Ein Obdachloser schläft auf einer Bank auf dem Boulevard Unter den Linden. Die geplante Zählung der Obdachlosen in Berlin nimmt konkretere Formen an. (Quelle: dpa/Kalaene)
Video: Abendschau |03.09.2019 | Sylvia Wassermann | Bild: dpa/Kalaene

29./30. Januar 2020 - Hunderte Teams sollen in einer Nacht Berliner Obdachlose zählen

Bis zu 10.000 Menschen leben nach Schätzungen in Berlin auf der Straße - doch wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. In einer Nacht Ende Januar soll sich das ändern - hunderte Menschen sollen sie dann zählen. Doch nicht nur ihre Situation will der Senat verbessern.

Der Berliner Senat hat konkretere Details zur geplanen Zählung von Obdachlosen in der Hauptstadt veröffentlicht. Wie Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Dienstag mitteilte, sollen dafür in der Nacht vom 29. zum 30. Januar rund 450 Teams auf den Straßen unterwegs sein. Die Gruppen bestehen demnach aus mindestens zwei Personen. Sie sollen die Obdachlosen zählen und zu ihrer Situation und ihrer Herkunft befragen.

Bei dem Projekt helfen Studenten der Katholischen Hochschule für Sozialwesen und der Alice Salomon Hochschule mit. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Auch die Fragebogen für die Obdachlosen sind mehrsprachig.

Die nächtliche Aktion soll zwei bis drei Stunden dauern. Breitenbach sprach von einer "Nacht der Solidarität". Dadurch wolle man auch deutlich machen: "Die Menschen, die auf der Straße leben, sind Teil dieser Stadt." 

Bei der Befragung werden auch Studierende mithelfen. Das Projekt läuft in Kooperation mit Hochschulen. 
Bei der Befragung werden auch Studierende mithelfen. Das Projekt läuft in Kooperation mit Hochschulen. 
Bei der Befragung werden auch Studierende mithelfen. Das Projekt läuft in Kooperation mit Hochschulen. 

Geschätzt bis zu 10.000 Obdachlose in Berlin

Im Juli hatte die sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Stefanie Fuchs (Linke) gesagt, dass neben Forschungseinrichtungen beispielsweise auch Verbände oder Ehrenamtliche eingebunden seien. Fuchs kündigte im Juli auch an, dass im Winter und im Frühjahr gezählt werden solle, um Veränderungen feststellen zu können. 

Bisher weiß niemand, wie viele Obdachlose es in Berlin überhaupt gibt. Fachleute gehen davon aus, dass es mehrere Tausend sind und ihre Zahl zuletzt stetig stieg. Schätzungen sprechen von 4.000 bis 10.000 Menschen, die in Berlin auf der Straße leben. Viele Obdachlose in der Hauptstadt kommen aus anderen Ländern, zumeist aus Osteuropa. Auf Basis der Ergebnisse könnten Hilfen für die Menschen womöglich gezielter angeboten werden.

Senatsprogramm für bessere Hilfsangebote

Die Erhebung ist Teil eines am Dienstag beschlossenen neuen Senatsprogramms. In den "Leitlinien zur Wohnungslosenpolitik" sind verschiedene Vorhaben aufgelistet, um Hilfsangebote für Wohnungs- und Obdachlose zu verbessern und besser zu koordinieren. Geplant ist etwa, die Zahl der ganzjährig verfügbaren Notübernachtungsplätze für obdachlose Menschen von derzeit 230 auf 600 zu erhöhen. "Das Land wäre bereit, Kosten und Organisation zu übernehmen", sagte Breitenbach. Derzeit sei ihr Haus dazu im Gespräch mit den Bezirken. Schon jetzt seien 1.162 Notübernachtungsplätze für die Kältehilfe im Winterhalbjahr gesichert, so die Senatorin.

Zudem sei geplant, wieder einige U-Bahnhöfe nachts für Obdachlose zu öffnen. Allerdings seien dies nicht wie im vergangenen Winter die Bahnhöfe Moritzplatz und Lichtenberg. Die Räumlichkeiten dort hätten sich nicht bewährt.

