Ortsschild von Kleinbeeren (Bild: rbb/Daniel Tautz)
Bild: rbb|24/Daniel Tautz

Brandenburger Nahverkehr - Ein Dorf wartet seit 30 Jahren auf bessere Busverbindungen

Kleinbeeren liegt zehn Autominuten vom südlichen Berliner Stadtrand entfernt. Perfekt, wenn man zwar in der Metropole arbeitet, aber dort nicht mehr wohnen möchte. Das geht allerdings nur, wenn man ein eigenes Auto hat. Von Bernadette Huber

Anja hat ein Problem. Und zwar seit fast 30 Jahren: Sie fährt mit dem Auto zur Arbeit, obwohl sie lieber Bus und Bahn benutzen würde. 1991 wollte sie aus Berlin raus, ein wenig mehr Platz und Natur. Dafür hat sie sich mit ihrer vierköpfigen Familie ein kleines Holzhaus im damaligen Neubaugebiet von Kleinbeeren gebaut.

"Schon als wir gekommen sind, wurde gesagt: Das kommt bald!", sagt Anja über die Aussicht auf Busverbindungen in ihr Dorf. Und tatsächlich: "Ein möglichst flächendeckendes und attraktives Netz von Reichsbahnen und ÖPNV soll den Brandenburgern den Verzicht auf den Individualverkehr erleichtern", heißt es schon im Wahlprogramm der SPD von 1990. Fast drei Jahrzehnte später, schreibt dieselbe Partei: "Mobilität ist der Schlüssel zur sozialen Teilhabe in allen Lebensbereichen - sei es auf dem Weg zum Job, zur Schule, zum Arzt oder in der Freizeit."

Drei Jahrzehnte, in denen die SPD in Brandenburg regiert und ihre Pläne umsetzten konnte. Drei Jahrzehnte, in denen Kleinbeeren von 100 auf 930 Einwohner gewachsen ist. Was ist von den Wahlversprechen für eine bessere Anbindung in Kleinbeeren hängen geblieben?

Blonde Frau steht am Zaun vor einem Holzhaus (Bild: rbb/Daniel Tautz)
Anja | Bild: rbb|24/Daniel Tautz

Kleinbeerener Realität

Der Weg zur Arbeit
Die Ortsvorsteherin von Kleinbeeren, Petra Cremer, rechnet vor:  Wenn ihr Mann morgens mit dem ersten Bus losfährt, ist er um 8:00 Uhr in Berlin auf Arbeit. Um den letzten Bus zu bekommen, müsste er von dort um 15:30 Uhr wieder los. Es bleiben also höchstens siebeneinhalb Stunden für die Arbeit, ohne Pausen. Mit einem gewöhnlichen Arbeitstag ist das überhaupt nicht machbar. Auf dem Weg zur Arbeit benutzen Petra Cremer und ihr Mann deshalb "Park and Ride"-Parkplätze. Ohne den eigenen PKW geht es nicht!

Wie kommen die Kinder in die Schule?
Anja hat zwei erwachsene Söhne. Ihre Jugend haben beide in Kleinbeeren verbracht. Zur Schule sind sie mit dem Bus. Die ersten vier Jahre ins eineinhalb Kilometer entfernte Großbeeren auf die Gesamtschule. Für das Gymnasium ging es nach Teltow. Dort war ihr Sohn immer eine Stunde vor Schulbeginn vor dem Gebäude und hat gewartet. Mit der nächsten Verbindung hätte er den Anfang des Unterrichts verpasst.

Der Besuch beim Arzt und die Freizeitgestaltung
Die Kleinbeerener haben Glück - bis nach Großbeeren ist es nicht weit. Dort gibt es alles, was man braucht: Ärztehaus, Supermärkte, Kitas und Cafés. Viele fahren die eineinhalb Kilometer mit dem Auto. Manche nehmen das Fahrrad oder laufen. Tatsächlich fahren einige auch Bus - achtmal am Tag fährt der von den Haltestellen "Friedhof" und "Dorfstraße" ab. Am Wochenende und an Feiertagen fährt er gar nicht. Die, die nicht mehr Fahrrad fahren können, schieben dann ihr Rad. "Als Ersatz-Rollator sozusagen, und hängen die Einkäufe an den Lenker."

Wo liegt das Problem?

Kleinbeeren gehört zur Gemeinde Großbeeren. Deshalb muss die Ortsvorsteherin von Kleinbeeren ihre Wünsche dort anbringen. Nur wenn Großbeeren ein Anliegen für nötig und wichtig genug hält, bringt die Gemeinde ein konkretes Projekt in den Nahverkehrsbeirat des Kreises Teltow-Fläming ein. Der Landkreis entscheidet nämlich, zusammen mit der Verkehrsgesellschaft Teltow-Fläming, über die Gestaltung des Nahverkehrs. Und damit natürlich, wieviel von dem verfügbaren Geld für Groß-, und damit auch Kleinbeeren ausgegeben wird. Dieses Geld kommt überwiegend vom Land, es ist in der Regel aber nicht zweckgebunden.

