East Side Gallery: Touristen schießen ein Selfie, wo früher der Schießbefehl galt (Quelle: Bildagentur-online/Schoening)
Bild: Bildagentur-online

Kommentar | Zuzugsstopp und Touristenabschreckung - Schließt die Stadt der Freiheit!

Im Kampf gegen Wohnungsmangel überbieten sich Berliner Politiker mit wunderlichen Forderungen: Der Zuzug sollte reguliert, der Besuch nicht beworben werden. Vorschläge, für die es bereits Vorbilder gibt: Pjöngjang etwa. Ein Kommentar von Oliver Noffke

Berlin. Stadt der Mauer. Stadt, in der Freudenchöre und hupende Trabis ein Bollwerk aus Grenzsoldaten zu einem Haufen herumirrender Hühner zurechtgestutzt haben. Die Bilder der Minuten, in denen sich am 9. November 1989 die Absperrung an der Bornholmer Straße öffnet, gehören zum kollektiven Gedächtnis der Deutschen und gingen um die Welt. Sie sind auch heute noch der Kern dessen, was die Faszination dieser Stadt ausmacht.

Dass man dies 30 Jahre später überhaupt betonen muss, ist geradezu beschämend. Aber offenbar notwendig in einer Woche, in der sich Berliner Politiker mit wunderlichen Forderungen übertrumpfen.

Etwa die stadtpolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, Katalin Gennburg. Sie fordert in der "Morgenpost", der stadteigenen Firma für Tourismusmarketing Visit Berlin alle Steuermittel zu streichen. Wenn für die Stadt nicht mehr geworben wird, kommt auch keiner mehr, der hier mit seiner Airbnb-Buchung die Anwohner verdrängt. So die überschaubare Logik in Zeiten, in denen "Instagramability" zum Schlagwort in der Tourismuswerbung geworden ist.

Kurz darauf sagt Christian Gräff, der wohnungspolitische Sprecher der CDU, in der rbb Abendschau: "Wir müssen denen, die hierher kommen, sagen: Macht euch keine falschen Erwartungen. Wir haben die Infrastruktur nicht. Ihr könnt hier nicht herziehen". Der Senat solle außerdem mit der Bundesregierung darüber diskutieren, wie der Zuzug bundesweit gesteuert werden kann.

Völker der Welt, schaut auf diese Stadt. Aber bleibt wo ihr seid.

Vorbild Aschgabat?

Es gibt Städte, in denen der Staat mit solchen Ideen Gentrifizierung ausgezeichnet verhindert. Pjöngjang zum Beispiel oder auch Aschgabat. Nordkorea und Turkmenistan gehören außerdem zu den Ländern, die am wenigsten von Touristen belästigt werden.

Auch in Usbekistan gab es bis vor Kurzem strenge Reiseauflagen. Deutsche Touristen brauchen seit Anfang des Jahres vor ihrer Reise kein Visum mehr zu beantragen. Schon gibt es Befürchtungen, dass der Charme alter Seidenstraßenpaläste von neugierigen Gruppenreisenden kaputtgeknipst wird. In der usbekischen Hauptstadt Taschkent klagen die Bewohner zudem über fehlende Wohnungen und eine Zunahme ungehobelter Steppenbewohner. Heute reicht Usbeken aus anderen Landesteilen ein Busfahrschein, um in Taschkent ihr Glück zu versuchen. Bis vor ein paar Jahren mussten sie für den Umzug noch eine Genehmigung beantragen, die so gut wie nie erteilt wurde.

Natürlich unterscheiden sich die politischen Systeme dieser Länder grundlegend von der Bundesrepublik. Günstiger Wohnraum und Rollkoffer-freie Fußwege auf der einen Seite. Geheimpolizei, korrupte Justiz und Arbeitslager auf der anderen. Keiner der genannten Politiker würde ernsthaft fordern, dass man sich an solchen Diktaturen orientiert, um Berliner Probleme zu lösen. Es sollte ihnen aber auch klar sein, dass der freiheitliche Akt, besoffen im Ausland in eine Straßenbahn zu kotzen, weitaus höher zu bewerten ist, als den Zugang zu der Stadt einzuschränken, durch die sie fährt.

Mit Stillstand erledigt sich der Zuzug bald von selbst

Ein Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist hauptsächlich die Folge politischer Fehlplanung. Was knapp ist, wird teuer. Das ist der Kern von Marktwirtschaft. Wenn die Berliner Linke dem entgegenwirken will, wäre das einfachste, effektivste und nachhaltigste Mittel endlich das Angebot zu erhöhen und zu bauen, bauen, bauen. Die CDU hingegen bräuchte einfach nur still zu sitzen und abzuwarten. Solange sich nichts am knappen Wohnungsangebot ändert, werden die Preise weiter steigen und ein Umzug nach Berlin von ganz allein immer unattraktiver.

