Ein Transparent mit der Aufschrift "Die Politik ist gegen uns. Grün statt Beton. Helft unsere Kolonie zu erhalten." hängt im Sommer 2019 am Eingang der Kleingartenkolonie "Eschenallee" in Tempelhof-Schöneberg. (Bild: rbb/Laura Kingston)
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Tempelhof-Schöneberg - Diese vier Kleingarten-Kolonien sollen Schulen weichen

Es gibt nicht genug Platz an Berliner Schulen - möglichst schnell sollen neue Räume gebaut werden. Das Problem: In den Bezirken ist Platz knapp. Tempelhof-Schöneberg geht deshalb auf Konfrontationskurs zu seinen Kleingärtnern. Von Laura Kingston

Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg fehlen zum Schuljahr 2021/22 fast 2.800 Schulplätze. Diese Zahl geht aus einem Bericht der Bildungsverwaltung an das Abgeordnetenhaus hervor. Der Mangel in Tempelhof-Schöneberg ist damit zwar nicht so groß wie etwa in Pankow, wo mehr als doppelt so Plätze fehlen, aber dennoch ist es eine Herausforderung für den Bezirk - vor allen Dingen, weil freie Flächen für Schulneubauten Mangelware sind. Und auch bestehende Schulen benötigen mehr Platz, beispielsweise für Mensen oder Sporthallen. Deswegen haben Schulstadtrat Oliver Schworck und Baustadtrat Jörn Oltmann nun vier Kleingartenanlagen als Bauflächen ins Visier genommen: die Kolonien Morgengrauen, Eschenallee, Borussia und Kaisergarten.

Schulstadtrat Schworck: "Wir haben keine Wahl"

Auf den Arealen vom Kaisergarten und von der Kleingartenanlage Borussia sollen nach Angaben des Schulstadtrats Oliver Schworck neue Turnhallen entstehen. Das Eckener Gymnasium neben der Kolonie Kaisergarten etwa platze "aus allen Nähten", sagte er. Eine komplett neue Integrierte Sekundarschule (ISS) soll dort entstehen, wo heute 80 Kleingärtner ihre Parzellen bepflanzen. Die ISS sei schon in Planung, sagte Schworck am Dienstag. Das Einzige, was noch fehle, sei ein Plan für die Finanzierung.

Für den Bereich um die Kolonie Eschenallee nahe der Marienhöhe in Tempelhof habe sich laut Schworck "in besonders kurzer Zeit ein besonders hoher Bedarf" an Grundschulplätzen gegeben. Hier werde zunächst ein sogenanntes "Fliegendes Klassenzimmer" entstehen - eine Art temporärer Bau aus Holzmodulen. Und der soll für rund 430 Grundschulplätze sorgen, zunächst für vier bis fünf Jahre. Danach soll der Platz, so Schworck, für den Bau einer neuen und dauerhaft bestehenden ISS genutzt werden. 

Schutzfrist der Kleingärten endet 2020

Die Flächen, auf denen die vier Kleingartenanlagen liegen, gehören dem Land Berlin, wie rund drei Viertel der knapp 880 Kolonien in ganz Berlin. Für sie gilt laut dem aktuellen Entwurf des Kleingartenentwicklungsplans eine Schutzfrist bis einschließlich 2020. Sie fallen demnach in die Kategorie "Bauliche Entwicklung von Kleingärten" und dürfen nach dem Ablauf der Frist mit sozialer Infrastruktur bebaut werden. Für den Schöneberger Schulstadtrat Oliver Schworck eine Möglichkeit, um neue Schulplätze zu schaffen: "Wir haben leider keine andere Wahl. Wir müssen auf Grundstücke zurückgreifen, die baurechtlich vorsehen, dass wir soziale Infrastruktur dort unterbringen", sagte er am Dienstag gegenüber rbb|24. Und praktisch ist es obendrein für den Bezirk: weil er schon das Baurecht besitzt und direkt in die Planung der Neubauten gehen kann.

