Symbolbild: Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am eines OP-Saales vorbei getragen. (Quelle: dpa/S. Stache)
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"Doppelte Widerspruchslösung" - Kirchen, Politiker und Ärzte streiten übers Organspendegesetz

Soll Organspende zur Bürgerpflicht werden oder - wie bisher - nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Spender erfolgen? Schon vor der Entscheidung über ein neues Gesetz wird wegen der "doppelten Widerspruchslösung" heftig gestritten. Von Carmen Gräf

Nach deutschem Recht dürfen einem hirntoten Menschen bisher nur Organe entnommen werden, wenn er dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock und weitere Bundestagsabgeordnete verschiedener Fraktionen wollen gesetzlich verankern, dass das im Prinzip so bleibt.

Allerdings sollen die Bürger besser als bisher beraten werden. Und sie sollen regelmäßig dazu aufgefordert werden, ihre Einstellung zur Organspende zu dokumentieren - etwa wenn sie ihren Personalausweis abholen oder beim Arztbesuch. In einem Online-Register sollen sie ihre Angaben jederzeit ändern können. Dieser Gesetzesentwurf heißt "Zustimmungslösung".

Das sei der falsche Weg, um mehr Menschen zur Organspende zu motivieren, meinen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und eine weitere Gruppe von Abgeordneten. Sie haben deshalb einen Gesetzesentwurf eingereicht, der am Donnerstag vom Bundestag entschieden werden soll.

Wie werden Bürger zur Organspende motiviert?

Ihr Gesetzentwurf sieht vor: Jeder hirntote Mensch soll Organspender werden, wenn er dem nicht vorher ausdrücklich widersprochen hat. Falls das unklar oder nicht bekannt ist, werden die Angehörigen befragt. Das wieder heißt "Doppelte Widerspruchslösung". Eine Regelung, wie sie auch in 21 anderen Ländern Europas praktiziert wird.

Der Berliner Chirurg Christian Brokat begrüßt das. "Der Mensch ist ja prinzipiell erst mal faul", sagt er, "Derzeit muss man aktiv Organspender werden". Daher fände er es besser, wenn prinzipiell alle Bürger Organspender seien und man sich aktiv dagegen entscheiden müsste.

Der Berliner Neurologe Joachim Meencke widerspricht dem vehement. Er hält die doppelte Widerspruchslösung für einen "ethischen Dammbruch" und juristisch nicht vertretbar. Keineswegs dürfe es eine moralische Verpflichtung zur Organspende geben. "Menschen, die ein Organ benötigen, sterben, weil sie todkrank sind und nicht, weil kein Spender da ist", betont Joachim Meencke.

Die bisherige politische Diskussion habe das jedoch nicht im Blick. Sie reibe sich daran auf, wie man die Zahl der Organspenden erhöhen könne.

Kirchenvertreter: "Nächstenliebe immer ein Akt der Freiwilligkeit"

Auch die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland laufen Sturm gegen die doppelte Widerspruchslösung. "Die Gesetzesinitiative von Spahn und Lauterbach halten wir für problematisch, weil sie sich gegen die Autonomie des Menschen wendet", betont Karl Jüsten. Er leitet das Kommissariat der Deutschen Bischöfe und das Katholische Büro in Berlin.

Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland haben im  Dezember gemeinsam in einem offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten appelliert. "Ein Gesetz, dass Menschen zu Organspendern macht, ohne dass sie dem zugestimmt haben, schafft eher Misstrauen als Vertrauen", erklärt Martin Dutzmann, der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Aber rechtfertigt das Leid von Menschen denn nicht zu helfen? Gerade im Sinne der Nächstenliebe? Der Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe, Karl Jüsten, gibt zu bedenken: "Nächstenliebe ist immer ein Akt der Freiwilligkeit." Der Staat dürfe keineswegs entscheiden, was mit dem Körper eines Menschen passiere.

Die Debatte dürfte heftig werden

Mehr Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger und dann eine bewusste Entscheidung für oder gegen die Organspende. Das fordern auch die Evangelischen Frauen in Deutschland.

