Freiwillige bei der "Nacht der Solidarität"
Bild: Audio: Inforadio | 30.01.2020 | Oliver Soos

"Nacht der Solidarität" - Freiwillige zählen Obdachlose in Berlin

An Kreuzungen, unter Brücken, in Parks: Obdachlosigkeit ist in Berlin vielerorts sichtbar, doch konkrete Zahlen gab es bisher nicht. In der Nacht zu Donnerstag wurden Obdachlose von Freiwilligen gezählt. Die Aktion ist nicht unumstritten.

In einer bundesweit einmaligen Aktion wurden in der Nacht zu Donnerstag die Obdachlosen in Berlin gezählt. 2.600 freiwillige Helfer - deutlich weniger als angemeldet waren - durchstreiften auf festgelegten Routen die zwölf Bezirke, um Daten über die auf der Straße lebenden Menschen zu erheben. Mit dem Wissen aus der sogenannten "Nacht der Solidarität" sollen bessere Hilfsangebote für diese Menschen geschaffen werden. Ergebnisse liegen voraussichtlich am 7. Februar vor.

Berlin will Vorreiter für andere deutsche Städte sein

Berlin folgt mit dem Pilotprojekt dem Vorbild von Städten wie Paris und New York. Bisher gibt es zur Lage in der deutschen Hauptstadt lediglich grobe Schätzungen: Angenommen werden 6.000 bis 10.000 Obdachlose, bei vermutlich steigender Tendenz in den vergangenen Jahren. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leben bundesweit 41.000 Menschen im Laufe eines Jahres ohne jede Unterkunft auf der Straße.

"Ich hoffe sehr, dass wir hier auch einen Stein ins Rollen bringen für Deutschland", sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Mittwochabend vor dem Start der von ihr angestoßenen Aktion. Sie hoffe auf Nachahmer in anderen Städten.

Die Freiwilligen, darunter viele Studenten, sollten die Obdachlosen nicht nur zählen, sondern nach Möglichkeit mit Hilfe eines Fragebogens mehr über sie erfahren: Es geht um Alter, Geschlecht, Herkunft und die Situation auf der Straße. Dabei gab es Leute, die nicht reden wollten, sagte Stefan Strauß, Sprecher der Senatssozialverwaltung, der Deutschen Presse-Agentur. "Es gab aber auch Obdachlose, die sehr ausführlich erzählt haben."

Zählung verlief ohne Zwischenfälle

Die standardisierten Worte zur Gesprächseinleitung auf einem Infoblatt für Helfer lauteten etwa: "Schlafen Sie auf der Straße?" und "Sind Sie einverstanden, dass wir Ihnen jetzt unsere Fragen stellen?" Wer nicht gefunden werden wolle, den werde man auch nicht suchen - niemand solle von der Straße vertrieben werden, betonte die Sozialverwaltung.

Aufgefallen sei unter anderem, dass wenige Menschen in Hinterhöfen übernachteten, sagte Strauß. Viele Obdachlose nächtigten dafür unter Brücken - was auch mit dem schlechten Wetter zusammenhängen dürfte. Zwischenfälle gab es ersten Erkenntnissen zufolge nicht.

Ehrenamtliche der Stadtmission wünscht sich psychische Hilfe für Wohnungslose

Unter den Zählenden war auch Antje Gebauer, eine Ehrenamtliche der Berliner Stadtmission. Da sie es durch ihre Arbeit gewohnt ist, mit den Menschen auf der Straße zu sprechen, war es für sie keine Überwindung, die Wohnungslosen zu bitten, ihre Fragen zu beantworten, sagte sie im Interview mit rbb radioeins. In ihrem Team halfen sieben Berliner bei der Zählung, unter anderem der Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Während ihrer dreistündigen Zählung konnten sie 53 Menschen befragen und weitere 20 Menschen per Strichliste zählen, die nicht mit ihnen sprechen wollten oder schon schliefen.  

Gebauer war allerdings überrascht, wie viele Befragte unter 18 Jahre alt oder auch psychisch krank waren. "Das sind so Momente, wo man wirklich denkt: Wir brauchen mehr Sozialarbeiter auf der Straße. Wir brauchen mehr Menschen, die den Leuten auch psychisch helfen. Das fand ich extrem bewegend." Denn viele Wohnungslose würden in Theorie wissen, dass sie zu einem Amt oder einem Psychologen gehen sollten. Doch dann fehle ihnen die Kraft, ohne Hilfe ihre Probleme anzugehen. "Da klafft es und auf diesem Weg gehen viele verloren."

