Archivbild: Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum zeigt am 10.02.2016 am Rande einer Pressekonferenz in Detmold ein altes Foto, das ihn selbst (l) neben seinem Onkel und seinen Eltern zeigt, die alle drei in Auschwitz ums Leben kamen. (Quelle: dpa/Bernd Thissen)
Audio: Inforadio | 27.01.2020 | Torsten Sydow | Bild: dpa/Bernd Thissen

Holocaust-Überlebender Leon Schwarzbaum - "Ich habe nicht geglaubt, dass ich am Leben bleibe"

Leon Schwarzbaum ist 98 Jahre alt. Der in Hamburg geborene Sohn polnischer Juden musste während der Nazizeit erleben, wie seine Eltern deportiert werden. Auch er selbst wurde nach Auschwitz gebracht - und lebt heute in Berlin. Torsten Sydow hat ihn getroffen.

Der heute 98-jährige weißhaarige Leon Schwarzbaum besitzt ein Familienfoto. Es zeigt ihn, seine Eltern und den Bruder des Vaters. Schwarzbaum erinnert sich, wie die Entrechtung der Juden durch die Deutschen Ende der 1930er Jahre begann.  

"Alle paar Tage kamen neue Gesetze und neue Verordnungen. Pelze abgeben, Schmuck abgeben, Gold abgeben", erzählt Schwarzbaum. "Für Juden war alles verboten. Alles. Nicht mal Tiere durfte man halten. Nicht mal einen Kanarienvogel."

"Ich habe nicht geglaubt, dass ich am Leben bleibe"

Leon Schwarzbaum trieb Sport, liebte Musik und machte trotz allem das Abitur im oberschlesischen Bedzin. Die Nazis steckten seine Familie ins Ghetto. Er hatte keine Chance, sich von den Eltern zu verabschieden.

Im August 1943 wurde er selbst ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Er erlebte Folter und willkürliche Tötungen. Schwarzbaum wollte überleben. Er meldete sich als Läufer für den Lagerältesten – und sah den massenhaften Mord in Auschwitz. "Aus dem Schornstein kam nicht Rauch, sondern Feuer. So ein Schweif. Das muss man sich vorstellen. Ich konnte das nicht mehr ertragen - den Gestank der verbrannten Menschen", berichtet er.

Hungerrationen, Willkür und Winterkälte verlangten Leon Schwarzbaum alles ab. "Ich war verzweifelt. Aber die Spannung war so gewaltig, dass man das alles unterdrückt und nur versucht hat, weiterzuleben", erzählt er. "Ich habe nicht geglaubt, dass ich am Leben bleibe." Als die Russen näher kamen, musste Schwarzbaum raus aus Auschwitz – auf den Todesmarsch über Buchenwald, Berlin, das KZ Sachsenhausen – weiter Richtung Norden. Im Mai 1945 erlangte er dann die Freiheit.

Deutschland war nachsichtig mit den Tätern

Leon Schwarzbaum schmerzt, dass Deutschland mit den Tätern nachsichtig war. "Nicht viele sind juristisch belangt worden. Die meisten sind davon gekommen. Das finde ich fürchterlich", sagt er. "Ich denke an meine Mutter und meinen Vater, die sie umgebracht haben. Die Liebsten, die ich gehabt habe. Mein Alles".

Weil er am Kriegsende Freunde in Deutschland hatte, blieb er im Land, schildert Schwarzbaum. Er lebt heute in Berlin und  berichtet Schulklassen von dem, was ihm widerfahren ist.

Sendung:  Inforadio, 27.01.2020, 09:25 Uhr

 

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6 Kommentare

  1. 6.

    Darf ein Mann weinen. Die Antwort lautet ja. In den letzten beiden Tagen habe ich damit zugebracht mir Dokumentationen über die noch Holocoust Überlebenden anzusehen im TV. Mir liefen dabei die Tränen. Gestern schaute ich mir auf ZDF Info nochmals den Nürnberger Prozess an. Was mich noch heute innerlich aufwühlt, war das große Schweigen von Beteiligten im 2.Weltkrieg nach Kriegsende in meiner Verwandtschaft . Als 9jähriger klärte ich mich damals selber auf und schaute mir Sonntags die Fox Tönende Wochenschau über die Befreiung der KZ Lager an. Als Kind begreift man noch nicht dieses Ausmaß an Verbrechen. Erst viel später als ich mit Jüdischen Personen in den USA sprach, kamen all meine Erinnerungen wieder hoch. Ich schämte mich ein Deutscher zu sein. Eine Frau meinte zu mir: Du mußt Dich nicht schämen. Denke nur zeitlebens daran, was Menschen anderen Menschen antun können.

  2. 5.

    98 Jahre !
    Leider gibt es nur noch sehr wenige Zeitzeugen, die in Schulen berichten können.
    Damit steigt leider auch das Risiko des Verharmlosens und Vergessens, trotz der Geschichtsbücher.

  3. 4.

    Nazideutschland und die BRD vor allem der 50er und 60er Jahre iist ein Verbrechewrstaat, weil sie die vielen Naziverbrecher nicht bestraft und großteils im Staatsdienst gelassen hat. Die muß der DDR keine Vorwürfe von wegen Unrechtsstaat machen.

  4. 3.

    Was den Juden angetan wurde, welches Leid sie erfahren mussten, es lässt sich nicht in Worte fassen.
    Meine Generation kann leider nicht mehr machen als sich dafür zutiefst zu schämen und um Verzeihung bitten !!!

  5. 2.

    Danke, dass Sie trotz allem geblieben sind... um uns zu berichten, um uns zu mahnen, und um die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Wie kann man nach alle dem noch so viel Gutes tun?

  6. 1.

    Wenn ich das lesen, könnte ich eigentlich nur noch heulen.

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