Mehr Solidarität mit den rund 9.500 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, wollen hingegen Jens Spahn und Karl Lauterbach mit ihrem Gesetzentwurf. Den 9.500 Wartenden steht ein Zehntel, nur etwa 950 hirntote Menschen gegenüber, die letztes Jahr in Deutschland Organspender waren. In Berlin warten 800 Menschen in Berlin und Brandenburg auf ein Organ.

Es ist eine schwere ethische Abwägung für die Bundestagsabgeordneten, die am kommenden Donnerstag über das neue Gesetz zur Organspende entscheiden müssen. Die Debatte dürfte heftig werden.

Sendung: ARD Mittagsmagazin, 13.01.2020, 13:00 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

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46 Kommentare

  1. 46.

    Lothar, ich kann Dich verstehen. Ich hatte nie an einen Organspendeausweis gedacht. Nachdem das Thema jetzt aufkam, habe ich mich damit wirklich sehr beschäftigt. Und ja, ich werde mir einen Ausweis ausstellen lassen. Wenn man anderen Menschen helfen kann, hat das Leben m.E. noch einen Sinn, auch wenn man selbst nicht mehr dabei ist. Und das mit Deiner Mutter tut mir Leid...

  2. 45.

    Unbenommen und ich würde hier auch nicht widersprechen.

    Nur lässt sich daraus eben nicht der Umkehrschluss herleiten, dass da, wo Hilfe benötigt wird, diese unter allen Umständen erfolgen müsse. Ansonsten wären wir als Gesellschaft sehr bald bei Knochen, Fingernägel, Haut und Haaren angelangt. Hilfe kann nur selbststimmt sein. Wenn ein Kind in die Isar gefallen ist und es stehen drei am Ufer, wird sich mit Gewissheit einer finden, der unbesehen dort hineinspringt, um zu helfen. Dem alten Mütterchen, was auch noch da steht, wird dies nicht abverlangt werden können. Wenn 50 da stehen, springt keiner. Weil jeder auf den anderen zeigt, anstatt sich selbst zu prüfen.

    Das ist das wirkliche Problem.

    Wer Organe spenden will und für sich oder andere empfangen will, kann dies tun.
    Wer Organe nicht spenden will udn für sich und andere auch nicht empfangen, kann es lassen.

    Beides fußt auf Überzeugungen.

  3. 44.

    Hallo Günter Stadel, ich hoffe und wünsche Ihnen dass Sie nie in die Situation kommen ein Spenderorgan zu benötigen. Aber wenn doch, werden Sie mit Sicherheit ganz schnell Ihren Egoismus bei Seite legen und hoffen dass es jemanden gibt der sich für eine Spende entschieden hat und Ihnen geholfen werden kann.

  4. 43.

    Wie ich schon erwähnte, ist meine Mutter damals Ende der 50er Jahre an Nierenschrumpf elendig krepiert. Da gab es noch keine Dialyse oder geschweige eine Nierentransplantation. Sie wurde mit Morphium vollgepumpt. Zuletzt lag sie in einem Sterbezimmer im Krankenhaus. Mehr konnte leider nicht für sie getan werden. Ich war 8 Jahre alt, als sie verstarb. Da ist bei mir sehr viel im Kopf hängen geblieben. Als der Organspendeausweis herauskam, gab es für mich überhaupt keine Bedenken, diesen sogleich auszufüllen und bei mir zu tragen. Also sprich: für mich eine Selbstverständlichkeit anderen Menschen zu helfen, wenn ich kann.

  5. 42.

    "Aber es scheint mir so, wie mit der Kirchensteuer. Viele nehmen diese einfach so in Kauf. Dabei genügt ein kurzer kleiner Schritt um sich abzumelden." Mit Verlaub, der Vergleich ist so daneben. Erstens muss man getauft sein, um überhaupt kirchensteuerpflichtig zu sein, zweitens nimmt nicht jede Kirch Steuern und drittens kann ich zu Lebzeiten kontollieren, ob meine Erklärung auch richtig verarbeitet wurde. Nach meinem Hinrtod (ob dies wirklich das Ende des Lebens ist, ist auch noch umsritten) kann ich nicht komtollieren. ob nicht rein zufällig mein Widerspruch "gelöscht" wurde. Es gab schon genung Missbrauch beim Organhandel.

