Angela Merkel spricht bei einem Konzert in der Berliner Staatsoper am 27.1.20 (Bild: dpa/AFP/Odd Andersen)
Video: Abendschau | 27.01.2020 | Sabrina Wendling | Gespräch mit Anreas Nachama | Bild: dpa/AFP/Odd Andersen

75 Jahre Befreiung von Auschwitz - "Wir müssen uns auf die Seite der Wahrheit stellen"

Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das deutsche Vernichtungslager Auschwitz. Auch in Brandenburg und Berlin erinnerten Bürger und Politiker an diesen Tag. Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen am Montag war ein Konzert in der Staatsoper Berlin.

Mit zahlreichen Veranstaltungen haben Brandenburg und Berlin am Montag an die Millionen Opfer des Holocaust erinnert. Höhepunkt der Gedenkfeiern anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz war am Montagabend ein Konzert in der Staatsoper Unter den Linden. Im Publikum saßen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sowie der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke).

Merkel rief in der Staatsoper dazu auf, sich gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus zu stellen. "Wir müssen dafür sorgen, dass sich alle Menschen in Europa sicher und zuhause fühlen." Morawiecki sagte dort: "Wir müssen uns auf die Seite der Wahrheit stellen, sonst erlischt die Erinnerung."

Auf dem Programm des Gedenkkonzerts in der Staatsoper standen Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" mit Thomas Quasthoff in der Sprecherrolle und Beethovens Sinfonie Nr. 3 ("Eroica"). Beethoven, sagte der Generalmusikdirektor der Staatsoper Daniel Barenboim, bleibe trotz des Missbrauchs durch die Nazis ein Symbol für das Beste der deutschen Kultur. Barenboim selbst dirigierte das Konzert.

Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal

Den ganzen Tag über gab es in der Hauptstadt offizielle Termine des Gedenkens. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing drei Überlebende zu einem Gespräch im Schloss Bellevue. Am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas gedachten die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli und die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock der Toten und legten einen Kranz nieder, der Rabbiner Andreas Nachama sprach ein Gebet. Die Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) nahm an einer Gedenkstunde für die Opfer der Euthanasie an der Tiergartenstraße teil.

Giffey bei Stolperstein-Putzaktion dabei

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) beteiligte sich an einer Putzaktion von Stolpersteinen in der Dresdner Straße in Kreuzberg. Gerade am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz sei es wichtig zu zeigen, dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten, erklärte Giffey. Kulturstaatsministerin Monika Grütters betonte den Stellenwert der Erinnerungskultur. "Authentische Orte halten die Erinnerung an das Unfassbare wach", erklärte die CDU-Politikerin.

"Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist uns in Berlin ein leider auch sehr aktuelles Anliegen", erklärte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit Blick auf den Gedenktag. "Auch wir in Berlin müssen uns immer wieder prüfen, ob wir hier genug tun, ob wir wach genug sind und ob wir etwaige neue Gefahren rechtzeitig wahrnehmen." Er kündigte an, am Mittwoch zu einer Gedenkstunde des Bundestags zu kommen. 

Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin, verteilt am 27.01.2020 anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz Blumen an Schüler der Loecknitz-Grundschule, um diese anschließend auf Stolpersteine niederzulegen. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)

"Gespräche mit Zeitzeugen immer kostbarer"

Die zentrale Gedenkfeier Brandenburgs fand in der Gedenkstätte Sachsenhausen statt. Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke rief dort dazu auf, die Erinnerungskultur an die Gräueltaten der Nationalsozialisten wachzuhalten. "Die Gespräche mit den Zeitzeugen, die noch immer die Kraft aufbringen, uns von dem Erlebten zu erzählen, werden immer kostbarer mit der Zeit", sagte sie in der Gedenkstätte Sachsenhausen. "Diese Gespräche wird es nicht mehr lange geben." Sie rief dazu auf, das "gesellschaftliche Immunsystem" zu stärken, damit Nazi-Propaganda, Hetze, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit keinen Raum mehr fänden.

In Brandenburg wurde an mehreren Orten mit Reden und Kranzniederlegungen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Bereits am Montagmittag hielt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) in der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam eine Rede und legte Blumen am Mahnmal ‘Das Opfer‘ von Wieland Förster nieder. Schüle rief dazu auf, das eigene Verhalten zu hinterfragen. "Tatsächlich sollten wir uns die Frage stellen, wie unsere eigenen Kinder und Kindeskinder später wohl auf unser Verhalten blicken. Werden auch sie fragen: Warum habt ihr nichts getan?", sagte Schüle in der Gedenkstätte Lindenstraße.

