Eine Wach-OP im einer Klinik für Neurochirurgie in Berlin (Bild: dpa/Tagesspiegel/Heinrich Kleist)
Audio: radio 88,8 | 29.10.2019 | Raphael Knop | Bild: dpa/Tagesspiegel/Heinrich Kleist

Mindestmengenregelung - Fünf Krankenhäuser führen komplexe Eingriffe sehr selten durch

Nach wie vor werden hochkomplexe Behandlungen an Krankenhäusern durchgeführt, die wenig Erfahrung damit haben. Mit der reformierten Mindestmengenregelung greifen die Krankenkassen jetzt hart durch. Doch der Ball wird weiter an die Gerichte gespielt. Von Dominik Wurnig

Fünf Krankenhäuser in Berlin und Brandenburg führen weiterhin komplexe Eingriffe bzw. Behandlungen durch, obwohl  sie wenig Erfahrung damit haben. Das zeigt eine Auswertung der Mindestmengen-Transparenzliste 2020 der Krankenkasse AOK Nordost [aok-gesundheitspartner.de], die rbb|24 exklusiv vorab auswerten konnte.

So hat das Klinikum Frankfurt an der Oder von Juli 2018 bis Juni 2019 nur neun Früh- und Neugeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm versorgt. Die gesetzliche Mindestmengenregelung sieht mindestens 14 Fälle pro Jahr vor. Behandeln darf das Krankenhaus diese frühen Frühchen nur dank einer Ausnahmegenehmigung durch die Landesbehörde, um die Versorgung sicher zu stellen.

Die nächstgelegenen Neugeborenenstationen befinden sich in Cottbus bzw. Berlin. Doch in  vielen Fällen wäre es möglich, die werdenden Mütter noch vor der Geburt zu verlegen. "Mindestmengen-relevante Leistungen kann man planen und da kann man auch ein bisschen weiterfahren", sagt Dagmar Schmidt von der AOK Nordost. "Das ist aus unserer Sicht wichtiger, als die Wohnortnähe im Rahmen der Behandlung."

Mindestmenge soll Erfahrung sicherstellen

Die Mindestmengenregelung gilt für planbare Leistungen - also keine Notfälle - und soll sicherstellen, dass Krankenhäuser ausreichend Erfahrung haben für besonders schwierige Behandlungen. "Dem Patienten ist zu raten, dass er in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus geht", sagt Schmidt. "Das heißt, in ein Krankenhaus, das die entsprechende Mindestmenge erfüllt oder eine Spezialisierung hat."

Interaktive Karte

Klicken Sie auf die markierten Punkte und sehen Sie, wie oft welches Krankenhaus die Leistungen erbracht hat. Sollte die Grafik nicht geladen werden, hier entlang.

In der Berliner Schlosspark-Klinik sowie in der Asklepios Klinik Uckermark und im Klinikum Dahme-Spreewald Achenbach (beide Brandenburg) wurden im selben Zeitraum weniger Kniegelenk-Totalendoprothesen durchgeführt, als die Mindestmenge (50) vorschreibt. Auch im Cottbusser Carl-Thiem-Klinikum wurde die Mindestfallzahl bei der Versorgung früher Frühchen unterschritten. Der zuständige Landesverband der Krankenkassen sieht für all diese Kliniken aber in der Zukunft eine steigende Fallzahl und erlaubt auf Grund dieser Prognose weiter das Durchführen dieser komplexen Eingriffe.

"Wir haben von allen Krankenhäusern die Unterlagen geprüft, haben abgewägt und haben bei vielen Krankenhäusern bestätigt, dass die Prognose, die das Krankenhaus annimmt, auch erreicht werden kann", sagt Schmidt, die für den Landesverband diese Prüfung durchgeführt hat.

Abrechnungserlaubnis verloren

"Wir haben aber auch bei einer Reihe von Krankenhäusern entscheiden müssen, dass die Prognose nicht durch uns bestätigt werden kann und haben diese widerlegt", erklärt Schmidt. "Die Krankenhäuser dürfen diese Operationen ab 1. Januar 2020 nicht mehr zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung erbringen."

Die Abrechnungserlaubnis für Kniegelenk-Totalendoprothesen (sogenannte Knie-TEP) verliert laut rbb|24-Recherche das HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf. "Mit Blick auf die Entwicklung der Anzahl der Patienten, die 2019 bei uns ein künstliches Kniegelenk erhalten haben, gehen wir davon aus, dass unsere Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Bereich der Kniegelenk-Totalendoprothesen die erforderlichen Mindestmengen von 50 Knie-TEP erfüllen kann", schreibt dazu die Pressestelle des HELIOS-Klinikums in einer schriftlichen Stellungnahme. Nach wie vor werde dieser Eingriff momentan durchgeführt.