Ein vom Landtag beschlossener Leitfaden legt fest, wieviel Mittel an die einzelnen Landkreise gehen. Je größer die Fläche des Kreises, je mehr Verkehr es schon gibt, aber vor allem je mehr Eigenmittel vom Kreis aufgebracht werden, desto höher das Budget. Und wie bekommen jetzt Groß- und Kleinbeeren etwas davon ab?

Sie müssen beweisen, dass es einen "großen Bedarf" gibt. Nur wie, wenn doch die Nachfrage vom Angebot abhängig ist? Für das Amt in Großbeeren ein klassisches Henne-Ei-Problem.
Der Kreis bestimmt prinzipiell aus der Einwohnerzahl heraus, wie viele Fahrten pro Tag in Groß- und Kleinbeeren stattfinden müssen. Eine Art Mindeststandard für die finanzielle Unterstützung. Im Großbeerener Amt findet man: Auch wenn das grundsätzlich ein gerechter Ansatz sei, berücksichtige er nicht, wie unterschiedlich der Bedarf ist – zwischen Pendlergemeinden im Speckgürtel und abgelegenen Orten im Süden: Wegen der Arbeitsplätze in Ludwigsfelde und Großbeeren sollte sich der Standard deshalb eher an Berlin als am ländlichen Raum orientieren.

Ein Bagger und ein Sandhügel vor einem weißen Neubau (Bild:rbb/Daniel Tautz)Neubauten in Kleinbeeren

Anja wartet auf den Bus

Am Ende fehlt der politische Wille. Wer will, dass auch Anja aus Kleinbeeren ohne Auto zur Arbeit kommt, der muss so viel subventionieren, dass der Bus entsprechend fährt. In Umfragen wünschen sich die Brandenburger immer wieder bessere Verkehrsverbindungen. Rechnet überhaupt noch jemand mit einem Nahverkehr, der seinen Namen auch verdient hat? Anja hat das Thema inzwischen abgeschrieben. In ihrem Dorf hat sich in all der Zeit nichts getan. Sie zuckt mit den Schultern.

Beitrag von Bernadette Huber

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

32 Kommentare

  1. 32.

    Na klar ist besserer ÖPNV im gesamten Land Brandenburg wünschenswert. Aber die meisten Menschen sind auch in der Lage, Strecken bis zu drei Kilometern Entfernung, mit dem Fahrrad zurückzulegen. Und nicht jeder Arzt- oder, Apothekenbesuch oder jeder kleine Einkauf, muss mit dem Auto erledigt werden. Vieles, liegt auch einfach an der Bequemlichkeit der Bürgerinnen und Bürger. In Potsdam zum Beispiel, gibt es einen sehr guten ÖPNV und trotzdem verstopfen gerade die Potsdamer ihre eigene Stadt, durch ihren eigenen Autoverkehr. Jeder Ort, ruft nach besseren Busverbindungen und schaut man dann oftmals hin, sind die Busse fast leer, da das eigene Auto einfach doch am bequemsten ist. Auch sollen grosse Busse, am Besten jeden Winkel einer Ortschaft abfahren und dann trotzdem noch schneller, wie das eigene Auto sein. Das geht so, auch nicht. Der Bus, von Ketzin/Havel bis Potsdam Hauptbahnhof, benötigt 55 Minuten für 22 Kilometer, da er in jedem Dorf unterwegs, seine Schleifen zieht. Irrsinnig.

  2. 31.

    Vielleicht sollten sich mal die Großbeerener und die Kleinbeerener einigen. Das Problemloseste wären sicherlich einige Stichfahrten von Seiten Großbeerens, das allerdings erfordert gute zehn Minuten Fahrzeitverlängerung. Und da fängt das Problem schon an. Die will so gut wie keiner der Großbeerener und denjeniger auf bisheriger Linie in Kauf nehmen.

    Es ist nicht immer das einig Volk, was gegen "die da oben" steht, es ist gerade das fehlende Auskommen untereinander, bei dem diejenigen in den Ämtern auch nichts machen können.

  3. 30.

    Ortskenntnisse scheinen Sie nicht zu haben. Um zur Arbeit zu kommen, muss ich von Heinersdorf über die Osdorfer Straße fahren. Bis Heinersdorf gibt es Radwege, ab Heinersdorf nur noch die stark befahrene Osdorfer Straße. Ich bin nicht lebensmüde und fahre dort mit dem Fahrrad.

  4. 29.

    nur mal angenommen VW oder BMW würden dort einen Standort in Erwägung ziehen : alle Mißstände wären, ruckzuck, schnellstens beseitigt

  5. 28.

    " Drei Jahrzehnte, in denen die SPD in Brandenburg regiert und ihre Pläne umsetzten konnte. "

    aber nicht umgesetzt hatte , es fehlt der politische Wille.

  6. 26.

