Roland Jahn, Bundesbeauftragter Stasi-Behörde (Quelle: Imago/Stefan Boness)
Bild: Imago/Stefan Boness

Ausbildung an Hochschule des MfS - Jahn fordert Kennzeichnungspflicht für Stasi-Doktortitel

Ehemalige Stasi-Offiziere schmücken sich bis heute mit einem Doktortitel, den sie an der geheimen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erworben haben. Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn fordert nun Transparenz.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, will erreichen, dass frühere Stasi-Offiziere mit Doktortitel ihren Titel mit dem Zusatz "Stasi" führen müssen. Da der akademische Titel wegen des Einigungsvertrages nicht aberkannt werden kann, sollten sie wenigstens zu diesem Zusatz verpflichtet werden, sagte der frühere DDR-Oppositionelle der Deutschen Presse-Agentur. "Doktor der Stasi - das wäre dann echte Transparenz."

Dokumente des Selbstverständnisses der DDR-Geheimpolizei

Die meisten Titel wurden demnach an der geheimen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erworben. Nach außen habe die Einrichtung als Juristische Hochschule Potsdam fungiert.  

Die Doktorarbeiten seien Dokumente des Selbstverständnisses der DDR-Geheimpolizei gewesen. Erörtert worden sei darin zum Beispiel die Zersetzung des persönlichen Lebens von Andersdenkenden oder die Bekämpfung der politischen Opposition, so der Bundesbeauftragte. "Das waren Anleitungen zur Verletzung der Menschenrechte." Das sei nicht akzeptabel und müsse jetzt politisch angegangen und hinterfragt werden, betonte Jahn.

Fast jede Doktorrabeit von mehreren Einzelautoren erstellt

Nach Angaben der Behörde wurden an der Juristischen Hochschule Potsdam 174 Promotionsarbeiten von insgesamt 485 Autoren erstellt. Charakteristisch war laut Angaben, dass der überwiegende Teil der Arbeiten nicht von Einzelautoren erstellt wurde. In einem Fall seien zehn Doktoranden beteiligt gewesen. Dass Doktorarbeiten von mehreren Autoren geschrieben wurden, steht laut Behörde auch im Gegensatz zu heutigen Promotionsordnungen.

Das Stasi-Unterlagen-Archiv stellt nun überlieferte Forschungsarbeiten von Hochschul-Absolventen online. "Mit dem Projekt wollen wir einen Beitrag zu einem gesellschaftliches Bewusstsein leisten, dass das politisch nicht akzeptabel ist", betonte Jahn.

Ideologische Ausrichtung der Hochschule

Die zentrale Bildungs- und Forschungsstätte des MfS war laut Stasi-Unterlagen-Behörde ideologisch ausgerichtet. Neben Marxismus-Leninismus wurden "politisch-operative Spezialdisziplinen" vermittelt. Hinzu kamen militärische Ausbildung und Sport. Eine Prüfung im Fach "Bearbeitung operativer Vorgänge" wurde zur Tarnung nach außen etwa mit "System der Rechtspflege der DDR" umetikettiert. Die Absolventen firmierten als "Diplom-Jurist". Die hochrangigen MfS-Kader hätten den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben.

Der erste Doktortitel wurde laut Archiv 1966 für das Thema "Die verbrecherischen Grenzüberschreitungen Jugendlicher und Heranwachsender in ihren Erscheinungsformen sowie in ihrer sozialen und psychischen Determiniertheit" an zwei Autoren vergeben. Der letzte Doktor-Titel an der geheimen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit wurde im Dezember 1989 verliehen. Da war die Mauer schon gefallen. Die spezielle Ausbildung der Juristen gilt auch 30 Jahre nach dem Mauerfall.  

"Der Diskurs muss weiter geführt werden"

Es gehe nicht darum, Menschen bis in alle Ewigkeit abzustempeln und zu verdammen, betonte Roland Jahn. Wichtig sei vielmehr die Frage: Wie ist der Betroffene mit seiner Vergangenheit umgegangen? "Dieser Diskurs ist noch lange nicht vorbei, er muss weiter geführt werden."

Der heute 66-Jährige war in der DDR 1977 vom Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena exmatrikuliert und später gegen seinen Willen ausgebürgert worden. Er hatte öffentlich die Zensur in der DDR kritisiert. 2018 bekam Jahn
von seiner alten Uni die Ehrendoktorwürde.  

Sendung: Inforadio, 25.12.2019, 12:00 Uhr

55 Kommentare

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  1. 55.

    mit der "Berliner Zeitung" ist ein sehr gutes Beispiel dass das BRD-System nie Interesses gehabt diesen Ostdeutschen ein normales gesellschaftliches Leben zu ermöglichen. Zudem das die Aktion gegen die "Berliner Zeitung" von der Konkurrenz aus dem Hause Springer gestartet wurde, hat natürlich nichts mit dem Eigennutz der Springer ******* Presse zu tun.

