Symbolbild: Kindesmissbrauch
Audio: Inforadio | 18.11.19 | Jan Menzel | Bild: imago images / blickwinkel

"Kentler-Experiment" in Berlin - Pflegekinder länger bei Pädophilen untergebracht als bekannt

Kinder und Jugendliche in der Obhut pädophiler Männer: Bei dem sogenannten "Kentler-Experiment" ließen Berliner Behörden das bewusst zu. Das Land lässt die Vorgänge seit Jahren prüfen und legte am Montag einen Zwischenbericht vor.

Kinder und Jugendliche in Berlin wurden gezielt zur Pflege an Pädophile gegeben - und von diesen auch sexuell missbraucht. Ein am Montag veröffentlichter Zwischenbericht der Berliner Bildungsverwaltung zeigt: Diese Verbrechen unter dem beschönigenden Titel "Kentler-Experiment" geschahen offenbar noch länger als bislang bekannt, über mehrere Jahrzehnte. 

"Ungeheuerlich und erschütternd", nannte die Berliner Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Vorgänge am Montag. Die Jugendhilfe solle junge Menschen schützen. Hier sei das Gegenteil passiert.

Der Senat hatte Wissenschaftler der Universität Hildesheim mit einer Untersuchung zum verstörenden Wirken des Berliner Sozialpädagogen und Sexualwissenschaftlers Helmut Kentler (1928-2008) beauftragt. Dieser hatte seit Ende der 1960er Jahre mit Wissen der Behörden Jugendliche bei pädophilen Männern untergebracht, die Pflegeväter werden sollten. Einige der Männer waren wegen sexueller Kontakte mit Minderjährigen vorbestraft. Kentler betrachtete das als wissenschaftliches Experiment. Die West-Berliner Jugendbehörden ließen ihn gewähren oder unterstützten ihn sogar.

Opfer schildern in Interviews ihr Leid

Das Ergebnis des Zwischenberichts vom Montag: 30 Jahre lang - bis mindestens 2003 - gaben Berliner Jugendämter Kinder und Jugendliche zu pädophilen Pflegevätern. Die Wissenschaftler benennen schwere Fehler der Behörden: Verstöße gegen das Jugendrecht, keine Betreuung der untergebrachten Minderjährigen durch das Amt. Helmut Kentler hatte demnach in mindestens drei Fällen leichtes Spiel und konnte Pflegekinder bei vorbestraften Pädophilen unterbringen. Kentler glaubte, dass sich pädophile Männer als Pflegeväter besser um ihre Schützlinge kümmern würden als andere Pflegeeltern. Dass sie dafür Sex wollen könnten, war für den seinerzeit weithin anerkannten Psychologen kein Hinderungsgrund. Die Pädophilen erhielten sogar Pflegegeld.

Von Seiten der Behörden blieben diese Vorgänge entweder unbemerkt, wurden ignoriert oder sogar gefördert. Die heute erwachsenen Opfer schilderten den Forschern in Interviews ihr Leiden und machten dabei auch deutlich, das sie sich von staatlichen Stellen - nicht zuletzt dem Jugendamt - im Stich gelassen fühlten.

Die von Kentler als "wissenschaftliches Experiment" verbrämte Praxis begann in Berlin Ende der 1960er Jahre. Nach bisheriger Auffassung war sie vor allem bis in die 1970er und 1980er Jahren verbreitet.

Kentler wurde nie belangt

Wie viele Kinder und Jugendliche genau unter dem Versagen der Behörden leiden mussten, ist nicht klar. Das sei derzeit nicht seriös zu sagen, heißt es von den Wissenschaftlern. Ihr Abschlussbericht soll Anfang nächsten Jahres vorliegen. "Es darf nichts beschönigt werden, es darf nichts verharmlost werden. Das sind wir den Betroffenen schuldig", sagte Scheeres. Wichtig sei, die Verantwortung staatlicher Stellen, auch des Senats, herauszuarbeiten, Strukturen offenzulegen und Lehren für die heutige Jugendhilfepraxis zu ziehen.

Kentler, der nach seiner Zeit am "Pädagogischen Zentrum Berlin" als Professor für Sozialpädagogik an der TU Hannover lehrte, wurde für sein "Experiment" nie strafrechtlich verfolgt, weil seine Taten als verjährt galten. An dieser rechtlichen Hürde scheiterten auch Anläufe von Opfern für eine juristische Aufarbeitung.

