Kampung Admitality Wohnprojekt, Singapur
Video: Abendschau | 17.10.2019 | Bild: K. Kopter/WOHA

Wohnungsbau in Singapur - Berlins Regierender bestaunt die Platte Fernost

Mitten in der Mietendeckel-Debatte hat Berlins Regierender Bürgermeister Müller Singapur besucht. Dort wird der Wohnungsmarkt ähnlich radikal reguliert - nur mit einem ganz anderen Ziel: Eigentum durch Mietkauf. Hat das Vorbildcharakter? Von Sebastian Schöbel

Wenn die öffentliche Hand in Singapur Wohnungen baut, entstehen ganze Stadtviertel: gigantische Wohnkomplexe aus miteinander verbundenen Hochhäusern, in denen Tausende Wohneinheiten untergebracht sind - inklusive Einkaufszentren, Krankenhäusern, Kitas, künstlichen Gewässer und Parks.

Verantwortlich für all das ist die Regierungsbehörde "Housing & Development Board" (HDB): Mehr als eine Million Wohnungen hat sie bereits im Stadtstaat errichtet, pro Jahr kommen rund 15.000 neue dazu. Zum Vergleich: In Berlin bauten die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften 2018 3.500 neue Wohnungen.

Michael Müller bei HDB in Singapur
Müller beim HDB: "Wir schreiben immer rote Zahlen" | Bild: Sebastian Schöbel/rbb

"Wer kein Dach über dem Kopf hat, kann nicht arbeiten"

"Es ist schon beeindruckend, wie schnell und in welchen Größenordnungen hier gebaut wird", sagt Michael Müller bei seiner Singapurreise. Diese steht eigentlich ganz im Zeichen des Asien-Ablegers der Tourismusmesse ITB und Gesprächen mit Vertretern der Singapurer Wirtschaft - doch Müller hat extra einen Ausflug in den Stadtteil Toa Payoh gemacht. 35.000 Wohnheiten hat HDB hier geschaffen, mittendrin ist die Zentrale der Behörde.

Durch das Gewusel von Hochhausbewohnern wird Berlins Regierender Bürgermeister in einen holzgetäfelten Besprechungsraum geleitet. Dort erklärt ihm Vize-Direktor Mike Chan mit breitem grinsen die Philosophie des Unternehmens: "Wer kein Dach über dem Kopf hat, kann nicht arbeiten und Geld verdienen."

So stellt sich das HDB auf YouTube vor

Eigentumswohnungen für alle

Mehr als 80 Prozent der 5,6 Millionen Singapurer lebt in HDB-Wohnungen - und zwar fast ausschließlich in Eigentum. Denn der Staat baut die Wohnungen nicht nur, er verkauft auch die allermeisten davon: stark subventioniert und streng reglementiert. Dass das keinen Gewinn bringt, gibt HDB nicht nur offen zu, man feiert sich sogar regelrecht dafür. "Wir schreiben immer rote Zahlen", ruft Mike Chan lachend auf Nachfrage der Berliner Delegation. "Je mehr ich baue, desto mehr Geld verlieren wir." Das jährliche HDB-Defizit beläuft sich im Schnitt auf 833 Millionen Euro, der Staat zahlt die Rechnung. Und zwar klaglos: Der HDB-Kurs ist Staatsräson der autoritären Einparteienregierung.

Finanziert wird die Eigentumswohnung in Singapur über ein Mietkaufmodell: Dabei können Singapurs Bürger ein Teil des Geldes, dass sie zuvor in die Rentenversicherung eingezahlt haben, stattdessen als Eigenanteil für den Erwerb einer Wohnung nutzen. Für den Rest des Kaufbetrages nimmt man einen stark subventionierten Kredit auf und zahlt ihn über die Miete zurück. In Singapur gehört der Wohnungskauf inzwischen fest zu beinahe jeder Lebensbiografie dazu: Erst kommt die Hochzeit, dann, zwei bis drei Jahre später, der Wohnungskauf.

"Das ist auch Familienförderung"

Genau dieser Punkt aber bleibt Müller im Gedächtnis - weil er so gar nicht zum Lebensentwurf vieler Berlinerinnen und Berliner passt. "Das ist hier nicht nur Wohnungsbau, sondern Familienförderung", sagt Müller. "Es wird staatlich gelenkt, wer welche Wohnung bekommt, wo und in welcher Größe. Vor allem für Familien." Singles hingegen werden gezielt benachteiligt, "die haben es schwer, hier eine Wohnung zu bekommen."