  2. 54.

    "Das BRD-System hatte nie Interesses gehabt diese „Täter“ in ein normales gesellschaftliches Leben einzugliedern"

    Neuer Verleger der "Berliner Zeitung" war Stasi-IM.

  3. 53.

    Es geht Jahn nicht um die Verfolgung von „Tätern“. Es sollen auch unschuldige Bürger pauschal verfolgt werden. Solches Anliegen ist für einen Rechtstaat vollkommen unwürdig. Es sollen Unschuldige aus politischen Gründen verfolgt werden Das BRD-System hatte nie Interesses gehabt diese „Täter“ in ein normales gesellschaftliches Leben einzugliedern.

  4. 52.

    Täter müssen bestraft werden. Das gilt für mich zunächst allgemein gemäß des jeweils geltenden Rechts. Wer sehenden Auges Unrecht begeht, ist nicht geschützt. Wir sind als Menschen für unsere Taten verantwortlich und Dummheit schützt vor Strafe nicht. Wenn die Tat aufgearbeitet "gesühnt" wenn Sie so wollen ist. Sollte die Perspektive aber gegeben sein, sich in ein "normales" gesellschaftliches Leben einzugliedern. Meine Meinung.

    Für "amtliche" Informationen müssten Sie sich an einen Juristen wenden.

    Mir ist klar, dass nicht alles so läuft, wie es laufen müsste. Wenn Sie wirklich Antworten suchen kann ich z.B. Ferdinand von Schirachs Publikationen empfehlen.

  5. 50.

    Die SPD ist ein Extra-Thema.
    Sicherlich müssen Täter bestraft werden, das habe ich nicht bestritten.
    Ich ziele auf andere Tatsachen, die m.E. viel wichtiger sind: Die Ursachen sind aufzuarbeiten und offenzulegen. Und die liegen u.a. darin, dass den Menschen Perspektiven geboten wurden, die sie zu Werkzeugen machten. Menschen brauchen Perspektiven wie die Luft zum Atmen. Wenn das Wissen zu klein ist, die Bildung zu kurz kommt, Erfahrung noch nicht vorhanden ist, dann wird eben da zugegriffen, wo sich etwas bietet. Möglicherweise in bester Absicht. Für mich ist hier der Platz zum Aufarbeiten.

    Und es ist fast schon zu spät die Menschen zu erreichen. In manchen Bundesländern winken ein Viertel der Wahlberechtigten ab uns sagen recht aggressiv: "Hau ab, lass uns bloß in Ruhe!" Es würde mich auch nicht wundern, wenn das beabsichtigte Kainsmal zum Rohrkrepierer wird. Bestrafen wir dann Herrn Jahn dafür? Er ist ja dann eigentlich ein Täter.

  6. 49.

    Im Grunde genommen war es Schmidt, der den Untergang der sPD eingeläutet hat. Das haben die Seeheimer nur noch zu Ende geführt.

    Auch ich bin gegen pauschale Verurteilungen, das muß man tatsächlich von Fall zu Fall unterschiedlich werten. Und gerade dazu ist eine detaillierte Auferarbeitung nozwendig statt einen Schlußstrich zu ziehen.

    Täter und Nutznießer eines unmenschlichen Regimes sind aber aufgrund ihrer Taten (!) zur Rechenschaft zu ziehen.

  7. 48.

    o.k., Tom, sind wir über Helmut Schmidt unterschiedlicher Meinung
    Von irgendwelchen Fliegenschiss-Äußerungen distanziere ich mich.

    Ich bin aber der Meinung, dass eine Aufarbeitung anders aussieht. Oftmals sind Täter auch Opfer, man sollte aufpassen, dass man nicht vom Opfer zum Täter wird.

    Wir sind auch alle Menschen, wir machen Fehler. Der Straftäter ebenso wie der Politiker. Ich bin nicht für "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst...". Wer Menschen brandmarkt, lässt ihnen keine Chance ihre Fehler zu korrigieren.

    Die wichtigsten Gedanken sind doch eher die an die Beeinflussung der Menschen(massen), die so weit geht, dass kein individuelles Denken mehr funktioniert, dass sogar schreckliche Verbrechen geschehen können. Hier gebe ich Ihnen Recht, mehr noch, hier sollte es jedermanns verdammte moralische Pflicht sein, sich damit zu beschäftigen. Sogar sehr zeitnah. Vielleicht sehen dann die AfD-Wahlergebnisse bald nicht mehr so haarsträubend aus.

  8. 47.

    Sie irren. Und ob jemand, der fast seine Partei gespalten hätte soo klug ist? Egal.

    Diese Schlußstrichdebatte ist nicht neu und genau so verkehrt wie damals als unter die NS Verbrechen ein Schlußstrich gezogen werden sollte. Manche wollen das bis heute, so Fliegenschiß und so.

