Protest gegen Gewalt an Frauen am 13.11.19 vor dem Brandenburger Tor (Bild: imago images/snapshot)
Audio: rbbKultur | 25.11.2019 | Bild: imago images/snapshot

Interview | Tag gegen Gewalt an Frauen - "In Berlin erleben nur wenige Frauen die Verurteilung des Täters"

Frauen sind nach wie vor wesentlich stärker als Männer gefährdet, Opfer von tödlichen Angriffen zu werden. Die Gründe dafür sind unerforscht, kritisiert der Kriminologe Christian Pfeiffer. Besonders in Berlin sieht er Mängel bei der Strafverfolgung von Vergewaltigern.

rbb: Herr Pfeiffer, in ihrem Buch beschreiben Sie eine Beobachtung, die Sie oft machen, wenn Sie Vorträge halten. Da fragen Sie, ob es heute mehr oder weniger Sexualmorde gibt als früher. Und die Antwort verblüfft die meisten: Die Zahl der Sexualmorde ist seit den 1970er Jahren um 89 Prozent gesunken. Warum ist die Differenz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung so groß?

Christian Pfeiffer: Die Differenz zwischen der Wirklichkeit und dem, was die Menschen glauben, hat sich dadurch erhöht, dass die Bilder der Gewalt im Fernsehen und im Internet die Menschen immer häufiger emotional überfordern. Die Brutalisierung der Bilder geht einher mit Fehleinschätzungen dazu, was tatsächlich bei der sexuellen Gewalt gegen Frauen, bei Mord und Totschlag Realität ist. Diese Fehleinschätzungen sind in den letzten zehn Jahren gestiegen.

Um beim Beispiel Sexualmorde zu blieben: Warum sind gerade diese so stark zurückgegangen?

Erst noch eine Ergänzung: Nicht nur gilt: Je schwerer eine Tat, umso stärker geht sie zurück. Sondern auch: Je jünger die betrachtete Altersgruppe ist, die zum Opfer wird, desto stärker ist der Rückgang der Gewalt. Beides hängt mit demselben zentralen Faktor zusammen: Das massive Prügeln von Kindern hat sich um vier Fünftel verringert seitdem wir Daten erheben, seit den dreißiger Jahren. Die Liebe der Eltern in Form von Umarmen, Loben und Trösten hat deutlich zugenommen. "Mehr Liebe, weniger Hiebe" ist die große Überschrift des Wandels der Erziehung.

Dann kommt hinzu, dass der sexuelle Missbrauch auch deutlich zurückgegangen ist. Und ein dritter Faktor spielt eine Rolle: Seitdem Krankenkassen in der Lage sind, Therapien zu finanzieren, Psychotherapien zu ermöglichen, hat sich die Quantität und Qualität der Therapien drastisch verbessert. Das heißt, gefährdete Menschen werden nicht mehr zu Mördern, weil sie rechtzeitig als junger Mensch in Therapie kommen.

Für Frauen ist die Gefahr, getötet zu werden, laut Ihren Zahlen allerdings bei Weitem nicht so weit zurückgegangen wie bei Männern. Warum ist das so?

Da müssten wir eine gründliche Aktenanalyse und Forschung durchführen. Wir können nur Vermutungen anstellen, dass hier die Machokultur der Männer eine gewisse Rolle spielt. Wir wissen aber zu wenig über die Täter. Bisher haben wir nur statistische Daten, die deutlich machen, hier gibt es ein Problem. Die Frauen sind die Gruppe, die am wenigsten profitiert hat vom großen Wandel, dass die vorsätzlichen Tötungen um zwei Drittel abgenommen haben. Da fordern wir den Staat auf, Forschungsmittel bereitzustellen, damit sich das ändern kann.

