Schwerbewaffnete Polizisten bei einem Einsatz gegen eine Clan-Familie, die in mehreren Spielhallen rund 48 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben soll (Quelle:
WDR/RBB
Video: Das Erste | 25.11.2019 | Bild: WDR/RBB

Organisierte Kriminalität - Die Macht der Clans, die Angst der Clans

Raub, Prostitution, Drogenhandel, Geldwäsche: In der ARD-Dokumentation "Beuteland" spüren die rbb-Journalisten Olaf Sundermeyer und René Althammer kriminellen Clans nach. Ein Interview über libanesische Strohleute, Mafia-Vergleiche und TV-Ruhm.

rbb|24: Wir reden immer von "den Clans". Olaf Sundermeyer, wie viele namhafte Clans gibt es eigentlich in Berlin?

Olaf Sundermeyer: Das kommt ganz drauf an, wie man "Clan" definiert. Das ist eine riesige Diskussion bei Kriminologen, Polizisten, Staatsanwälten bundesweit. Wenn wir auf Berlin schauen, haben wir rund zwölf problematische Familien. Nicht jede arabische Großfamilie ist ein krimineller Clan. Aber es gibt einige, die einen kriminellen Kern haben: Die Familie Miri zum Beispiel, die von sich selbst sagt, sie habe 10.000 Mitglieder. Die Familie Remmo dagegen ist eine verhältnismäßig kleine Familie mit geschätzten 500 Mitgliedern, und es ist immer die Frage, wen rechnet man dazu? Die Leute haben unterschiedliche Namen. Die Familie El-Zein zum Beispiel, die in Berlin auch sehr bekannt ist, hat allein schon 18 unterschiedliche Schreibweisen.

Ihr seid für die Recherche bundesweit aber auch im Libanon unterwegs gewesen, der Heimat vieler Clans. Wie leicht oder schwer war es denn, dort mit den Leuten über diese Familien ins Gespräch zu kommen?

Der Remmo-Clan zum Beispiel ist in Beirut bestens bekannt. Wir sind auch in dem Haus gewesen, von dem aus die Familie während der Wirren des libanesischen Bürgerkriegs nach Berlin gekommen ist. Wir haben dort mit Nachbarn gesprochen, sind aber auch auf der Suche nach den Leuten gewesen, die in Berlin Immobilien gekauft haben sollen, die nun zum Teil beschlagnahmt worden sind. Wir haben auch einen Verwandten aufgespürt, der Anfang der 90er Jahre, nachdem er einen Gastwirt in Berlin-Schöneberg erschossen haben soll, nach Beirut gegangen ist. Es ist nicht so ganz einfach, in diesem Umfeld mit Menschen zu reden. Einer unserer Interviewpartner wurde am Tag nach dem Interview zusammengeschlagen, mutmaßlich von einem Clan-Mitglied.

Drogenhandel ist längst nicht die einzige Einnahmequelle der Clans, es geht auch komplizierter: Wie funktioniert zum Beispiel deren Geldwäsche-Maschine?

Wir haben das an einem konkreten Beispiel festgemacht:  Der Remmo-Clan in Berlin hat vor fünf Jahren einen schweren Einbruch in die Sparkasse Mariendorfer Damm unternommen. Dabei wurden 9,8 Millionen Euro erbeutet, also fast zehn Millionen Euro. Ein Täter aus dem Clan wurde verurteilt. Später hatten Polizei und  Staatsanwaltschaft den Verdacht, dass das Geld aus dieser Straftat in Immobilien geflossen ist. Die Vermutung der Ermittler ist, dass dieses Geld in den Libanon gelangt ist, und von dort in Immobilien in Berlin gesteckt und damit gewaschen wurde.

Ein besonders beunruhigendes Ergebnis eures Films: Sicherheitsbehörden befürchten, dass sich die nächste Generation der kriminellen Clans möglicherweise aus den Flüchtlingen rekrutiert.