Angedacht sind außerdem sogenannte Safe Places für Obdachlose, also Plätze, an denen sie ganzjährig ungestört übergangsweise leben können und die auch über Küche, Dusche und Toilette verfügen. Breitenbach stellt sich "kleine überschaubare Plätze" mit kleinen sogenannten Tiny Houses aus Holz vor. Die Areale sollen von Sozialarbeitern betreut und womöglich auch durch Security-Firmen gesichert werden. "Einige Bezirke suchen solche Plätze", sagte Breitenbach. Das reiche aber noch nicht aus. Es brauche die Solidarität aller Bezirke, betonte die Senatorin.

"Bedarfsorientierte Unterbringung" Wohnungsloser

Auch für wohnungslose Menschen soll die Unterbringung neu organisiert werden. Als wohnungslos gilt, wer nicht auf der Straße lebt, aber aus unterschiedlichen Gründen keine eigene Wohnung mehr hat. Betroffene leben etwa in Übergangsheimen, Hostels oder in Wohnungen des sogenannten geschützten Segments, von denen es um die 1.000 gibt. Diese unterschiedlichen Unterkünfte sollen Breitenbach zufolge nach und nach systematisch erfasst werden. Qualitätsstandards sollen vertraglich vereinbart werden. Mit Hilfe eines Systems sollen die Bezirke stadtweit nach geeigneten Unterkünften suchen können, zum Beispiel nach behindertengerechten Plätzen.

"Es geht um eine bedarfsorientierte Unterbringung der Menschen", betonte Breitenbach. Erreicht werden solle das über eine bessere gesamtstädtische Steuerung. Momentan gebe es "Wildwuchs" bei den Unterkünften, die das Land teils gar nicht kenne. Oftmals gebe es dort auch keine Qualitätsstandards.

Sozialverbände schätzen die Zahl der Menschen in Berlin ohne eigene Wohnung, die bei Verwandten, Freunden, in Übergangsunterkünften oder Wohnheimen leben, auf etwa 50.000. Nach Angaben Breitenbachs haben die Bezirke 19.728 Haushalte mit rund 36.000 Menschen untergebracht.

Sendung: Abendschau, 03.09.2019, 19:30 Uhr

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20 Kommentare

  1. 20.

    Ich stimme Ihrer Kritik an den Ursachen von Obdachlosigkeit zu, möchte jedoch die Ausmaße des Elends und die staatliche Beteiligung nicht unerwähnt lassen. Die Zählung von Obdachlosen in Berlin kann letztendlich nur die oberflächliche Betrachtung der Obdachlosigkeit fortführen. Daher die entscheidende Grundsatzfrage: Auf welche Weise achtet und schützt jede staatliche Gewalt die Menschenwürde und zieht bei Grundrechtseingriffen die Schutzbereiche des einschlägigen Grundrechts in Betracht? Die Generation Deutscher, die sich an der Errichtung des Grundgesetzes beteiligte, ist nicht dieselbe, die heutzutage Gesetze erlässt und Grundrechtseingriffe durchführt.

  2. 19.

    @Tremor v. 03.09.2019 Selbstvetschuldung trotz aller Möglichkeiten in der BRD.
    Also dass eine Sozialreform nach einen Verurteiten benannt wird, ist eine Sache. Das hierbei eine Beweislastumkehr eingeführt wurde, welche Behörden Tür& Tor zu Behördenwillkür öffnete ist das Andere. Z.B. Wenn Behörden Sozi Kohle kürzen, verweigern geraten die Betroffenen in Zahlungsschwierigkeiten, bekommen SCHUFA Einträge, werden obdachlos und bekommen aufgrund onpotentiellen neuen Vermieter verlangte Bonitätsauskunft keine neue Wohnung. Obdachlose bekommen aufgrund fehlender
    Adresse keine Lohnsteuernummer,können aufgrund ihrer Lebensumstände die nach Arbeitsrecht allgemeinen geforderte Arbeitsleistung nicht erbringen( Gesundheitszeunis,Arbeitsicherheitsvorschriften,saubere Arbeitskleidung,Pünktlichkeit, was sollen Obdachlose mit Differential Equations higher order, kaufm. Buchführung)

  3. 18.