Die Verwaltung kann auch beeinflussen, was für ein Tourismus in Berlin stattfindet. Etwa indem sie aufhört ein Billighotel nach dem nächsten zu genehmigen. Die Gegend rund um den Alexanderplatz ist damit ja bereits zugepflastert. Man könnte Touristen aber auch einfach vermitteln, dass man in Berlin mehr erleben kann als eine Tour auf dem Bierbike. Das wird man aber nicht erreichen, wenn dem einzigen Werkzeug die Mittel gestrichen werden, mit dem sich Berlin selbst über soziale Medien der Welt präsentiert.

Berlins Geschichte ist geprägt von Katastrophen und Umbrüchen. Aber letztendlich auch vom Sieg der Freiheit über Hass und politische Sprachlosigkeit. Das ist kein Makel. Es ist ein Glück, das wir teilen müssen.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

22 Kommentare

  1. 21.

    Haben Sie das Grundgesetz gelesen? Art. 11 Absatz 2 GG offensichtlich nicht. Zudem haben Sie wie auch der RBB und viele andere sogar in seiner Partei nach dem Wort "Zuzugstopp" aufgehört, Gräff zuzuhören.

    Aktuell gibt es sechs Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus. Keine stellt sich ausreichend der Regierungsverantwortung und versucht mehr als nur verbal-populistisch die Problem dieser Stadt zu lösen. Die Linke koaliert dabei sogar heimlich mit der AfD. Beide setzen sich dafür ein, dass auf ausgewiesenem Bauland in Landesbesitz keine neuen Wohnungen entstehen dürfen. An den Schulen werden Statistiken schön gerechnet ohne dass die sogenannten Regierungsparteien den Fehler bemerken wollen. Beim ÖPNV wird unverzüglich wieder zurück auf Los gegangen, weil jemand glaubt, eine tolle Idee für die ferne Zukunft gehört zu haben. Dabei soll der Mietendeckel nur bis 2025 gelten und die Innenstadt bis 2030 verbrennerfrei sein.

  2. 20.

    Offenbar sind aber die meisten " gemeinen Internetkommentatoren " wie Sie mich hier so so charmant betiteln, genau meiner Ansicht.
    Keiner das Grundgesetz bis zum Ende gelesen und trotzdem eine Meinung zur Stimmung in der Hauptstadt.
    Schöne Grüsse ans beschauliche Potsdam.

  3. 19.

    Na, denn ziehen Sie doch nach Brandenburg, da gibt es auch schönere Grünflächen, nicht so "übernutzt" wie in der Berliner Innenstadt, wo Sie sich offenbar fast ausschließlich tummeln (es gibt reihenweise ruhigere Ecken in Berlin, aber für die interessieren sich außer den Touristen auch die Medien nicht) . Aber bitte ziehen Sie nicht in den Speckgürtel, wo es auch schon recht voll ist und immer voller wird, sondern schon eher in die Prignitz oder nach an den Südbrandenburger Rand, wo man dringend junge Leute braucht. Und dann werden Sie ja sehen, wie "schnell mensch hier" ist.

  4. 17.

    Diese Stadt ist extrem übernutzt, egal wohin Mensch geht, es ist voll. Insbesondere die Grünflächen laden nicht mehr zur Erholung ein. Das empfinde ich als sehr unattraktiv.
    Macht es da nicht wirklich Sinn, auch mal auf den ersten Blick unlautere Ideen zu denken?
    Und Brandenburg ist leer, mit dem Regio ist mensch schnell hier. Warum in einer Millionenmetropole bauen, wenn es viel Leerstand anderswo gibt?

  5. 16.

    Für Zuzug müssten aber auch die Voraussetzungen tatsächlich geschaffen werden und nicht nur darüber geredet. Da das kaum bis nicht passiert, da sich immer jemand findet, der dagegen ist oder glaubt, eine bessere Idee zu haben, müssten auch die Konsequenzen gezogen werden.

  6. 15.

    Sehr geehrte Rebecca,
    vielleicht sollten sie auch mal eine Pause einlegen, und das deutsche Grundgesetz zumindest mal bis Artikel 11 durchlesen.
    Aber wenn anscheinend nicht mal gewisse CDU-Politiker schaffen, sich mit so nebensächlicher Gesetzgebung zu befassen, was soll man dann vom gemeinen Internetkommentator erwarten.

  7. 14.

    So sehe ich das auch. Gönnt Berlin und uns Berlinern eine kreative Pause, die dafür genutzt wird, ein paar "Baustellen" abzuarbeiten. Ich war heute mit Bus und Bahn viele Stunden unterwegs, in mehreren Bezirken. Eigentlich ist Berlin echt super. Ärmel hochkrempeln und aufräumen ist angesagt, lieber Senat.

  8. 13.

    Mauer drum bauen? Kennen wir uns doch mit aus!

    Mal schauen, was noch für Vorschläge kommen....

  9. 12.

    Wozu braucht Berlin mal eine Pause? Die Regierenden sollten ihre Hausaufgaben richtig machen, Wohnungen bauen und nicht die Probleme des Wohnungsmarktes mit denen des Touristenbooms vermischen. In bestimmten Kreisen im alten Westberlin gab es ansatzweise auch mal Stimmen, die die sogenannten Touris auf dem Kudamm kritisierten.