Am Abend nimmt Schüle an einer Podiumsdiskussion im Landtag teil. Im Foyer des Parlaments ist seit dem 7. Januar die Ausstellung "AugenZeugen - Es ist nicht leicht, sich zu erinnern – und schwer, zu vergessen!"  zu sehen. Gezeigt werden dabei Porträtaufnahmen von sieben Holocaust-Überlebenden. Einige von ihnen werden an der Diskussion ebenfalls teilnehmen.

Lichtinstallationen an Gedenkstätten

In Berlin wurde am Abend das bundesweite Projekt "Lichter gegen die Dunkelheit" gestartet. Durch Lichtinstallationen wurden Gedenk- und Bildungsstätten bei Einbruch der Dunkelheit angeleuchtet. Damit sollte die wichtige Arbeit der Einrichtungen gerade zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sichtbarer werden, erklärte das Haus der Wannsee-Konferenz als Initiator am Montag in Berlin. Die Institutionen zur Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgungspolitik leisteten einen wichtigen Beitrag zu einem differenzierten Blick auf das Kriegsende, die Nachkriegszeit und den Umgang mit der Vergangenheit bis heute. 

In Berlin beteiligten sich das Haus der Wannseekonferenz, die Topographie des Terrors und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand an der Aktion, in Brandenburg die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Bundesweit waren es insgesamt mehr als 100 Einrichtungen. 

Bis zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, bietet ein Online-Portal [externer Link] einen Überblick über alle Bildungs- und Gedenkveranstaltungen in den kommenden Monaten, hieß es.

Seit 1996 Gedenktag in Deutschland

Am 27. Januar jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Allein dort brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den deutschen Tätern erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung.

Seit 1996 ist der 27. Januar bundesweit der Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 erklärten die Vereinten Nationen ihn zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Sendung: Inforadio, 27.01.2020, 6 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

4 Kommentare

  1. 4.

    In Auschwitz sind über 100 000 Polen ermordet. Aber sie werden nicht genannt! Was die meisten Deutschen nicht verstehen, in den russischen Vernichtungslager sind weit meht Polen umgekommen.

  2. 3.

    Es erscheint als eine sehr irritierende Tatsache, dass bei einem Teil der Polen (denjenigen, die vorrangig die PIS wählten) der Hass auf die Russen höher ist als die Erkenntnis eben dieser Singularität. Vergleiche sind immer zulässig und bringen Aufschluss, Gleichsetzungen nicht. Den polnischen Ministerpräsidenten empfinde ich irgendwo dazwischen.

  3. 2.

    Das Datum beachten
    Das Grußwort der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu diesem Benefiz-Konzert fand die dem Anlass absolut angemessenen Worte. Sie sprach nicht allein Auschwitz an, aber sie blieb konsequent beim Thema, dem von Deutschland begangenen Zivilisationsbruch, der Shoa. Meine Frau und ich sind dankbar, dass wir diesem Grußwort und diesem Konzert in der Staatsoper zuhören durften.
    Zwar mahnte der polnische Ministerpräsident, dass die Geschichte des Holocaust nicht umgeschrieben werden, das Gedenken an die Opfer nicht missbraucht und für politische Zwecke instrumentalisiert werden dürfe, er achtete jedoch nicht die ‚Singularität‘ der nationalsozialistischen Vernichtung, sondern relativierte dieses Verbrechen durch den Vergleich mit dem sowjetisch-kommunistischen Totalitarismus. Dass vor 75 Jahren, am 27.01.1945 Auschwitz durch die sowjetische Armee befreit wurde, erwähnte er nicht.

  4. 1.

    Eins halte ich für wichtig:
    Für Diejenigen, die gegenüber anderen Ländern ggf. hier o. dort höhere Zahlen aufbieten wollen, Ruanda oder in Sowjetrussland mit dem GULAG: Die Shoa, der Holocaust, ist im negativsten Sinne dadurch einzigartig, weil er in perfektionierter Systematik ablief, nicht aber bspw. im archaischen Sinne.

    Auf systematischste Weise wurde erfasst bis ins letzte "Glied" hinein, auf systematischste Weise wurde schikaniert und auf systematischste Weise wurde getötet - unter Beiziehung eines Heerstabes von Ingenieuren und Wissenschaftlern. Es ist typisch deutsch, mittels eines Höchstmaßes an Organisation genau diesen "Verbund" geschaffen zu haben. Die Schlüsse, die daraus gezogen wurden, sind das Recht auf Befehlsverweigerung unter Anführung spezifischer Gründe, eine Rechenschaftspflicht gegenüber demokratischen Organen bis zu einem gewissen Punkt, nicht aber, Kompetenzüberschreitung an sich zu wagen. Die Vorwürfe gegen die Bremer B A M F- Leiterin sprechen Bände.

Das könnte Sie auch interessieren