Grundschüler tragen Schulranzen und toben an einem Berliner Spielplatz (Archiv)
Video: Abendschau | 18.09.2019 | Agnes Taegener | Bild: dpa/Jens Kalaene

Bonus-Programm für Brennpunktschulen - Wenn Bildungsförderung auf Schulalltag trifft

Aus dem Bonus-Programm der Bildungsverwaltung können Schulen in sozialen Brennpunkten jährlich bis zu 100.000 Euro bekommen. Viel Geld, mit dem viele Probleme gelöst werden können - aber längst nicht alle. Von Kirsten Buchmann

In einer Querstraße der Neuköllner Sonnenallee ragt neben einem Supermarkt-Quader der helle Altbau der Röntgen-Schule in die Höhe. An einem langen Gang im Hochparterre der Sekundarschule liegt das Schulleiterbüro von Detlef Pawollek. Er trägt Jeans, ein schwarzes Polohemd und eine graue Jacke. Auf seinen Konferenztisch legt der Rektor zwei Ordner mit der Aufschrift "Bonus-Programm", das seit 2014 Schulen in sozialen Brennpunkten fördert. Die Röntgen-Schule in Neukölln nimmt von Anfang an teil.

Rund 90 Prozent der Schüler kommen aus Familien mit geringem Einkommen, rund 97 Prozent stammen aus Einwandererfamilien. Die Gegend zählt zu denen mit der größten Kinderarmut in Neukölln. "Wo Sprachschwierigkeiten und Armut zusammenfallen", warnt das Jugendamt, "besteht ein erhöhtes Risiko einer misslungenen Bildungslaufbahn."

Meistens fallen Jungen auf

Detlef Pawollek will dem entgegenwirken, mit Geld aus dem Bonus-Programm. Seine Schule erhält 100.000 Euro im Jahr  - die höchste Förderkategorie, wegen der vielen Kinder aus armen Familien. Pawollek hat mit dem Geld zwei zusätzliche Sozialpädagoginnen eingestellt. In den zurückliegenden fünf Jahren betreuten sie gemeinsam mit einem Lehrer immer eine Lerngruppe aus rund acht Siebtklässlern. Und zwar die schwierigsten zehn Prozent des Jahrganges: "Systemsprenger" nennt sie Pawollek. Jugendliche, die wegen ihres Verhaltens trotz Unterstützung nicht in den Griff zu bekommen sind. Nach jeweils einem Jahr intensiver Betreuung sollten sie wieder in die regulären achten Klassen der Schule integriert werden.

Verhaltensauffällig sind an der Röntgen-Schule meistens Jungen. Weniger durch körperliche, sondern mehr durch subtile Gewalt, sagt Pawollek: Die "Systemsprenger" provozieren und sprechen beleidigend über ihre Mitschüler und deren Familienangehörige. Die Schwester sei mit einem Anderem im Park gesehen worden oder sie habe ihr Kopftuch abgelegt - solche Dinge.  

"Dynamik war nicht mehr beherrschbar"

In der temporären Lerngruppe sollten diese Schüler mit Hilfe der Pädagogen lernen, Verantwortung zu übernehmen und zu sehen, wo ihre eigenen Fehler liegen. Nach fünf Jahren zieht Pawollek eine ernüchternde Bilanz: Das Konzept sei gescheitert.

"Diese Gruppe hat eine Dynamik entwickelt, die für diese anderthalb Stellen und den Lehrer nicht mehr zu beherrschen waren", sagt er. "Die Schüler haben sich in manchen Situationen so aufgeschaukelt, haben sich provokant gegenüber den Lehrkräften gezeigt und jegliche Leistungsbereitschaft verweigert." Selbst vermeintlich attraktive Sportangebote hätten die Schüler versucht, zu unterlaufen.

Neues Konzept, alte Probleme

Zunächst waren Pawollek und seine Kollegen "ratlos". Dann änderte der Rektor das Konzept. Die Siebtklässler mit besonderem Unterstützungsbedarf besuchen seit diesem Schuljahr wieder den normalen Unterricht. Die beiden - nach wie vor über das Bonus-Programm finanzierten - Sozialpädagoginnen gehen zu festen Zeiten mit in den Unterricht.

Ob das funktioniert, werde man sehen, sagt Pawollek. Es gebe keine Patentrezepte. Er suche nach Möglichkeiten für diese zehn Prozent des Jahrganges, für diese acht Schüler. Es sei ein "erneuter Versuch, sich dem Problem zu stellen". Er und seine Kollegen werde noch mehr direkte Gespräche mit Eltern führen, auch mal die Teilnahme der Mütter oder Väter am Unterricht vorschlagen.

Die Kinder seien nämlich nicht nur verhaltensauffällig, sondern bisweilen traumatisiert. Durch "prägende Erfahrungen" zu Hause oder auf der Straße, erklärt Pawollek. "Den Schülern fehlt die Empathie, was ein anderer empfindet, wenn man etwas mit ihm macht." Schon seit der Grundschule hätten sie Schulwechsel, Schulpsychologie, Ergotherapie und Verhaltenstherapie mitgemacht, nichts habe die erhoffte Wirkung gezeigt. "Pädagogisch kann diesen Schülern nicht mehr begegnet werden, sondern sie brauchen therapeutische und medizinische Maßnahmen."

