Die sogenannten "Torhäuser" am Fraenkelufer in Berlin-Kreuzberg mit ihren vorspringenden Balkonen erbaut zwischen 1982 und 1984 stehen neben älteren Bauten. (Quelle: dpa/Hubert Link)
Audio: Inforadio | 29.08.2019 | Sebastian Schöbel | Bild: dpa/Hubert Link

Mietendeckel - Erinnerungen an den "Schwarzen Kreis" in West-Berlin

Der Mietendeckel ist großes Thema in Berlin. Viele Politiker sprechen von "Neuland". Eine staatlich vorgegebene, kontrollierte Miete ist aber nicht so neu. Es gab sie schon mal, zum Beispiel in West-Berlin. Sebastian Schöbel hat für uns in die Geschichtsbücher geschaut.

Berlin 1972: Die Abendschau fragt auf den West-Berliner Straßen, ob die Stadt aus der Mietpreisbindung aussteigen soll - und bekommt klare Antworten: "Was sollen denn die Rentner machen" oder "Es ist schon so alles teuer genug". Was die Menschen damals fürchteten, hatte einen Namen: "Der weiße Kreis". Viele West-Berliner wollten lieber im "schwarzen Kreis" bleiben.

Ein Wohnhaus in Berlin-Kreuzberg 1982. (Quelle: dpa/Henning Langenheim )
Die Mietpreisbindung im "schwarzen Kreis" galt für alle Wohnhäuser, die vor 1950 gebaut wurden. | Bild: dpa/Henning Langenheim

Hier existierte noch eine Preisbindung, erinnert sich Reiner Wild, Geschäftsführer vom Berliner Mieterverein. "Diese hinderte den Vermieter an einer möglichst intensiven Ausnutzung seiner Immobilie."

"Schwarzer Kreis" umfasste vor allem Altbau

Diese Mietpreisbindung im "schwarzen Kreis" galt für alle Wohnhäuser, die vor 1950 gebaut wurden - den Altbau also, der damals gut die Hälfte des gesamten Wohnungsbestandes in West-Berlin ausmachte. Die heutzutage begehrtesten Wohnlagen in der Berliner Innenstadt waren damals Billigquartiere mit stabiler Miete.

Allerdings nicht gerade luxuriös, wie die Abendschau zu berichten wusste. Demnach hatten rund zehn Prozent aller Wohnungen keine Innentoilette und weitere zehn Prozent kein eigenes Bad. Zugezogene aus Westdeutschland lehnten solche Wohnungen ab, weil ihnen gute und preiswerte Wohnungen versprochen wurden.

Der Senat legte regelmäßig fest, ob und wie stark die Mieten in den Altbauten erhöht werden durften. Für viele in der damaligen BRD, gerade auch im Bundestag zu Bonn, sah das zu wenig nach Marktwirtschaft und zu sehr nach Sozialismus aus. "Deswegen auch diese Farbgebung: schwarz für böse, weiß für gut", erklärt Rainer Wild.

"Böse" aber wollten die Berliner Altbau-Mieter trotzdem bleiben. Und bis auf die FDP wehrten sich damals alle Parteien in West-Berlin gegen das Ende der Mietpreisbindung. Viele hatten die Warnungen vor allem aus München im Gedächtnis: Dort war die Mietpreisbindung für Altbau schon einige Jahre zuvor abgeschafft worden - und die Mieten sofort rasant gestiegen.

Bundestag beendet 1988 Mietpreisbindung

Doch 1988 war trotzdem Schluss: Der Bundestag in Bonn beendete die Mietpreisbindung endgültig. Als letzte bundesdeutsche Stadt war West-Berlin ein "weißer Kreis" geworden. "Insgesamt wird es keine Mieterhöhung geben können, die über fünf Prozent liegt", versprach der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen ( CDU).

Doch es kam bekanntlich anders. Dass 31 Jahre nach Ende der Mietpreisbindung nun ein Mietendeckel besprochen wird, begrüßt Reiner Wild vom Mieterverein: "Eigentlich müssen wir das tun, wenn wir menschengerechte Stadtentwicklung betreiben wollen." Und das, sagt Wild, habe die Mietpreisbindung, der "böse schwarze Kreis", jahrzehntelang im ehemaligen West-Berlin geschafft.

Sendung: Inforadio, 29.08.2019, 08:25 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

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9 Kommentare

  1. 9.

