Symbolbild: Ein Obdachloser sitzt in Berlin in einem Park auf einer Pritsche. (Quelle: dpa/Zinken)
Audio: Inforadio | 30.01.2020 | Oliver Soos | Bild: dpa/Zinken

Berliner Obdachlosenzählung - "Ich war schockiert, dass er seit 15 Jahren auf der Straße lebt"

Trotz Protesten gegen die Aktion und weniger Freiwilligen als angekündigt hat die bundesweit erste Obdachlosenzählung in Berlin wie geplant stattgefunden. Viele Teams berichteten von auffällig wenigen Begegnungen mit Obdachlosen auf der Straße. Von Oliver Soos

Der Abend beginnt mit Protesten vor dem Roten Rathaus. Rund 20 Mitglieder von Obdachlosenvertretungen fordern den Senat auf, mehr Sozialwohnungen zu schaffen. "Die Zählung bringt nichts, viele Obdachlose empfinden sie als herabwürdigend und bedrohlich", sagt die 68-jährige Maria, die 20 Jahre obdachlos war und seit kurzem bei ihrem neuen Partner wohnt. "Bei so einem Wetter hast du deine zwei, drei Schlafsäcke, da hast du eine Kuhle, die du dir mit irgendetwas ausgelegt hast, damit es nicht nass und kalt wird und du willst einfach in Ruhe schlafen", sagt Maria.

Rund zwanzig Mitglieder von Obdachlosenvertretungen forderten am Roten Rathaus den Senat auf, mehr Sozialwohnungen zu schaffen.
Bild: rbb/Soos

Auch zum Auftakt der so genannten "Nacht der Solidarität" im Zentrum der Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo wird die Zählung kritisiert. Sozialsenatorin Elke Breitenbach betont, dass sich die Zählteams zur Zurückhaltung verpflichtet hätten. "Wenn jemand sagt, er möchte nicht befragt werden, dann ist es so und dann respektieren wir das." Die Linken-Politikerin betont, dass gezielte Verbesserungen für Obdachlose nur mit Hilfe von genauen Daten erreicht werden könnten.

2.600 statt 3.700 Freiwillige

Die Zahl der Obdachlosen in Berlin wurde bislang immer nur geschätzt. Von 6.000 bis 10.000 Menschen ist meistens die Rede, 4.000 davon könnten aus Polen sein. "Es geht uns nicht nur um die Anzahl, wir wollen auch wissen wer die Menschen sind, woher sie kommen, welchen biographischen Hintergrund sie haben, ob es Männer, Frauen oder Familien sind, um dann besser helfen zu können", sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller.

Die Senatsverwaltung für Soziales hatte damit gerechnet, dass viele Ehrenamtliche spontan abspringen würden. So kommt es auch: Von ursprünglich angemeldeten 3.700 Helfern sind nur rund 2.600 gekommen. Trotzdem kann die Zählung durchgeführt werden. Nur zwei von 617 Zählräumen sind laut Sozialverwaltung nicht besetzt.

Freiwillige berichtet von intensiver Begegnung

Die Zählteams schwärmen um Punkt 22 Uhr in alle zwölf Berliner Bezirke aus. Nach einer guten Stunde kommt das erste Team zurück. Mit dabei auch Judith Wuchner, eine Ausbilderin am Berufsbildungszentrum. Sie erzählt, dass ihr Team zwischen Kudamm und Uhlandstraße gezählt und dabei zwei Obdachlose auf Matratzen unter einer S-Bahn-Brücke angetroffen hat. "Mit einem konnten wir sprechen und die Fragen unseres Fragenkatalogs abarbeiten. Ein ganz netter Mann. Ich war schockiert, dass er schon seit über 15 Jahren auf der Straße lebt."

Sie haben ihm Tee und Obst angeboten, doch der Mann hatte eigene Lebensmittel und hat abgelehnt. "Die hatten neben ihren Matratzen sogar eine Kerze und eine Blumenvase mit einer Rose aufgestellt", erzählt Judith Wuchner. Für sie ist es die erste intensive Begegnung mit dem Thema Obdachlosigkeit. Sie kann sich vorstellen, sich in diesem Bereich weiter zu engagieren.

rbb-Mitarbeiter schildern ihre Erlebnisse

Reporter durften bei der Zählung nicht mitlaufen. Doch einige rbb-Mitarbeiter hatten sich privat angemeldet. Sie schildern nach der Zählung ihre Erlebnisse.

