Eine Putzfrau wischt in einem Klassenzimmer in Berlin (Quelle: imago images/photothek)
Audio: Radioeins | 23.01.2020 | Interview mit Jörg Tetzner | Bild: imago images/photothek

Interview | Initiative "Schule in Not" - "Schulreinigung muss wieder in öffentliche Trägerschaft"

Schluss mit dreckigen Toiletten und Fluren, fordert die Initiative "Schule in Not". Doch die Reinigung wird an private Firmen vergeben, wo teils prekäre Beschäftigungsverhältnisse herrschen. Das muss sich ändern, meint Jörg Tetzner, Schulleiter und Mitinitiator.

rbb: Herr Tetzner, dass Schulen dreckig sind, hören wir seit Jahren. Wie dramatisch ist die Situation?

Jörg Tetzner:  Die Situation ist kein singuläres Problem einzelner Schulen, sondern ein struktureller Mangel. Zeitnot und prekäre Beschäftigungsverhältnisse führen dazu, dass Reinigungskräfte bestimmte Bereiche nicht reinigen können. Dabei kann es sich um dreckige Toiletten, Flure oder Unterrichtsräume handeln. Dabei sprechen wir noch gar nicht über Flächen, die eigentlich gewischt werden müssten, damit man in einer sauberer Umgebung unterrichten kann.

Was läuft bei den Reinigungskräften schief?

Die Schulreinigung wurde Ende der 1970er oder 1980er Jahre outgesourct. Irgendjemand hat sich gedacht, privat ist besser und es wird billiger. Das war aber ein Schuss in den Ofen, weil die Reinigung der Schulen durch die private Vergabe natürlich auch unserer Kontrolle entzogen wurde. Das Reinigungspersonal untersteht nicht dem Hausmeister oder dem Schulleiter, sondern die Leute arbeiten für ihre Firma. Von der sie gegebenenfalls schlecht oder manchmal auch gar nicht bezahlt werden.

Es gibt viel Schwarzarbeit, es wird auch viel nachts gearbeitet. Das sehen wir eben nicht. Wir können auch keinen richtigen Kontakt zu den Reinigungskräften aufbauen, weil sie dauernd wechseln. Wenn den Firmen wegen Mangelleistung gekündigt wird, kommt der nächste, der auch nicht viel besser ist. Aus diesem Teufelskreis kommen wir nur heraus, wenn die Reinigung der Schulen in öffentliche Trägerschaft zurückgeführt wird.

Haben Sie mal versucht, mit den Firmen zu sprechen oder mit den Reinigungskräften?

In den letzten sechs Monaten, als wir das Bürgerbegehren vorangetrieben haben, haben wir als Verein natürlich mit ganz vielen Reinigungskräften gesprochen und auch mit den Firmen.  Letztendlich liegt das Problem im Unterbietungswettbewerb. Es muss ein billiges Angebot abgegeben werden. Das Angebot ist dann aber zu billig, um auch zu reinigen. Das berichten uns die Reinigungskräfte. An die Öffentlichkeit können sie aber aufgrund ihrer prekären Beschäftigungsverhältnisse nicht gehen.

Sie bekommen auch von vielen Politikern Zustimmung. Der Senat hat für dieses und nächstes Jahr mehr Geld versprochen. Warum reicht Ihnen das nicht?

Das ist ein kleiner Erfolg, den wir auch feiern. Allerdings ist unsere Intention nicht gewesen, dass man einfach mehr Geld in dieses schlechte System pumpt, sondern dass man das System strukturell ändert. Und wenn nun jeder Bezirk einfach eine Million Euro mehr bekommt, fließt das Geld auch wieder in die private Vergabe. Letztendlich sind die Probleme die selben. Wir können nicht richtig kontrollieren, wir können nicht einwirken und wir können nicht sicherstellen, dass das keine prekäre Beschäftigung stattfindet.

