Stolperstein in Berlin mit Rose (Quelle: dpa/ Florian Schuh)
dpa/ Florian Schuh
Audio: Inforadio | 08.11.2019 | Juna Grossmann | Bild: dpa/ Florian Schuh

Interview | Jüdische Bloggerin Juna Grossmann - "Beschmierung von Synagogen ist Alltag - das darf nicht sein"

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. 81 Jahre danach denken immer mehr Juden darüber nach, Deutschland zu verlassen. Antisemitismus bleibt in Deutschland alltäglich, sagt die jüdische Bloggerin Juna Grossmann im Interview.

rbb: Frau Grossmann, als Sie von dem Angriff in Halle hörten, haben Sie relativ schnell etwas in Ihrem Blog geschrieben. Sie waren nicht in Berlin und haben überlegt, nicht zurück zu kommen. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Juna Grossmann: Es war eine große Verstörung, und an der arbeite ich auch immer noch. Diese Verstörung hat mich selbst überrascht - ich habe ja schon damit gerechnet, dass was passieren wird, und ich habe auch damit gerechnet, dass relativ bald was passieren würde. Als es dann geschehen ist, stand es wie ein Koloss im Raum.

Haben Sie sich persönlich bedroht gefühlt?

Nein, gar nicht. Aber ich habe mich gefragt: Wozu noch irgendwas tun? Warum zurückgehen nach Berlin? Wie kann man überhaupt weiterleben, wie kann man denn Alltag leben? Das beschäftigt mich immer noch. Aber gleichzeitig habe ich dann auch an Freunde gedacht, die das sehr lange im Alltag hatten, Menschen in Israel, wo es regelmäßig Anschläge gab. Von denen habe ich gelernt: Leben ist das Allerwichtigste. Und das ist ja auch ein jüdischer Grundsatz.

Aber leben könnten Sie auch woanders.

Genau. Aber es ist ja kein deutsches Problem, es ist ein weltweites Problem, und die Frage ist: wo hingehen? Und ist es dort wirklich besser?

Dennoch gab es diesen Gedanken, einfach nicht nach Berlin zurückzugehen. Der ist nicht so einfach, und er hat mich auch selbst erschreckt, weil er eben immer wieder und immer öfter auftaucht. Ich denke den nicht bewusst, er kommt einfach.

Was hat Ihnen geholfen, dann hier wieder anzuknüpfen?

Es ist dann doch wieder der Alltag oder die Freunde, die einfach da sind. Und es waren auch wunderbare Menschen, die versucht haben, Kontakt aufzunehmen und mir einfach ihre Gefühle geschildert haben. Da habe ich gemerkt, dass das keine Phrasen waren, die waren ehrlich. Und die waren auch noch ehrlich, wenn sie keine Worte hatten. Dann haben sie einfach nur gesagt: Ich weiß nicht, was ich sagen soll, was richtig ist, aber ich bin da. Das war sehr, sehr hilfreich und sehr, sehr nett.

Es gibt Umfragen, nach denen jeder Vierte in Deutschland antisemitisch denkt. Wie erklären Sie sich das?

Das sind ganz alte, tradierte Verschwörungstheorien. Wir haben das leider auch in dem Fall dieses Terroristen [des Attentäters von Halle, Anm. d. Red.] – ich nenne ihn bewusst Terrorist - erlebt, wo die Mutter sich ja auch dementsprechend äußerte: Er hat nichts gegen Juden, sondern nur gegen die, die hinter dem Kapital stehen.

Und da sind wir wieder bei der Verschwörungstheorie: 'Die Juden beherrschen das Kapital, die Juden beherrschen die Medien'. Der Glaube ist so tief, so fest verankert und wurde nie bearbeitet. Viele Leute sind sich gar nicht bewusst darüber, dass es antisemitisch ist, dass es eine alte Verschwörungstheorie ist, die immer wieder aufkommt und die sie vielleicht gar nicht bewusst auf einzelne Menschen oder die jüdischen Menschen heute hier münzen. Aber sie kennen ja auch keine. Sie wissen nicht, wer jüdisch ist, denn man sieht es ja nicht. Man geht nicht herum und gibt sich zu erkennen: Hallo, ich bin Juna, ich bin Jüdin, das wäre absurd.

