Obdachlose in Berlin (Quelle: imago images/Jürgen Ritter)
Audio: rbb|24 | 27.01.2020 | O-Ton Jenny De la Torre | Bild: imago images/Jürgen Ritter

"Nacht der Solidarität" - So läuft die Obdachlosenzählung in Berlin

Durch Berlins erste Obdachlosenzählung soll genauer herausgefunden werden, wie viele Menschen auf der Straße leben. Die Zählung allein löse natürlich keine Probleme, sagt Ärztin Jenny de la Torre, die unentgeltlich Obdachlose behandelt. Doch sie sei trotzdem wichtig.

In der Nacht vom 29.  auf den 30. Januar werden Berlins Obdachlose gezählt. Um eine "ganz normale Nacht" abzubilden, so der Senat, findet die Zählung von einem ganz normalen Mittwoch auf einen Donnerstag statt.

Die Erhebung, initiiert von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales findet in der ersten sogenannten "Nacht der Solidarität" statt. Mehr als 3.700 Freiwillige werden in über 600 Teams durch die Stadt ziehen, um die Obdachlosen zu befragen.

Bisher gibt es nur Schätzungen

Die Zählung soll der Stadt bessere Erkenntnisse darüber bringen, wie viele Menschen in Berlin tatsächlich auf der Straße leben. Bisher gibt es nämlich lediglich Schätzungen. Diese schwanken zwischen 6.000 und 10.000 Menschen. Durch genauere Zahlen soll, so der Senat, das Berliner Hilfesystem besser an den Bedarf angepasst werden.

Senatorin rechtfertigt Aktion

Betroffenen-Vertretungen äußerten allerdings im Vorfeld Kritik an der Zählung: Die Zählung habe eine "Alibi-Funktion", hieß es von der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen. Es sei kein Zusammenhang zwischen der Zählung und der Schaffung von bezahlbarem und menschenwürdigem Wohnraum für Obdachlose zu erkennen. Die Aktion sei würdelos und nutzlos.

Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) wies am Mittwoch im rbb-Inforadio Kritik an der geplanten Obdachlosen-Zählung zurück. Seit vielen Jahren werde eine Zählung der Menschen auf der Straße gefordert, sagte sie. Diese werde nun umgesetzt. Um Hilfsangebote für wohnungslose Menschen zu verbessern, müsse man wissen, wo die Menschen wohnen und woher sie kommen.

Breitenbach erklärte, dass es sich um eine freiwillige Aktion handle. Niemand müsse Fragen beantworten und es würden auch keine schlafenden Menschen geweckt. Man werde die Privatsphäre achten und den Obdachlosen mit Respekt begegnen.

"Zählung allein wird das Problem nicht lösen"

Ärztin Jenny De la Torre, die in Berlin kostenlos Obdachlose behandelt, kann beide Argumente nachvollziehen. "Ich denke, es wäre gut, genauer zu wissen, wie viele Menschen in Berlin von Obdachlosigkeit betroffen sind", sagte sie rbb|24. Sie werde bei jedem ihrer Vorträge gefragt, wie viele Menschen in Berlin obdachlos sind. Sie sagt aber auch: "Die Zählung allein wird das Problem natürlich nicht lösen."

Sie wünsche sich vor allem, dass in jeder Obdachlosenunterkunft Berlins die Menschen Sozialarbeiter als Ansprechpartner haben. Die Menschen bräuchten diese Unterstützung, um weiterzukommen und nicht "jahrelang dort zu verbleiben". De la Torre weist darauf hin, dass viele Obdachlose psychische Probleme hätten, die bei ihrer Unterbringung besser berücksichtigt werden müssten. Auch wäre eine psychologische Betreuung notwendig.

