Symbolbild: Lehrerin in einer Grundschule mit Schülerinnen und Schülern (Quelle: dpa/Sven Simon/Frank Hoermann)
Audio: Inforadio | 28.11.2019 | Kirsten Buchmann | Bild: dpa/Sven Simon/Frank Hoermann

Prognose zu Quer- und Seiteneinsteigern - Berlin werden auch künftig regulär ausgebildete Lehrer fehlen

Die Berliner Schulen mussten zuletzt für fast zwei Drittel ihrer Neueinstellungen auf Quer- bzw. Seiteneinsteiger als Lehrer zurückgreifen. Nach Berechnungen, die dem rbb vorliegen, dürften diese auch in den kommenden sieben Jahren nötig sein. Von Kirsten Buchmann

Mit einem blauen Kugelschreiber umkringelt Tom Erdmann eine Zahlenreihe zum Lehrerbedarf in Berlin. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rechnet vor: "Bis 2026 gehen 11.000 Kollegen in den Ruhestand. Das ist eine unheimlich hohe Zahl, die ersetzt werden muss." Gleichzeitig steigen die Schülerzahlen. Insgesamt sind laut GEW bis zum Schuljahr 2026/27 mindestens 13.600 neue Lehrer nötig. Im Durchschnitt also rund 2.000 pro Jahr.

Weiterhin Mangel an Grundschullehrern

Zwar haben sich die Berliner Universitäten verpflichtet, die Zahl ihrer Lehramtsabsolventen auf 2.000 jährlich zu erhöhen. Doch von denen, die mit dem Studium fertig sind, bleiben erfahrungsgemäß längst nicht alle für ein Referendariat in Berlin und gehen dann an Berliner Schulen.

Der GEW-Landesvorsitzende erwartet, dass - sogar wenn in ähnlicher Zahl wie bisher Pädagogen aus anderen Bundesländern dazu kommen - auch in sieben Jahren noch fertig ausgebildete Pädagogen fehlen werden.

"Selbst unter den besten Voraussetzungen haben wir jährlich immer noch eine Lücke von 200 oder 300 Lehrern", sagt er und zeigt auf seine Tabellen. Das betreffe vor allem Grundschulen: "Bis zum Jahr 2026 werden wir weiterhin ein riesiges Defizit an ausgebildeten Grundschullehrern haben. Die Anforderung an die Universitäten muss sein, die Ausbildungskapazitäten gerade für das Grundschullehramt zu erhöhen."

Eine weitere Forderung des Gewerkschafters: Um mehr dringend benötigten Lehrer-Nachwuchs für die Berliner Schulen zu erhalten, müsse das Land seine Referendare deutlich besser bezahlen. Denn momentan könnten sich viele die Mieten in Berlin nicht leisten und gingen in andere Bundesländer.

Seiteneinsteiger besser qualifizieren

Deshalb rechnet Tom Erdmann damit, dass die Schulen in Zukunft ebenfalls viele Seiteneinsteiger brauchen: "Das sind die, die kein Fach der Berliner Schule studiert haben. Auch diesen Kolleginnen und Kollegen muss die Bildungsverwaltung ein Angebot machen." Es könne nicht sein, dass Berlin über Jahre hinweg schlecht ausgebildete und schlecht bezahlte Lehrkräfte an den Schulen habe. Energisch klopft Tom Erdmann mit dem Stift auf die Tabellen vor ihm. "Auch diese Kollegen brauchen Fort- und Weiterbildung."

Grundschüler brauchen Bausteine für ihren Bildungsweg

Der Bildungsexperte der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus Paul Fresdorf hat eine konkrete Vorstellung, zu welchem Zeitpunkt das geschehen soll. Denn gerade Grundschüler bräuchten hochqualifizierte Lehrkräfte, um die Bausteine für ihren Bildungsweg zu legen. Der Politiker drängt deshalb darauf, dass Seiteneinsteiger vor ihrer ersten Unterrichtsstunde einen Monat Training bekommen: "Sie müssen das Grundhandwerkszeug erlernen, zum Beispiel auch: Wie gehe ich als Pädagoge in ein Elterngespräch?"

