Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen), designierter Brandenburger Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (Archivbild vom 18.11.2019) (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Audio: Radioeins | 26.11.2019 | Interview mit Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Grüne) | Bild: dpa/Soeren Stache

Interview | Landwirtschaftsminister Vogel - "Ökolandbau funktioniert nur mit überzeugten Landwirten"

Tausende Bauern demonstrieren gegen das geplante Agrarpaket. Der neue Brandenburge Landwirtschaftsminister Vogel (Grüne) zeigt Verständnis für den Protest - und will im Konflikt zwischen Bio- und konventioneller Landwirtschaft noch mehr auf Dialog setzen.

rbb: Wie groß ist Ihr Verständnis für die Bauernproteste, die den Straßenverkehr in Berlin und im Umland lahmlegen?

Axel Vogel (Grüne): Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Landwirte auf die Straßen gehen. Viele sind schlichtweg verzweifelt. Ihnen werden die Flächen unterm Hintern von außerlandwirtschaftlichen Investoren weggekauft. Sie sind den Handelskonzernen in einem großen Ausmaß ausgeliefert. Die EU-Förderpolitik ist zum Teil ausgesprochen bürokratisch. Jetzt kommen auch noch die Billigimporte über Freihandelsabkommen dazu. Das sind alles Themen, für die es sich lohnt, auf die Straße zu gehen. Allerdings glaube ich nicht, dass das Insektenschutzprogramm der Bundesregierung maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass die Bauern in dieser Situation sind.

Geht nicht ein Großteil der Bauern auch gegen die Politik der Grünen auf die Straße? Die Bauern sprechen von einer negativen Stimmungsmache gegen den ganzen Berufsstand, sie seien nicht die Tierquäler und Insektentöter der Nation.

Jeder Landwirt muss sich natürlich auch damit auseinandersetzen, dass das Verspritzten von Insektenbekämpfungsmittel auch dazu führt, dass Insekten getötet werden. Das ist ja das Ziel der Pflanzenschutzmittel, also der chemisch-synthetischen Insektenbekämpfungsmittel. Und von daher hat natürlich auch die konventionelle Landwirtschaft etwas damit zu tun, dass wir diesen massiven Fund bei den Insekten haben. Das ist allerdings auch nicht Alleinschuld der Bauern. Es wäre verkehrt, das so darzustellen, sondern das ist natürlich auch von der chemischen Industrie auf den Markt gedrückt.

Viele konventionelle Landwirte haben den Eindruck, dass insbesondere die Grünen nur Biolandwirte haben wollen und die konventionelle Landwirtschaft ablehnen. Können Sie diesem Vorurteil widersprechen?

Es ist auf jeden Fall so, dass wir Ökolandbau bevorzugen. Wir wollen auch, dass möglichst viel Fläche in Brandenburg ökologisch bewirtschaftet wird. Aber wir sehen natürlich, dass das nur mit überzeugten Landwirten funktioniert, die auch bei vollem Bewusstsein auf Öko-Landwirtschaft umstellen - und nicht deswegen, weil sie vom Staat dazu gezwungen werden. Insofern gibt es auch eine enge Zusammenarbeit mit konventionellen Landwirten, und wir haben eine absolut ausgestreckte Hand. Wir werden auch sehr schnell ein Kulturlandschafts-Beirat im Land Brandenburg einrichten, in dem konventionelle Landwirte, ökologische Landwirte und die Umweltverbände an einen Tisch kommen, damit endlich alle aus ihren Wagenburgen heraus kommen.

Wie gehen Klimaschutz, grüne Umweltpolitik und bauernorientierte Landwirtschaftspolitik zusammen, ohne dass die Bauern um ihre Existenz fürchten müssen?

Ich weiß jetzt nicht konkret, was genau der Grund sein soll, warum die Bauern nicht mehr wettbewerbsfähig sein sollen. Ein Problem ist natürlich die Weltmarktorientierung, die die Landwirtschaftspolitik in den letzten Jahren eingeschlagen hatte. Wir müssen wieder dazu kommen, dass wieder mehr auf den regionalen Markt orientiert wird, auf Qualität orientiert wird und dafür auch die entsprechenden Abnahmekapazitäten geschaffen werden. Diese sind eigentlich in Brandenburg gegeben. Wir haben den Berliner Markt vor der Haustür. Wir sind nicht darauf angewiesen, Gemüse aus Spanien zu importieren. Wir könnten wesentlich mehr in Brandenburg produzieren und auch in Berlin absetzen.

Besteht das Problem für die deutschen Landwirte aber nicht darin, dass wir Fleisch aus anderen Ländern holen, wo die Regeln nicht so streng sind wie in Deutschland?

Wir haben das volle Verständnis dafür, dass die Landwirte gegen die Billigimporte aufgrund von Freihandelsabkommen auf die Straße gehen. Ich finde einen Vorschlag der Demonstranten zum Beispiel sehr gut, das deutlich gemacht werden soll, unter welchen Standards das Fleisch beispielsweise produziert wurde, dass aus Argentinien eingeführt wird. Wir müssen letztendlich dazu kommen, dass Handelshemmnisse weiter aufgebaut und auch beibehalten werden gegen solche Importe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Grüne) führten Tom Böttcher und Marco Seiffert für Radioeins.

Sendung: Radioeins, 26.11.2019, 7:40 Uhr

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10 Kommentare

  1. 10.

    Dass es ohne Pestizide eben nicht geht kann jeder im Bio-Anbau feststellen. Viele der Anbauflächen für die Tierhaltung sind gar nicht tauglich fur Lebensmittelpflanzen.