    Ich bin ehrenamtlich in der Berliner Kältehilfe tätig. In unserer Notübernachtung, die 32 Plätze für Männer und 8 für Frauen bietet, findet man von Oktober bis April keinen leeren Platz. Die Gäste sind allesamt fähig, sich selbst um solche Hilfen zu kümmern und die dortigen Regeln zu verstehen und umzusetzen. Die, denen das nicht (mehr) möglich ist, finden keine Hilfe. Suchen auch keine. Sie existieren. Die werden dann wohl in der besagten Nacht gezählt und in Kategorien eingeordnet. Dann gibt es noch eine Menge, die z.B. nicht in geregelte Unterkünfte kann, weil die Mitaufnahme von Hunden ausgeschlossen ist - da sie oft die einzigen Freunde dieser Menschen sind, ist eine Trennung allerdings unvorstellbar. Weitere Punkte wären mitgeführte Bedarfsdrogen (nicht erlaubt, aber ohne diese kommen manche Abhängige nicht über die Nacht), Mobbing untereinander und teilweise schlicht eine Sprachbarriere, die offensichtlich unterschätzt wird...

  4. 17.

    Weil das Leben auf der Straße krank macht und bestehende Krankheiten chronifiziert, sodass sich dauerhafte Funktionsstörungen einstellen, in deren Folge das Ausmaß von Behinderungen und Zerstörungen weiter zunimmt. Es genügt schon, als Nicht-Obdachloser von staatlichen Stellen mit Empathielosigkeit und fehlendem Bewusstsein für die Würde und Rechte behinderter Menschen wahrgenommen zu werden. Umso schlimmer dürfte es logischer Weise behinderten Obdachlosen ergehen, die wesentlich stärkerem Existenzstress ausgesetzt sind, folglich nach seelischem Ermüdungsbruch der komplette Rückzug eintritt.

  5. 16.

    Ich bin Deutscher Staatsbürger und bin in Österreich (AT) als Arbeiter gemäß Richtlinie 2004/38/EG eingewandert. Meines Erachtens ist die ist Lebenssituation von Obdachlosen in der BRD schlicht katastrophal. In AT erlangen Obdachlose gem. Paragraph 19a Meldegesetz einen rechtlichen Hauptwohnsitz auch ohne Unterkunftnahme. Sie können ihr politisches Wahlrecht wahren, ihre Rechtsgeschäfte tätigen, einen Arbeitsvertrag unterschreiben, usw. Und nach 4 Monaten alle EU Bürger ohne Aufenthaltsgenehmigung strafrechtlich ausweisen.

  6. 11.

    Es dürfte niemanden überfordern, das nächste Rathaus oder Krankenhaus aufzusuchen und dort darauf hinzuweisen, dass man Hilfe braucht.
    Und nein: Ich bin mir selbst für die Tatsache, dass ich mein Leben im Griff habe nicht sonderlich dankbar.

    Nebenbei bemerkt kann ich meine Antwort an rbb-24-nutzer hier bislang (mal wieder) nicht finden.
    Falls kein technischer Fehler vorliegt, bleibt mir nur die Schlussfolgerung, dass seine oft beleidigenden Vorwürfe hier wesentlich lieber veröffentlicht werden als die Entgegnungen darauf.

  7. 10.

    Ich würde es als unfair bezeichnen, den involvierten Behörden pauschal unterstellen zu wollen, ein Feedback über die erfolgreiche Abwehr von Hilfsleistungen aus Steuermitteln finanzieren zu wollen. Das Abgeordnetenhaus von Berlin erlässt zwar keine Bundesgesetze, ist aber durch den Berliner Regierenden Bürgermeister im Bundesrat vertreten. Demzufolge hätten bereits seit über zehn Jahren Vorschläge zu Gesetzesänderung und/oder -entwürfen eingebracht werden können, wie behinderte Menschen grundlegend im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention in Verbindung mit dem Grundgesetz zu behandeln sind, sodass die Grundrechtseingriffe so schonend wie möglich erfolgen.