Auch wir haben das beobachtet. Das Bundeskriminalamt sagt, dass in einer Vielzahl der Verfahren gegen die Clans auch Flüchtlinge aus der jüngsten Zuwanderungsbewegung beteiligt sind. Das sind vor allem Syrer, Iraker, auch ein paar andere, die da beteiligt sind. Die aber irgendwann sagen: 'Wir wollen jetzt nicht mehr eure Idioten sein". Und da kommt es regelrecht zu Revierkämpfen zwischen den alten und neuen Strukturen. Auf sämtlichen Ebenen - von den Landeskriminalämtern, vom Bundeskriminalamt und auch von einzelnen Polizeipräsidenten -  heißt es, dass das mit großer Sorge beobachtet werden muss. Damit sich diese Geschichte der alten Clans, die vor 30, 40 Jahren über Beirut nach Berlin gekommen sind, nicht wiederholt.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) setzt verstärkt auf Razzien, zum Beispiel in Shisha-Bars. Ist das sinnvoll?

Wesentlich ist vor allem, den Clans das Geld wegzunehmen, über die sogenannte Vermögensabschöpfung. Das sagen auch fachkundige Ermittler. In Berlin geht es auch um 77 beschlagnahmte Immobilien des Remmo-Clans. Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, spricht in unserem Film von einem Pilotverfahren, von einer Blaupause. Wenn die Beschlagnahme vor Gericht Bestand hat, wird man auch anderen Clans die Immobilien wegnehmen.

Sind die Clans die neue Mafia?

Die Clans sind noch lange nicht wie die italienische Mafia. Denn die italienische Mafia ist in Deutschland nicht sichtbar. Die Clans aber sind sichtbar, weil sie auf dicke Hose machen, weil sie die Stadtgesellschaft – etwa hier in Berlin und im Ruhrgebiet - provozieren, und sich mit ihrem Dominanzgehabe über die Regeln des Zusammenleben hinwegsetzen. Der materielle Schaden, den die italienische Mafia und andere Gruppierungen anrichten, ist sehr viel höher. Aber wesentlicher Teil dieser Clankriminalität ist einfach der soziale Unfrieden, den sie anrichtet.

Zumindest medial aber sind die Clans durch Gangster-Rap und TV-Serien fast Kulturgut geworden.

Das hilft denen maximal, darüber reden sie auch ganz offen. Wir berichten ja auch drüber und müssen uns immer hinterfragen. Nehmen wir die Serie "4 Blocks": Das hat ja zur Folge, dass junge Menschen, die in Berlin aufwachsen, diese Gangster cool finden. Viele Polizisten, die etwa im Rollbergkiez arbeiten, wo diese Serie gedreht wurde, sehen darin die Glorifizierung von Leuten, mit denen sie jeden Tag in harten Auseinandersetzungen stecken. Dagegen möchten viele Clan-Mitglieder in solchen Serien mitspielen. Die würden Geld dafür zahlen, um da aufzutauchen, um dann als gemachter Mann dazustehen.

Und der Rechtsstaat wirkt oft hilflos: Ist es da nicht nachvollziehbar, dass viele Bürger nach dem harten Staat rufen?

Dagegen, dass der Staat hilflos ist, würde ich widersprechen. Es gibt einen Rechtsstaat, und es gibt Gesetze. Aber es gibt eine ganz klare Erwartung der Menschen, dass die Gesetze auch konsequent durchgesetzt werden. Es geht darum, dass Menschen, die kriminell sind, die mit Drogen handeln, die gewalttätig sind, die Zwangsprostitution betreiben, die Schutzgeld betreiben, für ihr kriminelles Handeln rechtsstaatliche Konsequenzen erfahren müssen.

Das Interview mit Olaf Sundermeyer führte Sebastian Schöbel, rbb|24.

Sendung:  ARD, 25.11.2019, 20:15 Uhr

35 Kommentare

  1. 34.

    Ich kann mich der Aussage nur anschließen und würde gern noch hinzufügen, dass es so scheint als hätte die Gesellschaft inzwischen den VW-Betrüger-Clan at Acta gelegt hat bzw. ingnoriert. Hier wurden Millionen Verbraucher auf üble Art geprellt, und nich nur um ein Paar schlappe Millionen. Von diesen Kriminellen sitzt niemand; auch die Regierung scheint sich ihrer Pflicht, den Verbraucher zu schützen nicht willig nachzukommen.

