16.09.2019, Hessen, Baunatal: Die Bewerber sitzen bei einer Regionalkonferenz zum Parteivorsitz auf dem Podium (Quelle: dpa/Swen Pförtner)
Audio: rbb | 17.09.2019 | Jan Menzel | Bild: dpa/Swen Pförtner

Kandidaten für SPD-Vorsitz in Berlin - "Die meisten sagen: Bitte nicht Olaf Scholz!"

Der SPD-Kandidaten-Tross kommt nach Berlin: Die Bewerber um den Parteivorsitz stellen sich am Dienstag auf einer Regionalkonferenz der Basis vor. rbb-Reporter Jan Menzel hat vorab SPD-Mitglieder getroffen und hat nach ihren Favoriten gefragt.

Am Lietzensee herrscht Volksfest-Stimmung: Die SPD im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf feiert ihr jährliches Sommerfest. Auf der Hüpfburg mitten auf der grünen Wiese jauchzen die Kleinsten, es gibt Eis und das Glücksrad dreht sich. An einem der Stände steht Hannes Habekost und hat ein ganz besonders Spiel ausgebreitet: ein Memory - mit den Bildern der Bewerber um den SPD-Vorsitz.

Sieben Duos für den SPD-Parteivorsitz - je eine Frau und ein Mann - laufen am Dienstag nun auch in Berlin auf. Die Zahl der Anmeldungen war so groß, dass die SPD überlegt hatte, die Veranstaltung ins Tempodrom zu verlegen - das ging aber so kurzfristig nicht.

Nun wird die Regionalkonferenz im Willy-Brandt-Haus stattfinden. In mehreren SPD-Kreis- und Bürgerbüros können Genossen die Veranstaltung via Live-Stream mitverfolgen - und dann bei einer Mitgliederbefragung ihr Votum abgeben.

TV-Promis haben Bekanntheitsbonus

Habekost hat bereits eine Idee, wohin die Reise gehen könnte: "Meistens zeigen die Leute dann doch auf die, die sie aus dem Fernsehen kennen", sagt er. "Und aus dem Fernsehen kennen sie Karl Lauterbach, Ralf Stegner und Gesine Schwan. Aber die meisten sagen wirklich: bitte nicht Olaf Scholz!"

Habekost dreht die Bilder wieder um, nun darf Nico Kaufmann eine Runde Kandidaten-Memory spielen. Kaufmann ist Juso - und wie viele Jungsozialisten hat er sich festgelegt. "Ich habe jetzt ausgewählt Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken", sagt er und ergänzt: "Ich glaube, die beiden bringen alles mit, was ein SPD-Duo alles braucht - sowohl Erfahrung als auch Glaubwürdigkeit."

Aber auch ältere Kandidaten bekommen Punkte

Aber auch ein gewisses Alter: Walter-Borjans, der Ex-Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, wird 67. Die Abgeordnete Saskia Esken ist 58 und die Kandidatin Gesine Schwan sogar 76 Jahre alt. Alter und Neuanfang würden sich aber nicht ausschließen, finden zwei Genossen am Nachbarstand.

"Bernie Sanders ist auch alt, Jeremy Corbyn ist auch alt. Es kommt darauf an, dass sie für die richtigen Inhalte ", sagt einer. [Sanders ist Präsidentschaftskandidat in den USA, Corbyn britischer Oppositionsführer, Anm. d. Red.] "Klar, Jugendliche braucht man auch", sagt ein anderer. "Ich würde aber auch keinen 20-jährigen Arzt haben wollen, der mich operiert. Und genauso wenig einen 20-jährigen Parteichef."

Manchen Genossen fehlt die Authentizität

Die meisten Genossen auf dem Sommerfest sind noch unentschieden, wollen abwarten wie sich die Bewerber auf der Regionalkonferenz schlagen. In einer Frage hat sich Besucherin Felicitas Tesch aber festgelegt. "Auf alle Fälle werde ich für jemanden sein - oder mehrere, die gegen die GroKo sind."

Für SPD-Anhänger Eberhard Henze ist das Wichtigste, dass die neuen Parteichefs wieder Politik für Arbeitnehmer machen, im engen Schulterschluss mit den Gewerkschaften. Er favorisiert das Duo aus der Parteilinken, Hilde Mattheis und dem Gewerkschafter Dierk Hierschel - und er wundert sich: "Plötzlich werden die radikal, wollen plötzlich soziale Veränderungen - gegen die sie in den letzten Jahren überwiegend Politik gemacht haben."

