""Stop Homophobia" steht auf einer Fahne am Berliner Alexanderplatz, im Hintergrund der Fernsehturm (Quelle: dpa/Zinken).
Video: rbb24 | 02.12.2019 | 13 Uhr | Bild: dpa/Paul Zinken

Statistik für Berlin - Mehr Übergriffe gegen Homo- und Transsexuelle

Die Berliner Polizei hat 2019 deutlich mehr Angriffe auf Homosexuelle und Transsexuelle registriert als im Vorjahr. Als Ursachen nennt Polizeipräsidentin Slowik einen Anstieg von Hasskriminalität, aber auch die Tatsache, dass mehr Opfer Anzeige erstatten als früher.  

Die Zunahme ist überdeutlich: Die Berliner Polizei hat in diesem Jahr beträchtlich mehr Übergriffe gegen schwule Männer, Transsexuelle und lesbische Frauen registriert. Bis Ende September waren es 261 Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Montag bei einer Veranstaltung des Bündnisses gegen Homophobie.

Die Tatorte lagen laut Statistik meist in den Stadtteilen Mitte, Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, also dort, wo die Homosexuellen-Szene besonders sichtbar ist. Die große Mehrheit der Opfer bilden nach anderen Statistiken schwule Männer, es folgen Transsexuelle und seltener lesbische Frauen. Im Vergleichszeitraum 2018 waren es zuletzt offiziell 184 Übergriffe - diese Zahl lag anfangs noch niedriger und wurde mehrfach aktualisiert.

Mehr Hasskriminalität, mehr Anzeigen

Die Polizei geht laut Slowik davon aus, dass es bei homosexuellenfeindlichen Taten ein sehr großes Dunkelfeld gibt, dass also viele Taten nie angezeigt und bekannt werden. Für den deutlichen Anstieg in diesem Jahr, den sie "mit Erschütterung" festgestellt habe, nannte die Polizeipräsidentin mehrere Gründe.

Es gebe eine "zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft", was zu einem "Anstieg der Hasskriminalität" in vielen Bereichen führen würde. Zugleich würden mehr Opfer von homosexuellenfeindlichen Übergriffen als früher zur Polizei gehen und Anzeigen erstatten. Die Polizei sei inzwischen außerdem offener und sensibler bei dem Thema und würde die Gründe für manche Taten eher erkennen und statistisch entsprechend erfassen.

Schwierige Strafverfolgung

Generalstaatsanwältin Margarete Koppers räumte ein, dass die Strafverfolgung in den Fällen schwierig sei. 289 Anzeigen seien bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Aber: "Verurteilungen sind nur zu einem geringen Teil erfolgt." In 60 Prozent der Fälle hätten Verdächtige identifiziert werden können. Viele Verfahren seien aber eingestellt worden, weil die Beweise nicht ausgereicht hätten. In anderen Fällen seien die Täter unbekannt, weil Beleidigungen im Internet anonym erfolgt seien.

In 51 Fällen habe es eine Anklage oder einen Antrag auf einen Strafbefehl gegeben. Überwiegend hätten die Richter Geldstrafen verhängt. Viermal gab es laut Koppers eine Gefängnis- oder Jugendstrafe für Raubüberfälle oder Körperverletzungen.

Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband beklagte, dass Schimpfwörter auf Berliner Schulhöfen oft schwulenfeindlich seien.

Respektpreis für Türkischen Bund

Im Rahmen der Veranstaltung am Potsdamer Platz wurde außerdem der Respektpreis für Verdienste um die Anerkennung der schwul-lesbischen Szene verliehen. Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr der Türkische Bund Berlin-Brandenburg. Dessen Sprecher, Safter Cinar, sprach das Problem von schwulenfeindlichen Einstellungen unter den Türken und anderen Migranten an.

"Man muss zugeben, dass in unserer Community noch mehr Aufklärungsbedarf besteht als in der Mehrheitsgesellschaft." Das zu ändern sei eine Herausforderung. Weil Türken sich oft diskriminiert fühlten, sei die Fähigkeit zur Selbstkritik nicht immer ausgeprägt. Der Türkische Bund wirbt immer wieder mit Projekten und Broschüren für die gleichberechtigte Anerkennung von Homosexuellen.

