Symbolbild: Oberarzt Dr. Müller-Lobeck, Leiter der Kinder-Anästhesie im Werner-Forßmann-Krankenhaus Eberswalde. (Quelle: dpa/H. Weidl)
Video: Brandenburg aktuell | 08.01.2019 | Katja Geulen | Bild: dpa/H. Weidl

Medizinermangel in Brandenburg - Bürokratie verhindert Einstellung von jungen Ärzten

Krankenhäuser können derzeit keine Medizin-Absolventen von polnischen Universitäten einstellen. Der Klinik-Konzern Asklepios schlägt Alarm: Wenn die bürokratischen Hürden nicht abgebaut werden, drohe die Schließung von Klinikstationen. Von Katja Geulen

Nur zwei Absolventen aus dem Diplom-Jahrgang 2019 haben es rechtzeitig geschafft. Sie hatten ihre Approbation im Juli in Hamburg bekommen, einer von ihnen arbeitet seitdem im Schwedter Krankenhaus als Arzt. Andere Absolventen desselben Studiengangs, mit demselben Diplom, sind jedoch nur Tage später von der Brandenburger Behörde abgelehnt worden. Sie dürfen nur hospitieren. Patientenakten lesen statt Praktizieren, Mindestlohn statt Assistenzarztgehalt. Auch weitere Diplom-Mediziner hängen völlig in der Luft und stellen derzeit keine Anträge auf Approbation, weil eine Ablehnung eine vorläufige Sperre bedeuten würde.

Dabei waren von den 15 Absolventen des internationalen Studiengangs bereits fünf fest im Schwedter Klinikum eingeplant, weitere sollten nach Eberswalde kommen und schon seit einem halben Jahr hier arbeiten. "Diese Stellen sind bis heute nicht besetzt, der Nachwuchs wird aber hier dringend gebraucht", erklärt der ärztliche Leiter, Rüdiger Heicappell. Das Problem liegt seiner Ansicht nach an der Brandenburger Approbationsbehörde. Eine im April 2019 geänderte EU-Richtlinie verhindert nun, was vorher Normalität war: die Anerkennung medizinischer Diplome polnischer Universitäten.

Gleicher Studienumfang - keine Anerkennung

Dabei ist die Ausbildung exakt die gleiche wie bisher, besteht regulär aus sechs Jahren Studium, 5.000 Stunden Theorie und 13 Monaten Praxis. Das ist exakt derselbe Umfang eines Medizinstudiums in Deutschland. Doch die Brandenburger Behörde habe das nicht verstanden, sagt Heicappell. Was sich geändert hatte, war die Anerkennung für Ärzte in Polen selbst. Dort wird nun für die polnische Facharztlaufbahn nach dem Studium noch eine Prüfung zu polnischem Recht und Ethik verlangt, sowie eine Art "Arzt im Praktikum", das in Deutschland vor Jahren abgeschafft wurde. Weil Polen das so auch in die EU-Richtlinie für Berufsanerkennung geschrieben hat, verlangen nun auch deutsche Behörden diese Nachweise. Für deutsche Absolventen sind diese aber so gut wie unmöglich zu bekommen, denn meist sprechen sie kaum Polnisch.

So sind auch Isabel Grube und Laura Schneider völlig verunsichert, wie es für sie weitergehen soll. Die Medizinstudentinnen stehen kurz vor dem Abschluss des internationalen Studiengangs an der PUM, der Pommerschen Medizinischen Universität in Stettin. "Wenn unser Diplom nun nicht mehr anerkannt wird, verlieren wir wertvolle Zeit, die wir schon am Patienten in Deutschland verbringen könnten", sagt Schneider. Grube ergänzt, dass auch sie bereits ein Stellenangebot habe, wo man ab Sommer fest mit ihr rechne. Insgesamt stehen rund 100 deutsche Studierende in Polen im Juli dieses Jahres mit dem gleichen Problem da.

Dekan: Anerkennung in keinem anderen Land so schwer

Ein internationales und EU-zertifiziertes Medizinstudium wird für zahlende Studierende an mehreren polnischen Universitäten angeboten, seit über 20 Jahren auch an der PUM in Stettin. Über 700 Studierende aus 40 Ländern nehmen das englischsprachige Angebot zur Zeit wahr. In keinem anderen Land gebe es mit der Anerkennung solche Probleme, sagt Lezcek Domanski, der Dekan. In der Schweiz und Norwegen habe man ähnliche bürokratische Hürden mit einem kurzen bilateralen Schriftwechsel erledigt. Dass man es in Deutschland dem eigenen Medizinernachwuchs so schwer mache, verstehe er nicht.

Domanski und Heicappell hatten vor sechs Jahren eine Kooperation deutscher Krankenhäuser mit der PUM ins Leben gerufen so dass deutsche Medizinstudenten sogar ihre Praxissemester in deutschen Krankenhäusern machen können. Nur 45 Minuten Fahrtzeit sind es von Stettin nach Schwedt. Für Uckermärker Kliniken auch eine große Chance, junge Ärzte ans eigene Haus zu binden. Absolventen aus Hamburg oder Köln, die sonst eher nicht in die Randregion Brandenburgs kommen würden, betont Heicappell.

