Zwei Handyfotos des Berliner Attentäters Anis Amri (Quelle: Handybilder)
Video: Abendschau | 24.10.2019 | J. Goll, S. Opalka | Bild: Handybilder

Suche nach potenziellen Anschlagszielen - Attentäter Amri machte Selfie vor dem Wohnhaus von Merkel

Dem ARD-Politikmagazin Kontraste und rbb24-Recherche liegen Fotos vor, die den späteren Attentäter Anis Amri auch vor dem Wohnhaus von Kanzlerin Merkel zeigen. Von den Ermittlern wird das nicht einmal erwähnt. Von Jo Goll und Susanne Katharina Opalka  

Am 23. Oktober 2016, knapp sieben Wochen vor dem Weihnachtsmarkt-Anschlag, fotografiert sich der spätere Attentäter Anis Amri mehrmals vor dem Berliner Dom. Um 10:23 Uhr zeigt er auf dem Selfie mit entschlossener Miene den Tauhid-Finger, sein Bekenntnis zum Islam. Die Geste symbolisiert den Glauben an den einen und einzigartigen Gott. Besonders Anhänger des sogenannten Islamischen Staates posieren so gerne vor den Kameras.

Ermittler sprechen von "einer weiteren Örtlichkeit"

Die BKA-Ermittler kommen in ihrem Auswertevermerk vom 24. April 2017 zu dem Schluss, dass Amri den Bereich um den Berliner Dom zu diesem Zeitpunkt "als potenzielles Anschlagsziel in Betracht gezogen haben könnte". Und sie sprechen in diesem Zusammenhang von "einer weiteren Örtlichkeit".

Das Foto, das Amri wenige Minuten zuvor macht, ist brisant: Mit seinem Handy fotografiert er sich in schwarzer Daunenjacke in unmittelbarer Entfernung vor dem Wohnhaus von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein Objekt, das 24 Stunden am Tag von Polizisten bewacht wird.

Der Tunesier geht vorsichtig vor, will offenbar nicht auffallen. Deshalb macht er wie viele Touristen ein Selfie - somit war sein Gesicht für die vor dem Haus postierten Polizisten nicht wahrzunehmen.

Innenexperte von Notz mag nicht an Zufall glauben

Dass Angela Merkel in Berlin-Mitte wohnt, ist seit langem bekannt. Im Internet gibt es viele Hinweise darauf, wo die Wohnung liegt. Dass Anis Amri, der zu diesem Zeitpunkt in engem Kontakt zu Hintermännern des so genannten Islamischen Staates stand, zufällig dort vorbeikam, hält Konstantin von Notz, Innenexperte von Bündnis90/Die Grünen, für nahezu unmöglich. "Wenn man die Fotos anschaut, kommt man zu dem Schluss: Er war sicher, einen Anschlag begehen zu wollen, aber er hat noch das genaue Ziel gesucht", so von Notz gegenüber Kontraste.

Kein Aktenvermerk zu Merkels Wohnsitz

Die Ermittler des BKA erwähnen in ihrer Auswertung jedoch nur das benachbarte Magnus-Haus, seit Jahren Sitz der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Haben die Ermittler nicht erkannt, wo Amri dieses Foto macht? In der Auswertung des Bundeskriminalamtes ist dazu jedenfalls nur von "Selbstportraits (sog. Selfies) und Stadtansichten" die Rede - eine Interpretation, die von Notz überrascht. "Dass hier nicht mal die Option, dass hier auch das Haus der Kanzlerin betroffen sein könnte, in den Akten vermerkt ist, hat uns sehr irritiert. Darüber werden die Sicherheitsbehörden Auskunft geben müssen. Das ist ein relevanter Sicherheitsaspekt für unser Land", so von Notz weiter.

Kein Kommentar von der Bundesanwaltschaft

Natürlich stellt sich nun auch eine Frage: Hat das Bundeskriminalamt das Kanzleramt über das Foto vor Angela Merkels Wohnhaus informiert? Eine entsprechende Anfrage von Kontraste will die ermittelnde Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe nicht beantworten. Kein Kommentar, heißt es dazu aus Karlsruhe.

Fest steht: Anis Amri kann sich im Herbst 2016 frei und unbeobachtet durch die Stadt bewegen. Die Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes haben die Observation des Tunesiers längst eingestellt, weil sie den als islamistischen Gefährder geführten Amri inzwischen eher als Drogendealer einschätzen. So einer könne nach Meinung der Beamten kein gefährlicher Islamist sein. Ein folgenschwerer Irrtum.

Auf dem Handy von Anis Amri finden die Ermittler nach dem Anschlag auch mehrere Videos. Eines zeigt den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Deutlich zu hören sind die Glocken der Gedächtniskirche.

Beitrag von Von Jo Goll und Susanne Katharina Opalka

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22 Kommentare

  1. 22.

    Na dann kann ja der U-Auschuss mal die Einsatzleiter fragen, warum nach dem Anschlag bei zig Toten die Polizei erst nach 3 Stunden eine Fahndung eingeleitet hatte....usw....warum zehntausende Beamte bei den Verfassungschutzen ca. 400 offizielle islamistische Gefährder nicht überwachen können, wollen.....warum Berlin die eindeutigen Warnungen zu Amri vom Verfassungsschutz NRW und von ausländischen Geheimdiensten einfach ignoriert hatte, bzw. von wem diese Anweiszngen kamen....usw.

  2. 21.

    Soso, drängt er sich also auf, der Eindruck? Steile These. Was man mit Sicherheit annehmen kann ist, dass die Behörden in diesem Fall nicht so gearbeitet haben, dass sie den Anschlag verhindert haben - was im Bereich des Möglichen lag. Das ist der nicht von der Hand zu weisende Vorwurf. Aus welchem Grund das so war und darüber hinaus: ob dies vorsätzlich geschah, das sollte man sicherlich ermittelnden Ausschüssen überlassen. In dubio pro reo. Oder wissen Sie mehr? Dann her damit.