Transparente mit der Aufschrift "Gartenabriss für temporäre Ausweichschule? Rot-Grüne Stadtplanung stoppen!" hängt im Sommer 2019 in der Kleingartenkolonie "Eschenallee" in Tempelhof-Schöneberg. (Bild: rbb/Laura Kingston)Protestplakate an der Gartenkolonie Eschenallee

Protest bei den Kleingärtnern

Ein Pragmatismus, für den die Kleingärtner der Kolonie Eschenallee kein Verständnis haben: "Die Politik wählt wie immer den einfachsten Weg", sagt Thomas Koch, seit rund zehn Jahren Pächter einer Parzelle in der Eschenallee. Er erhoffe sich beim Bauen ein bisschen mehr Kreativität von den Politikern. Das sieht auch die Kolonievorsitzende Beate Dirsiss so. Über die Pläne von Schworck habe sie durch Medien erfahren, sagte sie. Auch darüber, dass vorerst ein "Fliegendes Klassenzimmer", also ein temporärer Bau auf ihren Parzellen stehen soll. 

Sie hat mit Nachbarn der Kolonie eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen, um die 102 Jahre alte Kolonie Eschenallee zu retten. Schon circa 1.000 Unterschriften haben sie gesammelt, um Aufmerksamkeit zu bekommen und um endlich ins Gespräch mit den verantwortlichen Politikern zu kommen, wie sie sagt.

Baustadtrat Oliver Schworck hält entgegen, er habe bereits zwei Briefe mit der Ankündigung verschickt. Außerdem sei seit Jahren klar, dass die Schutzfrist mancher Kleingärten 2020 abläuft. Die Kleingärtner wüssten, dass "sozusagen ein Damoklesschwert über ihnen hängt", so Schworck im Gespräch mit rbb|24. 

Das Argument der Kleingärtner: "Grün statt Beton"

Was die Pächter der Parzellen in der Eschenallee Oliver Schworck im Gespräch sagen würden, prangt heute schon auf dem großen Plakat am Eingang der Kolonie: "Grün statt Beton". Deswegen bezeichnet sich Thomas Koch auch nicht mehr als Kleingärtner, sondern als "Klimagärtner". Klimagärtner will auch der 17-jährige Sohn der Vorsitzenden, Daniel Dirsiss, werden. Als Klima-Aktivist in der Fridays-for-Future Bewegung ist er schon aktiv. Jetzt wirbt er bei Leuten in seinem Alter für die Unterstützung der Bürgerinitiative. Dabei gehe es nicht nur um darum, dass Kleingärten zu einem besseren Stadtklima beitragen sollen, sondern auch Lebensraum für Pflanzen- und Tierarten schaffen.

Ein bisschen Grün soll es weiterhin geben

Diese Argumente dürften nicht spurlos an Baustadtrat Oliver Schworck vorbei gehen: Er ist auch als Stadtrat auch für den Bereich Umwelt zuständig. Und außerdem sei er selbst "Kleingarten-Kind", sagt er. "Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust", so Schworck. Er wolle das Areal auch nicht "komplett zubetonieren", sondern dafür sorgen, dass beispielsweise der Schulhof der künftigen Schule begrünt werde.

Kein wirklicher Trost für die Kleingärtner der Eschenallee. Sie wollen, so Dirsiss, weiterhin dafür kämpfen, dass ihre Kolonie erhalten bleibt. Ob den Kleingärtnern ein Ersatz geboten wird, ist fraglich. Es fehlt Tempelhof-Schöneberg an freien Flächen. "Wir versuchen, einen Ersatz zu ermöglichen, auch wenn es schwierig ist", sagt Schworck. Eine neue Herausforderung für Tempelhof-Schöneberg. 

Beitrag von Laura Kingston

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34 Kommentare

  1. 34.

    Welcher landeseigene Köekngarten wurde in den letzten Jahren an Privat verhökert? Mir fallen vor allen private Grundstücke, die entweder von den Kleingärtnern gekauft wurden und andere, bei denen die Desinteresse zeigten und hinterher laut nach der Politik riefen.

    Was haben Sie dagegen, dass das Volk erneut zum Feld befragt wird? Haben Sie Angst, dass dessen Wille nicht Ihrer Meinung entspricht? Welchen Bodenspekulant hätte dort zum Zuge kommen sollen? "DIESE eG" mit ihren SED-Seilschaften steht bisher nur in Kreuzberg zur Diskussion.

  2. 33.

    Doch da wird etwas fürs Klima gemacht, die Leute müssen nicht mehr aus Brandenburg hinein pendeln. Man spart Stress und Abgase. Der ökologische Nutzen von Kleingärten hält sich in Grenzen. Ein Igel kann in den meisten Fällen noch nicht einmal von einem Garten in einen anderen wandern.

  3. 32.