Übung macht den Meister

Die Mindestmengen gelten für sechs besonders schwere, planbare Operationen sowie für die Versorgung besonders früher Frühchen - rbb|24 berichtete dazu bereits ausführlich im Juni 2019. Die Regelung soll sicherstellen, dass OP-Teams, Pflegerinnen und Intensivstationen ausreichend Erfahrung mit diesen Eingriffen haben. Konkret sind das schwere OPs an Bauchspeicheldrüse, Speiseröhre und Knie sowie Leber-, Nieren- und Stammzellentransplantationen und die Versorgung von Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm.  

"Patienten, die in Krankenhäusern mit erreichten Mindestmengen behandelt werden, überleben eher", sagt Schmidt, die Krankenhausexpertin der AOK. "Im Sinne der Patientensicherheit ist es für uns als Landesverband der Krankenkassen wichtig, die Mindestmenge konsequent umzusetzen."

Letztes Wort hat das Gericht

Laut rbb|24-Rechrechen sollen auch Vivantes Kliniken davon betroffen sein. Das Klinikum Friedrichshain soll komplexen Eingriffe am Organsystem Speiseröhre und das
Vivantes Klinikum Neukölln Kniegelenk-Totalendoprothesen nicht mehr mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen dürfen.

In einer schriftlichen Stellungnahme schreibt Vivantes dazu: "Das Prognoseverfahren für die Mindestmengenregelungen wurde nun neu geordnet. Demnach ist das Kalenderjahr 2018 für die Prognose 2020 entscheidend. Bei Vivantes wurden die vorgegebenen Mindestmengen im Jahr 2018 in beiden angefragten Fällen erreicht. Wir führen diese Eingriffe derzeit an beiden Standorten weiterhin durch und gehen davon aus, dass wir auch 2019 die jeweiligen Mindestmengen erreichen. Die Landesverbände der Krankenkassen und Ersatzkassen haben unsere Prognosen in diesen beiden Fällen jedoch abgelehnt. Unabhängig davon, dass Vivantes sich zum weiteren Erbringen der genannten Leistungen legitimiert sieht,  teilen wir die Auffassung, dass höhere Eingriffszahlen zu einer höheren Qualität führen." Vivantes habe daher intern eine Diskussion über die Konzentration von Leistungen angestoßen. Mengenkritische Eingriffe sollen auf weniger Standorte im Unternehmen konzentriert werden.

In Brandenburg darf das Klinikum Niederlausitz in Senftenberg diese komplexen Knie-Operationen mit Jahreswechsel nicht mehr abrechnen. In einer schriftlichen Stellungnahme schreibt das Klinikum Niederlausitz dazu: "Wir haben in der Vergangenheit die Mindestmenge für Knie-TEP immer erreicht und werden 2019 in diesem Bereich die Mindestmenge überschreiten. Für uns besteht vor diesem Hintergrund kein Zweifel daran, dass wir Knie-TEPs auch im Jahr 2020 durchführen können, worüber wir gerade einen Rechtsstreit mit den Landesverbänden der Brandenburger Kranken- und Ersatzkassen führen."

Nun ist es an den Richtern zu klären, ob die Einschränkung der Marktfreiheit im Sinne der Patientensicherheit akzeptabel ist. Früher oder später wird das auch Karlsruhe beschäftigen.

Sendung: Inforadio, 29.10.2019, 14:25 Uhr

Beitrag von Dominik Wurnig

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14 Kommentare

  1. 14.

    Das nächste Mal wenn Sie von jemandem ohne Erfahrung für wenig Geld operiert werden wollen können Sie auch zu mir kommen. Ich fahr lieber etwas weiter und überlebe den Eingriff dann ohne Komplikationen.

  2. 13.

    Was soll das, Mindestmenge! Man soll doch gleich Stückzahl sagen - so ist es doch gemeint. Warum soviel Rücksicht? Jetzt ist es schon so, dass ich erst fragen muss "dürfen sie mich behandeln" - "nein, sie müssen nach Hamburg" Da sieht man es wieder, es geht um Geld. Man kann die Patienten auch nach Honolulu fliegen - liegt vielleicht im Flugbereich.

  3. 12.

