesführers" werfen die Frage auf, inwieweit Kalbitz enger mit dem rechtsextremen Verein in Verbindung gestanden hat, als dies die Äußerung, er habe sich das Lager 2007 "mal anschauen" wollen, nahe legt.

Kalbitz im "Kernbereich rechtsextremer Milieus aufgefallen"

"Andreas Kalbitz ist, seit er politisch in Erscheinung getreten ist, wiederholt mit Kontakten in den Kernbereich rechtsextremer Milieus aufgefallen, auch mit wiederholten Kontakten in die Neonazi-Szene wie zur HDJ", kommentiert der Rechtsextremismusforscher Gideon Botsch vom Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum die Recherchen von "Kontraste" und "Brandenburg aktuell".

Der Berliner "Tagesspiegel" hatte Kalbitz am 20. August gefragt, ob er ausschließen könne, dass er neben dem HDJ-Lager 2007 selbst noch an weiteren Lagern oder Veranstaltungen der HDJ teilgenommen habe. Kalbitz erklärte, dass er auf keinen weiteren HDJ-Lagern gewesen sei.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 29.08.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Sebastian Friedrich, Georg Heil, Kaveh Kooroshy

Kommentar

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Antwort auf [Lutz Siedentopf] vom 30.08.2019 um 12:43
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51 Kommentare

  1. 51.

    "Ein Land, in dem ein ehemaliges Mitglied der linksradikalen und militanten Gruppe „Revolutionärer Kampf“ Vizekanzler werden konnte, wird doch auch wohl diesen Kalbitz aushalten? Bei einem diesbezüglichen Voting von Spiegel Online wurde Fischers Vergangenheit mehrhaltlich als Jugendsünde abgetan. Also kriegt euch wieder ein! "

    Gut gebrüllt Löwe!

    Als Löwe gesprungen, als Papiertiger gelandet. Ich kann mich nicht erinnern dass Fischer "Gast" bei sowas wie einer HDJ war. Ihr plumper whataboutism schlägt also fehl.

    Kalbitz Vita liest sich hingegen wie eine gerade Linie. Während sich Frankfurter Hausbesetzer dem Establishment anschließen bleibt sich Kalbitz treu. Muß man ihm lassen. Einmal Nazi, immer Nazi.

  2. 50.

    Ja, schade, wa‘? Im Ansatz ja ganz richtig, in der Ausführung politisch ziemlich inkorrekt. Da gebe ich @Yannik recht. Aber zumindest haben Sie es geschafft, 2 Bevölkerungsgruppen gleichzeitig abzuwatschen. Jut jemeint iss nich imma jut jemacht^^

  3. 49.

    Und warum müssen Sie jetzt gegen die Bürger der alten Bundesländer schießen? Na bravo, das hat jetzt geholfen. Soviel zum Thema "Mauern im Kopf"... Doof.

  4. 48.

    Wenn er denn Welpen streichelt, dann her mit dem Bild. Auf NEONAZI-Veranstaltungen wird man Woidke wohl kaum sehen. Also kann man darüber nicht berichten, Kalbitz ist ein NAZI und tut NAZI-Dinge. Darüber habe ich ein Recht informiert zu werden. Jedes verdammte mal. Danke RBB.

  5. 47.

    ich war im Sommer ´93 genau 21 Jahre alt, Student in Jena und bin nicht den Neonazis hinterhergelaufen oder in irgendwelchen dubiosen Burschenschaften, die alte Herren aus dem Westen gesponsert wurden.
    Aber im Gegensatz zu dem "feinen Herrn" Kalbitz bin ich auch kein Wessi, sondern habe rechtzeitig selbständiges Denken erlernt.

  6. 45.

    Sie haben völlig recht. Das Problem dabei ist nur, dass die Fanbase fest davon überzeugt ist, dass das eine Verschwörung und extrem unfair und unwahr ist, was über Herrn K. berichtet wird. "Dann erst recht", scheint die Devise. Das ist dann eher kontraproduktiv. Ich erachte das als schwierig. Denn wer bis jetzt der AfD treu blieb, trotz aller Machenschaften, Skandale und Lügen, der glaubt das jetzt, kurz vor der Wahl, auch nicht mehr. Oder duckt sich noch mehr weg.

  7. 44.

    Mit Ihrer erwähnten "Aufregung", die - um ehrlich zu sein - nirgendwo zu konstatieren ist, sowie Ihrer Bezugnahme auf die temporale Ebene legen Sie freiwillig der Leserschaft Ihre Ignoranz dar. Finden Sie den Umstand nicht erschreckend, dass dieser Mensch seit mehr als zwei Jahrzehnten einer menschenverachtenden sowie gefährlichen Ideologie (gedanklich u. emotional!)zugehörig ist? M.E. nach ist es bedeutsam, den Menschen offenzulegen, dass es sich hierbei um eine Person handelt, welche die Perversität rechten Gedankengutes in jeden nur denkbaren Winkel der Strukturen seines Fühlens, Denkens sowie Handelns trägt und dass dieser Mensch eben nicht einer derjenigen Politiker ist, der aus Frust bzgl. der gegenwärtigen Politik "Stimmung" macht.

