Obdachloser schläft auf dem Gehweg vor einem Lebensmittelgeschäft (Quelle: dpa/Thomas Frey)
Audio: rbb | 28.01.2020 | Oliver Soos | Bild: dpa/Thomas Frey

Protest gegen Berliner Obdachlosenzählung - "Gezählt werden Tiere. Menschen muss man helfen"

Gegen die Zählung von Obdachlosen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in Berlin regt sich Kritik. Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen bezeichnet die "Nacht der Solidarität" als würdelos, bedrohlich - und vor allen Dingen nutzlos.

Dass in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erstmals Berlins Obdachlose von freiwilligen Helfern gezählt werden sollen, stößt bei Betroffenen-Vertretungen auf deutliche Kritik.

Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen und das Wohnungslosenparlament in Gründung rufen für den 29. Januar zu mehreren Protestmahnwachen und Kundgebungen gegen die erste Obdachlosenzählung in Berlin, die in der anschließenden "Nacht der Solidarität" stattfinden soll, auf. Am Mittwoch von 18 bis 22 Uhr wollen die Initiatoren vor dem Roten Rathaus ihre Kritik an der Zählung vortragen und auch darlegen, was aus ihrer Sicht stattdessen getan werden muss.

"So wie die 'Nacht der Solidarität' sich jetzt darstellt, handelt es sich um alles andere als eine solidarische Aktion", sagte der Pressesprecher der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen, Stefan Schneider, rbb|24 am Dienstag. Es gebe bislang ja nur eine unverbindliche Absichtserklärung der Senatorin Elke Breitenbach, die Situation der Obdachlosen verbessern zu wollen mit der Zählung. "Aber von Wohnungen ist da keine Rede", sagt Schneider.  

Einladung zur Kundgebung für alle Berliner

In einem Positionspapier, das die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen auf ihrer Website veröffentlicht hat [wohnungslosentreffen.de], wird die anstehende Obdachlosenzählung als "bedrohlicher" und "würdeloser Vorgang" bezeichnet. Die Zählung habe eine "Alibi-Funktion", heißt es weiter. Tiere würden gezählt, Menschen müsse – vor allem mit Wohnungen – geholfen werden.

Die Initiatoren der Kundgebung bezweifeln zudem generell den Nutzen der Zählung, weil unauffällige Obdachlose nicht erkannt, sich andere der Zählung entziehen und viele obdachlose Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Aktion im nicht öffentlichen Raum aufhielten, gar nicht mitgezählt würden. Auch befürchtet die Selbstvertretung, dass im Anschluss an die Zählung die verschiedenen Teilgruppen obdachloser Menschen gegeneinander ausgespielt werden könnten: beispielsweise Menschen aus anderen Ländern oder Menschen ohne Papiere oder Leistungsansprüche. Zudem, so die Kritik, könne man keinen Zusammenhang zwischen der Zählung und der Schaffung von bezahlbarem und menschenwürdigem Wohnraum für Obdachlose erkennen.

Auf der Kundgebung, zu der die Berliner Bevölkerung ausdrücklich eingeladen ist, wolle man über die eigene Sichtweise ins Gespräch kommen und "allen obdachlosen Menschen gedenken, die auf der Straße verstorben sind".

Über 3.700 Freiwillige werden in der Nacht unterwegs sein

In der von der Senatsverwaltung für Soziales initiierten "Nacht der Solidarität" ab dem späten Mittwochabend von 22 bis 1 Uhr werden mehr als 3.700 freiwillige Helfer in über 600 Teams auf festgelegten Routen durch Berlins Innenstadt laufen und Obdachlose ansprechen und erfassen. Die Beantwortung der Fragen ist freiwillig. Wer nicht antworten möchte, wird nur gezählt.

Die Zählung soll bessere Erkenntnisse darüber bringen, wie viele obdachlose Menschen in Berlin auf der Straße leben. Bisher gibt es lediglich Schätzungen. Diese schwanken zwischen 6.000 und 10.000 Menschen. Durch genauere Zahlen soll im Anschluss an die Zählung das Berliner Hilfesystem besser an den Bedarf angepasst werden.

Wohlfahrtsverbände und Sozialarbeiter fordern seit langer Zeit eine statistische Grundlage, um Menschen von der Straße das ganze Jahr über passende Unterstützung anbieten zu können - also mehr als die bisherige Kälte-Nothilfe im Winter.

Zählung auch in Brandenburg?

In Brandenburg wird es eine solche Erfassung vorerst nicht geben. Siegfried Unger, Mitglied im paritätischen Wohlfahrtsverband und der Landesarmutskonferenz, erklärte im rbb: "Die Fläche ist besser überschaubar als die Stadt Berlin. Daher glaube ich gar nicht mal, dass wir eine Zählung in dem Sinne brauchen."

