Polnisches Geschäft in der Turmstraße in Berlin-Moabit (Bild: imago images/Schöning)
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Zweite Heimat Deutschland - Polski in Berlin - ein Alltag voller Begegnungen

80 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen haben sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern glücklicherweise gut entwickelt. Bestes Zeugnis: Allein in und um Berlin leben 180.000 Menschen aus Polen. Von Martin Adam

"Da kommt Marek, er ist auch aus Polen", sagt Pani Zosia und winkt dem Apotheker von nebenan. "Und der Friseur hier, der ist auch Pole! Ganz polnisch die Straße." Pani Zosia lacht, bietet allen Kaffee an und rennt schon zurück in ihren Laden, um ihn zu kochen. Noch hatte niemand Zeit zu antworten. "U Zosi" steht über dem Schaufenster, "bei Zosia". Daneben hängt eine riesige Krakauer Wurst aus Plastik an der Wand. Pani Zosia, Frau Zosia, ist die Koseform von Zofia. Und Zofia Klichowska lebt seit 1989 in Berlin.

Großer Bedarf an polnischen Produkten

2008 hat sie ihren polnischen Lebensmittelladen an der Turmstraße eröffnet. "Der Bedarf ist groß", sagt sie, "Wir sind ja fast 200.000 Leute hier und die suchen eben polnische Produkte." Sie selbst habe damals, vor 30 Jahren, gesucht, "wo kann man dieses polnische Sauerkraut oder die polnische Wurst kaufen?". Also hat sie selbst die Versorgung übernommen. 

Pani Zosias Kunden bekommen hier eingelegte Gurken, polnischen Kuchen und Krakauer Wurst, die die Chefin mit dem Kühlwagen aus Polen ranfahren lässt. Und Pani Zosias Kunden finden in ihrem schmalen Laden ein paar Minuten Polen: ein Kaffee und ein Gespräch auf Polnisch, ein bisschen Tratsch und die Nachrichten aus Warschau. Das interessiere die eine Hälfte der Kunden, erzählt sie. Die anderen 50 Prozent kommen, weil sie meist vorher in Polen Urlaub gemacht haben. "Dann kommen sie her und suchen die Produkte, die sie dort gesehen oder gegessen haben."

Schamgefühle unter manchen Polen

Manche ihrer polnischen Kunden kämen aber in den Laden und würden sich verstellen. "Manche schämen sich, Polen zu sein", erzählt sie. "Die tun dann so, als ob sie Deutsch reden, aber ich erkenne sie am Akzent." Integration bedeutet dann oft, dass Menschen den polnischen Teil ihrer Identität vollständig abschreiben. Deren Kinder würden dann überhaupt kein Polnisch mehr sprechen, sagt Pani Zosia und wirft kurz einen Blick auf ihren Enkel. "Er spricht auch nur noch Deutsch."

Assimilation statt Integration

"Die Leute, die in der Achtzigern aus Polen nach Deutschland gekommen sind, die hatten auch andere Probleme. Die wollten sich schnell assimilieren", sagt Hubert Kopecz bei Kaffee und Keksen im "Buchbund", einem kleinen polnischen Buchladen in der Sanderstraße in Neukölln. 2010 zog er nach Berlin, aus der Nähe von Warschau. Jetzt arbeitet Hubert Kopecz hier als Lehrer viel auch mit den Kindern aus polnischen Familien. "Viele, die in den 80ern Kinder waren, kenne ich jetzt als Erwachsene. Die haben jetzt eigene Kinder und sind sich ihrer Identität voll bewusst, sie sind stolz darauf, eine zweite Kultur zu haben."

Viele Kinder, deren Eltern mit ihnen zu Hause statt Polnisch lieber gebrochenes Deutsch gesprochen haben, besuchen heute Sprachkurse, um sich die zweite Muttersprache anzueignen - oft auch im "Buchbund", der sich inzwischen zum deutsch-polnischen Treffpunkt mit Lesungen, Diskussionen und eben Sprachkursen entwickelt hat. Marcin Piekoszewski setzt sich dazu. Er ist der Inhaber des Ladens und hat eben noch die Bestellung einer Pankower Bibliothek angenommen, die gern ein Sortiment an polnischer Literatur anschaffen will. "Tatsächlich gibt es jetzt auch so einen Zeitgeist in Berlin", erklärt er. "Hier leben viele Polen, sie kommen nach Berlin um zu studieren, zu arbeiten und so weiter. Und viele Deutsche interessieren sich inzwischen dafür."