  6. 41.

    Auch wenn hier die Meinungen weit auseinander gehen sollte man doch bitte auf die Wortwahl achten und sich sachlich ausdrücken. Das ist bei Ihnen zum Teil schwer zu erkennen.

  7. 40.

    Ich glaube, es gilt, mit einem grundsätzlichen Missverständnis aufzuräumen: Mit jedem medizinischen "Fortschritt" treten auch wieder Betroffene zutage, die vorher mangels vorhandener Möglichkeiten nicht zutage traten. Mit der Herztransplantation von Christian Barnard erhofften Menschen ein Ersatzherz, mit der Transplantation von Organ x, y , z, ... erhoffen sich Menschen was auch immer.

    Der Kreis der Empfangenden ist potenziell unendlich und kann niemals befriedigt werden. Von nichts und niemanden. - Zu keiner anderen Zeit hätte jemand dagegen protestiert, auch wenn sich niemand so ein Schicksal wünscht. Angesichts des potenziell unendlichen Kreises der Empfangenden ist es wie mit dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Je mehr mediz. Fortentwicklungen ... Das ist schon rein logisch unmöglich, doch es gehört Mut, genau das zu sagen.

    Es mangelt an genau diesem Mut.

  8. 39.

    Mit Verlaub: Ohne pauschalisieren zu wollen, gibt es schon Unterschiede zwischen Ländern.
    In Spanien gibt es nach wie vor bspw. einen nicht geringen Anteil von bekennenden Franco-Anhängern. In Deutschland werden Anhänger des NS-Regiemes, was die Angelegenheit noch weiter perfektioniert hat, bewusst und zu Recht strafrechtlich verfolgt.

    Das hat nicht direkt mit der Organspende zu tun, wohl aber mit unterschiedlichen Befindlichkeiten. Andere Länder sehen die Organentnahme- und -gabe eher "technisch", Deutsche vglw. mehr jenseits des rein Technischen. Das hat seine Gründe. Deshalb sind andere Ländern da wenig maßstabgebend.

  9. 38.

    Sicher ist dieses Thema sehr komplex. Streite ich auch hier nicht ab. Ich vergleiche dieses neue Gesetz schlichtweg als ein Fingerzeig auf die mangelnde Bereitschaft der deutschen Bevölkerung zur Organspende. Schön wäre es ja, wenn viele einfach den Organspendeausweis ausfüllen und mit sich führen würden. So wie ich es z.B. handhabe. Dann hätten wir jetzt nicht diese Debatte um ein extra Gesetz. Aber es scheint mir so, wie mit der Kirchensteuer. Viele nehmen diese einfach so in Kauf. Dabei genügt ein kurzer kleiner Schritt um sich abzumelden. Ist überhaupt kein Umstand. So sehe ich das auch bei der schriftl. Verweigerung, einer Organspende nicht zuzustimmen.

  10. 37.

    Kennen Sie die Regelung in Spanien überhaupt? Da muss nicht mal der Hirntod festgestellt werde. Und zum Thema Hintod gubt es auch unterschiedliche Meinung. Warum sollen wir alle zu Spendern werden? Ihr Logik geht fehl, da sie sich ja schon als Spender geoutet haben. Hier geht es um Menschen, die den Ausweis nicht wollten. Die wollen Sie verpflichten, sich extra beim Amt zu melden, damit sie nicht spenden müssen? Dieser staatliche Eingriff geht zu weit, wie zum Glück die Grünen auch deutlich sagen.

  11. 36.

    Wie Sie möchten. Und? Wer Hirntod ist, ist nicht Tod oder wie auch immer? Aber ich muß diesen Artikel nicht als das Non plus Ultra betrachten, um zu wissen was ich bereits weiß. Ich habe mich für eine Organentnahme nach meinen Tod( oder Hirntod)entschieden und bereue diesen Schritt nicht eine Sekunde. Und ja, ich wünsche mir dieses Gesetz. Was in Spanien geht, soll in Deutschland als verwerflich angesehen werden?

  12. 35.