Nachdenklich ist auch ein älterer Genosse an einem der Stehtisch unter dem knallroten SPD-Schirm. Trotz der Vielzahl der Kandidaten, falle ihm die Entscheidung ganz schwer, sagt er: "Mir fehlt der authentische Typ, der tief aus der Basis kommt - am liebsten ein Betonbauer, der dann studiert hat - und der eine Lebensgeschichte hat, die der SPD nahekommt."

Und dann auch noch bei den Wählerinnen und Wählern ankommen muss, wirft eine Frau, die vorbeikommt ein. Sie lacht ein wenig ratlos und sagt: Sie hoffe einfach auf das Beste für die SPD.

Beitrag von Jan Menzel

Kommentar

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Antwort auf [Lausitzer] vom 17.09.2019 um 09:56
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16 Kommentare

  1. 16.

    Klar, die Ückermanns und Kühnerts sind ja auch schon so alt, dass Sie natürlich die SPD in den Ruin geführt haben? Das ist doch wohl wirklich eine schräge These. Der Niedergang der SPD ist doch wohl eher auf das wirken von Andrea Nahles, Olaf Scholz, den Seeheimer Kreis zurückzuführen. Der Spruch von Martin Schulz von sozialer Gerechtigkeit und wir ändern die Agenda 2010 hat doch die SPD in die 30% Umfragewerte gebracht. Ein Olaf Scholz der 2 Banken fusionieren lassen will, wobei mal schlappe 30000 Arbeitsplätze verloren gehen, rettet die SPD nicht.

  2. 15.

    Eines der Probleme ist doch, dass die SPD sich nur noch mit sich selbst beschäftigt und gar nicht mehr darauf eingeht was ihre ehemaligen Stammwähler so haben wollen.
    Die SPD hat in ihren letzten Legislaturperioden einiges an guten Ergebnissen erreicht, z.B. Mindestlohn, aber geehrt und verantworlich wird Merkel dafür gemacht. Das gleiche bei anderen Gesetzen, SPD macht es, Merkel bekommt die Lorbeeren und noch schlimmer die SPD macht danach ihre eigenen Erfolge madig. Dann ist den einen der Mindestlohn wieder nicht hoch genug, also ist er schlecht.
    Die SPD müsste mal ihre Erfolge sichtbar machen und sich nicht immer nur aus Machtspielchen heraus mit ihren Misserfolgen beschäftigen.

  3. 14.

    Das Duo (egal welches) ist ein weiterer Schritt zur Bedeutungslosigkeit. Eine "kleine" Partei wie "Die Grünen" kann mit dem Duo punkten. Aber die Grünen hatten früher auch niemals Ambitionen einen Kanzler/in zu stellen. Eine Partei, die diesen Anspruch jedoch weiterhin haben will, kann nicht mit einem Duo antreten. Spätestens wenn es kurz vor der Wahr darum geht einen Kandidaten zu benennen, werden die Streitereien beginnen. Und dieser Streit muss nicht mal real vorhanden sein, denn er bietet sich für die Presse allein schon dadurch an, dass es halt ein Duo ist, das theoretisch zur Verfügung steht. Und wie wird der Wähler diesen "Streit" vor einer Wahl dann wohl aufnehmen? Rein aus diesem Grund, ist die SPD sehr schlecht beraten, wenn sie jetzt ein Duo wählt. Das wäre nur dann OK, wenn Sie ganz klar zu verstehen geben, dass sie bei der nächsten Wahl keinen "Kanzler-Anspruch" erheben wollen, da dieser unrealistisch erscheint und man sich daher erst selbst finden möchte......

  4. 13.

    Die SPD sollte eine Mitte Links Partei sein, so wie sie es früher erfolgreich gewesen ist. D.h. nichts anderes. Es ist ihre Aufgabe den Wählern zu erklären, wieso sie nicht die selben "ganz linken" Wege wie die "Die Linke" eingehen kann, da nicht jede ggf. gute Idee auch gut umsetzbar ist (im Kontext der Gesamtpolitik). Eine ähnliche PR ist in Richtung AfD nötig. Zum einem muss deutlich gemacht werden, dass sämtliche Themen der AfD, die jenseits vom Asyl liegen, in keiner Weise dem Mann der Mitte zu gute kommt (Rente, Sozialpolitik etc.). Gleichzeitig sollte die SPD aber auch offene Ohren für die Themen der Asylpolitik haben. Ich meine einige Dinge, die auch innerhalb der SPD noch vor einigen Jahrzehnten normal diskutiert werden konnten, gelten ja heute schon teils als "rechts bis hin zum Nazi sein". Das hier dann einige zu Parteien wie der AfD wandern, wundert eigentlich nicht. Noch kann die SPD die Kurve bekommen, aber viel Zeit hat sie nicht mehr.

  5. 12.