  2. 33.

    Diese Clans bestehen hauptsächlich nicht aus Menschen, die nicht integriert wurden, sondern die sich von Anfang an nicht integrieren wollten. Sie nutzen die in Deutschland bestehenden Bedingungen für ihre Machenschaften aus. Nur deswegen sind sie hier.

  3. 32.

    Der "spektakuläre" Fall von "Clankriminalität" der hier verhandelt wird hat also tatsächlich einen Umfang von 9,8 Millionen Euro. Gleichzeitig dürfen wir feststellen, dass Friedrich Merz Aufsichtsrat einer Bank ist, die in ein Netzwerk organisierter Kriminalität (CumEx) eingebunden war, das man durchaus auch als Clankriminalität bezeichnen könnte. Auch wenn die agierenden Personen nicht alle den selben Familiennamen tragen. Hier geht es um 12 Milliarden Euro - also mehr als das tausendfache. Für jeden dieser Steuerhinterzieherclans, die wir überführen können, müssten wir also gleichzeitig über 1000 Clans (die es in dieser Größenordnung gar nicht bei uns gibt) mit jeweils mindestens einem Fall in der Größenordnung der Berliner Sparkasse überführen. Also ich wüsste als Staat, wo ich eher ansetzen würde.

  4. 31.

    Meiner Meinung nach ist eines der größten Probleme immer noch die Grundeinstellung einiger, welche als Ursache für dieser kriminellen Machenschaft "eine verfehlte Integrationspolitik" anführen und somit versuchen, das Problem an die Gesellschaft zu transferieren. Wenn ich Sarkastisch werden würde, wären Kriminelle KUM-EX Geschäfte dann auch das Ergebnis einer verfehlten Integrationspolitik von Investment-Bankern, oder hat Italien etwa bestimmte Regionen fehlintegriert in welcher die Mafia regiert? Das Ziel von kriminellen Machenschaften ist immer mit dem geringstmöglichen Aufwand den größten Steuerfreien Gewinn zu erzielen. Und solange das Damoklesschwert über uns Schwebt, die Gesellschaft ist schuld, ergo differenzieren wir nach Schwarz und Weiß, so lange werden wir als Gesellschaft von solchen Personenkreisen vorgeführt. Das Problem ist und war, das zu lange Zugeschaut wurde, da man das Problem nicht ernst genommen hat.

  5. 30.

    Ich halte es mit Peter Scholl-Latour.
    Banditen müssen mit Banditen bekämpft werden. Und wenn man keine Banditen hat muss man sich wenigstens so benehmen.

  6. 29.

    Die Clans betrachten sich als eine Art Robin Hood der Neuzeit. Ich beobachte wie Jugendliche diesem Mythos mit Begeisterung anhängen. Sollte der Staat nicht entschieden mit neuen Gesetzen entgegentreten entscheidet er sich auf Dauer für die Anarchie.

  7. 28.

    Das gibt die derzeitige Situation recht gut wieder.
    Die gesetzlichen Grundlagen zur Bekämpfung der
    kriminellen Clanstrukturen sind vorhanden, die
    Problematik und Personen auch bekannt. Wer sich
    jedoch für eine konsequente Umsetzung einsetzt
    wird umgehend in die rechte Ecke gedrängt.
    Einschl. aller Konsequenzen. Die Medien sind dabei
    federführend. Es iat doch besser eine demokratische
    Gesellschaft erwehrt sich dieser kriminellen Clans,
    bevor die Situation so abgleitet und der "Starke Mann"
    gefunden wird. Dann- Gute Nacht.






  8. 27.

    Unrein, so wie Hunde auch. Und Frauen. Sehr demütigend, wenn man zur Begrüßung nicht die Hand gegeben bekommt, obgleich sie ausgestreckt wurde, ihr männlicher Kollege aber durchaus. Ich bin nicht sicher, ob die Inhalte der Integrationskurse alle erreichen.

  9. 26.

