Symbolbild: Ein Mann trägt eine Kippa. (Quelle: dpa/Peter Kneffel)
Bild: dpa-Symbolbild/Peter Kneffel

Rias-Zahlen zum Antisemitismus - Zweimal täglich wird in Berlin ein Jude angefeindet

Insgesamt sind seit Jahresbeginn zwar weniger antisemitische Vorfälle in Berlin registriert worden - dennoch sind die Zahlen der Informationsstelle Rias alarmierend: Zweimal pro Tag gibt es Angriffe auf Juden - und die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.

404 antisemitische Vorfälle sind im ersten Halbjahr 2019 in Berlin erfasst worden. Das geht aus einer Auswertung der Recherche- und  Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias) hervor. Im Schnitt würden pro Tag zwei judenfeindliche Vorfälle bekannt, teilte die Recherchestelle am Donnerstag mit.

Der starke Anstieg des vergangenen Jahres habe sich zwar nicht fortgesetzt. Zum Vergleich: 2018 gab es in demselben Zeitraum 579 Meldungen. Jedoch bleibe die Zahl der Fälle mit besonderem Gefährdungspotential für die Betroffenen hoch.

So registrierte Rias zwischen Januar und Juni 13 judenfeindliche Angriffe und 20 Bedrohungen, mehr als etwa 2016 oder 2017. Die übrigen 300 Vorfälle umfassen Beleidigungen und Beschimpfungen am Telefon, per E-Mail, auf Internetseiten sowie Schmierereien an Hauswänden und Sachbeschädigungen. Betroffen waren demnach insgesamt 110 Einzelpersonen betroffen gewesen.

Bei 41 Prozent der Vorfälle ist laut Rias der politische Grund der antisemitischen Tat unbekannt. Knapp 30 Prozent werden einer rechtsextremen Haltung zugeordnet. Bei etwa zwölf Prozent sei ein "antiisraelischer Aktivismus" erkennbar.

Beschimpft und angespuckt

Im Januar wurde in Berlin-Mitte etwa einer Frau, die im Bus auf Hebräisch telefoniert hatte, von einem Mann die Mütze so gewaltvoll vom Kopf gerissen, dass die Betroffene beinahe von ihrem Sitz fiel. Im Mai wurde in Friedrichshain-Kreuzberg eine weitere Frau, die ebenfalls auf Hebräisch telefonierte, in der U-Bahn als  "Yahudi", was auf arabisch Jude bedeutet, und als "Babymörder" beleidigt. Im Juni wurden in Pankow ein Kippa tragender Mann und seine Mutter als "Yahudi" beschimpft und angespuckt.

Bei den Vorfällen im Internet gab es demnach einen Rückgang von 40 Prozent. 224 Vorfälle passierten direkt oder im öffentlichen Raum. Die Anzahl rechter  antisemitischer Vorfälle war mit 120 gleichbleibend hoch. Rias-Projektleiter Benjamin Steinitz sprach von einem "antisemitischen Grundrauschen", dass mittlerweile den Alltag in Berlin präge. Weiterhin seien gerade Personen, die als jüdisch erkennbar seien, von Anfeindungen betroffen.

Die Zahlen sind noch nicht endgültig, da es laut Rias häufig Nachmeldungen von Fällen gebe. Polizeipräsidentin Barbara Slowik hatte zudem kürzlich gesagt, sie vermute, "dass das Dunkelfeld sehr groß ist". Der Senat, die Polizei und die Staatsanwaltschaft haben inzwischen jeweils einen eigenen Beauftragten für das Thema Antisemitismus.

Sendung:  Inforadio, 26.09.2019, 12:30 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Ach ja, die Rias. Mit keinem Wort wird erwähnt, woher die tatsächliche Bedrohung - ich meine jetzt die unmittelbar Körperliche - kommt. Das bestätigen Umfragen unter den Angegriffenen. Und neben das Symbolbild könnte man noch eine weitere Darstellung hinzufügen.

  2. 4.

    Jeder sollte Zivilcourage zeigen, wenn jemand angegriffen wird. Ob das Juden sind oder sonst wer.

  3. 3.

    "Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand." (AEMR, vgl. Stelenreihe in Nürnberg / Str. der Menschenrechte)

    Echt schon sehr abartig und nicht selten auch von strafrechtlichem Gehalt, wie die Gesellschaft miteinander und untereinander umgeht: "Rassismus ist Alltag - und immer Scheiße!" (gilt auch für Antisemitismus und ähnliche Krankheitsbilder)!

  4. 2.

    Kann als "Südländer" ein Lied davon singen, ich weiß wie es ist wenn man von Vollidioten angegriffen wird.
    Noch vor wenigen Jahren hatten diese Vorfälle Seltenheitswert, aber mittlerweile erlebe ich es täglich.


  5. 1.

    Karl Lagerfeld hat dazu alles gesagt.

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