Sie haben gestern mit der Initiative "Schule in Not" fast 12.000 Unterschriften an die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung übergeben. Wie sieht der nächste Schritt aus?

Das war wirklich ein schönes Gefühl, dieses Ergebnis von sechs Monaten Arbeit zu übergeben. Die Politik musste es applaudierend aufnehmen. Der nächste Schritt muss jetzt aber sein, dass sich die Politiker im Bezirk ein Konzept überlegen, wie die Schulreinigung schrittweise zurückgeholt werden kann. Und das geht. Das kann Neukölln, und das wird auch nicht teurer. Wie der Bürgermeister (Anm. der Redaktion: Martin Hikel (SPD)) immer sagt, sondern das kann sogar Geld sparen, weil man den ganzen Profit des Unternehmens nicht mehr bezahlen muss.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Jörg Tetzner führten Tom Böttcher und Marco Seiffert, Radioeins.

Sendung: Radioeins, 23.01.2020, 09:40 Uhr

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15 Kommentare

  1. 15.

    Das man eine solche Selbstverständlichkeit betonen muß erstaunt mich immer wieder. Erst recht wenn man das in Jahre 2020 tun muß.

    Wer heute noch körperliche Züchtigung als Erziehungsmittel ansieht, der hat immer noch nicht verstanden was man damit Kindern antut und/oder gehört einer Ideologie an die das ignorieren will. Faschisten z.B. die eine "Bestenauslese" im Sinne von "der Stärkere überlebt" propagieren.

    Widerlich.

  2. 14.

    Nein. Kinder vor der versammelten Klasse mit Ohrfeigen oder schlimmer noch mit dem Stock zu bestrafen wurde Gott sei Dank recht früh abgeschafft. Zudem waren damals schon nicht alle Lehrkräfte der Ansicht, Prügel sei das einzige Mittel der Züchtigung. Wenn Sie anderer Meinung sind, möchte ich nicht Kind sein bei Ihnen zuhause. Richtige Erziehung an den Schulen kann und sollte auch anders gehen. Im übrigen lernte ich früh was Ordnung, Sauberkeit und Fleiß bedeutet. Dazu mußte man mich nicht regelmäßig prügeln. Es war Usus, das jeder Schüler( ja, Betonung liegt auf männl. Schüler) in der Klasse mal dran war nach Schulschluß für die Tafel, die großen Karten etc. Sorge zu tragen. Das war keine Bestrafung, sondern selbstverständlich.

  3. 13.

    Ich finde immer wieder lustig wie die Wut Leute aus ihren Löchern kriechen bei den kleinsten schulthemen und doch so wirklich gar keine Ahnung haben was wirklich abgeht.
    Und dann noch am besten alles verstaatlichen wollen und die Kosten in die Höhe treiben wollen.
    Aber mal ehrlich wer würde denn mehr Abgaben zahlen damit die Schule täglich glänzt wie ein 5 Sterne Restaurant?

  4. 11.

    Sehr gut kommentiert. Allerdings habe ich auch noch in der Grundschule die Prügelstrafe sehr ausführlich erlebt. Hatte man sich als Schüler daneben benommen, war die höchste Strafe zum Rektor geschickt zu werden. Dieser hatte einen Stock, den er auch anwandte. Wäre heute einfach undenkbar.

  5. 9.

    Auch das ist nicht ganz richtig, täglich fegen und zwei mal wischen .
    Die meisten Schulhausreiniger fegen garnicht mehr. Sie gehen mit einem ölgetränkten Wischmopp über die flächen.

  6. 8.

