Symbolische Übergabe der Warnwesten an Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (Alexej Erdle, Sandra Scheeres, Vitalij Kungel). (Quelle: Autodoc GmbH/Dirk Dehmel)
Bild: Autodoc GmbH/Dirk Dehmel

Verdacht rechtsextremer Verbindungen - Verteilung gesponserter Warnwesten an Grundschüler gestoppt

Die Reflektor-Westen für Erstklässler in Berlin hat in diesem Jahr erstmals der Autoteile-Händler Autodoc gesponsert. Doch der Händler steht in der Kritik, Werbung auf rechtsextremen Seiten geschaltet zu haben. Der Senat zieht nun vorerst die Reißleine.  

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hat die Verteilung von gesponserten Warnwesten an Berliner Erstklässler vorerst gestoppt. Das sagte eine Sprecherin am Montag rbb|24. Mehr als 34.000 orangefarbene Sicherheitskleidung mit dem Logo eines Sponsors wollte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wie in jedem Jahr an die neu eingeschulten Kinder verteilen lassen. In diesem Jahr wurden diese erstmalig vom Autoteile-Händler Autodoc finanziert.

Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass Autodoc in größerem Umfang Werbung auf antisemitischen und islamfeindlichen Onlineseiten in Deutschland, Ungarn, Österreich und anderen europäischen Ländern inseriert hatte. Darüber berichtete am vergangenen Wochenende die "New York Times" [kostenpflichtig; auf Englisch] und bezog sich in ihrer Berichterstattung auf die Recherche der schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter" aus dem Jahr 2017.

Demnach hatten sechs rechtsextreme schwedische Webseiten durch Anzeigen von Autodoc Werbeeinnahmen erzielt. Die Werbebanner hatten zum Teil die Namen anderer Webseiten getragen. In einer Analyse dieser Webseiten hatte der schwedische Online-Forensiker Rikard Lindholm aber entdeckt, das die Anzeigen sämtlich auf die Berliner Adresse der Autodoc GmbH zurückgingen.

Die der Senatsverwaltung Berlin gesponsorten Warnwesten von Autodoc für Berliner Erstklässler. Die Polizei Berlin begleitet die Schüler im Rahmen der Schulwegsicherung am ersten Schultag 2019. (Quelle: Polizei Berlin)
Bildungssenatorin Sandra Scheeres verteilt die Warnwesten mit dem Logo von Autodoc | Bild: Polizei Berlin

Twitternutzer machten auf Autodoc aufmerksam

Außerdem beschrieb Lindholm damals die zahlreichen Webseiten des Online-Autoteile-Händlers als "Eisberge". Darin seien zahlreiche versteckte Einträge, die mit dem Verkauf von Fahrzeugteilen nichts zu tun hätten und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden seien. Als Besucher habe man die versteckten Einträge nicht sehen können, für den Zugang habe der Nutzer die vollständige URL kennen müssen. "Es ist, als hätten sie eine offene Hintertür, hinter der man sich umsehen kann. Aber um das tun zu können, muss man wissen, dass die Tür da ist", so zitiert die "New York Times" den Online-Forensiker.

Ein Großteil des Inhalts sei nicht politisch, aber viele andere würden rechtsextremes Gedankengut beinhalten. So habe eine Webseite "AnsweringIslam.net" geheißen und sei zum Schluss gekommen: "Der Islam hasst dich." Außerdem gebe es einen versteckten Link über weibliche Genitalverstümmelung in muslimischen Ländern.

Die Verbindung wurde erst am Samstag bekannt, als Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter Senatsmitglieder, die Berliner Polizei und die Verwaltung auf den Artikel der "New York Times" aufmerksam machten.

Firma weist Vorwürfe zurück

Die Sprecherin der Bildungsverwaltung teilte nun auf Anfrage von rbb|24 mit, vor Abschluss des Sponsoringvertrags habe die Verwaltung "Erkundigungen" über die Firma Autodoc GmbH eingeholt. Es hätte jedoch keine Hinweise auf eine Nähe zu Rechtsextremisten gegeben. "Die Senatsverwaltung nimmt derartige Vorwürfe sehr ernst" und werde umgehend Konsequenzen ziehen, sollte sich der Vorwurf erhärten. Die Haltung von Senatorin Scheeres zu Rechtsextremismus sei aufgrund anderer Fälle bekannt, teilte die Sprecherin mit. Das Unternehmen habe in einem Gespräch die Vorwürfe zurückgewiesen.

