Blockade des Potsdamer Platzes durch Extinction Rebellion im September 2019 (Quelle: imago images/Contini)
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Audio: Radioeins | 07.10.2019 | Interview mit Lu Yen Roloff | Bild: www.imago-images.de/Contini

Interview | Extinction Rebellion - "Wir sind tatsächlich vom Aussterben bedroht"

Seit dem Montagmorgen legen Klimaaktivisten von Extinction Rebellion den Berliner Straßenverkehr lahm. Warum die Proteste so radikal sind und welche Forderungen die Aktivisten haben, erklärt Lu Yen Roloff von Extinction Rebellion.

rbb: Frau Roloff, "Der Spiegel" berichtet, dass die Regierung das Klimapaket abschwächen will. Ist das zufällig Rückenwind für Sie?

Lu Yen Roloff: Ich würde sagen, das ist der allerbeste Grund für alle Berliner, sich uns noch spontan anzuschließen. Ich denke, es wird ein sehr schöner, sonniger, kalter Tag werden – perfekt, um die Rebellion zu starten.

Eines der Gesichter von Extinction Rebellion ist Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rackete. Sie sagt, es braucht einen Protest, der die Regierung da trifft, wo es nervt, wo es wehtut. Der heutige Protest traf zuerst einmal aber nur diejenigen, die pünktlich bei der Arbeit sein wollen. Wie rechtfertigen Sie das?

Es geht um die Störung des Normalzustandes. Wir sind in einem System, das es uns normal erscheinen lässt, auf eine Vier-Grad-Klimaerhitzung zuzusteuern. Die könnte dazu führen, dass  große Teile der Menschheit aussterben. Dieses Wissen ist überhaupt noch nicht angekommen in der Gesellschaft. Um das in die Köpfe zu bekommen, hat es offenbar nicht ausgereicht zu demonstrieren, Petitionen zu schreiben. Unsere Regierung lässt auch gar nichts dazu verlauten. Solange unsere Regierung nicht die Wahrheit über die ökologische Krise anerkennt, die seit 30 Jahren von Tausenden von Wissenschaftlern publiziert ist, solange müssen wir stören. Dazu gehört jetzt einfach diese nächste Stufe.

Sie sind weder Wissenschaftler noch Politiker, sondern Aktivisten. Halten Sie es für realistisch, was sie da fordern: nämlich null Prozent CO2-Ausstoß bis 2025? Oder ist es Ihnen auch erst mal egal, wie das umzusetzen ist?

Wir fordern BürgerInnen-Versammlungen, das heißt zusätzliche demokratische Instrumente, mit denen wir uns dann erstmal Lösungsvorschläge angucken, die schon seit 30 Jahren auf dem Tisch liegen, etwa die CO2-Steuer. Wir wollen noch gar nicht ins Detail gehen. Das Wichtige ist, dass das Problem überhaupt anerkannt wird. Wir sind momentan immer noch in einer Debatte, wo zwar alle sagen: 'Ja  ja, Klimawandel ist wichtig.' Aber irgendwie tut die Regierung immer noch so, als wären diese eineinhalb Grad zu halten mit ein paar kleinen Maßnahmen. Das ist nicht der Fall. Wir haben noch eine fünfprozentige Wahrscheinlichkeit, eineinhalb Grad zu halten. Was momentan viel wahrscheinlicher ist, dass wir auf drei Grad, auf vier Grad zusteuern. Und das würde drastische Konsequenzen für die gesamte Menschheit haben. Wir sind tatsächlich vom Aussterben bedroht. Deswegen dieser Aufstand gegen das Aussterben.

Die Proteste von Fridays for Future haben viele Unterstützer. Damit können sich Hunderttausende identifizieren und solidarisieren. Radikaler Protest könnte hingegen viele abschrecken. Gefährden Sie damit nicht den Erfolg von Fridays for Future?

Also es ist nicht radikal. Es ist konsequent, wenn man die Wissenschaft wirklich ernst nimmt. Und das ist ein Riesenunterschied. Es geht uns nicht darum, einfach zu provozieren. Es geht darum, dass unsere Regierung fahrlässig - sehenden Auges - unsere Gesellschaft in die Katastrophe führt und jetzt sogar das Klimapaket wieder abschwächt. Das war eh schon winzig, es war sowieso nur ein Klimapäckchen.

Sie wollen die ganze Woche an verschiedenen Stellen den Straßenverkehr lahmlegen. Werden sie auch Flughäfen blockieren?

Das lassen wir jetzt mal offen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit der Aktivistin Lu Yen Roloff von "Extinction Rebellion" sprachen Julia Menger und Kerstin Hermes für Radioeins. Der Beitrag ist eine gekürzte und redigierte Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

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34 Kommentare

  1. 34.

    letzter Beitrag war am 08.10.2019 | 14:08 Uhr...