"Das wird nicht die letzte Zählung sein"

Ursprünglich hatten sich etwa 3.700 Freiwillige zum Zählen angemeldet. Da aber damit gerechnet worden war, dass weniger kommen würden, konnte die Zählung trotzdem wie geplant laufen, hieß es. Lediglich zwei von 617 Zählräumen seien letztlich nicht besetzt gewesen. Ansonsten wurde nach Angaben von Strauß jede Straße in der Stadt abgelaufen. "Letztlich haben wir in einer Nacht erreicht, die obdachlosen Menschen in Berlin zu zählen", sagte der Sprecher.

Sozialsenatorin Breitenbach schränkte ein, sie gehe zwar nicht davon aus, dass tatsächlich sämtliche Obdachlose in der Stadt gezählt werden könnten. Am Ende sei man dennoch einen Schritt weiter. Ziel sei eine langfristige Statistik. "Das wird nicht die letzte Zählung sein", so Breitenbach. Alle anderthalb bis zwei Jahre etwa sei eine Wiederholung denkbar.

"Ich merke, dass es jedes Jahr mehr Obdachlose gibt, auch hier im reichen Charlottenburg. Ihnen soll geholfen werden", sagte ein 50-Jähriger, der sich als Freiwilliger gemeldet hatte. Für die Teams galten Regeln für den Umgang mit den Menschen auf der Straße: nicht aufwecken, nicht duzen, nicht drängen. Keine Fotos, keine Posts. Beim Kontakt mit aggressiven Menschen: sofort weggehen.

Kritik an Zählaktion

Die Aktion erntete nicht nur Zuspruch: Die Zählung stelle keine direkte Hilfe dar, wandten Kritiker ein. Auch mehr Wohnungen würden damit nicht geschaffen. "Wohnungen statt Zählungen", war daher der Titel einer Protestkundgebung. Unter Obdachlosen schienen die Meinungen im Vorfeld auseinanderzugehen: Während manche die Zuwendung schätzten, bangten andere um ihre Verstecke.

Wie belastbar die Daten ausfallen, ist offen. Er warne vor zu hohen Erwartungen, erklärte Oliver Bürgel von der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. So gut und wichtig die Zählung sei, bleibe sie doch erst einmal "eine unvollständige Momentaufnahme". Zwar wird die Zählung wissenschaftlich begleitet, die Umsetzung aber lag letztlich in großen Teilen in der Hand von Laien. Eine Begleitung der Zählteams durch Journalisten in der Nacht war nicht erwünscht - zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Obdachlosen, wie es hieß.

Misstrauisch, dass Zahlen um der guten Sache wegen nach oben korrigiert werden, zeigte sich die Verwaltung vorab nicht. "Wir gehen davon aus, dass Obdachlose eher übersehen werden, als dass Helfer sie dazuzählen", sagte Sprecherin Karin Rietz. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen: Der "taz" sagte ein Mitarbeiter der Pariser Sozialverwaltung, dass man dort bei bisherigen Zählungen einen Frauenanteil von 12 beziehungsweise 14 Prozent festgestellt habe. Vorher sei die staatliche Statistik von zwei bis vier Prozent weiblichen Obdachlosen ausgegangen.  

4 Kommentare

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  1. 4.

    Schaut mal hier:
    https://www.arte.tv/de/videos/079475-014-A/re-gestrandet-in-berlin/ - jetzt in der Mediathek von Arte

  2. 3.

    Es sind am Ende nicht alle gekommen, sondern deutlich weniger, wegen Krankheit usw. Alle Grüppchen bestehen aus mehreren Menschen. Es gibt Bereiche, da muß du richtig lange laufen und stellst fest, da ist niemand usw. Berlin hat fast 900 qkm Fläche. Das ist eine Menge Platz.

  3. 2.

    Was soll das heißen, Menschen zählt man nicht? So ein Blödsinn. Es gibt auch eine Volkszählung. Und daraus schließen dann Fachleute, welche Wohnungen etc. gebraucht werden. Die Obdachlosen könnten ja einfach vorbeikommen, man führt eine Strichliste usw. Wie soll denn etwas verändert werden, wenn wir nicht wissen, ob da draußen sechs- oder zehntausend Menschen leben? Sind die da draußen zufrieden und wollen nichts?

  4. 1.

    Ich stutzte als ich las dass 3.700 Zähler geschätzte 6 -10.000 Obdachlose zählen wollten.Das sind 3 Obdachlose pro Zähler.
    .

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