Zumindest eine größere: Wer allein leben will, bekommt in Singapur maximal eine Zwei-Zimmer-Wohnung vom Staat verkauft. Wer mehr Platz braucht, muss heiraten, eine Familien gründen - und am besten gleich noch die Großeltern mitbringen. Dann sind auch die Verkaufskonditionen und die Höhe der staatlichen Zuschüsse am üppigsten. Eine 5-Zimmer-Wohnung für drei Generationen zum Beispiel ist dann schon für rund 250.000 Euro zu haben.

Investitionsbank Berlin hat Interesse

Wo genau im Hochhaus-Komplex die Eigentumswohnung liegt, kann man sich allerdings nicht aussuchen. Der Staat achtet streng auf die soziale und ethnische Durchmischung der Wohnäuser, ein Garant für den Frieden in Singapur, wo Chinesen, Malaien und Inder auf engstem Raum zusammenleben. Und noch eine Einschränkung: Der Kauf ist ein Erbpachtvertrag, nach 99 Jahren fällt die Wohnung an den Staat zurück.

Jürgen Allerkamp, Chef der Investitionsbank Berlin, hält das Konzept für spannend - wenn auch in diesem Maße nur in einem Stadtstaat wie Singapur anwendbar. Für Berlin lasse sich dennoch einiges an Ideen mitnehmen. "Auch Mietkauf ist eine Option, und auch die Finanzierung von Erbbaurecht ist etwas, das wir grundsätzlich unterstützen würden."

Tatsächlich haben Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung das Mietkaufmodell gerade erst für Berlin vorgeschlagen. Und die Bundesbank hat, nach Informationen des rbb, in einer internen Analyse festgestellt: In Singapur habe das Mietkaufmodell bewirkt, dass staatlich gebauter Wohnraum erschwinglich bleibt, während privat gebauter Wohnraum immer teurer wird.

Michael Müller schaut auf die Skyline von Singapur
Michael Müller in Singapur: "Beeindruckend, wie schnell hier gebaut wird" | Bild: Sebastian Schöbel/rbb

Beeindruckt - aber nicht ganz überzeugt

Kommt nach dem Mietendeckel also bald der Mietkauf in Berlin? Müller ist skeptisch: Eins zu eins übertragbar sei Singapurs Beispiel nicht. Die Berlinerinnen und Berliner seien eigentlich ganz gerne Mieter, sagt er. "Vor allem wollen wir frei entscheiden können, mit wem und mit wievielen Menschen wir leben wollen."

Außerdem, so Müller, könnte Anblick riesiger Wohnblöcke bei einigen Menschen auch ungute Assoziationen wecken: An die DDR-Plattenbauten im Osten oder die Hochhaus-Siedlungen im Westen der Stadt.

Sendung:  Inforadio, 17.10.2019, 7.00 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

Kommentar

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18 Kommentare

  1. 18.

    Welche "zwei sozialistische Experimente" meinen sie denn? Ich kenne höchsten eins aber das verdient nicht die Bezeichnung "sozialistische", eher erst stalinistische, später Ein Parteien Diktatur.

  2. 16.

    Trotz des Drucks auf dem Wohnungsmarkt sollte Berlin bunt, kreativ und menschenfreundlich bebaut werden. Solche Klötze sind hässlich und eine Reise in die piefige Vergangenheit. Ich hoffe, die Politik lässt sich von solchen Betonbunkern nicht "inspirieren"...

  3. 15.

    Ja, zwei sozialistische Experimente haben noch nicht ausgereicht. Wir brauchen in Deutschland noch einen dritten Versuch. Diesmal wird's auch ganz bestimmt besser gemacht. Dann werden unsere Menschen auch endlich vorschriftsmäßig glücklich.

  4. 14.

    Wenn Herr Müller schon mal in Singapur ist, kann er sich auch mal einen funktionierenden und gut ausgebauten Flughafen anschauen. Vielleicht hilft es.

  5. 12.

    "Wie sind ein demokratischer Staat, wenn sie einen totalitären möchten müssen sie nach Singapur ziehen."
    Ist das alles was ihnen dazu einfällt? Schwach!
    Japan ist auch ein demokratischer Staat und Tokio mit 9,6 Millionen Einwohnern eine der saubersten Städte der Welt.
    Davon ist nicht nur Berlin "Lichtjahre" entfernt.

  6. 11.