Anke Burmeister, Mitte

"Wir haben zwei Obdachlose gefunden. Ein Mann hat unter einer Brücke an der Spree geschlafen. Ein Osteuropäer saß verloren in einem Gebäude der Charité mit einer Büchse Bier. Er wollte aber nicht sprechen. Weil ich selbst lange in diesem Kiez gelebt habe, kannte ich einige Stellen, an denen Obdachlose schlafen. Unter den S-Bahnbögen hinter dem Futurium haben wir verlassene Schlafplätze gesehen, Klamotten, Matratzen. An einem Erdhügel, an dem mal jemand geschlafen hat, waren Kränze niedergelegt. Das hat mich berührt."

Albrecht Piper, Charlottenburg Nord

"Wir waren in einem dünn besiedelten Areal mit Gewerbegebieten und Kleingärten. Wir haben erst einmal niemanden gefunden. In einem verlassenen Gewerbegebiet gab es dann eine Kneipe, die noch geöffnet hatte. Ich habe meine beiden Teamkolleginnen überzeugt, hineinzugehen und nachzufragen. Der Wirt hat uns dann tatsächlich detailliert erklärt, wo die Obdachlosen sind. Wir haben dann im Gebüsch acht Zelte gefunden. In einem war ein Licht an und ein Radio lief. Doch als auf unser Rufen nicht reagiert wurde, sind wir weitergegangen."

Juliane Kowollik, Pankow

"Ich war mit meinem Team rund um die Pasewalker Straße unterwegs, zwischen Autobahn, Kleingartenkolonien und Karpfenteichen. Wir sind durch die Parks gelaufen, haben in alle Hinterhöfe geschaut und mit unseren Taschenlampen in alle Hecken geleuchtet. Wir haben keinen Obdachlosen angetroffen. Die elf Teams in unserem Teil von Pankow haben insgesamt nur einen Obdachlosen gezählt."

Auch drei rbb-Kollegen in Zehlendorf, Wilmersdorf und Karlshorst haben niemanden angetroffen. Viele Obdachlosen sind nachts offenbar in Notübernachtungen oder bei Freunden untergebracht. Deswegen waren auch Obdachlosenunterkünfte aufgefordert, Gästezahlen zu liefern. Die Ergebnisse der Zählung sollen am 7. Februar vorliegen.

Sendung: Inforadio, 30.01.2020, 06:48 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

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5 Kommentare

  1. 5.

    Das die Zählung nach hinten losgeht habe ich mir gedacht.
    Ich glaube auch nicht an die hohen geschätzten Zahlen.
    Ich bin durch meine Arbeit viel nachts unterwegs. Zwischen Treptow und Friedrichsfelde Ost, ob zu Fuß oder S-Bahn oder Bus, kenne ich nur einen Ort wo sich (möglicherweise) Obdachlos aufhalten: Bahnhof Lichtenberg (Ausgang Weilingstraße). Wieviel sich dort aufhalten, keine Ahnung. Denen scheint es aber gut zu gehen, wenn man mitbekommt, wie ausgiebig dort gefeiert wird.
    Ich bin der Meinung man sollte sie in Ruhe lassen und das Thema nicht so aufbauschen. Der größte Teil der Menschengruppe "Obdachlos" möchte doch garnichts anders leben, das wird auch der Grund sein warum man keinen gesehen hat. Lässt diese Menschen in Ruhe. Wer geholfen werden will, der wird sich schon helfen lassen.

  2. 4.

    Woran erkennt man eigentlich einen Obdachlosen, um ihn sicher zuordnen zu können? Wenn er nachts auf einer Matratze oder auf dem Bahnhof sitzt? Ist man dann obdachlos oder wohnungslos?

  3. 2.

    Die Neu-Errichtung von Wohnraum (sowohl zu niedrigen aber auch höheren Mieten) hat der RRG-Senat ja gerade heute durch Verabschiedung des Mietendeckels verhindert ...

  4. 1.

    Soeben auf radioeins: Der Regierende setzt Schwerpunkte auf Wissenschaft und Bildung und noch so einiges, die Wirtschaft betreffend. Ich will nicht die Priorität in Abrede stellen, aber hat er nicht etwas vergessen? Ich empfand die Aufzählung geradezu ignorant. Eine Partei ohne Schwerpunkt Wohnraum war und ist für mich niemals wählbar. Die schwachen vergeblichen Versuche einer Verbesserung der Situation sind geradezu beschämend.

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