    Kein Schulpersonal darf aufgrund der hohen Feinstaubbelastung einen Besen in die Hand nehmen und fegen. Keine Kinder, keine Lehrer und keine Erzieher. Ist seit Jahren so angeordnet und sollte strikt eingehalten werden. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, das es doch jemand macht, aber zulässig ist es an Berliner Schulen nicht. Was auch immer völlig falsch vermittelt wird, es gibt keine tägliche Reinigung der Klassenräume in den meisten Berliner Bezirken. Klassenräume und Flure werden 2,5 mal pro Woche gefegt und gewischt, Sanitärbereiche täglich. Bei Baumaßnahmen wird oft kurzzeitig eine tägliche Baureinigung durchgeführt, die allerdings aus anderen Töpfen finanziert wird.

  7. 7.

    Die Klassenräume werden meines Wissens auch heute noch am Ende des Schultages von den Schüler*innen gefegt, allerdings ersetzt das nicht eine professionelle Reinigung. Und was ist mit den Toiletten, Gängen etc.?
    Und die Lehrer*innen sind sicher nicht für das Outsourcen der Reinigung zuständig. Aber es sind ja immer die Lehrer*innen Schuld... Und wird in der freien Wirtschaft nicht auch so manches outgesourct?

  8. 6.

    Das gleiche bitte auch bei der BVG

  9. 5.

    Das ist doch wieder mal typisch da erfinden die dich wieder mal das Rad neu zu meiner zeit gab es die Hauseigenen Reinigungkräfte und es war auch nichtsoviel kaputt aber Frendfirmen sind ja billig ha ha

  10. 4.

    In meiner Schulzeit haben die Schüler, die als letztes den Raum benutzten durchgefegt, die Stühle hochgestellt und die Tafel abgewischt. Es war jeder mal dran und hat damit Verantwortung getragen. Dann kam die Reinigungskraft und konnte gut durchwischen. Der Hausmeister hatte immer ein scharfes Auge auf uns und hat Schüler direkt angesprochen, war schön peinlich.
    Aber es hat funktioniert und keiner hat sich einen Zacken ausgebrochen. Ich befürchte jedoch einen mentalen Widerspruch das es unsere Kinder doch heute nicht auch noch aufgeladen werden kann.
    Vielleicht sollten wir manche Dinge an uns selbst beobachten und diese Arbeiten nicht als Drecksarbeiten für Ungelernte oder Mädchen abstempeln und bei einigen Jungen das Weltbild etwas zurechtrücken. Natürlich ist eine Vergabe nach Kostenhöhe das Dümmste, was sich Verantwortliche ausdenken können. Das spiegelt allerdings auch die Unwissenheit von einigen Lehrern und anderen Verantwortlichen wieder. Auf unsere Kinder lauert irgendwann das Leben mit Arbeit, Entlohnung, Steuern, Abgaben und Leistungsorientierung. Oder der Öffentliche Dienst mit seiner erschreckenden Weltfremdheit.

  11. 3.

    Meine Schulzeit liegt zwar über 65 Jahre zurück und zu dieser Zeit gab es die Probleme noch nicht.
    Da wurden die Schulen von eigenen Kräften gereinigt. Fremdfirmen waren nicht vorhanden.
    Unser Sohn ist Hausmeister an einer Schule und hat dieses Problem mit den Fremdfirmen ständig am Hals.
    Man muß aber auch sagen dass die Schüler heute sich einen Dreck darum kümmern ob die Toiletten sauber hinterlassen werden oder nicht. Da werden ganze Rollen Toilettenpapier in den Abfluß mutwillig gestopft, Wände beschmiert, Abfall
    auf die Flure geworfen usw.
    Ich Frage mich manchmal ob diese Kinder zu Hause dies auch so machen.
    Die Erziehung fängt meines Erachtens zu Hause an.

  12. 2.

    Bitte auch unsere Dienststellen mit landeseigenen Mitarbeiter reinigen lassen. Seit wir die privaten haben ist es nicht mehr sauber und wir putzen hinterher.

  13. 1.

    Das ist auch bitter nötig. Die Schulen sind wirklich zum großem Teil verdreckt.
    Allerdings sollten auch die Eltern einen besseren Einfluss auf ihre Kinder ausüben.

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