Demo Suchthilfe (Quelle: Jörn Kersten)
Video: Abendschau | 17.09.2019 | Goran Krajnov | Bild: Jörn Kersten

Zahl der Drogentoten gestiegen - Berliner Suchthilfe demonstriert für bessere Bedingungen

Etwa 800 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Berliner Suchthilfe für Drogenkranke haben am Dienstag vor dem Roten Rathaus demonstriert. Sie wollen auf die aus ihrer Sicht vollkommen unzureichenden Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. "Wir benötigen dringend ein neues Landeskonzept der Drogen und Suchthilfe, Mittel für unser Personal, den Betrieb unserer Einrichtungen, Mieten, Sachkosten und so weiter", sagte Michael Frommhold, Geschäftsführer des Notdienstes für Suchtmittelgefährdete und -abhängige, rbb|24.

Die Suchthilfe sei in einer Situation, in der sich die Mitarbeiter "ernsthaft Sorgen machen müssen, ob wir überhaupt noch tragfähig sind oder alles zusammenbricht", erklärte Frommhold. Die Demo vor dem Berliner Rathaus sei die erste der Suchthilfe überhaupt.  

Vorab hatten die Träger der Suchthilfe "eklatante Versorgungslücken" sowie einen "gravierenden Fachkräftemangel" im Zusammenhang mit "unzureichenden Gehaltsanpassungen" beklagt. Dadurch sei eine "adäquate regionale Grundversorgung der Bürger*innen mit einer Suchtproblematik stark gefährdet". Sie fordern deshalb eine Anpassung der Löhne an das Niveau des Öffentlichen Dienstes und die Finanzierung des gestiegenen Sachkostenbedarfs durch das Land Berlin.

14 Prozent mehr Drogentote

Frommhold machte darauf aufmerksam, dass die Zahl der Menschen, die in Folge ihres Rauschmittelkonsums gestorben sind, innerhalb eines Jahres um 23 Fälle gestiegen ist. Das ist ein Anstieg von 14 Prozent.

Die Zunahme erklärte Frommhold so: Mehr Menschen zögen nach Berlin, die Verelendung nehme zu. Proportional dazu seien aber die Zuwendungen vom Land nicht gestiegen, sodass die Kosten kaum noch zu decken seien.

Probleme seien vor allem das niedrige Gehalt der Sozialarbeiter, das bei 2.600 Euro brutto im Monat bei Einsteigern liege. Außerdem die steigenden Mieten, sodass es immer schwieriger werde, Räume zu finden, und nicht zuletzt das fehlende Personal. Wegen zu niedriger Zuschüsse vom Land könnten Stellen nicht besetzt werden, kritisierte Frommhold. Deshalb fehle es der Suchthilfe auch an Möglichkeiten, die Klienten zu versorgen.

Bis zu 30 Fälle pro Tag pro Sozialarbeiter

Der Drogennotdienst hat an sieben Tagen in der Woche bis 21 Uhr geöffnet. Elf Sozialarbeiter betreuen in dieser Zeit insgesamt 2.600 Klienten. "In den offenen Sprechstunden haben wir 25-30 Klientenkontakte am Tag pro Sozialarbeiter". Das seien zu viele, sagte Frommhold.

Auch dass es immer mehr Wohnungslose - teils drogenabhängig - in Berlin gebe und Krisenwohnungen "voll bis Oberkante Unterlippe" seien, mache die Vermittlung an andere Einrichtungen schwierig. Wenn für die Suchthilfe nicht aufgestockt werde, "dann müssen wir die Klienten unterversorgen", sagte Frommhold.

Sendung: Abendschau, 17.09.19, 19:30 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    Schlecht recherchiert oder "falscher einseitiger" Lobbyismus?
    Wir - und anteilig nicht wenige- waren gestern auch demonstrieren für uns und alle Mitarbeiter im System der Suchthilfe für Alkoholkranke und andere Suchtabhängige für welche obige Probleme identisch gelten!
    Es ist schade, dass dies in der hier veröffentlichten Sendung/Meldung so nicht wiedergegeben wird, vielleicht würden wir bei korrekter Veröffentlichung dann in der Bevölkerung noch mehr Verständnis für unsere Erwartungen und Forderungen an den Senat erzielen. Dies auch, weil vermutlich jeder irgendwoher einen Betroffenen kennt oder von ihm weiß. Zusätzlich wage ich die Hypothese, dass die Dunkelziffer für Tote durch langjährige Alkoholabhängigkeit höher liegt als die im Beitrag erwähnte.
    Also bitte nachbessern in der Veröffentlichung liebe Redakteure!

  2. 3.

    Nunja, die Statistik wird immer noch von der Alkoholsucht angeführt. Darüber ist eigentlich auch nichts mehr zu hören. Klar, der Mensch in unserer Gesellschaft braucht wohl eindeutig immer mehr Betäubung. Und wer keine Drogen nimmt isst sich kaputt, ist kauf- oder sexsüchtig. Nicht einmal 3000€/brutto für einen studierten Beruf ist lächerlich. Bei der Belastung ist ein Burnout mit Ansage nach wenigen Jahren zu erwarten.

  3. 2.

    Der Senat sollte den Wunsch von Bsirke (Verdi) nachkommen und sich dafür einsetzen das ALLE Mitarbeiter*innen Tariflohn erhalten, Tarifverträge für alle eingeführt wird und natürlich das Geld zur Verfügung gestellt bekommen. Egal ob im Suchtbereich (Alkohol, Drogen, Spiel, ...) oder in anderen Branchen.

    Das sollte auch beim Paritätischen Wohlfahrtsverband und deren Vereinen durch gesetzt werden.

    Macht die (unabhängigen) linken Gewerkschaften stark.

  4. 1.

    Drogenkranke und -Tote zeugen mMn von einer morbiden Gesellschaft hierzulande.

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