Schülerinnen und Schüler lernen am 10.01.2018 in Berlin in der Grundschule am Rüdesheimer Platz in einem Klassenraum (Bild: dpa/Maurizio Gambarini)
Audio: Inforadio | 05.08.2019 | Holger Hansen | Bild: dpa/Maurizio Gambarini

"Wir sind hochgradig unzufrieden" - Elternausschuss fordert Krisengipfel zu Berliner Schulen

Kostenloses ÖPNV-Ticket und Gratis-Schulessen machen die Berliner Schulen zwar sozial gerechter - an der Bildungsqualität ändere das aber nichts. Das moniert der Berliner Landeselternausschuss und fordert einen Krisengipfel. Die GEW schließt sich der Kritik an.

Zu Beginn des neuen Schuljahres hat der Landeselternausschuss Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dazu aufgerufen, einen Krisengipfel einzuberufen.

Der Ausschussvorsitzende Norman Heise sagte am Montag dem rbb, es sei gut, dass das Schulmittagessen bis zur sechsten Klasse, das Nahverkehrsticket und die ersten beiden Hortjahre künftig kostenlos seien - das entlaste die Familien sozialpolitisch. Die Bildung werde dadurch jedoch nicht besser, so Heise im rbb-Inforadio.

Er sagte, "Berlin steckt mitten in einer schulischen Bildungskrise", und der Elternausschuss nehme nicht wahr, "dass hier entschieden genug gegengesteuert wird". Rasches Handeln sei nötig, statt "Schönreden".

Unzufriedenheit zum Beispiel bei Schulabschlussquoten

"Wir sind tatsächlich hochgradig unzufrieden", sagte Heise weiter. Das betreffe vor allem die Bewegungslosigkeit beim Abschneiden der Berliner Schulen bei Vergleichsarbeiten oder bei den Schulabschlussquoten. Im Jahr 2017 waren 11,7 Prozent der Berliner Schüler ohne Abschluss von der Schule gegangen - bundesweit ist Berlin damit trauriger Spitzenreiter.

Auch beim Thema Unterrichtsausfall und bei der Steuerung der Quereinsteigenden sieht Heise Bedarf für Verbesserungen. Und beklagte einen seit Jahren "gefühlten Stillstand". Das könnten die Eltern nicht länger hinnehmen, so Heise.

Er forderte Scheeres dazu auf, den Krisengipfel schnell einzuberufen - möglichst innerhalb der kommenden drei bis vier Wochen. An diesem Gipfel müssten die Bildungsverwaltung, Hochschulen, Gewerkschaften, Lehrerverbände und alle Ausschüsse im Bildungsbereich teilnehmen, so Heise - "damit hier tatsächlich mal Lösungen besprochen werden können, damit die Ursachen auf den Tisch kommen."

GEW pflichtet Elternausschuss bei

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt die Forderung des Elternausschusses und kritisiert zugleich den anhaltenden Lehrermangel und den Umgang mit Quereisteigern in Berlin. "Die Eltern haben zu Recht viele Fragen", sagte die GEW-Vorsitzende Doreen Siebernik im rbb-Inforadio - und diese müsse die Bildungssenatorin beantworten. Zudem müsse Scheeres alle Beteiligten an einen Runden Tisch bitten, so Siebernik. 

Scheeres zu Heise: "Ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu"

Am Montagabend kam Senatorin Scheeres in der rbb-Abendschau mit Heise ins Gespräch. Sie teile Heises Einschätzung bei der zu hohen Schulabbrecherquote und den Leistungsdaten. Es gebe Bezirke und Kieze, in denen sozial Benachteiligte noch stärker unterstützt werden müssten. Nun müsse es darum gehen, "zu schauen, was passiert mit den Ressourcen? Können wir damit zu mehr Abschlüssen kommen? Weil, wenn wir so viel investieren, muss eben auch am Ende in sozial benachteiligten Stadtteilen eine bessere Unterrichtsqualität stattfinden, und wir müssen unsere Daten verbessern. Aber das ist eine große Herausforderung, weil wir Familien haben, die wir nicht unterstützen können, hier springt die Schule ein." Allerdings verwies Scheeres auch auf das 39 Punkte umfassende Maßnahmenpaket, mit dem die Qualität an Berliner Schulen verbessert werden solle.