    Das Tempelhofer Feld mag Platz bieten für eine große Schule mit allem drum und dran, es bliebe auch noch genug zum "Drachensteigenlassen" übrig! Sie aber und einige in der SPD haben weder den Sinn des Volksentscheides verstanden, noch verstehen Sie die Zusammenhänge zwischen Lobbypolitik und Bodenspekulanten! Die Berliner Politik hat da nämlich schon länger den Schulterschluss mit den Spekulanten, gegen den Berliner Bürger geschlossen! Auch die Kleingärtner haben das schon zu spüren bekommen! Hier wird für ein Appel und ein Ei alles verhökert, was nicht durch irgend ein Gesetz gebunden ist! Gerade die Rot und Rot Fraktion macht diese Deals gerne, sollte man gar nicht glauben! Achten Sie bitte den demokratischen Entscheid.

  4. 31.

    Wenn ich mir Text und Kommentatoren durchlese, dann frage ich mich, was ist mit den unzähligen Brachen in Berlin? So manche Brache liegt prädestiniert in der Stadt. Was mich wundert, den Tempelhofer-Feld-Jüngern kratzt es nicht im geringsten, wenn Kleingärten/Laubenpieper abgeschafft werden sollen.

  5. 30.

    Und so etwas nennt sich Klimapolitik wenn man die Kleingärten abreisst, eigentlich heißt es doch wir sollen alle etwas für unser Klima tuen aber nicht so.

  6. 29.

    Es gibt keine Vorschrift im BKleingG über die Höhe der Hecke. Auch die Beschaffenheit wird dort nicht vorgeschrieben. Es gibt auch keine Vorschrift, dass man 1/3 anbauen müsste. Jeder Verein kann sich natürlich selber solche Vorschriften auferlegen, aber Allgemein gibt es dort keine Regel.

    Die 1,25m sind aber im Nachbarschaftsgesetz geregelt. Wenn z.B. der Nachbar verpflichtet ist einen Zaun zu stellen, aber man sich nicht einigen kann was für einen, dann gilt laut Nachbarschaftsgesetz, dass der Nachbar mindestens einen Maschendrahtzaun von 1,25 m stellen muss. Das ist laut Vorschrift ortsüblich in Berlin.

  7. 28.

    Oder!? Ich schüttle auch nur noch den Kopf ob dieser Absurdität. In diesem Fall ist das Tempelhofer Feld ja sogar in der Nähe.
    Hauptsache die, die schon eine Wohnung/einen Schulplatz haben, können Drachen steigen lassen ...

    Diese Entscheidungen werden einer noch immer stark wachsenden Großstadt wie Berlin nicht gerecht. Sie wirken geradezu provinziell. (Jedoch hat sich die Merhheit der in Berlin gemeldeten Bewohner für das 'Drachen-steigen-lassen' entschieden. Der Mensch denkt oft nur von sich selbst bis zu sich.)

  8. 26.

    Ich empfehle Ihnen mal in die Kaiserstr. zu laufen. Ist ja nicht weit.
    Schauen Sie sich bitte mal die Kaisergärten an.
    Ich muss diesen Anblick täglich ertragen.

  9. 25.

    Die Hecke ist selbst dann dennoch zu hoch. Sonst würden Sie den temporären Charakter bei der Anlegung der Kleingartenkolonien und die Nöte der Allgemeinheit ebenso erkennen wie auch die Pläne an vielen anderen Stellen. Die Argumente der NYMBYs ähneln sich dabei.

  10. 24.

    Sie haben leider wirklich keine Ahnung, sehr schade !
    Hecken dürfen lt. Vorschrift lediglich 1,25 m hoch sein ! Nicht gewußt ?
    Und blickdicht schon mal gar nicht, weil Kolonien als öffentliche Naherholungsgebiete vom Senat vorgesehen sind !
    Im übrigen gibt es strikte Vorschriften 1/3 Zier- u. 1/3 Gemüse- u. 1/3 Obstgarten !

    Aber wenn man mit festgeschlossenen Augen, so wie offensichtlich Sie es tun, durch die Welt geht und sich nur um seinen eigenen Zirkel dreht, kann man nicht sehen, dass z.B. regelmässig Altersheimeinwohner Kolonien besuchen und dort bewirtet werden, Schulkinder dort eigene Zuchtbeete anlegen und bis zur Ernte pflegen dürfen usw. usw.

  11. 22.