    Wenn ich mir die ganze Situation in Deutschland ansehe, muss ich zwangsläufig an einen Vergleich denken. Dabei ist Deutschland das Stück Fleisch, die Institutionen sind der Zoowärter und alles herum sind Löwen. Ich habe das Gefühl der naive Zoowärter steht mit einem dicken Stück Fleisch im Käfig der Löwen und versucht gerade Ordnung in die Situation zu bringen. Dabei merkt er nicht das er selbst nach dem Stück Fleisch vernascht werden wird.
    Deutschland ist zu naiv, weich und regelverliebt um es mit solchen Gegnern aufzunehmen!

  10. 25.

    Durch welche Aussagen genau lässt sich Rolf Kranz denn in der “rechten Ecke“ verorten?

  11. 24.

    "wenn man nicht in der rechten Ecke landen will."

    Man kann nicht dort landen wo man schon steht, sich selber hingestellt hat.

  12. 23.

    Wenn Sie und Ihre Freunde sonst keine Sorgen haben, dann ist alles alles im Großen und Ganzen in Ordnung.

  13. 22.

    Man kann nicht in "einer Ecke landen" in der man sich schon befindet. Der Kommentar strotzt nur so vor Ressentiments.

  14. 21.

    Sie müssen uns mal erklären was sie unter der "deutschen Kultur" verstehen. "Schweinefleisch"? Pizza? Döner?

    "Leute, das ist immer noch UNSER Land, das von uns aufgebaut wurde."

    Darf ich fragen wie alt sie sind? Meine Oma und meine Mutter waren Trümmerfrauen. Die könnten mit Fug und Recht behaupten "von uns aufgebaut wurde". Steine klopfen für eine bessere Lebensmittelkarte.

    "Wem es hier nicht passt, kann sich doch wo anders niederlassen."

    Finde ich auch aber wenn wirklich ~ 20 %, die die rechtsextreme AfD gewählt haben, unser Land verlassen, wären sie dann glücklicher?

    "Stoppt diesen Wahnsinn endlich!"

    Auch da stimme ich mir ihnen überein. Aber große Teile der rechtsextremen werden schon beobachtet. Also nur Geduld.

  15. 20.


    Sie müssen uns mal erklären was sie unter der "deutschen Kultur" verstehen. "Schweinefleisch"? Pizza? Döner?

    "Leute, das ist immer noch UNSER Land, das von uns aufgebaut wurde."

    Darf ich fragen wie alt sie sind? Meine Oma und meine Mutter waren Trümmerfrauen. Die könnten mit Fug und Recht behaupten "von uns aufgebaut wurde". Steine klopfen für eine bessere Lebensmittelkarte.

    "Wem es hier nicht passt, kann sich doch wo anders niederlassen."

    Finde ich auch aber wenn wirklich ~ 20 %, die die rechtsextreme AfD gewählt haben, unser Land verlassen, wären sie dann glücklicher?

    "Stoppt diesen Wahnsinn endlich!"

    Auch da stimme ich mir ihnen überein. Aber große Teile der rechtsextremen werden schon beobachtet. Also nur Geduld.

  16. 17.

    Das ist nicht mehr unser Land? Die Gruppe der Menschen, die das glaubt, die wird jeden Tag größer. Eine Reihe von Ursachen haben sie in ihrem Beitrag angedeutet. Und nur diese leise Kritik, die ist heute schon kreuzgefährlich wenn man nicht in der rechten Ecke landen will.

  17. 16.

    Herr Sundermeyer war auch bei Hart aber Fair als Gast anwesend, und sagte gleich in seinem Eingangsstatement, dass Deutschland eine "sehr leichte Beute" für die Clans sei, weil die Deutschen sich nicht wehren würden.

    Auch das gehört eben zur Wahrheit. Wer nicht bereit ist, das Eigene zu verteidigen, der wird ausgebeutet oder sogar verdrängt. Das so zu formulieren, gilt ja bereits als "rechts", aber ich denke es ist einfach eine Realität, die uns durch die Clans vor Augen geführt wird. Die Clans sind also auch ein Spiegel. Durch ihre permanenten Provokationen und ihre Verachtung der deutschen Gesellschaft zeigen sie uns unsere Schwächen.

    Die Frage ist: Wollen wir uns weiterhin provozieren und verachten lassen?

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