In den Medien waren zuletzt Zeilen zu lesen: "Schmierereien am Eingang des Anne Frank Zentrums", "Hebräisch telefonierende Frau in U-Bahn beschimpft", "Jüdischer Schüler wird von einem Jugendlichen geschlagen", "Jüdin bekommt einen Drohbrief mit Asche". Alles passiert im letzten Mai. Das klingt so nach Alltag.

Das ist Alltag, nicht erst seit diesem Jahr, sondern seit Jahren. Und ich sehe auch die Gefahr, dass man sich – also ich selbst auch – einfach daran gewöhnt hat. Friedhofsschändung, auch Beschmierung von Synagogen, von jüdischen Einrichtungen sind Alltag. Und wir sehen es vielleicht schon gar nicht mehr so sehr als Alarmzeichen. Das darf einfach nicht sein.

Ist schon einmal Ihr Recht in Deutschland zu bleiben angezweifelt worden?

Das haben mir Menschen in Lesungen schon gesagt: Ja, dann gehen Sie doch nach Hause. Auch als ich im Jüdischen Museum noch als Studentin gearbeitet habe, in der Ausstellung "Die Juden sollen nach Hause gehen". Dieses Zuhause, das wir angeblich haben, ist eben Israel. Dort sollen wir alle hingehen.

Wie reagieren die jungen Leute, mit denen Sie in Ihrer Arbeit zu tun haben?  

Die jungen Leute sind neugierig, und erkennen vielleicht auch Dinge wieder: Verfolgungen und Rassismus zum Beispiel. Wir haben Schülerinnen und Schüler aus anderen Ländern, die von dort fliehen mussten, weil ihr Leben bedroht wurde.

Und wenn man dann zum Beispiel über Fluchtgeschichten spricht, von denen wir ja im letzten Jahrhundert in Europa mehr als genug hatten, dann kann man sich dort auch wiedererkennen, vielleicht auch ein Stück Hoffnung schöpfen und sehen: Okay, man kommt da auch wieder raus und kann wieder ein Leben leben.

Unsere Verantwortung ist es auch zu zeigen: Man kann grausame Geschichten bearbeiten, und man kann weiterleben. Aber es kostet Zeit. Es kostet vor allen Dingen Anstrengung, und es ist nicht in 20 Jahren getan. Wenn wir überlegen, wie lange wir nun über den Holocaust sprechen … und wir sind bei weitem noch nicht fertig. Das dauert noch.

Schreiben Sie weiter? Oder haben Sie den Optimismus an dieser Stelle verloren?

Ich kann gar nicht anders. Das Schreiben ist auch mein persönlicher Versuch, Dinge zu verstehen und einzuordnen. Wenn ich jetzt nicht weitermache, auch mit der Arbeit gegen Antisemitismus und Rassismus … wann denn dann, wenn nicht jetzt?

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs, das Christian Wildt mit Juna Grossmann für Inforadio geführt hat. Das komplette Interview können Sie hören, wenn Sie auf den Audiobutton im Titelbild klicken.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

2 Kommentare

  1. 2.

    Antisemitismus und der Haß auf das "jüdische Kapital" ist tief im christlichen Glauben verankert und kein reindeutsches Problem.
    Es wurde und wird häufig von vielen Mächtigen seit Jahrhunderten geschürt, oft auch von den Kirchen. Selbst Kommunisten nutzen das zur Aufstachelung ihrer Anhänger. Später wurde das als Antizionismus getarnt, da der Freund des Feindes automatisch auch der eigene sei. Die Shoa ist der pervertierte Tiefpunkt dieser Grundhaltung. Da der Faschismus besiegt war, musste man sich später auch nicht mit Antisemitismus auseinandersetzen. Es gibt deshalb in der "zivilisierten Welt" keinen Ort, an dem Juden sich sicher fühlen können. Sie sind oft das Ventil für die eigene Misere, einfach weil sie (oder "Nigger", "Zigeuner" ...) anders sind. Dies zu überwinden sollte eigentlich in einer aufgeklärten Gesellschaft möglich sein, erweist sich aber als Syssiphus-Arbeit. Moslems waren vor 1948 etwas weiter - zumindest solange die eigene Macht nicht gefährdet wurde.

  2. 1.

    Seltsam, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sagen "Geh nach Hause (Israel) Jude". Das wäre als sagte man: "Zieh doch in den Vatikan du Katholik" oder "Geh doch nach Indien du Buddhist". Religionsfreiheit, Respekt und Miteinander gehen immer mehr verloren.

Das könnte Sie auch interessieren