Landeselternvertreter Heise bekräftigte in der rbb-Abendschau, einen Bildungsgipfel einzuberufen, um alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen. Heise sagte, es müsse auch darum gehen, die Kontrollmechanismen zur Qualität der Schulen zu hinterfragen, denn: "Wir fragen uns tatsächlich, wer diese Aufgabe übernehmen soll. Also wer soll die Schulen am Ende wirklich kontrollieren? Wir wissen, es ist die Aufgabe der Schulaufsicht, wir wissen: Die Schulaufsicht ist mit einem gefühlten Anteil von 80 Prozent damit überlastet, Lehrkräfte zu finden."

 

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

35 Kommentare

  1. 35.

    Verantwortlich muss sich nicht nur die Bildungsverwaltung zeigen, sondern in diese Reihe der Schande könnten sich auch einreihen:
    Finanzsenator(en)
    GEW
    manches pädagogische Personal
    Schulämter mit ihren Stadträten

    und letztlich Bürgermeister (aus Bezirk und Land)

    Also bitte mal nicht ständig auf andere zeigen, sondern eine konzertierte AKtion konstruktiv mit allen Beteiligten/Verantwortlichen - deshalb Bildungsgipfel !!

  2. 34.

    Rattenfänger bieten da auch keine Lösung...

    ...und ob die Förderung nun zusätzlich in der Grundschule (in den sog. Willkommensklassen) stattfindet mit entsprechend ausreichendem(!) Personal in Zahl und Qualität oder in einer Vorschule/Sonder-/Förderschule oder sonstwie bezeichneten Schule ist schließlich egal.

    es gibt übrigens mehr als genügend vom Pass her deutsche Kinder, die aus unterschiedlichsten Gründen auch nicht in der Lage sind, sprachlich dem Unterricht in der GS zu folgen - also überall Sonderschulen-Segregation ?

  3. 33.

    dummerweise sind Gefühle immer ECHT und führen zu realen Entscheidungen - dies ist manchmal irrational aber real und da hilft es auch nicht den Oberlehrer zu geben.

  4. 32.

    Diese Frage ist bezeichnend: (was soll damit unterstellt werden?)
    Muss man ein Apfelbaum sein, um Wissen über die Apfelqualität zu haben.

    ...und nebenbei, ja hat er, sonst wäre er qua Schulgesetz kein Elternvertreter !

    Und dies beweist wieder, es ist besser, sich erst zu informieren, um sich dann eine Meinung zu bilden - und da hilft es auch nicht ein Apfelbaum zu sein. ;-)

  5. 31.

    Ich bedanke mich bei Ihnen ausdrücklich für Ihre ehrliche, engagierte Arbeit! Bitte lassen Sie sich nicht von Möchtegern Wissenden verärgern. Hier gibt es eine Menge davon. Es ist zum Ko...n

  6. 29.

    Eine in der Tat vertrackte Situation.

    Die Optionen als Eltern in Berlin sind, in Gegenden zu ziehen, wo der Ausländeranteil noch erträglich ist oder das Kind dem staatlichen Schulbetrieb durch Besuch einer Privatschule zu entziehen.

  7. 28.

    Für mich als Lehrerin ist das Qualitätsmodell Heuchlerei. Seit 30 bin ich im Schuldienst, qualifiziere mich auf eigene Kosten und gebe alles für die Kinder die mir anvertraut wurden und werden. Mein Arbeitgeber hingegen tut alles dafür meine Motivation zu drücken, indem meine Ausbildung und Arbeitsleistung gering geschätzt wird. Das ist bei mir als angestellte Lehrerin unter anderem beim Gehalt E10 zu sehen. Der Umgang mit den Pädagogen von Arbeitgeberseite und aus schulpolitischer Sicht ist gekennzeichnet von Blockierung und dem punktuellen Beruhigungsprinzip für die Eltern. Es sind qualitativ bei einem Schritt vorwärts sechs Schritte rückwärts zu verzeichnen. Statt zu fördern und zu fördern, werden werden Anforderungsprofile eher reduziert. Der Fisch beginnt wie im Sprichwort vom Kopf zu stinken.

  8. 27.

    Die "gesonderten Klassen" gibt es aber bisher nicht. Natürlich ist die Situation suboptimal. Aber erneut die Frage: was soll mit den Kindern passieren, bis eventuell eine andere Lösung gefunden ist? Immer nur zu sagen, was nicht geht, ist keine Lösung. Das sind Menschen. Um die sich gekümmert werden muss.

  9. 26.

    Bei der Bildungspolitik kann leider RRG nicht punkten. Stillstand wie unter den Vorgängerregierungen.