    Da hatten wir doch schon gar keine Zeit mehr!!!!!!!!!!!
    und jetzt das unglaubliche...
    es hat sich bis jetzt noch nichts verändert und wir leben ja noch :O

    wie konnte das passieren? Hat sich jemand im Zeitrahmen geirrt?

  2. 32.

    Was heißt "könnte" aussterben? Ja oder Nein? Eine angenommene Meinung, arrogant, so mit veralteten Methoden durchzusetzen zu versuchen, stößt die "Schaffenden vor den Kopf", die an zukunftsweisenden Technologien für geschlossene Stoffkreisläufe arbeiten wollen, wenn man sie dahin fahren lässt. Auf die Idee, Andere zu gängeln, kommt man nur, wenn man viel Zeit hat, statt an die eigene Lebensarbeitszeit zu denken (Rentenanspruch).

  3. 31.

    Statt sich mit der Problematik auseinanderzusetzen, bei Ihnen und anderen hier nur Abwertung von jungen Menschen, die um unser Leben kämpfen. Wie erfolgreich doch die Beschwichtigungen seit 30 Jahren laufen. Augen zu und weitermachen wie immer.

    Machen Sie sich doch mal schlau. Dann stehen Sie wahrscheinlich auch gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen auf. Wie soll man Sie und die anderen hier denn erreichen?

  4. 30.

    Wir sollten uns alle mal gründlich überlegen, wo unsere Reise hingehen soll... so, wie wir jetzt handeln, kann es nicht weitergehen: Immer mehr Konsum, immer mehr Ablenkung mit unnützen Dingen, die uns am Ende langweilen, weil es nur darum geht, die Dinge zu erwerben, um Leute zu beeindrucken, die uns am Ende auch wieder egal sind.
    Wir haben aber auch die Chance, wirklich eine neue Zukunft zu bauen, mit High-End Technik UND einer intakten Natur dazu. Aber dafür müssen wir vorher die Konflikte untereinander beilegen, damit wir zusammen eben genau diese neuen Wege gehen können.
    Darum sage ich: werden wir ungemütlich und zeigen, dass dieser jetzige Weg mit dem jetzigen System nicht zukunftsfähig ist - nicht durch Gewalt, das hatten wir alles schon zur Genüge, sondern durch friedlichen Protest mit gleichzeitig stattfindender Kommunikation.

  5. 29.

    Es muss ja nicht gleich die ganze Menschheit aussterben, aber zumindest sollte man mal die Überbevölkerung in Afrika als Problem benennen dürfen. Während sich bei uns Akademikerpaare fragen, ob sie sich ein Kind überhaupt leisten können, betrachten die Leute es dort als wichtige Altersvorsorge, möglichst viele Kinder zu haben.

  6. 28.

    Mich interessiert die tatsächliche Sozialstruktur dieser Ansammlungen. Man hört immer nur Vermutungen, es seien verwöhnte Kinder etc. Gibt es da schon verlässliche Untersuchungen?

  7. 26.

    Welch gute Kombination: hier die "Grünen:" als geistige Vorbereiter, da ihre willfährigen Werkzeuge und Handlanger. Wer den "Klimanotstand" will und ausruft, der braucht auch Notstandsgesetze! Die Grünenvorsitzende Baerbock ließ ja schon 'mal andeutungsweise die Katze aus dem Sack, als sie auch Verbote zur Durchsetzung ihrer radikalen Politik erwähnte. Jetzt stehen ihr die neuen "Revolutionsgarden" zur Verfügung, die auch zum Gesetzesbruch bereit sind. Interessant, daß von diesen Herrschaften keiner sagte, wie der angebliche Klimanotstand angegangen und bewältigt werden soll. Dafür sind sie im Verteufeln unübertroffen. Übrigens hat das von ihnen gepriesene Schweden vom einstmals verkündeten Atomausstieg wieder Abstand genommen und produziert 40 Prozent seines Stroms mittels Atomkraft. Mit Augenmaß sind die notwendigen Veränderungen besser, überzeugender und schneller zu erreichen, als mit dem derzeitigen deutschen "Revoluzzertum".

  8. 25.

