Ein Blick zwischen die Zäune im Vernichtungslager Ausschwitz (Bild: imago images/Omar Marques)
Audio: rbb Kultur | 27.01.2020 | Maria Ossowski | Bild: imago images/Omar Marques

Kommentar | 75. Jahre Auschwitz-Befreiung - Judenfeindlichkeit, darum geht es

Ein dreiviertel Jahrhundert liegt die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zurück. Doch unsere Erinnerungskultur ist auf dem Irrweg. Unsere Gesellschaft und unsere Bildungseinrichtungen haben bei dem Thema versagt. Von Maria Ossowski

Wenn wir authentisch und mit wahrhaftigen Gefühlen erinnern wollen, müssen wir uns von ein paar Gepflogenheiten trennen: von sprachlichen Versatzstücken, historischen Legenden und verlogenen Instrumentalisierungen.

Erstens: Es gibt heute wenig zu feiern. Als die Rote Armee in Auschwitz eintraf, waren die Täter getürmt und ein paar Tausend fast verhungerte Menschen, viel zu erschöpft, um zu jubeln. Ein Großteil der übriggebliebenen Gefangenen marschierte dem Tod entgegen ins "Reich".

Zweitens: Auschwitz, so beschwören viele Reden, soll uns zeigen, wohin Hass damals geführt hat und heute hinführen kann. Das Problem: Es handelte sich nur selten um Hassverbrechen. Es waren vor allem Gleichgültigkeit und Gier, die über sechs Millionen Juden ins Ghetto, vor die Maschinengewehre der Einsatztruppen und ins Gas getrieben haben. Gleichgültigkeit der Nachbarn, die bei den Deportationen aus den Fenstern guckten und darauf gierten, jüdischen Besitz zu plündern. Gleichgültigkeit der Eisenbahner, die die Viehwaggons gen Osten fuhren. Gleichgültigkeit der Soldaten und Wachmannschaften, die doch nur ihre Pflicht taten. Kein Hass. Gier und maschinenhafte Gleichgültigkeit. Beides ist viel tiefer in der menschlichen Seele vergraben und damit gefährlicher und schwerer zu bekämpfen als der allseits zitierte Hass.

Drittens: Die ermordeten Juden Europas dürfen wir nicht instrumentalisieren. Nicht für den Kampf gegen rechts, nicht für Warnungen vor der AfD. Dieses monströse Verbrechen verbietet jeden Vergleich mit der deutschen Gegenwart. Wir müssen begreifen: Die Juden sind vollkommen umsonst gestorben. Völlig sinnlos. Jede Instrumentalisierung soll nur den Schuldschmerz lindern. Nach dem Motto: Wenigstens rufen wir heute "Nie wieder". Das tut mal gut.

Wie sollten wir stattdessen erinnern?

Erstens: Unsere Bildungspolitik hat versagt, wenn ein Viertel der Schüler nicht mehr weiß, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war. Ein halbes Jahr bis zur zehnten Klasse müssten Geschichtslehrer verbindlich via Curriculum den Zweiten Weltkrieg und die Shoah behandeln und anschließend erst ein KZ besuchen - bitte mit sorgfältiger Nachbereitung. 

Zweitens: Judenfeindliche Äußerungen müssten gesellschaftlich genauso sanktioniert werden wie Kindesmissbrauch. Weg mit dem aseptischen und falschen Begriff Antisemitismus. Judenfeindlichkeit, darum geht es. Und wer die proklamiert, gehört hinter Gitter.

Drittens: Antisemitismusbeauftragte sind oft Feigenblätter und Symptome unserer Hilflosigkeit. Wenn wir schon Kämpfer gegen Judenfeindlichkeit brauchen, dann sollten sie zuallererst Juden zuhören und deren Vorschläge ernstnehmen. Die sind die Profis, denn sie kennen diese hässlichen Affekte seit 2000 Jahren.

Last, not least: Wenn wir für jede in der Shoah ermordete Jüdin, jeden Juden, jedes jüdische Kind eine Minute schweigen müssten, wäre es elf Jahre still in Deutschland. Wir müssten uns wenigstens einen Tag besinnen und zwei Minuten überall im Lande innehalten, so wie dies in Israel am Jom haScho'a geschieht. Erzählen und wissen, um zu erinnern. Schweigen, um zu fühlen. Nur so können wir die Erinnerung aus dem Endlager sinnentleerter Rituale befreien. 

Beitrag von Maria Ossowski

5 Kommentare

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  1. 5.

    Für mich ein sehr kluger und differenzierter, in die Feinheiten gehender Kommentar.
    Gesellschaftlich sind wir m. E. viel zu schnell geworden und in einem billigen Reiz-Reaktions-Muster befangen, anstatt diesem einschneidenster aller Verbrechen wirklich auf den Grund gehen zu können.

    Immer noch werden Dinge und Umstände miteinander verrechnet, so, als würde das eine kleiner oder etwas anderes vergleichsweise größer. Soweit aber Dinge und Umstände für sich betrachtet werden, tut sich wirklich ein Erschrecken auf, zu was Menschen fähig sind.

  2. 4.

    Ich würde es nicht vom Alter abhängig machen. Vorurteile, Unwissenheit und Gleichgültigkeit gibt es durch alle Altersgruppen, Nationalitäten, politischen Gruppen.

  3. 3.

    Wirklich sehr gut geschrieben! Dem kann man sich nur anschließen. Vielleicht sollten deutsche Schüler nicht in irgendein KZ fahren vielleicht sollten auch unsere Schüler anstatt Bildungs/ Sportreisen zb in denn Alpen zu machen zum Ski fahren, lieber mit entsprechender vor und Nachbereitung sich nach Auschwitz begeben und zwar alle Jugendlichen. Um es wirklich zu verstehen was dort geschah.

  4. 2.

    So einen differenzierten und genau analysierten Beitrag zum Thema Holocaust habe ich noch nie gelesen, vielen Dank Frau Ossowski.
    Dieses Stück deutsche Geschichte ist eine Schande, die nie verjähren wird.

  5. 1.

    Frau Ossowski,
    ein ganz großartiger Beitrag. Besser kann man es nicht schreiben. Danke!!

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