    Ich würde als "Anzugträger" auch das Radl morgens bei strömendem Regen oder Schnee und Glatteis verweigern. Und Fahrgemeinschaften.. genau, alle anderen aus meinem Kaff wollen auch nach Nkölln oder Moabit. Zur gleichen Zeit vor allem. Und die Schüler? Ich seh sie morgens, die kommen mit Fahrgemeinschaften in kleinen alten Autos zur weiterführenden Schule, die wollen schließlich mal was werden - hoffentlich Politiker, die dann diese K...e beseitigen! Aber wer schon für die Oberstufe eine Karre braucht - sei es Mopped oder Auto - der ist doch verraten und verkauft. Und das Land fein raus - denen muss man nicht mal ne Jahreskarte zahlen - schließlich gibts keinen Bus! Sorry für den Zynismus, aber so ist das auf dem Land.

    Ihr wisst schon, was bei der Briefwahl dann angekreuzt wird, ne? Zum Wahllokal fährt nämlich auch kein Bus. Weil Wahl ja sonntags ist....

  7. 25.

    Hallo Berliner aus Berlin, sind Bad-Freienwalde oder Bad Saarow Splittersiedlungen? ÖPNV zwischen diesen beiden Orten oder von jeweils dort nach Berlin-Mitte? Vorschlag: reisen Sie mal durch Brandenburg.

  8. 24.

    Hört endlich mal auf mit eurer Fahradleier! Es nervt nur noch. Es wollen eben viele Menschen nicht in diesem ( nur noch nervenden Berlin) wohnen! Und es können auch nicht alle mit einem Fahrrad unterwegs sein. Und wollen das auch nicht! Schöne Grüße aus dem herrlichen Brandenburg.

  9. 23.

    Hier schwadronieren wieder die Berliner über Brandenburg wie die Blinden über die Farben.
    Tatsächlich reißt hinter Stahnsdorf die Infrastruktur spontan ab. Handyempfang weg, komplett. Keine Busse mehr, kein Laden (ohne Bus kommt Omma Karsubke auch nie zum EKZ...), kein Arzt (denkt an Omma Karsubke...), Gar nix. Schulen in Großbeeren nur bis 10. Klasse, aber kein Bus zu vernünftigen Zeiten, Schule in Kleinmachnow beginnt zur krummen Zeit um 7:35 Uhr, damit es zu den Bussen aus Großbeeren passt - nein, der Linienbus passt sich nicht den Schulzeiten an. Wundert einen da ein Protestwähler?? Die Bevölkerung im Speckgürtel wächst täglich, die Infrastruktur wird rückgebaut! Wer hat da den Schuss nicht gehört?

  10. 22.

    Neulich wurde in den Medien jemand gehypt, der keine Lust mehr auf mühsames Radfahren hat, sich ein Auto kaufte und sich dann über den Verkehr beschwerte. Der wohnt in Mitte.

  11. 21.

    Ähm, quasi ja. Oder sie sind gezwungen sich ein Auto zuzulegen. Oder ein Moped. Darum geht es doch in dem Artikel. Da der ÖPNV nicht ausreichend ist, sind die Menschen da gezwungen sich ein Fortbewegungsmittel zu kaufen. Fahrrad ist da sicherlich die günstigste Variante. Auto die bequemste.

  12. 20.

    Na das sind doch eher die Bewohner innerhalb des S-Bahn Ringes die Waldesruhe haben wollen und andere aussperren. Man könnte genauso sagen. Zieht doch aufs Land.

  13. 18.

    Und selbst wenn der Bus fährt! Heute Vormittag habe ich mein e-Bike nach Babelsberg zur Überholung gebracht, ich komme beim Fahrradhaus heraus, fährt der 601er vorbei. „Laufe keinem Bus hinterher, es kommt bald der nächste.“ Pustekuchen - am Samstag Vormittag, immerhin ein normaler Werktag, fährt diese Linie durch den Speckgürtel im Stundentakt.

  14. 16.

    Doch, ich habe den Beitrag richtig gelesen. Da steht beim Beispiel von Frau und Herrn Cremer zum Thema "Der Weg zur Arbeit" die abschließende Beurteilung - mit "dicken" Ausrufezeichen -, dass es ohne eigen PKW nicht geht. Das mag für die Cremers aus gesundheitlichen Gründen so sein; weiß ich nicht. Aber grundsätzlich sind knapp 7 km Strecke mit dem Fahrrad für Otto-Normal-Brandenburger machbar.

  15. 15.

    Wer im Umland von Berlin wohnt, ist oftmals gezwungen mit dem eigenen Fahrzeug zur Arbeit zu fahren. Dafür haben die angeblich Umwelt-Aktivisten kein Verständnis. Die setzen auf E-Scooter und Fahrrad. Nun fahrt mal aus dem Nirgendwo imIrgendwo aus dem Flächenland Brandenburg nach Berlin - von Querverbindungen ganz zu schweigen.

  16. 14.

    Kleineren ist überall in Brandenburg. Hier sind globale Lösungen nötig. Weg von Kleinstaaterei. Der ÖPNV müsste zentral gesteuert werden. In der DDR hat es doch auch recht gut funktioniert.

  17. 13.

    Kleiner Hinweis an die Kommentatoren: Es heißt Rückgrat, nicht Rückrad.

Das könnte Sie auch interessieren