  2. 9.

    Ich formuliere es mal so. Den Dickkopf und Starsinn sein lassen und sich endlich mal wirklich fürs Gemeinwohl einsetzen. Andere Ökobauern machen es uns doch vor wie es geht. Aber auch die EU Vorgaben müssen dringend neu bearbeitet, geändert werden. Momentan gehen diese eher zu Lasten der Kleinbauern mit guten Ambitionen.

  3. 7.

    "Öko bedeutet die Hälfte der Produktion auf dem ha". Aber ist Ökolandbau nicht dennoch langfristig unumgänglich? Dünger wird unter hohem Energieaufwand gewonnen(Stickstoff) oder aus endlichen Ressourcen (Kalium und insbesondere Phosphor). Dazu die ganzen Gifte, die zwar zur Ertragssteigerung beitragen, Ökosysteme, Böden und Gewässer aber schädigen.
    Bin zwar kein Experte, aber ich glaube, letztendlich ist sowas wie Ökolandbau unumgänglich. Um Fläche zu sparen und dennoch alle satt zu machen, müsste die Anbaufläche für die Tiermast drastisch reduziert werden. Anders wird es bei dieser krass wachsenden Weltbevölkerung dauerhaft wohl nicht gehen. Oder sehe ich das so falsch?
    Ohne den ganzen Giftkram wird Landwirtschaft sicher arbeitsaufwändiger - aber wäre das nicht auch eine Chance (Arbeitsplätze)?

  4. 6.

    Ich mag ja zielstrebige Menschen. Wenn man jetzt schaut, sind die Landstraßen immer noch rot (zähfließender Verkehr) bis HH, Magdeburg/Börde, Torgau. Sie sind zäh, diese Protestierer. Ich traf sie auf der Landstraße im Bereich Nuthe-Nieplitz, an der Tanke in Michendorf. Zielstrebig, zäh, erfindungsreich. Sie halten zusammen. Eigentlich alles ganz ganz tolle Eigenschaften. Warum setzen sie die nicht für die Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft ein???

    Steht da auf einem Plakat "Bauernhof Dingenskirchen - von 1587 bis 2019" wie eine Todesanzeige oder so.

    Ja, genau. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit....

    Ändert Euch, nutzt Eure Energie, den Kampfgeist, den Zusammenhalt, um aus Deutschland ein Land mit g..er, nachhaltiger Landwirtschaft und noch besseren Lebensmitteln zu machen.

    Das geht, ich weiss das. Ich erlebe es vielleicht nicht mehr, aber dennoch... der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Macht ihn.

  5. 4.

    Axel Vogel (Grüne) hat versagt. Nicht einmal ein Verbot chemischer Pestizide im Bio-Anbau wurde durchgesetzt.

  6. 3.

    Hä? Wir importieren Billigfleisch? Das mag für Rindfleisch z.T. zutreffen. Aber letztendlich sieht es meiner Kenntnis nach so aus: In Südamerika brennen die Wälder, nicht zuletzt weil dort Soja für die Tiermast angebaut werden soll. Diese wird subventioniert und UNSER Billigfleisch wird in alle Welt exportiert. Extrem umweltschädlich, hormon- und antibiotikaverseucht, billig und tierquälerisch. Solche Landwirtschaft sollte statt durch Subventionen gefördert, schlicht verboten werden! Stattdessen lieber Tierwohl und Umweltschutz subventionieren.
    Tierische Lebensmittel müssten im Vergleich zu pflanzlichen teurer sein. Schließlich muss die Kuh für die Milch ja erstmal Pflanzen fressen. Realität: z.B.1l Pflanzenmilch ca. doppelt so teuer ist wie 1l Kuhmilch und das bei geringerem Nährwert.
    Ein großes Problem der Landwirte scheint die Planbarkeit. Von daher sollten sich alle zusammensetzen und sich mal ganz grundlegend Gedanken machen, was langfristig sinnvoll ist und darauf hinarbeiten.

  7. 2.

    Lieber Minister, es braucht nicht überzeugte Landwirte für den Ökolandbau...sondern einfach einen Markt. Die Milch ist im Ökolandbau jetzt schon nicht absetzbar, erkennen Sie endlich, dass auch mit Ökolandbau der Klimaschutz nicht machbar ist- als Ökobauer kann ich Ihnen sagen: Öko bedeutet die Hälfte der Produktion auf dem ha...die HÄLFTE!!! den Rest kaufen wir dann in aller Welt zur Ernährung unserer Bevölkerung zusammen- ohne unsere Standarts und ohne Kontrolle. Zu Dumpingpreisen produziert aber im blütenreinem Gewissen, die Welt gerettet zu haben... so eine Heuchelei...

  8. 1.

    Sehr gut und auch diplomatisch ausgedrückt. Der ganze "Wandel" funktioniert nur, wenn wir (alle) Verbraucher uns umorientieren. Auf den Fleischverpackungen steht, wo es herkommt und wie es gehalten wurde, das Tier. Beim Metzger sollte er es auch wissen - sofern es noch Metzger gibt. Beim Grünzeug kann man auch regional, saisonal etc. kaufen. Sogar bei Lidl und Co. Es muss sich aber eben in ALLE Köpfe einschleichen. Das geht auch bei Bauern nicht mit einem "Schnipp" von heute auf morgen, und der Betrieb "in Umstellung" ist eine besondere Herausforderung. Aber nur so können wir überleben. Die landwirtschaftlichen Klein- und Mittelbetriebe. Von den holländischen Groß(Industrie)betrieben rede ich nicht. Die überleben eh, oder investieren dann halt in was anderes.

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