  8. 9.

    Und eben diese Menschen, die an sich selbst scheitern, sind ohne Hilfe oft nicht in der Lage, sich „alle möglichen Hilfsangebote“ selbst zu beschaffen. Dinge, die für Sie einfach zu sein scheinen, bedeuten für Menschen in der Lebenslage oft eine große Hürde. Dies fängt manchmal schon bei Kleinigkeiten an. Aber vielleicht macht Sie ja die Diskussion etwas dankbar dafür, dass es Ihnen besser gelingt, Ihr Leben zu gestalten.

  9. 8.

    Hab ich auch nicht behauptet.
    Aber gerade WEIL es diesbezüglich Unterschiede gibt, ist eine solche "Volkszählung" grotesk.
    Sie wäre schon nach kurzer Zeit Makulatur (da sich die erhobenen Zahlen ja ständig ändern).
    Sehr viel vernünftiger fände ich es, den Obdachlosen die Hand auszustrecken (z. B. durch zentral gelegene Hilfestellen), statt mal eben mit viel Aufwand eine Variable zu erfassen.

    @ Markus2:

    Nein, dort steht nur, dass man dann womöglich (!) gezielter helfen könne.
    Inwiefern diese Erhebung dabei helfen und worin diese gezieltere Hilfe dann bestehen würde (und warum sie so bislang nicht möglich wäre), steht da leider nicht.
    Gerade eine abstrakte Gesamtzahl der Obdachlosen spräche meiner Meinung nach sogar eher GEGEN eine gezieltere (Einzelfall)Hilfe und deutet viel mehr auf das Prinzip Gießkanne hin.
    Man fragt nicht mehr "Wer braucht Hilfe am meisten/dringendsten?", sondern behandelt alle gleich - ob sie's sind oder nicht.

  10. 5.

    Es lebe die Statistik. Dann kann man je bald endlich mit den Zahlen spielen. Das ist wieder echte Steuerverschwendung.

  11. 4.

    Selten so einen sozialdarwinistischen Mist gelesen. Ob es wohl wichtig sein könnte, als Staat zu klären, welche Rechtsansprüche in welchem Ausmaß nicht wahrgenommen werden und woran das liegt? Ob es wohl wichtig sein könnte, das verfassungsmäßig verbindliche Sozialstaatsprinzip, das Solidarität und soziale Gerechtigkeit anstrebt, umzusetzen und zu eruieren, inwieweit der Staat Menschen gesetzlich gewährte Rechtsansprüche verwehrt? Dass man Ihnen überhaupt erklären muss, dass Wohnungslosigkeit in vielen Fällen existenzielle Bedrohung, in jedem Fall aber soziale Exklusion bedeutet, unterstreicht, wie wenig Sie mit Demokratie zu tun haben wollen, in der Menschenrechte allen zur Verfügung stellen. Selsbtredend verbreiten Sie Pauschalisierungen und Vorurteile, verbunden mit einer arroganten Selbstentlastung, als ginge einen Wohnungslosigkeit nichts an.

    Zudem bedingen Rechtliche Ausgrenzugen, s. SGB-II-Aussschlusskriterien, sowie Ignoranz bestehender Gesetze, s. Art.23 ASOG, die Lage.

  12. 3.

    Ich frage mich was man mit der Ermittlung der Zahlen dann anfangen will?
    Ändert das was an den traurigen Tatsachen?

  13. 2.

    Aha!? wenn es nicht so ein ernstes Thema wäre , könnte man nur über dieses Artikel lachen und über Frau Breitenbach ihre Ideen noch mehr.

  14. 1.

    Mal ganz hart gefragt:
    Ist das wichtig?
    Menschen haben in Deutschland alle Chancen und es gibt auch alle möglichen Hilfsangebote.
    Wer Möglichkeiten nicht nutzen will, scheitert letztenendes nur an sich selbst.
    Nicht alle Unterschiede sind ungerecht und nicht jedes Leid ist unverschuldet.

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