    " ... dass Krankenhäuser ausreichend Erfahrung haben für besonders schwierige Behandlungen. "

    diese Erfahrungen sind den krankenhäusern ja nicht in den Schoß gefallen, sie mußten sie sich erarbeiten, und andere Krankenhäuser werden dann von diesem Erfahrungsprozeß ausgeschlossen ? kein Chirurg wird sich ohne Fachkenntnisse
    an eine Op wagen, wenn er sie nicht beherrscht

  4. 11.

    " ... dass Krankenhäuser ausreichend Erfahrung haben für besonders schwierige Behandlungen. "

    das ist sehr gut für die Patienten, aber andere Krankenhäuser werden dann vom Sammeln von Erfahrungen weiter abgeschnitten und werden immer weiter zurückfallen... bis sie geschlossen werden müssen

  5. 10.

    das läuft dann auf ein Op-Monopol für bestimmte Op´s an ausgewählten Kliniken aus

  6. 9.

    Wie soll man Routine bekommen, wenn man nicht "üben" kann?

  7. 8.

    ..das Gesundheitssystem war dem Staat und vielen Kommunen mit seiner Krankenversicherung zu teuer..nun läßt er es andere machen..und versucht zu regulieren.. insgesamt sicher ein falscher Weg. Aber sicher ist es auch falsch allen fast alles zu versprechen.

  8. 7.

    Aber immer gerne doch, denn diese " dummen Leute" haben kein Interesse an wirklichen kranken und oder verkrüppelten Patienten. Geld Geld Geld... nur das zählt. Noch was?

  9. 6.

    Ein kleines Krankenhaus hat ein kleines Einzugsgebiet und sieht seltenere Fälle einfach nicht so oft wie ein großes Krankenhaus mit einem großen Einzugsgebiet. Dass ist simpelste Statistik. Denken Sie also vielleicht ein bisschen nach bevor Sie andre Leute als dumm bezeichnen.

  10. 5.

    Wie bitte. Wie dumm muss man sein um solch ein Blödsinn von sich zu geben. Wie soll ein KH Erfahrungen sammeln, wenn Patienten und oder Fälle entzogen werden. Das beisst sich. Denn am Ende geht es doch nur ums Geld für wohlwollende Kliniken. Geld gieriges Gesockse. Das haben wir selbst schon zu genüge erfahren müssen. Die Landbevölkerung ist da völlig außen vor und uninteressant. Solviel zur Selbstbestimmung und freie Arzt Wahl. Pfui....

  11. 4.

    Wie dumm muss man sein, um solch ein Blödsinn von sich zugeben. Wie soll ein KH Erfahrungen sammeln wenn ihnen Patienten und ider komplexe Fälle entzogen werden. Es geht dich nur darum wohlwollende KH's zu föredern. Es geht nur ums Geld und nicht um den Patienten. Haben wir schon zu geüge erfahren müssen.

  12. 3.

    Die Wurzel des Übels ist die Privatisierung des Gesundheitssektors und damit dessen Pervertierung zur Gewinnerzeugungsmaschinerie.

  13. 2.

    Es wurde ja vorgeschlagen eine Menge kleinerer Krankenhäuser zu schließen, um genau dieser Problematik entgegenzuwirken. Da ist dann gleich wieder die Landbevölkerung auf die Barrikaden gegangen, ohne zu verstehen, dass es auch zu ihrem Vorteil ist zehn Minuten länger ins nächste Krankenhaus zu fahren um dort von geübteren Ärzten versorgt zu werden.

  14. 1.

    Wenn das Klinikum Niederlausitz die Mindestmengen erreicht hat, sind die Bedingungen erfüllt.
    Wieso ginge das dann auf Kosten der Patienten.? Schon im Bericht „höheres Sterberisiko für Patienten“ ist mir die tendenziöse Berichterstattung aufgefallen: dort wurde einem Krankenhaus eine OP angekreidet, die nicht stattgefunden hatte, sondern aufgrund eines Kodierungsfehlers einen anderen Eingriff bezeichnete. Fakt ist: Krankenkassen und Politik wollen die kleinen Häuser schließen bzw. deren Angebot auf die Grundversorgung begrenzen. Eine Mindestmenge kann nur einer der wichtigen Indikatoren für Patientensicherheit sein. Die Häufigkeit von gefährlichen Krankenhausinfektionen, vermeidbare Patientenschäden durch schlecht geführtes Personal, insbesondere bei älteren oder behinderten Patienten und organisatorische Defizite betreffen auch große Kliniken, die alle Mindestmengen erfüllen. Dem rbb stünde gut zu Gesicht, differenziert über Patientensicherheit zu informieren.

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