    Entscheiden Sie sich mal. Zunächst machen Sie sich lustig über autoritäre Diktaturen u. am Ende verharmlosen Sie sie. Keine/n freien Wahlen, Gewaltenteilung, Block der Freiheiten, Menschenrechte, Pluralismus - da ist mir der Kaugummi o. schlecht organisierte Sperrmüllpolitik lieber. Dass Sie dann auch noch behaupten, die Menschen seien glücklich, ist ein äußerst transparenter Versuch, sich selbst Legitimation u. Deutungshoheit zuzuschreiben.

    Na dann schauen wir doch mal auf Arbeitslosen-, Sozial- oder Wohnungslosenhilfe in Singapur. Oh, doch nicht so gut? Nur wer Geld hat, darf in der Stadt bleiben? Das geht seit Jahrzehnten so u. fängt indoktrinierend im Schulalter an. Singapur meint antidemokratischen Ultra-Neoliberalismus, auch auf Kosten der Nachbarn: illegal abgebauter Bausand stützt Singapur.

    Wenn Ihnen so viel daran liegt, müssen sie selber anpacken. Das kriegen ja sogar einige Touris hin, die teils organisiert Müll in Berlin aufsammeln. Hauptsache meckern und jammern.

  7. 10.

    Hoffentlich hat sich Herr Müller mal angeschaut wie sauber eine Großstadt mit 5,7 Millionen Menschen sein kann wenn man will. Dort werden auch keine Züge von Jugendlichen gestoppt und dann besprüht.
    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2019/10/graffiti-sbahn-sachbeschaedigung-oberhavel-oranienburg-wannsee-brandenburg-berlin.html
    Laut Bericht war es diesmal in Brandenburg aber die Bemalung und Verschmutzung der Züge ist in Berlin ja auch überall zu sehen!

  8. 9.

    Besinders in der Kommentarfunktion...

    Wie sind ein demokratischer Staat, wenn sie einen totalitären möchten müssen sie nach Singapur ziehen.

  9. 8.

    Müller schaut, wie andere Stadtentwicklung betreiben.

    Dekant ist bestenfalls, dass seine zuständige Fachfrau meint, dass man nichts entwickeln muss, sondern vergesellschaften gegen Entschädigung nahe Verkehrswert reicht. Wie in den letzten Jahren vor Lompscher bezahlbarer Wohnraum geschaffen wurde, musste er ihr auch neulich schon zeigen.

  10. 7.

    Die Neubauviertel in Singapur sind pieksauber. Keine Müllecken und kein Sperrmüll der illegal entsorgt wurde. Das wäre in Deutschland, egal
    welcher Stadt, undenkbar. Bei uns schmeißt jeder den Dreck dorthin wo es ihm gefällt.

  11. 6.

    Singles bekommen also maximal Zweizimmer-Wohnungen verkauft. Wozu braucht ein Single mehr als zwei Zimmer? Meist ist doch eine Einzimmerwohnung schon ausreichend, sofern sie nicht zu klein und gut geschnitten ist.

  12. 5.

    "Dass das keinen Gewinn bringt, gibt HDB nicht nur offen zu, man feiert sich sogar regelrecht dafür... der Staat zahlt die Rechnung... Der HDB-Kurs ist Staatsräson der autoritären Einparteienregierung."

    Ja, da lacht das Sozialistenherz :-) Aber es klingt alles sehr durchdacht, was dort gemacht wird. Und es gibt in Singapur durchaus noch weitere Dinge, die man sich in Berlin wünschen würde. Wenn ich die Wahl hätte zwischen Gefängnisstrafe fürs Kaugummispucken und dem, was kürzlich wieder am Kottbusser Tor oder permanent in Rigaer Straße und Görlitzer Park passiert, würde ich freiwillig jeden Tag einen Kaugummi runterschlucken. Trotz all der Bevormundung und "Unterdrückung" gehören die Einwohner Singapur übrigens zu den zufriedensten auf der Welt. Wollen wir mal einen Berliner fragen?

  13. 4.

    Ich finds ja gut nur in 50 Jahren haben irgendwelche Mieter das zu Geld gemacht und es sammelt sich wieder alles bei "den Reichen"

  14. 3.

    Schnell und viel bauen UND dann noch ETW als Mietkauf - eigentlich eine gute Idee wie es in der Landesverfassung vorgesehen ist.

    Nur leider sollen hier schon kaum einfach Mietwohnungen gebaut werden.

  15. 2.

    Mir fehlen die Worte, das ist ja schon dekadent was Herr Müller da abzieht.

  16. 1.

    "Berlins Regierender bestaunt die Platte Fernost" - da hätte auch eine Fahrt in der gepanzerten Limousine nach Marzahn, Hellersdorf oder ins Hsnsa-Viertel gereicht.
    Aber, das wäre natürlich nicht so medienwirksam.

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