Der "New York Times" sagte der Unternehmenssprecher von Autodoc, Thomas Casper, die Firma habe "kein Interesse rechte Medien zu unterstützen", und ergänzte: "Wir sind vehement gegen Rassismus und rechtsextreme Prinzipien". Das Autodoc-Marketingteam arbeite bei der Online-Werbung mit Drittfirmen zusammen und das Unternehmen habe Kontrollmechanismen eingeführt, mit denen man versuche zu garantieren, dass keine Werbung mehr auf rechtsextremen Seiten platziert werde.

Das schwedische "Motor-Magasinet" [auf Schwedisch] berichtete im Juli 2018, dass die Werbeanzeigen der Autodoc-Seiten nach der Berichterstattung durch "Dagens Nyheter" in der Tat größtenteils nicht mehr auf den entsprechenden rechten Webseiten geschaltet wurden.

Verteilung nach erster Schule vorerst gestoppt

Trotzdem hat die Verwaltung die Verteilung der Warnwesten an Erstklässler vorerst gestoppt, wie die Sprecherin weiter sagte. Bisher hätten nur an der Schule im Gutspark in Lichtenberg Kinder die orangefarbene Sicherheitskleidung mit dem Firmenlogo von Autodoc bekommen. Die Sprecherin teilte zudem mit, auch in den Vorjahren seien Westen ausgegeben worden.  

Nach Angaben der ADAC-Stiftung hatte sie zuvor Westen an Grundschüler verteilt. In neun Jahren, bis einschließlich 2018, seien bundesweit insgesamt über 6,8 Millionen Westen ausgegeben worden, hieß es am Dienstag. Nach Angaben einer Stiftungssprecherin waren auf den Westen zwei Figuren und die Aufschrift "Verkehrsdetektive" abgebildet - so wie sie auch der ADAC e.V. vertreibt. Die Stiftungssprecherin betonte aber, die Aktion sei nicht vom ADAC e.V., sondern von der gemeinnützigen ADAC-Stiftung finanziert worden. Zur Begründung für das Aus der Aktion sagte sie, seit 2019 habe die Stiftung ein neues Konzept zur Unfallprävention bei Kindern.

Sendung: Abendschau, 12.08.2019, 19:30 Uhr

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Antwort auf [Eisbär] vom 12.08.2019 um 17:15
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16 Kommentare

  1. 16.

    Letzten Freitag sah ich eine Gruppe von Kita-Kindern bei einer FFF-Demo in Warnwesten der BSR. Diese Westen werden wohl was gekostet haben. Aber jeder sollte sich klar machen, dass nichts "umsonst" ist. Bei der BSR hätte ich jedenfalls noch ein gutes Gefühl, dass da keine dubiosen Hintergedanken mit verbunden sind.

  2. 15.

    Ich auch und wäre es tatsächlich MEIN ADAC , wäre er weiterhin der Sponsor.
    Aber vllt wollte es ja mal den Lautesten in der Stadt den Vortritt lassen. Den Radlern und ihrem Verein. ;-)
    Zwinker....

  3. 14.

    DAS nennen sie einen "Skandal"? Das ist ein Sturm im Wasserglas...

    Da trägt jedes Kind freiwillig mehr Werbung als auf einer Warnweste, die ihren Zweck erfüllt und die Steuerkasse schont.

  4. 13.

    Dann fragen sie doch ihren ADAC warum er die Westen diesmal nicht sponsern wollte? Ich hätte da einen Verdacht.

  5. 12.

    Erstaunlich ist, dass die Automobilbranche überhaupt als Sponsor in Berlin auftreten will. Weshalb der ADAC dieses Jahr nicht wollte, wäre mal interessant zu erfahren. Wisst Ihr das lieber rbb? Eigentlich hätte ja auch die Fahrradbranche einspringen können.