Jenny De la TorreÄrztin Jenny De la Torre behandelt unentgeltlich Obdachlose in Berlin

Jenny De la Torre erhofft sich daher von der Zählung, dass sie nicht nur genauere Zahlen bringt, sondern man anschließend auch mehr darüber weiß, in welchem Zustand und welcher Situation sich die Menschen befinden. Dann gelte es herauszufinden, was man in Deutschland für die Obdachlosen verbessern könne - aber auch, was man EU-weit tun könne. Denn gerade in Berlin, so De la Torre, lebten ja auch sehr viele Menschen - ohne Leistungsansprüche - aus anderen Ländern auf der Straße.

  • So wird gezählt

  • Diese Daten werden erhoben

  • Wann und wie die Daten ausgewertet werden

  • Diese Obdachlosen werden erfasst

  • Wer die Menschen auf der Straße zählt

  • Diese Kritik gibt es

Sendung:  Abendschau, 29.01.2020, 19:30 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Rechtsansprüche sollten im Regelfall eben nicht dazu führen, dass aufwändige Gerichtsverfahren eingeleitet werden, sondern dass gesetzlich garantierte Hilfen auch gewährt werden.

    Ihre Vorschläge sind allesamt gesetzeswidrig. Weder ist Abschreckung ein mögliches Mittel, auch kann Wohnungslosigkeit dadurch nicht verhindert werden, noch entspricht das Zurückschicken der Wahrung der konkreten und unmittelbar anzuwendenden Rechte oder auch nur den grundgesetzlichen Vorgaben.

    Dass der Senat bzw. allg. der Staat an vielen Stellen wenig und zu wenig ausgibt für Bedürftige, ist leider eine Tatsache. Der Senat selbst hat auf eine Anfrage bestätigt, dass er jedwede Verringerung der Wohungslosigkeit begrüßt, also auch die gesetzeswidrigen Aktionen wie durch Giffey etwa. Das ist ungesetzliches Handeln politisch direkt Verantwortlicher. Diese Haltung überträgt sich auch auf anderen Handlungen: Von Dassel hat mehrfach Wohnungslose vertreiben lassen, statt bezirklicher Pflicht nachzukommen.

  2. 3.

    Rechtsansprüche? Blöd nur, wenn man keinen Anwalt hat. Viele Menschen haben überhaupt nicht die Kraft, Ansprüche durchzusetzen. Da ist der Staat gefragt.
    Nach meiner Meinung werden die Hilfen absichtlich auf niedrigem Niveau gehalten, damit nicht noch mehr Menschen in prikären Verhältnissen nach Berlin kommen. Deshalb sollte jeder an seinem letzten Meldeort versorgt werden, nachdem er dorthin zurück geschickt wurde.

  3. 2.

    was nützt das zählen.......helfen wäre wichtiger

  4. 1.

    Frau De La Torre irrt, wenn sie behauptet, es gäbe Wohnungslose, die keine Ansprüche auf Hilfen hätten. Dort wo es wohnungslose Menschen gibt, haben sie auch direkt Ansprüche, Wohnungslosenbetreuung oder- einrichtungen wahrzunehmen. Es ist gesetzlich geregelt in Nr. 19 Sozialwesen ASOG Berlin, dass Bezirksämter zuständig sind, solange LAGESO oder Jugendhilfe es nicht sind:
    http://gesetze.berlin.de/jportal/?quelle=jlink&query=ASOG+BE&psml=bsbeprod.psml&max=true&aiz=true#jlr-ASOGBE2006V32Anlage-Nr19
    Rechtsansprüche liegen also immer(!) vor.

    Die Zählung kann diejenigen, die sich jahrzehntelang vor Berücksichtigung Wohnungsloser drückten, rechtlich dazu zwingen, geeignete Maßnahmen bereitzustellen, angefangen bei genügend Sozialarbeitenden, weitergehend mit den im Artikel erwähnten spezialisierteren Einrichtungen. Es ist leider nur eine quantitative Studie und fokussiert nur einen Ausschnitt derjenigen komplett ohne Hilfe.

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