Die Schule kann nicht jedes Problem lösen

Trotzdem glaubt Detlef Pawollek, der auch im Vorstand der Vereinigung Berliner Schulleiter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist, dass einige Schüler an einer Schule wie seiner nicht zu integrieren sind. Rund 40 Schüler wurden bislang in einer temporären Lerngruppe speziell betreut. Die wenigsten schafften einen Abschluss. Es fehle eine gute Durchmischung der Schülerschaft, damit die Stärkeren die Schwächeren mitziehen können. "Das führt dann nicht selten dazu, dass diejenigen, die am unteren Ende der Leistungsskala sind, das Geschehen dominieren." Für diese Schüler müsste es außerschulische Alternativangebote geben, sagt Pawollek, "vielleicht so etwas wie Gemüseanbau auf dem Bauernhof."

Detlef Pawollek blickt noch einmal auf die beiden Ordner vor sich auf dem Tisch. Sein Resümee nach rund fünf Jahren: "Das Bonus-Programm ist hilfreich, doch man kann es wirklich nur auf den unmittelbaren schulischen Raum beziehen. Eine Einflussnahme nach außen in den Sozialraum hinein ist aus meiner Sicht aber eine komplette Illusion."

Das sei Aufgabe der Politik, sagt Schulgewerkschafter Pawollek. Angefangen bei den Kleinsten im Kita-Alter: Ob die Kinder an Sprachförderung, Sprach- oder Ergotherapien teilnehmen, beeinflusse ja schließlich, mit welchen Voraussetzungen sie dann in der siebten Klasse an seiner Schule ankommen. Detlef Pawollek zieht sich seine graue Jacke über, zieht den Reißverschluss hoch und geht aus dem Zimmer.

Resigniert wirkt er nicht. 

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4 Kommentare

  1. 4.

    Sprachförderungsbedarf und extreme Defizite in der Lesekompetenz bestanden in der Klasse meines Kindes fast ausschließlich von deutschen Kindern ohne Migrationshintergrund. Ich war mehrere Jahre als Lesepate 1x/Woche vor Ort, kann das durchaus beurteilen. Verhaltensstörungen, permanentes Zuspätkommen, häufige Fehlzeiten, fehlende Hausaufgaben und Schulutensilien-das war in den ersten drei Schuljahren Programm. Zu den Elternabenden kamen deren Eltern natürlich selten oder gar nicht. Viele Eltern wissen gar nicht mehr, was in ihre Verantwortlichkeit fällt, worum sie sich kümmern und bemühen müssen. Diese bräuchten "Eltern-Nachhilfe", bevor die Schule los geht.

  2. 3.

    Das Problem beginnt viel früher. Eltern, die seit 30 Jahren in Berlin leben und Deutsch im besten Fall radebrechen, weil Gesellschaft und Politik keinen Druck ausüben, die Amtssprache des freiwillig gewählten Wohnsitzes zu erlernen.
    Bei 2924 Einladungen zur Sprachfeststellung ca. 2 Jahre vor der Einschulung erscheinen nur 1259 Kinder, also 1665 nicht. Von den 1259 Kindern bei der Sprachfeststellung wurde bei 966 ein Bedarf für die Sprachförderung festgestellt, bei 613 dieser Kinder ignorieren die Eltern diese Aufforderung, erreicht werden nur 353 Kinder. 589 dieser 613 Kindeswohl missachtenden Eltern erhalten KEIN Bußgeld!
    So entstehen die Probleme von Morgen und Übermorgen, wenn der Senat keinen Druck ausübt, das Recht der Kinder auf Bildung durchzusetzen. Kein Sozialarbeiter kann das Versagen dieser rotrotgrünen Politik ausgleichen!

  3. 2.

    Warum wird nicht einfach mal in Leistung investiert und Engagement von Schülern belohnt, anstatt ständig die zu unterstützen, die nicht wollen? Mit dieser Schulpolitik wird schon seit Jahren nur noch unteres Mittelmaß erzeugt und niemand wacht auf. Wahrscheinlich deshalb, weil die meisten Politiker zu alt sind, um schulpflichtige Kinder zu haben oder ihre Kinder durch Geld oder Beziehungen auf bessere Schulen schicken können. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Rot/Rote Berliner Regierung auch nur im Ansatz versteht, was an ihren Schulen passiert.

  4. 1.

    Förderschulen wurden geschlossen , um Inklusions-Kindern eine Chance zu geben. Und was wurde daraus? Dass in manchen Schulen und Klassen die verhaltensunauffälligen, leistungsbereiten Schüler in der Minderheit sind. Das strahlt auf das Lernniveau ab. Und wir wundern uns über Pisa? Die Mittelstufenzeit meines Kindes war diesbezüglich ein Albtraum. In einem eigentlich renommierten Stadtrand-Gymnasium. Wo bleibt nun die Chance der anderen Kinder?

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