  6. 11.

    Der eigentliche Skandal ist für mich, dass hier unter Beteiligung der Schulsenatorin 34.000 Grundschulkinder m. E. als Gratis-Werbeträger missbraucht werden sollten. Entspricht die Platzierung der Werbung "auf der Kleidung der Schulkinder" § 76 Berliner Schulgesetz bzw. an allen betroffenen Schulen den von der Schulkonferenz beschlossenen Grundsätzen, Frau Senatorin?! Warnwesten sind ein Pfennigartikel, den sich jede Familie leisten kann, die ihr Kind damit ausstatten möchte. So viel Werbung für so wenig Geld – der Sponsor macht ein Schnäppchen und die Senatorin bemerkt scheinbar das Problem nicht. In Berlin siegt der Kapitalismus schon am ersten Schultag ...

  7. 10.

    Jetzt wird ihr blödsinniges RRG Bashing auch noch kindlich... "daß ein Senat, der alles mögliche gegen Autos unternimmt"

    Es wäre mir neu dass der Senat etwas "gegen Autos unternimmt", der Senat unternimmt, viel zu zögerlich wenn sie mich fragen, etwas gegen den Verkehrsinfarkt, verursacht durch zu viele rücksichtlose Autofahrer.

  8. 9.

    Also so abwegig finde ich den Hinweis von Steffen nicht. Ich bin Autofahrerin und selbst ADAC-Mitglied. Ich habe also mit Warnwesten vom ADAC für die Kids kein Problem gehabt.
    Der Senat hätte vielleicht lieber den Allgemeinen Fahrradclub als Sponsor gewinnen sollen und zu dem hätte das auch gut gepaßt.
    Wenn man keinen ( unbelasteten ) Sponsor findet, kann der Senat die Westen für die kleinen neuen Grundschülern auch von Steuergeldern zahlen. Sozusagen als Sahnehäubchen zum kostenlosen Mittagessen. Steffen hatte sich ja zum Preis der Westen schon geäußert und ohne Werbung auf dem Rücken erfüllen sie auch ihren Zweck.

  9. 8.

    Was für ein hanebüchener Nonsens, was Sie da schreiben. Immer voll gegen den Senat und nun soll er Steuergelder verschwenden, wenn er diese Westen kostenlos bekommen kann? Sie drehen sich auch gerne alles zurecht. Ein Sponsor gab die Westen, das ist schon lange so, und nun stellt sich zufällig heraus, dass da womöglich etwas nicht ganz lupenrein zuging. Der Senat reagierte prompt. Aber am besten werden jetzt wieder auch Rücktritte gefordert. Da müssen mindestens Köpfe rollen...^^

  10. 7.

    Es ist schon verwunderlich, daß ein Senat, der alles mögliche gegen Autos unternimmt, sich ausgerechnet vom Automobilclub oder von einer Autofirma sponsern läßt. Eine ganz einfache Warnweste bekommt man schon für 1,99, als Großabnehmer sicher noch günstiger. Eigentlich peinlich daß die Hauptstadt da überhaupt einen Sponsor braucht.

  11. 5.

    Lesen hilft manchmal ungemein! "Der ADAC habe jedoch den Vertrag für das Schuljahr 2019/2020 nicht abgeschlossen."

  12. 4.

    In Zeiten von "Gelbwesten", die teils direkte personelle Überschneidungen mit Rechtsextremen und Reichsideolog*innen haben, muss man eben nochmal genauer hinschauen, von wem man sich Westen stellen lässt/ kauft o.ä. Dass Autodoc von den Orten und Kontexten eigener Werbeinhalte nichts gewusst haben will, halte ich für reine Selbstentlastung. Wenn es so schwer zu kontrollieren war, wieso ging es dann mit der Rücknahme dann doch sehr schnell, nachdem das alles bekannt geworden war?

  13. 3.

    Manchmal ist Berlin einfach nur peinlich.

  14. 2.

    Wer nicht will, der hat schon.

  15. 1.

    Wer wollte den Vertrag mit dem ADAC nicht? Das wäre doch mal eine Antwort wert.

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