    West-Berlin gehörte nicht zur Bundesrepublik und wurde nicht von ihr regiert. Auf diese Feststellung legten auch die Westalliierten immer großen Wert, die übrigens 1949 einen anders lautenden Passus im Grundgesetz suspendiert hatten. Deshalb gab es in West-Berlin bspw. keine Bundestagswahlen und die West-Berliner Bundestagsabgeordneten (die das Abgeordnetenhaus bestimmt hatte) hatten kein richtiges Stimmrecht. Die oberste Hoheit in West-Berlin hatten die Besatzungsmächte (was im Alltag kaum spürbar war).

    Es wurde aber immer großer Wert auf die Rechtseinheit zwischen der BRD und West-Berlin gelegt, zumal die Halbstadt von Westdeutschland finanziell völlig abhängig war. Deshalb wurden bspw. alle Bundesgesetze (ausgenommen jene, die sich etwa auf die Bundeswehr bezogen) vom Abgeordnetenhaus übernommen, egal wer in Bonn gerade regierte. Darüber kam es noch 1989 im rot-grünen Senat zum Streit. Deshalb: Formal wurde West-Berlin nicht vom Bund regiert, faktisch aber weitgehend.

  2. 8.

    wikipedia:
    "Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland von 1949 und die Verfassung von Berlin von 1950 wiesen Gesamt-Berlin bzw. ausdrücklich „Groß-Berlin“ von Anfang an als Land der Bundesrepublik Deutschland aus, doch galt diese Bestimmung nicht. Das Berlinabkommen von 1971 stellte fest, dass die drei Westsektoren kein „konstitutiver Teil“ der Bundesrepublik seien. Faktisch war aber West-Berlin von 1949 bis 1990 ein Bundesland der Bundesrepublik Deutschland; von westlicher wie insbesondere von westalliierter und westdeutscher Seite aus wurden stets die „Bindungen Berlins (West) an den Bund“ betont. Zum Beispiel galten die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland nicht unmittelbar in Berlin. Jedoch wurden alle Gesetze der Bundesrepublik vom Berliner Abgeordnetenhaus per Akklamation auch für Berlin übernommen. Manche der Gesetze und Verordnungen wie z. B. das Wehrpflichtgesetz wurden allerdings davon ausgenommen."

  3. 7.

    80% der Wohnungen im Schwarzen Kreis hatten schon in den 70ern Bad und WC, soso. Hätte man die Wohnungen seitdem nach und nach bei stabilenn Mieten langsam weiter verbessert, anstatt seit den 90ern die explodierenden Mieten den Immohaien hinterherzuwerfen, hätten wir heute echte Schmuckstücke bei niedrigen Kosten - und mensch könnte sich in seinem Leben noch mit anderen Dingen beschäftigen als immer nur, woher kriege ich das Geld für die nächste Miete, wann muss ich ausziehen, wer ist als nächster dran ...

  4. 5.

    "Und bis auf die FDP wehrten sich damals alle Parteien in West-Berlin gegen das Ende der Mietpreisbindung."

    ""Insgesamt wird es keine Mieterhöhung geben können, die über fünf Prozent liegt", versprach der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen ( CDU).

    Doch es kam bekanntlich anders."

    Ohne Worte

  5. 4.

    Die Ansicht, dass Westberlin nicht zur Bundesrepublik Deutschland gehört, wurde von der DDR vertreten nicht von der BRD.
    Ansonsten war Restdeutschland zu dieser Zeit immer noch von den Alliierten besetzt.

  6. 3.

    Mietpreisbindung bestand nicht nur in West-Berlin, sondern in ganz Deutschland wurden die Mieten runter gehalten. Das wurde alles nach und nach abgeschafft und nun - schon seit ein paar Jahren - haben wir den Salat. Es geht exponenziell nach oben mit den Mieten und das kann nicht sein. Wer das legitimiert vera* euch.

  7. 2.

    Wie kann denn der Bundestag einen West-Berliner Mietendeckel beenden, wo doch West-Berlin gar nicht (anders als im Artikel falsch dargestellt) zum eigentlichen Bundesgebiet gehörte?
    Es muss doch von den Berliner Abgeordneten beschlossen worden sein.

  8. 1.

    Was bei der Betrachtung nicht außen vor bleiben darf, ist die ab den 1980er Jahren vollkommen veränderte Sicht auf Altbauten. Galten sie in den 1960ern und vor allem den 1970ern nahezu durchgängig als potenzielle Abrisskandidaten, um bspw. Straßenbauvorhaben Platz zu machen, liegt die Wertschätzung für Altbauten seit den 1980ern über derjenigen der Neubauten. Das hat etwas mit angeeigneter Geschichte zu tun.

    Spekulanten springen auf diese Entwicklung nur auf, als dass sie sie verursacht hätten.

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