  3. 20.

    Die Sache stinkt gewaltig....es sind genug Fakten vorhanden, welche belegen, dass einige Beamte, Behörden nicht nur unfähig oder schlampig gearbeit hatten...sondern es drängt sich der zwingende Eindruck auf, dass einige den Terroranschlag wollten und somit vorsätzlich nicht verhindert hatten!!......Diese Leute müssen juristisch angeklagt werden!....

  4. 18.

    So - Sie wollen also alle religiösen Fanatiker und Mörder zu Märtyrern machen, in dem ständig deren Namen genannt werden?
    Dann haben Sie nicht viel verstanden.

  5. 14.

    Wie man sieht kommt man viel zu nahe an das Wohnhaus von Frau Merkel heran. Sowas ist in den meisten Ländern undenkbar und sollte auch hier geändert werden.

  6. 12.

    Ein weiterer Fall harrt der Aufklärung.
    Linken-Obfrau Martina Renner warf dem Innenministerium eine "Blockadestrategie" vor. Der mutmaßliche Amri-Helfer Ben Ammar habe durchgehend enge Kontakte zu Amri und dessen unmittelbarem Umfeld gehabt und sei daher bei der Frage nach möglichen Hintermännern und Mittätern Amris "hoch relevant".
    Ammar, der seit Januar 2017 ausreisepflichtig war, und wie Amri über ein Dutzend Identitäten den deutschen Sozialstaat ausplünderte und sich damit die finanziellen Ressourcen sicherte, wurde ein Monat nach dem Anschlag aus der Untersuchungshaft entlassen und nach Tunesien abgeschoben.

    Als Zeuge war er daher für die folgenden Vernehmungen für den Untersuchungsausschuss nicht mehr verfügbar.

  7. 11.

    Diese Gestalten töten sich, um dadurch zu Helden zu werden. Sie können ihnen nichts Schlimmeres antun, als ihre Identität zu verschweigen, ihren Namen, ihr Aussehen. Für die Aufklärung braucht die Öffentlichkeit in der Regel nicht den vollen Namen des Verbrechers zu wissen. Mir ist zum Beispiel bis heute nicht der Nachname dieser Type aus Halle/Saale bekannt. Gut so.

    In der Vergangenheit wurde, durch unbedachtes Agieren der Medien, allzu oft den Mördern große Prominenz verschafft, aber ihre Opfer blieben anonym.

  8. 10.

    Wem nützt diese Nachricht? Den potenziellen Nachahmern wohl am meisten: Ruhm ist der Lohn der bösen Tat. Toll.

  9. 9.

    Hmmm mal ehrlich ist ja nicht so das das keine öffentlich zugängliche Information wäre. Ums modern zu sagen :google it

  10. 8.

    Jetzt weiß jeder wo unsere Bundeskanzlerin wohnt. Musste dies sein?

  11. 7.

    Ob nun der Name des Attentäters/Terroristten/Mörders etc. genannt wird oder nicht, bringt die Opfer nicht zurück. Das die Nennung der Namen den Opfern nicht gut tut, wage ich zu bezweifeln. Aber die Nennung der Namen tut der Wahrheit gut und dient der Erinnerungskultur. Ich bin daher eher dafür, JEDEN Namen zu nennen.

  12. 6.

    Skandal! Skandal im Sperrbezirk!, Da Politiker geschwätzig sind, sollte man denen besser nicht alles auf die Nase binden.

  13. 5.

    Herr von Notz hört jetzt das Gras von damals wachsen und steigert sich in seinen Verschwörungstheorien wieder in eine neue Variante. Sicherlich hatte sich der islamistische Terrorist auf eine "Zielsuche" begeben und sich auch öffentlichkeitswirksame Tatorte angesehen. Das ist bei diesen Barbaren üblich. Daher ist das Erstaunen von Herrn von Notz schon verwunderlich. In welcher Welt lebt er eigentlich. Jetzt aus dem "Selfie" auf das Versagen der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden zu schließen, ist sowas von weit hergeholt und abstrus, saß man nur mit dem Kopf schütteln kann. Anstatt in der Vergangenheit herumzuwühlen sollte Herr von Notz lieber praktikable Vorschläge und Maßnahmen von sich geben, wie die Polizei und anderen Sicherheitsbehörden gestärkt und besser ausgestattet werden. Doch damit scheint er überfordert zu sein.

  14. 4.

    Herr von Notz hört jetzt das Gras von damals wachsen und steigert sich in seinen Verschwörungstheorien wieder in eine neue Variante. Sicherlich hatte sich der islamistische Terrorist auf eine "Zielsuche" begeben und sich auch öffentlichkeitswirksame Tatorte angesehen. Das ist bei diesen Barbaren üblich. Daher ist das Erstaunen von Herrn von Notz schon verwunderlich. In welcher Welt lebt er eigentlich. Jetzt aus dem "Selfie" auf das Versagen der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden zu schließen, ist sowas von weit hergeholt und abstrus, saß man nur mit dem Kopf schütteln kann. Anstatt in der Vergangenheit herumzuwühlen sollte Herr von Notz lieber praktikable Vorschläge und Maßnahmen von sich geben, wie die Polizei und anderen Sicherheitsbehörden gestärkt und besser ausgestattet werden. Doch damit scheint er überfordert zu sein.

  15. 3.

    Er hat sich halt gerne die Stadt angesehen. So wie der NSU nur zufällig in der Nähe der Synagoge in der Oranienburger Straße war. Für Staatssicherheitsbehörden steht der Feind links, damit sind sie ausgelastet.

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