Aber auch zu einem anderen Gerechtigkeitsthema: Von 100 Frauen, die eine Vergewaltigung erleben, kann nur ein Prozent erfahren, dass der Täter verurteilt wird. Das hängt zunächst einmal damit zusammen, dass 85 von 100 Frauen gar nicht das Vertrauen in Polizei und Staat haben, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen. Sie haben Ängste, verschweigen lieber alles, schlucken runter und leiden massiv unter der Ohnmacht. Das Ärgerliche ist, dass die wenigen, die die Anzeige machen, nur zu 7,5 Prozent erleben, dass sie wirklich erfolgreich sind. Das ist immer schlimmer geworden. Wir hatten noch eine deutlich höhere Quote - sie war drei- bis viermal so hoch vor 20 Jahren. Also man fragt sich: Was läuft da in der Strafverfolgung der Vergewaltigung ab? Und dann gibt es ein weiteres Phänomen, das uns sehr irritiert, dass in Berlin beispielsweise nur 3,4 Prozent der Frauen die Verurteilung eines Täters erleben. In Sachsen sind es dagegen 21 Prozent.

Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Auch da brauchen wir Forschung. Zum Glück hat Niedersachsen uns jetzt die Möglichkeit eröffnet, Untersuchungen durchzuführen. Wir werden 2.500 betroffene Frauen aus den letzten vier Jahren befragen: Welche Erfahrungen hat es für sie gegeben, bei der Polizei, bei der Opferhilfe, beim Weißen Ring bis hin zur Gerichtsverhandlung, wenn dann tatsächlich Anklage erfolgt ist. Erst wenn wir diese Ergebnisse haben, werden wir es genauer einschätzen können. Und wir hoffen, dass auch andere Bundesländer wie zum Beispiel gerade Berlin oder auch Sachsen mitmachen und uns die Möglichkeit geben, wenigstens 1.000 Frauen zu befragen, die Anzeige erstattet haben.

In Berlin ist immer wieder die Rede davon, dass die Gerichte chronisch überlastet sind. Kann das auch ein Grund sein?

Ja, ein ganz massiver Grund. Nicht nur die Gerichte sind überlastet, die Polizei ist es auch. Und wenn dann Zusatzaufgaben hinzukommen, die wichtig sind, zum Beispiel gegen Kinderpornografie vorzugehen, wird es schwierig. Das alles machen ja oft dieselben Leute, die auch für die Vergewaltigungen zuständig sind. Wir vermuten, dass sich hinter diesen großen Defiziten, die wir statistisch sehen, Überlastung, mangelnde technische Ausstattung und mangelnde Fortbildung verbirgt. Wenn eine Frau das Glück hat, dass sie ihre Vergewaltigungsanzeige vor einer Kamera machen darf - wenn dadurch Staatsanwälte, vielleicht dann auch der Richter, die Chance bekommen, unmittelbar nachzuvollziehen, mit welcher Emotionalität und welchem Detailreichtum sie diese Vergewaltigung beschreibt - dann sind die Chancen einer Verurteilung des Täters besser. Selbst dann, wenn der Täter behauptet: "Nein, das war doch einvernehmlich, das ist doch meine alte Freundin, meine alte Kollegin und jetzt soll es plötzlich eine Vergewaltigung sein". Sich gegen so etwas zur Wehr zu setzen, ist besonders schwer.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Wir müssen alles daran setzen, den Frauen Mut zu machen, indem ihnen glaubhaft vermittelt wird: Ihr werdet anständig und fair behandelt. Ihr braucht keine Sorge zu haben, dass schlampig ermittelt wird. Und wir sind alle bereit, euch mit einer Kamera gegenüberzusitzen, damit eure Originalaussagen nachvollziehbar werden. All das ist gegenwärtig nicht sicher. Da ist noch viel zu tun.

Das Interview führte Julia Riedhammer, rbb Kultur.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

Sendung: rbb Kultur, 24.11.2019, 17:04 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    "Frauen sind nach wie vor wesentlich stärker als Männer gefährdet, Opfer von tödlichen Angriffen zu werden."
    Diese Aussage scheit mir etwas verkürzt zu sein.
    Sie gilt leider für Taten innerhalb einer Partnerschaft - nicht jedoch allgemein und ohne jede Einschränkung.

    https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2018/InteraktiveKarten/03MordTotschlagToetungAufVerlangen/03_MordTotschlagToetungAufVerlangen_node.html

  2. 1.

    Daran hapert es wirklich auch in Deutschland.
    Man hat immer noch den Eindruck, schon an Hand der Gerichtsurteile das hier eine Frau weniger wert ist.
    Für die Täter findet sich immer eine Entschuldigung.
    Dank unser Juztiz.

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