  10. 25.

    Das ist naiv gedacht. Denn die anderen Kinder leiden darunter, wenn Lehrer sich immer wieder um die wenigen kümmern müssen. Dann gesonderte Klassen und dort intensiv deutsch lernen.

  11. 24.

    Auf der Agenda des Berliner Senats stehen Feiertage, freier Eintritt ins Museum etc. ganz oben ... Nein, Berlin bekommt die Bildung, die es verdient ...

  12. 23.

    Ich verstehe Ihren Ärger und Unmut. Zudem habe ich den Verdacht, dass es größtenteils kinderlose User sind, die sich hier sehr weit aus dem (ahnungslosen) Fenster lehnen.^^ Wer vor Ort in den Schulen die Situation einschätzen kann, ist froh über jeden Quereinsteiger, der zur Verbesserung der Lage beiträgt.

  13. 22.

    Und bis dahin? Sitzen die Kinder im Container und warten? Sie wurden hier aufgenommen und müssen unterrichtet und integriert werden. Die Situation ist angespannt. Das ist wohl wahr. Über ohne Plan B sie aus den Grundschulen verdrängen zu wollen, ist keine Option.

  14. 21.

    Wer derzeit Kinder in Berliner Schulen hat, weiß wo der Hammer hängt. Das hat nichts mit "Leistungsdruck" zu tun. Im Gegenteil. Der Druck wird durch die prekäre Situation erst richtig groß, weil am Ende des Tages, wenn es um den MSA oder das Abitur geht, keiner fragt, warum oder wieso der Schüler Defizite hat. Die Schüler baden das Schlamassel nämlich aus. DAS ist es, was Kinder besonders "arm" dastehen läßt.

  15. 20.

    Wenn ein oder zwei Schüler der Klasse mit durchgeschleppt werden, das könnte in der Tat noch funktionieren. Wenn aber über die Hälfte kaum deutsch versteht, sind Sonderschulen. oder im rotgrün geränderten Dialekt "Förderschulen" erforderlich.
    Dafür ist in dem Volumen kein Geld da.

    Erst eine grundlegend andere Regierung, die tabulos die Misere betrachtet, ist erforderlich, um die aufgestauten Probleme irgendwie in den Griff zu bekommen.

  16. 19.

    Oh schei... Eltern wollen Leistungsdruck - die armen Kinder.

    Und gefühlter Stillstand hat mit realem Stillstand auch nichts zu tun, genauso wie gefühlte Angst nicht mit realer Bedrohung einhergehen muss.

  17. 18.

    Soziales ist ja toll und wichtig. Wichtiger ist jedoch die Bildung. Und daran hapert es wirklich in Berlin.

  18. 17.

    Im Grunde bin ich ihrer Meinung, aber bei ihrem letzten Satz: "... und ihnen irgendwelche Werte zu vermitteln", sträuben sich mir, bei dem Wort 'irgendwelche', die Haare.

    @rbb24
    Bitte schaltet doch die Rechtschreibkorrektur ein, wenn Ihr eure Artikel verfasst; die kann zwar keine Fehler in der Grammatik erkennen, aber unschöne "Typos", welche in fast allen Artikeln zu finden sind, dafür umso besser. Danke!

  19. 16.

    Das ist wirklich unglaublich wie hier Hexenjagdt auf Quereinsteiger gemacht wird! Schlechte Resultate in bundesweiten Leistungsstanderhebungen gab es lange vor dem akuten Lehrermangel und den 'bösen' Quereinsteigern.
    Und an unsrer Schule und den Schulen die ich kenne werden Quereinsteiger sowieso auf keinen Fall in der Schuleingangsphase (1./2. Klasse) eingesetzt. Ich (44) beispielsweise habe ein abgeschlossenes Hochschulstudium, zwei Berufsausbildungen, langjährige Berufserfahrung, Selbständigkeit, arbeite seit 2012 mit KIndern, seit 2015 an Schulen und seit 2017 in Berlin im Quereinstieg. Parallel zur vollen Stelle habe ich 4,5 Jahre für das Staatsexamen (Lehramt) nachzustudieren. Mein Arbeitstag hat 12 Stunden! In meinem Umfeld erlebe ich nur hochmotivierte Quereinsteiger, die mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung aus anderen Bereichen die Schulen bereichern. Viele haben selbst Kinder und gehen schon deshalb mit viel Herzblut an diesen Beruf.

Das könnte Sie auch interessieren