Laut der bildungspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion, Maja Lasic, sollen im neuen Landeshaushalt für die Jahre 2020/21 Mittel bereitgestellt werden, um Seiteneinsteiger zu qualifizieren. Davon soll Personal bezahlt werden. Zudem gehe es noch darum, die nötigen Räume anzumieten. Ein Konzept dafür, wie die Qualifizierung der Seiteneinsteiger ablaufen soll, ist allerdings noch nicht bekannt.

Nur Berlin verbeamtet nicht

Auch die Bildungsverwaltung kennt die Herausforderungen, was den Lehrerbedarf angeht. Ihr Sprecher, Martin Klesmann, verweist darauf, dass die Studienplatzkapazitäten gerade im Grundschulbereich bereits drastisch erhöht worden seien. So werde die Zahl der Absolventen bald deutlich zunehmen. Jährlich wechselten zudem etwa 1.000 reguläre Lehrkräfte aus anderen Bundesländern und dem Ausland nach Berlin. Für Lehrer an Grundschulen sei bereits das Gehalt angehoben worden, um die Tätigkeit dort attraktiver zu machen.

Dass Lehrer abwandern, will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) mit ihrer Initiative für eine Rückkehr zur Lehrerverbeamtung verhindern. Denn inzwischen ist Berlin das einzige Bundesland, das nicht verbeamtet. Der SPD-Landesparteitag hat im Oktober dafür gestimmt, Lehrer auch in Berlin wieder zu verbeamten. Die Reaktionen der Koalitionspartner auf den Vorstoß sind allerdings zurückhaltend.

Beitrag von Kirsten Buchmann

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11 Kommentare

  1. 11.

    Lehrer sollten verbeamtet werden!
    Lehrer ist ein Mangel Job in ganz Deutschland, vor allem aber in Berlin.

    Und Warum?
    - wenig Geld? -> Anpassung zum Tarifvertrag der Telekom T-Systems VG9 und VG10.
    - viele Abzüge? -> z.B. Krankenkasse maximaler Betrag.
    - keine Verbeamtung? -> in allen anderen Bundesländern schon
    - niedriges Rentengeld? -> vgl. Pension.

    Lehrer steigen zwar in E13 Stufe 5 ein, ist aber in vielen Jobs das Einstiegsgehalt. Im Gegensatz zu anderen Jobs, bekommen Lehrer Brutto zu wenig dafür, was sie eigentlich leisten müssen, da sie auch nach der Schule zu Hause zu viel Vor und Nachbereiten müssen. (ca. 60h/Woche). Abzocke an Lehrern...

    Außerdem kommt dazu noch das Referendariat....
    In Berlin muss man nach dem Masterabschluss 1 1/2 Jahre fast kostenlos für den Staat arbeiten.

    Deswegen Verbeamtung für Lehrer und außerdem auch mehr Geld! Was ist denn bitte nach dem Master E13 Stufe 5, lächerlich

  2. 10.

    Welche Fächer hast du denn und hast du bestimmte Schulformen ausgeschlossen? Ich hatte damals im Nachrückverfahren noch massenhaft Angebote für die Grundschule.

  3. 9.

    "Lehrer Lite", oder auch Quereinsteiger genannt, können in den allermeisten Fällen auch nur "Wissen Lite" vermitteln - wenn sie überhaupt aufgrund fehlender Ausbildung vermitteln können. Das Wissen der Schulabgänger ist ihr Startkapital für ihr eigenes zukünftiges Leben und ihre Leistungen für die Gesellschaft. Die Politiker, oder auch "Volksvertreter"(?), sparen die Zukunft aller zu Tode.

  4. 8.

    Wenn ich mit Lehrkräften rede, die in Berlin wohnen und in Brandenburg arbeiten, ist immer die Sicherheit des Beamtenstatus das Argument. Dieser Realität müssen sich auch Grüne und Linke stellen und ihre Position überdenken!

  5. 7.

    Ach du meine Güte. Dann werden die Schüler bald unterirdisch schlecht sein.
    Die Kinder tun mir leid und die Eltern auch.

  6. 6.