  10. 11.

    Ich freue mich schon jetzt auf die Bilder, wenn ein tobender Mob gegen die Migration von Deutschen nach Berlin protestiert.
    Berlin ist eine weltstadt und soll es doch auch bleiben. Also Herr Gräff: raus aus der Politik und mal richtig arbeiten. Ihr Vorschlag hat das intellektuelle Niveau von "Mallorca kaufen".

  11. 10.

    Sinnlos, sich über das Thema den Kopf zu zerbrechen. Es sei denn, es finden sich Mehrheiten für eine erneute Einmauerung in ein totalitäres Staatssystem. Dann gäbe es solche Möglichkeiten mit Zuzugsstopp und Touristenlimit.

  12. 9.

    Ein vorübergehender Zuzugsstopp und nicht noch mehr Tourists, die in privaten Ferienwohnungen wohnen, kann Berlin doch nicht schaden, ganz im Gegenteil. Eine Revision, intensives Abarbeiten der drängensten Bau und Sozialprobleme, das spricht von Verantwortung.
    Berlin braucht mal ne Pause!

  13. 8.

    Ein vorübergehender Zuzugsstop ist auf Berlin zutreffend und richtig, es sollten nicht solche Zustände wie Paris werden, wo nur noch gutgestellte und zugezogene wohnen und der Rest außerhalb der Stadt wohnt, solche Zustände sind zu vermeiden und ein Neubau von immer mehr Hotels oder ein Umbau von Wohnhäusern in billig Hostels sollte auch stark eingegrenzt werden, nur so kann es Berlin schaffen, aber mit diesem unfähigen Senat ist das nicht möglich.

  14. 7.

    Ihre Überschrift ist sehr pathetisch! Zu Ihrem ersten Beispiel, frage ich Sie persönlich: Sind Sie wirklich der Meinung, dass weiterhin Steuermittel für die Tourismus-Werbung verschwendet werden sollen? Berlin ist völlig überfüllt mit Sauf und Kotz Touristen! Worte wie "sanfter Tourismus" scheinen Ihnen fremd zu sein!? Zu Ihrem zweiten Beispiel und den folgenden Ausführungen, bleibt mir zu fragen: Was ist den noch von der "Stadt der Freiheit" übrig? Durch die "Gentrifizierung ist doch von dem, was Sie einleitend beschreiben, nichts mehr vorhanden! Die, von den gerade "Herrschenden" , beschworene "Kiezkultur" ist zerstört. Merke: Kiez und Gentrifizierung schließen sich aus! Begründung: Gentrifizierung bedeutet (fast) kompletten Austausch der Einwohner! Was bleibt "klein Schwabilon" und ähnliche Reichtums Ghettos! Berliner Charme und Schnauze kaum noch zu finden!

  15. 6.

    Wen man aber nicht bauen will, muss man aber auch so ehrlich sein und dazu stehen, dass es de facto bereits einen Zuzugsstopp gibt. Der eine Suppenkaspar überlebte seine Verweigerungshaltung nicht, der andere jammert immer lauter über steigende Mieten und läuft gerne in offene Messer wie in das von Gräff.

    Der RBB hat leider im Tourismus-Artikel über die Studie von Frau Pop das Ergebnis immer noch unvollständig stehen. Die "Ballermannisierung" wird hauptsächlich von Einwohnern getragen, nicht den Touristen. Mich würde zum Vergleich auch einmal nicht nur der Anteil Einheimischer in der Partyzone interessieren, sondern auch deren Anteil z.B. auf der Museumsinsel.

  16. 5.

    Ich finde es nicht schlimm, wenn Berlin nicht so attraktiv für Touristen ist.
    Für die Ureinwohner ist es leider auch nicht mehr attraktiv - finde ich.

  17. 4.

    Auf geht's liebe Freunde... alle mann an Bord, wir reisen nach Nordkorea zum "In-die-Straßenbahn-kotzen" (Glückwünsche an alle, die da lebend wieder raus kommen)- in Berlin dürft ihr das bald nicht mehr...

    Mir wird aber tatsächlich schlecht, wenn ich so lesen muss, auf was für Gehirnergüsse man in den politischen
    Reihen so kommt... macht immer Weiter so - ach was soll auch der Tourist nach Berlin kommen... Macht Tegel dicht, schließt den Hauptbahnhof - verkauft ihn am besten an die Deutsche Wohnen - BER wird ja eh nicht fertig, also erledigt sich das sukzessive von selbst. Und dann darf der Senat auch bitte geschlossen und ersatzlos die Segel streichen - so spart Berlin sicher eine Menge Geld.

    Um's mal konkret zu sagen: Man könnte die Uhren anhalten um Zeit zu sparen - genauso logisch wie das Werben einstellen um Geld zu sparen. Fragt mal Henry Ford.

    Gern mehr solche Abstürze, aber bitte nicht wenn ich Auto fahre - ich könnte das Lenkrad verreißen... mannomann

  18. 3.

    Ich finde an den Forderungen nichts wunderlich.

Das könnte Sie auch interessieren