    „Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“

    George Santayana

  9. 46.

    Es gab einmal einen klugen und erfahrenen Politiker. Sein Name war Helmut Schmidt. Es lohnt, einmal seinen Lebenslauf anzusehen, um besser zu verstehen. Er wurde vor 30 Jahren gefragt, was seiner Meinung nach mit den Stasi-Akten geschehen sollte. Seine Antwort war "verbrennen".

    Viel Stoff zum Nachdenken. Sollten wir viel mehr tun, ich meine nachdenken. Nach vorn denken. Wir sind so sehr damit beschäftigt in der Vergangenheit zu wühlen, zu verbieten, zu reglementieren, dass jegliche Perspektive und jeglicher Fortschritt im Ansatz zerredet wird. Oder irre ich mich?

  10. 45.

    Und genau das ist der Unterschied. Sie dürfen. Und sei es der letzte Schwachsinn oder Verschwörungstheorien aus dem rechtspopulistischen oder Ostalgie Lager. Sie dürfen. Es hört ihnen u.U. keiner zu aber sie dürfen.

    Unter Horch & Guck wäre ihr Kommentar niemals erschienen und sie morgen verschwunden.

  11. 43.

    Tut mir leid wenn ich die Realität beschreibe, statt des verklärten aber falschen Rückblicks.

    Und wo diffamiere ich Bürgerrechtler, die gegen die DDR Diktatur protestierten und so den Zusammenbruch beschleunigt haben?

    Die Massen, die wollten keine Revolution, die wollten zuerst Reisefreiheit, dann nur noch DM ... DM und nochmals DM. Und haben ihre eigenen, klugen Leute niedergebrüllt, die ahnten was kommt.

  12. 42.

    Genauso wenig wie mit Dipl. Ing. (FH). Blödsinn. Einfach aberkennen. Gruppenarbeit beim Promovieren - wird ja immer schöner. Und dann nur 20 Seiten ohne Quellenangaben abliefern. Das war wohl nix, meine Herren. Sowas läuft unter "Hausarbeit" oder so. Dafür gibt's aber keinen Titel..

  13. 41.

    Möchte wissen, wer dann mit Dr.-Stasi oder Dipl-Ing. (Stasi) unterschreibt. So ein Unsinn.

  14. 39.

    Das ist ja das Problem.Da hätte man uns 89/90 Zeit geben sollen,im eigenen Stall auszumisten.Aber mittels D-Mark -Ankündigung(Kohl) wurde alles hinfällig.
    Sehen Sie doch mal in die Ämter,wer da noch so sitzt...
    Und der Vorschlag von Herrn Jahn ist nur ein müdes Lächeln wert und hat den Touch eines kleinen Rachefeldzuges....
    Wo war er eigentlich 89/90?Ich kann mich nicht erinnern ,dass er öffentliche Auftritte hatte?
    Oder habe ich jetzt eine „Bildungslücke“?

  15. 38.

    nun, das geht Westdeutschen mit 2jähriger Berufsausbildung (als Abiturient, spezielle Ausbildung nur für Abiturienten, Verkürzung gem. Regelwerk) auch so. Wer also Abi hat und schneller als üblich (schlauer?) fertig wurde mit der Ausbildung, wird im ÖD sein Leben lang für das "Drängeln" bestraft. Gilt doch im ÖD der Spruch "wer micht hetzt wird selber müde"... das ist also KEIN Ostphänomen...

  16. 37.

    Das Sie die Bürger, die allmontaglich demonstrierten, die Bürgerrechtler, die den Weg zu einer friedlichen Revolution ebneten, der Art zu diffamieren, ist schändlich und infarm.

  17. 36.

    Nun, Ihr Beitrag, auf den ich geantwortet habe und den ich hier gerne nochmal zitiere, lautet folgendermaßen:

    "Sicher aber ist, dass die Genossen keinen ihrer Doktortitel gekauft haben, wie es heute Gang und Gäbe ist, wo selbst die politische Kaste Rücken-Deckung von renommierten Universitäten bekommt, obwohl die Hälfte der Doktorarbeit kopiert wurde
    Letztlich wäre dann eine Kennzeichnung als "Stasi-Doktortitel" eine Ehre."

    Halten Sie das für einen sinnvollen Beitrag, der eines "Doktors" würdig ist, Max G.?

    Weiterhin halte ich Ihre realitätsferne und nun wirklick mal Filterblasen-gelenkte Aussage (s. u.)für wenig intellektuell fundiert - und würde von einem "Doktor der Staatswissenschaften" etwas anders erwarten und auch verlangen, Dr. Max G.!

    Zitat: "Was aber kommt danach? Das Bürger der ehemaligen DDR unisono als Nazis und Rechtsradikale diffamiert werden, gehört zum täglichen Sprachgebrauch 30 Jahre nach der friedlichen Revolution."

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