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12 Kommentare

  1. 12.

    Das sind keine Fehler, das sind Verbrechen.

  2. 11.

    Der einzig richtige und wie ich finde wichtige Kommentar zu diesem erschütternden Thema.

  3. 10.

    Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch das das keine gute Idee sein kann! ! Ich hoffe das wir als Familie nie in eine Notsituation geraten und auf das Jugendamt angewiesen sein könnten. Ich bin oft irritiert wie Behörden und Ämter ihre Arbeit erledigen und was es für Konsequenzen gibt wenn solche Fehleinschätzungen ans Licht kommen?! Keine! Als normaler Arbeitnehmer steht man für jeden Fehler gerade aber dort werden die Opfer einfach im Stich gelassen! Diese Mitarbeiter sollten sich schämen!

  4. 9.

    Wenn also niemand der verantwortlichen staatlichen Stellen bei seinen Entscheidungen die Grundrechte der Kinder berücksichtigt hat, lässt das mMn auf vorsätzliche Ignoranz von Verfassung und Recht schließen. Auch heutzutage muss man, sofern Möglichkeiten und Fähigkeiten vorhanden, sehr genau beobachten und ggf. einschreiten wenn Behörden strafrechtlich relevantes Verhalten an den Tag legen. Bei der Exekutive handelt es sich um das ausführende Organ der Regierung.

  5. 8.

    Es muss den Opfern vom Land eine Möglichkeit geboten werden, ohne Kosten und mit rechtlicher Unterstützung zivilrechtlich gegen die verantwortlichen Behörden und Personen vorgehen zu können....die Verjährungsfristen müssen auch geändert werden....

  6. 7.

    Das Jugendamt wird von niemandem kontrolliert. Das sagt doch alles. Eine Behörde ist sich selbst am nächsten.

  7. 6.

    Auch ich bin in höchstem Maße empört und angewidert über diesen ganzen Vorgang und erwarte von der Wissenschaft und Politik wirkliche Aufklärung und Aufarbeitung.
    Allerdings sind der Schutz von Kindern und das Klima-Thema nebst CO2-Steuer zwei verschiedene Paar Schuhe und sollten nicht gegeneinander aufgerechnet werden. An beidem muss gleichermaßen gearbeitet werden.

  8. 5.

    Ich kann Ihnen nur recht geben und alle die heute noch im Arbeitsleben stehen und davon irgendwie wussten gehören fristlos gekündigt und hinter Schloss und riegel gebracht....dafür gibt es keine Entschuldigung oder Ausrede.

  9. 4.

    Das ist unfassbar. Die Opfer mussten furchtbar leiden und die Ämter waren beteiligt. Strafen gibt es nicht wegen Verjährung. Keiner übernimmt die Verantwortung.

  10. 3.

    WIE kommt man auf DIESE Idee? Also wenn ich mir im Job solche Fehleinschätzungen und Fehler leisten würde, wäre ich nicht nur umgehend entlassen, sondern auch verurteilt oder wahlweise vom Mob gelyncht worden.

  11. 2.

    Das ist eine längst überfällige Untersuchung. Die Thematisierung ist wichtig für Opfer, die Sensibilisierung auch wichtig für heutige Behörden, s. z.B. "Original Play". Aufarbeitung bedeutet aber auch, dass sich Behörden nicht einfach selbst entlasten können, indem sie die Hauptverantwortlichkeit bei Kentler sehen. Die Jugendämter, die Kindeswohlgefährdung zu verhindern hatten, haben offenbar z.T. mitgeholfen, diese massiven Kindeswohlverletzungen zu ermöglichen. Das muss rechtliche Konsequenzen haben.

    Pädosexuell sind viele Menschen, aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Pädosexuell meint aber nicht, automatisch entsprechend kriminelle Neigungen zu haben oder nachzugeben. Das lag der Bericht nicht nahe, aber bei so einem empfindsamen und schnell emotionalisierendem Thema kann das u.U. übersehen werden.

    Es war menschen- u. kinderrechtlich illegitim, illegal sowie auch unethisch. Da sich Behörden beteiligten, liegen Menschenrechtsverbrechen de jure vor.

  12. 1.

    In höchstem Grade widerlich und verantwortungslos! Anstatt sich wegen einer CO2 Steuer den Kopf zu zerbrechen, sollten lieber die Kinder geschützt werden!!!

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