    Alle 40-50 Jahre finden sich die selbsternannten Rebellen zum fröhlichen Stelldichein, um irgendwas zu verbessern, weil sie dann endlich was haben, wofür sie sich einsetzen können. Nun ist es wieder mal soweit: wie eh und je alles verwöhnte Wohlstandskinder, denen die Industrie auf dem Silbertablett einen Grund serviert hat, der eigentlich dafür gedacht war, neue Industrien durchzudrücken, um den Zusammenbruch des Kapitalismus aufzuhalten. Und nun das! Da sieht man mal, was Habgier und Ignoranz gemeinsam für seltsame Blüten treiben können. Drunter leiden tun die, die ehrlich arbeiten müssen. Die Politiker jedenfalls nicht. Die Menschheit wäre wegen 4 Grad nicht vom Aussterben bedroht - aber Hysterie macht einfach so viel Spaß!

  9. 24.

    Sollen sie doch Lemming spielen.
    Das Grundübel der Welt ist die weltweite Überbevölkerung. In den Industriestaaten reduziert sich die Bevölkerungszahl. In den Schwellenländern steigt sie überproportional.
    Je mehr Menschen auf der Erde leben, wird mehr Fläche für Wohnungen (Versiegelung von Böden, mehr Fläche für Ernährung (Abholzung von Regenwald für z.B. Sojaanbau) und vielmehr Ressourcen verbraucht.
    Der Mensch hilft dem Klima und der Erde nur, wenn er seine eigene Anzahl friedlich reduziert.
    Alles andere ist Augenwischerei.

  10. 23.

    "Liebes liebes Klima, bitte ändere dich nicht" pfft

  11. 22.

    Die Schweden leben auch kaum anders als der Durchschnittsdeutsche! Die Gesamtbelastung für die Bürger dort ist trotz der CO2-Steuer sogar geringer als hier. Arbeitnehmer wurden deutlich entlastet und im Gegenzug wird der Verbrauch von Waren und Energie höher besteuert, wobei Strom dort deutlich günstiger ist als hier. Entsprechend wird auch mit Strom und Holz geheizt. In Deutschland wäre das unbezahlbar! Gleichzeitig werden Öl-Alternativen massiv gefördert. Diesel aus Holz ist dort längst am Markt. Statt dieses oder ähnliche Alternativen auch hier massiv zu fördern, wird wieder einmal nur über Verteuerung nachgedacht, obwohl viele jetzt schon an der Belastungsgrenze sind. Gerade Pendler und Eigenheimbesitzer mit kleineren Einkommen werden übermäßig belastet. Sozial (verträglich) ist das nicht und hat mit dem Vorbild Schweden rein gar nichts gemein!

  12. 21.

    Schweden als gutes Beispiel!? Lächerlich! Wieviel Atomkraftwerke stehen denn in Schweden!?.Atomkraft nein Danke sagen doch die Grünen immer. Dann auf in den Norden Greta mitnehmen und im Pelz demonstriert. Ach nein ist wahrscheinlich schon zu kalt.

  13. 20.

    Aha, hat Ihnen also nicht so gefallen, die Vorstellung, Sie hätten gern was anderes, denn Sie wissen ja genau, wie man es machen müsste. Na dann mal ran, würde ich sagen, was hindert Sie? Nicht immer nur an denen rummeckern, die schon mal was tun. Sie scheinen doch eine ganze Menge Ideen zu haben!

  14. 19.

    Endlich mal jemand, der mir aus dem Herzen spricht. Es ist hohe Zeit, dass das Experiment Mensch beendet wird, da es voll gegen die Wand gelaufen ist.

  15. 18.

    Auch ich bin Aktivist, aber ein Richtiger. Ich habe über 40 Jahre gearbeitet, auch damit es der heutigen jungen Generation gut geht. Wenn ich allerdings diese Chaoten am Stern sehe,bereue ich es. Traurig

  16. 17.

    Wenn jemand einen angenehmen Lebensabend verbringen möchte, dann sollte er auch mit Bedacht an die ganze Sache rangehen. Ich möchte nicht, dass die Omi überlegen muss, Essen oder Heizen! Diese radikalen Vorstellungen sind der falsche Weg. Ich, wie die Mehrzahl an Berliner werde diesen Weg niemals mitgehen, aber auch ich leiste meinen persönlichen Beitrag für die Umwelt. Das wären die richtigen Schritte, gerade jungen und zugereisten Menschen beizubringen, mehr darauf zu achten. Heizung runter, Sparlampen, weniger Klamotten, so kann man anfangen, bei sich selbst und nicht immer die anderen sind Schuld und die müssen machen. Also, raus aus der grünen Blase, sonst zerfällt nur die Gesellschaft.

  17. 16.

    ..nun wenn die Menschen aussterben würden wäre die Welt gerettet, doch keiner würde es wahrnehmen..

  18. 15.

    Warum ziehen diese Nörgler nicht nach Sibirien?.Klare Luft,wenig Verkehr und null CO2.MfG

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