    Es ist immer wieder interessant zu lesen, dass der Untergang der SPD mit "Schröder und co." als Fakt angezeigt wird. Fakt ist lediglich, dass die Politik von Herrn Schröder einen Ausstieg Lafontains möglich und damit die "ehem. PDS" bzw. nun "Die Linke" für eine Wählergruppe wählbar gemacht hat, die eine frühere PDS niemals gewählt hätten. Diese Akzeptanz der "Die Linke" (und damit letzten Endes der früheren SED/PDS) führte zu einer Verschiebung in der Parteienlandschaft, die noch heute seine Früchte trägt, auch wenn "die Linke" selbst nicht mehr in selben Umfang das Problem der SPD ist. Es steht außer Frage, dass auch Herr Schröder Dinge in Gang gesetzt hat, die man nach Jahren überprüfen und ändern muss (das ist aber gelebte Politik und betrifft auch seine Vorgänger). Es steht aber ebenso außer Frage, dass die SPD von Ergebnissen, wie sie Herr Schröder (auch bei seiner letzten Wahl) eingefangen hat, heute nur träumen kann. War also wirklich alles schlecht?

  6. 11.

    .. nun ja. Die beschriebenen hatten allesamt Ergebnisse, von denen die heutigen SPD Granden nur träumen können. Der erste richtige Einbruch kam mit Steinmeier. Häuptling Silberlocke hatte die Ehre das erste Wahldesaster einzufahren. Es war der erste Schritt, die SPD nach links zu steuern. Das ist der Untergang der SPD, Der Untergang der SPD ist die Abkehr der bürgerlichen Wähler. Die Lauterbachs, Kühnerts, Stegners, Schwans, Müllers, Ückermanns usw usw . Das sind die Totengräber …. und die graben fleißig weiter. Ihre genannten sind schon längs Vergangenheit.

  7. 10.

    Den Untergang der SPD kann man namentlich benennen.
    Schröder, Clement, Müntefering, alle die danach kamen haben den Abstieg beschleunigt, Dazu gehört auch Scholz.
    Statt Korrekturen gab es nur Verteidigung von Hartz IV, das war der eigentliche Grundstein der AfD.

  8. 9.

    Ich denke ähnlich wie Sie. Der Streit wird sowohl intern als auch bei potenziellen SPD Wählern weiter gehen.
    Ob sich die Sozialdemokraten mit diesem Schaulauf (Showlauf) einen Gefallen getan haben, ist sehr fraglich.

  9. 8.

    Anders formuliert: SPD, bitte nicht!

  10. 7.

    momentan sehe ich da nur 3 Duos (Schwan/Stegner, Eskens/Borjans und Mattheis/Hierschel) die dem nahe kommen - bei den anderen 4 Duos hat wohl der/die eine oder andere etwas links-grüne Kreide gefressen um den Schein zu waren und als "truly" Sozialdemokrat wahrgenommen zu werden.

  11. 6.

    Für die SPD,für die ich größte Hochachtung habe ist es schade, solche Berammlung um den SPD-Vorsitz zu machen,für diese Partei ist es wichtig ein gutes Programm zu haben und nicht wer sie führt.

  12. 5.

    Wieder einmal nur mit sich selbst beschäftigt.

  13. 4.

    Ist doch egal, wer es macht! Das wird nichts mehr!
    Ich sehe schwarz für die Zukunft der SPD! Wenn Sie nicht aufpassen, wird die Partei bald unter den Sonstigen geführt! In Thüringen sind es nur noch 2% bis zur unter 5% Grenze! Und da wird bald gewählt!

  14. 3.

    Das Ganze hat für mich einen leichten Brexit-Abstimmungs-Charakter. Ich befürchte im Sinne der SPD, dass danach ein Ergebnis, mit dem viele nicht leben wollen / können. Der innere Streit ginge dann weiter und die SPD würde auch auf Bundesebene unter die 10% rutschen. Wenn schon die Basis nicht trägt, wird der Wähler erst recht nicht folgen. Für ein solides neues Fundament wäre ein gelernter Betonbauer vielleicht gar nicht schlecht?

  15. 2.

    Ist es nicht egal, wer in der ersten Reihe tanzt ?
    so lange die SPD KEINE SPD Politik macht
    der naechste Einknicker steht doch schon vor der Tuer und wird als Kompromiss Verkauf vorbereitet.......Mindestrente....

  16. 1.

    Tja, welches Duo verkörpert die SPD aus der Vor-Schröder-Ära? Bevor Willy Brandt die komische Konservative geheiratet hat. Damals, als die SPD noch allen Buchstaben ihres Namens gerecht wurde... Wer führt sie "zurück"? Ist komisch, wenn Ältere und der Weg zurück die Zukunft sein könnten. Könnte aber so sein...

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