    Ich freue mich darüber das wenigstens die Presse ab und zu Notiz von der extrem mangelhaften und an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Bildungspolitik des berliner Senats nimmt. Ich bin verärgert und verwundert das hier niemand auf die Straße geht und für eine Bildungspolitik demonstriert die unsere Kinder verdient haben. Kinder haben ganz offensichtlich in diesem Land keine Lobby. Die Verblödung schreitet voran. Das unfassbare Versagen der Politik ( Vorne weg die SPD / Frau Scheeres)wird langfristig katastrophale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Bildung ist ein zentraler Baustein der Demokratie und ein Grundrecht. Sehr geehrte Damen und Herren Volksvertreter …. Schande über sie ! Ich hoffe das das Schicksal sie in der Zukunft für ihr Versagen zur Rechenschaft zieht. Die Moral eines Staates erkennt man am Umgang mit seinen Kindern. Schämen sie sich !

  7. 5.

    Mir als Berliner Referendar mit Laufbahnstudium (kein Quereinsteiger)ist in der Bewerbungsphase zwar im September eine Einstellungsgarantie gegeben worden, nun aber kann der Senat mir kein Einstellungsangebot unterbreiten, sondern berücksichtigt mich allenfalls als Nachrücker. Ich stehe also kurz vor der Staatsprüfung und habe derzeit nur die Perspektive der unbezahlten Arbeitslosigkeit nach dem Referendariat sicher (unbezahlt, weil Berlin zwar nicht die Lehrer verbeamtet, wohl aber die Referendare - so spart man Beiträge zur Arbeitslosenversicherung). Grund scheint nach den Rückmeldungen der Schulen wohl zu sein, dass zu viele Plätze durch Quereinsteiger "besetzt" sind.
    Ich kann den Inhalt des obigen Artikels also nur zu einem kleinen Teil bestätigen.
    In meiner Wahrnehmung hat Berlin weniger ein Problem mit dem Lehrermangel, sondern vielmehr ein Problem mit seiner Bildungsverwaltung.

  8. 4.

    Stimme zu!
    Von der Kamera immer wiederholen, wie wichtig Bildung und Schule für ein Land ohne Rohstoffe sind, aber noch nicht Mal eine einigermaßen passende Personalbedarfsplanung hinbekommen.

  9. 3.

    "Denn momentan könnten sich viele die Mieten in Berlin nicht leisten und gingen in andere Bundesländer." - Ganz schön abgehoben. Jetzt wollen die Referendare auch noch wohnen. Wie soll das weitergehen? Auch noch so viel Geld bekommen, dass man noch was zu Essen hat?

    Ironie aus. Denn genau so sieht es aus. Die Politik sollte vielleicht mal 1 Sekunde auf die hören, die Lehrer werden könnten, es aber aus finanziellen Gründen nicht tun. Ich gehöre dazu. Ich will für meine Arbeit entlohnt werden und nicht mit einem lächerlichen Taschengeld für die anstrendste Phase im Leben abgespeist werden. Das Referendariat ist die größte Belastung überhaupt. Vorher (Studium) und nachher (als erfahrener Lehrer) ist alles einfacher. Die Politik ist Schuld daran, dass die Kinder dieses Totalversagen ausbaden müssen.

  10. 2.

    "Denn momentan könnten sich viele die Mieten in Berlin nicht leisten und gingen in andere Bundesländer." - Ganz schön abgehoben. Jetzt wollen die Referendare auch noch wohnen. Wie soll das weitergehen? Auch noch so viel Geld bekommen, dass man noch was zu Essen hat?

    Ironie aus. Denn genau so sieht es aus. Die Politik sollte vielleicht mal 1 Sekunde auf die hören, die Lehrer werden könnten, es aber aus finanziellen Gründen nicht tun. Ich gehöre dazu. Ich will für meine Arbeit entlohnt werden und nicht mit einem lächerlichen Taschengeld für die anstrendste Phase im Leben abgespeist werden. Das Referendariat ist die größte Belastung überhaupt. Vorher (Studium) und nachher (als erfahrener Lehrer) ist alles einfacher. Die Politik ist Schuld daran, dass die Kinder dieses Totalversagen ausbaden müssen.

  11. 1.

    Berlin hätte mich als vollstudierten Lehramtskandidaten haben können. Aber wenn ich dafür unterm Strich fürs ganze Referendariat weniger als Hartz4 bekomme (bei einem Arbeitspensum von weit über 40 Stunden pro Woche), dann pfeife ich auf den Lehrerberuf und mache was anderes. Gilt nicht nur für Berlin, aber dort kommen ja noch andere nette Dinge dazu, z.B. die Unsicherheit, weil Lehrer nicht verbeamtet werden. Die Kinder sind die Leidtragenden.

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