  8. 42.

    Gutes Statement eines augenscheinlich nicht AfD-Sympathisanten. Das Schlimme ist, dass diese Propaganda auch mit den Gebühren der AfD- Wähler gemacht wird und dagegen nichts unternommen werden kann. Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender Gebühren von allen Wählern kassieren, sollten sie auch verpflichtet sein, objektiv zu berichten.

  9. 41.

    Der Herr Kalbitz verschweigt so ziemlich alles und versucht sich nur selbst in was für ein Licht auch immer zu rücken. Kann man überlegen, ob man (Frau auch) auf diesen Herren „setzen“ möchte.

    Wer in seinen Lebenslauf schreibt er hätte ein Studium absolviert und dann bei Nachforschungen sich das Ganze als Lug und Betrug herausstellt ist weder glaubhaft noch moralisch vertretbar. Aber selbst das scheint der in Rage geratenen Horde von „Protestwähler*innen“ egal zu sein. Von den rechtsextremen Umtrieben rede ich mal gar nicht, weil das scheint die wenigsten Wähler dieser Partei zu interessieren (Was aber der eigentliche Sprengsatz ist, oder sein sollte. Wenn man Mensch geblieben ist).

  10. 39.

    Vermutlich weil das System unausgereift ist.
    Auf diversen Browsern werden Beiträge mitunter einfach ausgeblendet (was mal an der Nummerierung erkennbar ist und mal nicht) und oft kann man nur raten, ob dies der Grund für das Verschwinden eigener Postings ist oder Zensur.
    Mir ist beides schon oft passiert.

  11. 38.

    Es ist Usus, dass kurz vor der Wahl ein Spitzenkandidat von der Presse genau unter die Lupe genommen wird. Und wenn sich dann herausstellt, dass dieser ein Lügner ist und mit Rechtsextremen anbandelt, sollten die Wähler das erfahren. Es gab auch schon genug Fälle, in denen kritisch über die Spitzenkandidaten der anderen Parteien berichtet wurde.

    Aber es ist einfach sooo bequem sich alles, was nichts ins Weltbild passt, mit der fremdgesteuerten Systempresse zu erklären, was?

  12. 37.

    Warum fehlen bei mir die Beiträge 4 bis 9?

  13. 36.

    Es ist schon eigenartig, dass ausgerechnet kurz vor der Wahl in fast allen sogenannten freien und überparteilichen Medien die AFD in ein schlechtes Licht gerückt wird. Es mag sogar was dran sein, aber vielleicht guckt man auch mal bei den Linken und Grünen, wer da so alles mit der linksalternativen oder sogar der linksextremen Bewegung sympathisiert.

    Es braucht sich doch niemand fürchten, denn auch wenn es die Mehrheit nicht will, so wird es doch rot/rot/grün.

    Übrigens ich habe 40 Jahre als Lehrer gearbeitet und verachte jede Art von Extremismus und Intoleranz.

    Ich musste aber auch miterleben, wie durch die Bildungsexperimente von rot/rot das Niveau unserer Bildung immer weiter gesenkt wurde.

    Das geht zu Lasten von unseren Kindern und ist sehr, sehr traurig.

  14. 35.

    Nö. Er sagt nicht die Wahrheit. Und das zum wiederholten Mal. Wird auch überbewertet, die Ehrlichkeit. Die fordert man als AfD nur von anderen ein. Er kommt ja auch so gut an. Und mit allem durch. Wer‘s braucht...?!?!

  15. 34.

    Stimmt natürlich.
    Jeder der sagt "Deutschlands Vergangenheit besteht nicht nur aus dem Dritten Reich", "Wir sollten nicht das Sozialamt der gesamten Dritten Welt sein" oder "Grenzkontrollen haben ihren Grund und Gesetze sollten eingehalten werden" ist ein ganz, ganz böser Rechtspopulist und sollte sich was schämen.
    Und wenn er das nicht tut, schicken wir mal die Antifa vorbei, die ihm zeigt, wer die Guten sind.
    (Und vorher erlassen wir mal eben das eine oder andere Zensurgesetze, blockieren Demos, in denen er sich blicken lässt, und stören seine Ansprachen um diesem Schlingel mal so richtig zu verdeutlichen, wie doll wir für Diskurs, Toleranz und Meinungsfreiheit sind.)

  16. 33.

    Ebenso sicher wie die vollumfängliche Zustimmung der Linken/Grünen, die in allem was gegen die AfD geht eine antifaschistische und daher uneingeschränlt zu begrüßende Maßnahme sehen.
    Denn jede andere Meinung als die eigene muss falsch und böse sein, hm?
    Ein schauriger Gedanke, dass sich Menschen mit solcher Denkweise allen Ernstes für Demokraten halten.

  17. 32.

    Lieber RBB, wenn ihr kurz vor der Wahl eine solche Story bringt, dann müsst ihr direkt daneben auch ein Bild posten, auf dem Dietmar Woidke gerade Welpen streichelt. Dann werdet ihr eurem Auftrag als öffentlich-rechtliche Medienanstalt doch erst gerecht ...!

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