Jeder in Berlin hat polnische Nachbarn, Kollegen oder Freunde

Und eigentlich sei doch der Alltag voll von polnisch-deutschen Begegnungen. Jeder habe Nachbarn, Kollegen oder Freunde aus polnischen Familien - oft wisse man das nur einfach nicht. Man treffe sich halt "in verschiedenen Kontexten, mal auf Baustellen, mal in einer Buchhandlung."

Sein Freund Hubert Kopecz widerspricht. Er findet, Berlin und die Berliner Polinnen und Polen brauchen Orte wie den Buchladen. "Als ich hier ankam, da fehlt mir so ein Ort, an dem es auch Gespräch gibt. Hier kann man auch Leute von außen treffen, Deutsche, die sich für Polen interessieren." Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu, "und zwar ohne diesen ganzen vollen Rucksack mit polnischen Problemen und Komplexen."

Den polnischen Lebensmittelladen von Pani Zosia kennt er. Aber dass auch die Läden drumherum polnische Inhaber haben, das habe er gar nicht gewusst, sagt Hubert Kopecz. Pani Zosia jedenfalls schämt sich nicht. Stolz lädt sie zu einem polnischen Fest kommende Woche, berichtet von Vereinen und gemeinsamen Ausflügen, auf denen Polnisch und Deutsch gesprochen wird. "Wir sind schon sichtbar", sagt sie, und Marcin Piekoszewski in seinem Buchladen ergänzt: "Warum wir nicht so sichtbar sind wie zum Beispiel die türkische Community? Ich finde, die Frage muss andersrum gestellt werden: Warum nehmen uns die Deutschen so wenig wahr?"

Der rbb veranstaltet am 16. September 2019 in der Urania Berlin eine Podiumsdiskussion vor den anstehenden Parlamentswahlen in Polen. Bleibt die nationalkonservative PiS an der Regierung? Welche Chancen hat die Opposition? Und was bedeutet das für die polnisch-deutsche Nachbarschaft? Der Eintritt ist frei. Sie sind herzlich eingeladen.

Beitrag von Martin Adam

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4 Kommentare

  1. 4.

    Genauso ist es! Die Polen bilden meines Wissens nach den Türken die zweitgrößte Gruppe an Migranten nach dem Herkunftsland in Berlin. Ich bedauere es, wenn unsere polnischstämmigen Mitmenschen das Gefühl haben sollten, dass sie in dieser Stadt nur wenig beachtet werden - tatsächlich ist das Gegenteil ist der Fall, denn unsere polnischen Nachbarn bereichern diese Stadt mit Freundlichkeit, sozialem Engagement und ihrer Art, das Leben zu meistern. Und wenn man mal hinsieht, merkt man das auch. Vielleicht hilft es auch, wenn ihr euch weniger versteckt!

  2. 3.

    Auf die Frage von Marcin Piekoszewski kann ich. Ur für mich sprechen. Ich nehme euch selbstverständlich wahr, aber eben als Freunde und Mitmenschen. Ich unterscheide nicht zwischen polnischen und deutschen Berlinern. Ein Vergleich zu türkischen Berliner erübrigt sich. Denn es geht hier um Polen. Und da ist alles positiv besetzt bei mir. Ich freue mich sogar, wenn ich auf einen Polen treffe :-)

  3. 2.

    Schöner Bericht und gut geschrieben. Nur bitte eine kleine Korrektur.
    "Pani Zosia, Frau Zosia, ist die Kurzform von Zofia." Es ist natürlich nicht die Kurzform sondern die Koseform des Namens. Koseformen sind im Polnischen absolut üblich, selbst wenn sie nicht immer kürzer sind,bald der "echte" Name, oft sogar etwas länger.

  4. 1.

    Ich finde nicht, dass die Polen zu wenig wahrgenommen werden. Sie sind halt häufig sehr gut integriert und den „Deutschen“ sehr ähnlich in Kultur und Einstellung.
    Bei der türkischen Community ist das leider sehr unterschiedlich von Familie zu Familie. Daher fällt die Community mehr auf - positiv und negativ.

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