    Wie Sie möchten. Und? Wer Hirntod ist, ist nicht Tod oder wie auch immer? Aber ich muß diesen Artikel nicht als das Non plus Ultra betrachten, um zu wissen was ich bereits weiß. Ich habe mich für eine Organentnahme nach meinen Tod( oder Hirntod)entschieden und bereue diesen Schritt nicht eine Sekunde. Und ja, ich wünsche mir dieses Gesetz. Was in Spanien geht, soll in Deutschland als verwerflich angesehen werden?

  13. 33.

    "Ich bin für die doppelte Widerspruchslösung." Warum? Sie sind doch schon Organspenderin. Warum wollen Sie nun alle dazu verpflichten? Sie haben sich bewusst dafür entschieden. Respekt dafür. Andere haben dies nicht und müssen im Falle der Widerspruchslösung ausdrücklich nein sagen. Jeder bekommt regelmäßig die Möglichkeit, sich ohne Regristrerung für den Ausweis zu entscheiden. Tue ich dies nicht, werde ich bislang nicht registriert. Nun wird erfasst, wenn ich nicht sprenden will. Je nach politischer Richtuing kann dies auch mal negativ ausgelegt werden. Finde ich höchst bedenklich.

  14. 32.

    Organe können nur dann gespendet werden, wenn bestimmte rechtliche und medizinische Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu zählt, dass der unumkehrbare Ausfall der gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt wurde und eine Zustimmung zur Organspende vorliegt. Erst wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, leitet das Krankenhaus den Organspendeprozess ein.
    So ist es ganz klar geregelt.

  15. 31.

    Ich weiß jetzt nicht, woher Sie Ihre Informationen her haben.
    Einem vollkommen Toten Organe entnehmen zu wollen, ist vollkommen sinnlos.
    Dieser Widerspruch lässt sich beim besten Willen nicht auflösen und von daher gibt es zwei grundverschiedene Ethiken, die nicht auf derlei brüske Weise "geglättet" werden können, wie Jens Spahn und Karl Lauterbach es tun gedenken. Eine Ethik, die besagt, dass einem noch nicht gänzlich Toten nichts entnommen werden sollte und eine, die aus Grund einer zweifellosen Hilfe für einen anderen diesen Restbestand an Leben als vernachlässigbar erklärt.

  16. 30.

    An der Kontroverse zeigt sich, dass pauschale, autoritäre Lösungen kein Weg sein können.

    Wie Herr Meencke richtig anmerkt, konstruieren Spahn und Co eine Kausalität, die es nicht gibt. Es sind zwei unterschiedliche Themen: todkranke Menschen und Organspende. Im Übrigen sind Hirntote nicht tot.

    Es ist deswegen unethisch, weil es erstens utilitaristisch ist, ein abstraktes Allgemeinwohl dem Wohl des/ der EInzelnen höher stellt, Leben aber nicht mit Leben abgewägt werden kann und zweitens weil es harter Paternalismus ist, jede Selbstbestimmungsfähigkeit ignorierend. Der Eingriff in die persönliche Freiheit eines Menschen zu dessen, bzw. hier dem gesellschaftlichen, Wohl ist kein allgemein verfügbarer Weg, auch nicht bzgl. der Grundrechte und der Achtung des Lebens und der Würde aller(!) Menschen.

    Libertärer Paternalismus hingegen, mittels Informationen und Argumenten zu thematisieren und zu versuchen, zu überzeugen, aber Entscheidungsfreiheit zu lassen, ist der richtige Weg.

  17. 29.

    Nur mal so aus dem Text des rbb : „
    Ihr Gesetzentwurf sieht vor: Jeder hirntote Mensch soll Organspender werden, wenn er dem nicht vorher ausdrücklich widersprochen hat. “

  18. 28.

    Das funktioniert in 21 Ländern und jeder würde es sich für sich und seine Lieben wünschen !Das ist eine positive Veränderung wenn jeder wiedersprechen muss denkt man ja darüber nach ! Das ist auch blödsinn das die Ärzte dann einfach den Ausweis wegwerfen , warum sollten sie das tun und sich strafbar machen , ich würde gerne aber ich darf nicht .freut euch doch mal einfach das Ihr gesund seid ! Schönen Abend

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