Studierende hofften auf schnelle Übergangslösung

Nachdem im August 2019 die ersten Schwierigkeiten auftraten, haben Heicappell und Domanski etliche Telefonate, Schriftwechsel und Besuche bei zahlreichen Behörden hinter sich. Auch das Studentenparlament appellierte schon an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Bisher ohne sichtbares Ergebnis. Denn in Deutschland ist die Approbation Ländersache. Doch die Länder erwarten eine einheitliche Klärung.

Hinzu kommt, dass die Brandenburger Behörde bislang tatsächlich am Problem vorbei argumentiert hatte – Ministerin Ursula Nonnemacher erklärte am 8. Januar vor dem Gesundheitsausschuss, sie habe erst jetzt erkannt, dass es ein rein formales Problem sei und es dabei nicht um fehlende Qualifikationen gehe. Trotzdem: Eine Lösung könne nur der Bundesgesundheitsminister, beziehungsweise die polnische Regierung herbeiführen. Im April 2020 gebe es die Möglichkeit für Polen, die Richtlinie neu zu formulieren. Ähnlich hat sich inzwischen auch Jens Spahn in einer Stellungnahme geäußert. Die Absolventen und Studierenden sind enttäuscht, weil sie mit einer sofortigen Übergangslösung gerechnet hatten – nun wo das bürokratische Missverständnis aufgeklärt und das Problem als dringlich erkannt wurde.

Den schwarzen Peter hin und her schieben, so nennt der ärztliche Leiter des Schwedter Krankenhauses, Rüdiger Heicappell, die bisherigen Reaktionen der Behörden. Nun liegen große Hoffnungen auf einem Treffen Spahns mit seinem Amtskollegen in Warschau, das am heutigen Montag und morgigen Dienstag stattfindet.

Beitrag von Katja Geulen

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11 Kommentare

  1. 10.

    Es fehlen Ärzte, aber Abiturienten, die den NC nicht ganz schaffen, jedoch sehr gerne Arzt werden wollen, müssen sich umorientieren. Es fehlen Informatiker, aber Abiturienten, die bereits Informatik im Abi hatten, also über Grundwissen und Interesse verfügen, fallen massenhaft durch die Uniprüfungen durch. Ich verstehe diesen Fachkräftemangel nicht. Warum werden diese Leute nicht viel besser geleitet und gecoacht? Das ganze System ist lieblos und selbstzerstörerisch.

  2. 9.

    „Denn in Deutschland ist die Approbation Ländersache. Doch die Länder erwarten eine einheitliche Klärung.“

    Der deutsche Föderalismus mal wieder. So macht man sich lächerlich.

  3. 7.

    Trotz eines Ärztemangels werden zu wenig Ärzte ausgebildet (zu hoher NC/zu wenig Ausbildungsplätze). Dann lassen sich welche vom Ausland ausbilden und werden hier aus nichtigen Gründen nicht zugelassen. Es ist verrückt.
    Das sind die wichtigen Probleme,die in unseren Medien viel zu kurz kommen.

  4. 5.

    Die Wurzel des Übels ist nicht die Hürde für polnische Jungärzte, sondern der Lohndumping an Ärzte die hier bzw. in Berlin ausgebildet wurden! Da liegt nämlich das wahre Problem! Warum bekommt ein junger Arzt im Schwarzwald, oder in Bayern fast 1000 € mehr im Monat, als im Land "es kann so einfach sein" Brandenburg?

  5. 4.

    Wie in vielen anderen Dingen ersticken wir an unseren eigenen Gesetzen und Vorschriften. Niemand ist bereit zügig etwas zu verändern, lieber schiebt man den schwarzen Peter den anderen zu. Ja keine Verantwortung übernehmen, das ist Politik in Brandenburg.

  6. 3.

    Brandenburg ist bereits in der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit - und in der Bildungsbedeutungslosigkeit. Die polnischen Bildungserfolge im intern. Vergleich müssten eigentlich in Brandenburg nicht nur zur automatischen Anerkennung führen, sondern auch zu höheren Einkommen - weil man es ja in umgekehrten Fällen auch so handhabt.

  7. 2.

    Außer, dass die Namen der beiden Studentinnen im Text " gemischt" wurden, ist der Artikel von hoher Brisanz und Bedeutung.
    Dieses Thema der verweigerten Approbation besteht in allen Bundesländern und alle legen das gleiche Verhalten wie Brandenburg an den Tag.
    Man kann direkt von einem Berufsverbot für Ärzte durch Behördenwillkür sprechen.
    Dabei besteht bundesweit akuter Ärztemangel in allen Fachrichtungen und viele der Absolventen von deutschen Universitäten wandern in die Pharmaindustrie oder ins Ausland ab.
    Da ist es umso sträflicher im Interesse der Patientenversorgung in der Bundesrepublik Deutschland, hervorragend ausgebildeten und motivierten Ärzten, die ein dem deutschen Studium vollständig entsprechendes Studium absolviert haben, die Zulassung als Arzt zu verweigern.
    Wie begründen das die verantwortliche Politik und die zuständigen Behörden gegenüber der zu versorgenden Bevölkerung?

  8. 1.

    Die grassierende Weltfremdheit von Verantwortlichen wird uns wirtschaftlich in der Bedeutungslosigkeit verschwinden lassen. Diese Mutlosigkeit haben die Wähler in Brandenburg bereits quittiert, der Rest geht dann von ganz alleine.

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