Auch das Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo zählt jährlich homo- oder transfeindliche Übergriffe: 2018 lag deren Zahl bei 382.

Sendung: Abendschau, 02.12.2019, 19:30 Uhr

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11 Kommentare

  1. 10.

    Es geht auch nicht darum, "auf andere zu zeigen" die im Gegensatz zu "uns" stehen, oder ähnliche Antagonismen.

    Es geht darum, die Täter zu benennen, und zwar alle. Das heißt, es ist nötig, auf alle "zu zeigen". Im Moment wird das aber nicht gemacht, aus falsch verstandener Toleranz und aus der Furcht, damit "den Rechten" irgendwelche "Argumente" zu liefern.

    Aber die "Rechten" bauen sich ihre Argumente so oder so, denn die Realität lässt sich ja nicht verleugnen, indem man sie verschweigt. Souverän wäre es, diese Realität konkret zu benennen, und dann offen über Lösungen zu debattieren. Damit würde man den "Rechten" den Wind aus den Segeln nehmen und Druck aus dem Kessel bzw. aus der Gesellschaft.

  2. 9.

    "Homophobie ist unter deutschen Rechten genauso verbreitet wie unter Migranten."

    Alle Statistiken deuten darauf hin, dass das so eben nicht stimmt, zumindest in Bezug auf die Anwendung körperlicher Gewalt gegenüber LGBT-Menschen. Es gibt eben "Hasskriminalität" nicht nur von "rechts", obwohl das im Moment so das gängige Narrativ ist. Zumal immer auch die Frage im Raum steht, wer genau eigentlich "Hass" definiert.

  3. 8.

    Bin selbst schon angegriffen und gestalkt worden und wohne mittendrin=Motzstrasse.
    Kontaktbeamte=Fehlanzeige!

  4. 7.

    Ist natürlich einfacher auf andere zu zeigen. Homophobie ist unter deutschen Rechten genauso verbreitet wie unter Migranten.

  5. 5.

    Frag doch nicht so plump, wenn Du die Antwort doch selbst weißt: Der Grund ist, dass sich immer mehr Menschen in Berlin niederlassen, die homo- oder transphob sind.

  6. 3.

    Es ist jedenfalls bezeichnend, dass etwa die Grünen sich jahrzehntelang für bestimmte Gruppen einsetzen (in diesem Fall die LGBT community), und diese Gruppe dann im Stich lassen, wenn deren Bedürfnisse und Schutzinteressen mit den Eigenarten einer anderen Gruppe bzw. Minderheit im Widerspruch steht.

    Das ist das tückische an dem, was man heute als Identitätspolitik beschreibt ... früher oder später kommt man zwangsläufig in die Situation, in der eine Gruppe / Minderheit gegen eine andere ausgespielt wird. Das ist letztlich eine Art moderner oder postmoderner Tribalismus. So löst man aber keine gesellschaftlichen Probleme.

  7. 2.

    Das sind bedrückende Nachrichten. Die Zahlen sind da, die Gründe werden nicht benannt oder diskutiert. Dröhnendes Schweigen. Und so geht die Reise eben weiter, ohne dass sich etwas zum Besseren verändern könnte.

  8. 1.

    Es ist eine Schande! Wenn man sich des Problems aber endlich Mal offen stellen wollen würde, wäre es hilfreich, endlich mal Klartext ohne politische Korrektheit zu sprechen und nicht immer nur von "Polarisierung der Gesellschaft" allgemein zu faseln. Die Konzentration auf bestimmte wenige Stadtteile, ist erschreckend. Wer sind denn die Täter genau? Die betroffenen Stadtteile haben alle eine gemeinsam: eine Kombination aus höherem Migrationsanteil, höherer Gentrifizierung und mehr Tourismus als die anderen Bezirke. Man sollte also gerade dort WENIGER Angriffe erwarten. Ist aber nicht so. Warum?

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