Stattdessen schlägt er eine Zählung über die Verwaltung und die sozialen Träger vor, um einen Überblick zu haben, wie die Situation im Land ist. Dieses Lagebild sei Planungsgrundlage. "Dafür gibt es ein Sozialministerium und Verantwortliche in den Verwaltungen, die sich dem Thema annehmen müssen", so Unger.

Sendung: Abendschau, 29.01.2020, 19:30 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Mir fällt zu diesem Artikel nur ein:
    " Machst du was,ist es falsch,machst du es gleich falsch,ist es auch nicht richtig".
    Die Aktion ist lange angekündigt und so hätte man auch schon lange bei Frau Breitenbach intervenieren und bessere Vorschläge machen können. Die für heute angekündigte Demo ist öffentlichkeitswirksam aber keine Hilfe,da zu spät. Kritik ohne Alternativvörschläge,rechtzeitig und an die richtige Adresse sind hilfreich,das hier nicht.
    Schade um die Zeit der Ehrenamtlichen,wenn so reagiert wird. Alle,die in der Stadt mit diesem Thema befasst sind,sollten sich nun nach der Zählung zusammen setzen und darüber reden,wie es weitergehen soll.
    Schlafplätze mit Hund und Schließfächer in der Unterkunft für pers. Dinge sind wichtig,sichere Schlafplätze für Frauen und wo es passt und wer es will, die Vermittlung von Wohnungen. Z.B. über das Projekt "Housing first".

  2. 10.

    Es wird wieder nur rumgemeckert. Was um Himmels Willen ist denn jetzt wieder so schlimm, das Berlin wissen will, wieviele Obdachlose hier sind. Vielleicht ist ja da der eine oder andere, der wieder zurück in seine Heimat will, aber kein Geld hat. Darüber gab es schon mal einen Bericht. Bloß nix tun und einfach wegschauen. Ja genau, wo bleiben denn die Alternativvorschläge? Reden können sie alle gut, aber beim tun hört es auf.

  3. 9.

    Das ist doch Augenwischerei. Wohnungen, es gibt nicht mal genug bezahlbare Wohnungen geschweige Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose - kostet der Stadt zu viel Geld.

  4. 8.

    "Hmm, geh ich jetzt zum Zählbüro um 18.30 oder zur Kundgebung um 18 Uhr?!" Bitte? Sie melden sich freiwillig und wollen dann kurzfristig abspringen? Ist Ihre Einstellung? Dann lassen Sie es künftig ganz.

  5. 7.

    Ich kann die Kritik nachvollziehen. Aber Totschlagargumente ("nur Tiere werden gezählt") helfen nicht weiter, zumal Bedarf nur eingeplant werden kann, wenn er auch bekannt ist. Wie soll denn jemand wissen, wieviel Wohnraum für Obdachlose geschaffen werden muss, wenn die Zahl der Obdachlosen unbekannt ist? Leider lässt die Betroffenenvertretung einen Alternativvorschlag vermissen.

  6. 6.

    Wie bei Arbeitsmarktstatistiken, steht der Schminkkasten sicher schon bereit.

  7. 5.

    Hmm, geh ich jetzt zum Zählbüro um 18.30 oder zur Kundgebung um 18 Uhr?! Echtes Dilemma. @rbb Danke für den Hinweis auf die Kritik. Was ist denn bei der Forschungswerkstatt an der Charité rausgekommen? Gab es neue Erkenntnisse? Lesenswerte website der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen: http://www.wohnungslosentreffen.de/blog/208-2020-02-29-aufruf-zur-kundgebung-in-berlin.html

  8. 4.

    Wo ein Wille ist, da wird geholfen.
    Diese Zählung jedoch ist bereits im Vorhinein zum Scheitern angelegt.
    Seriöse Datenerhebung sieht anders aus. Das wissen alle, die etwas davon verstehen.
    Wieder nur Augenwischerei auf Kosten derer, die es im Leben am schlimmsten getroffen hat.
    Obdachlose Menschen haben unter der Bevölkerung zu wenig Rückhalt.
    Dabei kann es jeden morgen schon selbst betreffen, denn Schicksalsschläge
    kennen keinen Status.

  9. 3.

    Bin mit der Überschrift nicht einverstanden, Tiere brauchen auch Hilfe, die eigentlich noch mehr!

  10. 2.

    Etwas eigenartig, finde ich für die Betroffenen, diese Aktion aber auch.

  11. 1.

    Wie soll man helfen, wenn man nicht weiß wie vielen geholfen werden muss?
    Bei der Volkszählung wurden auch Menschen gezählt.

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