    Die Hecke, mit der Sie Ihre Privatsphäre schützen wollen, muss ziemlich hoch und blickdicht sein. Sonst wären Ihnen die wiederkehrenden Diskussionen zum Feld nicht entgangen.

    Bienen und Hummeln verschiedenster Arten habe ich übrigens auch jetzt noch auf dem Balkon, wobei die Zahl der Hummeln gerade deutlich abnimmt.

  12. 20.

    Ungespritzt? Das ist leider Wunschdenken. In Kleingartenanlagen wird ordentlich mit der Chemiekeule gearbeitet.

  13. 19.

    Sie verstehen nichts !
    Es wird auf die Umwelt geachtet ! Berliner Parks und öffentl. Grünflächen verroten und verdrecken.
    Kleinkolonien bedienen die Ökologie, bedienen Insekten ( Bienen ! ), bedienen Artenvielfalt, bauen Obst und Gemüse an- ungespritzt !! und geben dieses Obst kostelos an Betonanwohner ab.
    Stattdessen steht das Tempelhofer Feld leer, verfällt zusehends ( kein Mensch kümmert sich, stattdessen wird nach Hilfe vom Senat gerufen ! Die schönen Skaterbahnen gehen kaputt *huch* ...damit war nicht zu rechnen ! (Ironie ! )
    Das jetzt Kolonien platt gemacht werden, ist die Rache des Senats !
    Eine Randbebauung wäre möglich gewesen und ich fresse einen Besen ... vielleicht erlebe ich es nicht mehr ... aber irgendwann wird auch daraus eine Betonwüste und nicht nur der Rand bebaut !

  14. 18.

    Es ist doch sowas von schizophren, wenn einerseits das Klima mit dem Verbot von Plastikstrohhalmen und dem Verzicht auf Urlaubsreisen gerettet werden soll, andrerseits ernsthaft in Erwägung gezogen wird, an die 3% Berliner Kleingartenflächen ranzugehen, um diese auch noch mit Wohnungen oder wie in diesem Fall Schulen zuzubetonieren. Schulen sind wichtig und überfüllte Klassen und marode Gebäude sind eine Katastrophe. Aben wenn endlich jeder nach Berlin gezogen und alles zugebaut ist, jammern genau diese Neuberliner und bepflanzen lächerlich Baumscheiben und nennen das Urban Gardening, gleichfalls als moderne Erinnerung an ausgerottete Kleingärten, versiegelte Grünflächen und Ufer. Immerhin will Herr Schwork den Schulhof begrünen. Und vielleicht stellt er sich auch einen Kaktus auf den Schreibtisch. Dann wird alles gut...

  15. 17.

    Grüne Lunge atmet? Dafür bedarf es eines dichten Waldes, der zudem als CO2-Senke dient. So ein Wald reguliert zudem sehr gut die Temperaturen, während in den Kultursteppen Hitzerekorde aufgestellt werden.

  16. 16.

    Großer Quatsch Herr Neumann. Der Oberbürgermeister von Berlin hat bei der Gründung der Kolonien beschlossen, dass 2020 auf dem Land gebaut wird??? Erst einmal mit der Geschichte und den Zweck der Gartenanlagen befassen. Dann lesen, wie die genutzt werden müssen. Dann informieren, welche Bedeutung diese Anlagen für Berlin haben! Keiner würde was sagen wenn eine Anlage wirklich benötigt wird für den Bau von Schulen. Es geht aber weiter, die vier Anlagen werden nicht die Einzigen sein. Und dann, nach fünf Jahren benötigt man doch keine Schule und es wird als normales Bauland freigegeben! Nein, es reicht, RRG muss sich langsam was Anderes einfallen lassen und es muss außerhalb Berlins gebaut werden. Dann vernünftige Verbindungen mit der Bahn und das Problem mit dem Verkehr kann sich so bessern. Daran hat Berlin kein Interesse, vielleicht würden zu viele Steuerzahler abwandern.

  17. 15.

    Die Kolonie Morgengrauen besteht in 2021 dann 100Jahre,
    Entschuldigung, was faseln Sie für ein dummes Zeug ?
    Die Kolonie liegt inzwischen völlig umbaut von Wohnhäusern - alles Beton !
    Früher nannte man das grüne Lunge !
    Wir haben dort seit über 40 Jahren einen Garten und werden jedes Frühjahr freudig von den Betonbewohnern begrüßt, sie freuen sich, wenn die grüne Lunge atmet und blüht.

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